Der vorliegende Text ist eine biografische Dokumentation, von Theobald Rieth SJ verfasst und zuletzt diktiert. Seine Erinnerungen stellen ein Vermächtnis dar: das eines jungen Menschen, der in den Krieg Hitlers zieht und Menschen umbringt, um nach 1945 seine Lehren zu ziehen und lebenslang an seiner Schuld zu tragen. Es ist ein Leben im 20. Jahrhundert, voller Irrtümer und Brüche – aber auch ein Leben der Aufbrüche, der Wiedergutmachung und des Brückenbauens in Europa, wofür sich Theobald Rieth bis zuletzt einsetzte. Auf ihn gehen maßgebliche Initiativen der Kriegsgräberfürsorge in Deutschland und der Freiwilligendienste Jugendlicher in Europa zurück. Tausende junge Menschen teilen bis heute lebensprägende Erfahrungen durch Begegnungen, Programme und Austauschmaßnahmen, die "Theo" initiierte – ein bleibendes Erbe für Verständigung, gegenseitigen Respekt und Nächstenliebe, das über die nächsten Generationen weiter gegeben werden kann. Angesichts aufkeimender Nationalismen und des Vergessens dessen, was das Nachkriegseuropa als große Lehre nach dem Massensterben im Weltkrieg für immer festschreiben wollte, ist der Lebensbericht in aller Bescheidenheit ein lauter Appell für das 21. Jahrhundert.

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Leidenschaft für Menschenwürde und Frieden in Europa
Versöhnung - Solidarität - Inklusion
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Versöhnung - Solidarität - Inklusion
Über dieses Buch
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Information
Anhang
Theobald Rieth SJ, Geh und tu desgleichen – für arbeitslose Jugendliche. Projekt Aachen, in: Michael Albus (Hg.), Die Welt ist voller Hoffnung – Ein Buch der guten Initiativen, Mainz 1984.
Ohne Hauptschulabschluss kaum Chancen
Herbst 1973. Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland kommt beim Genuss des Wirtschaftswunders verantwortlichen Politikern und nachdenklichen Bürgern so etwas wie Unbehagen auf: Nicht mehr einzelne, sondern ein ganzer Schwung Jugendlicher, die die Schule verlassen, bekommen keine Lehr- und Arbeitsstelle mehr.
Wie immer, die Schwächsten werden zuerst „gebissen“ – hier die Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss: Abgänger der 7. und 8. Klassen und der Sonderschule.
Die politische Antwort kommt schnell über die Schulbehörden: mit den Jugendlichen ohne Lehrstellen noch ein zusätzliches Jahr in die beruflichen Schulen! Zuerst wird das Jahr in Nordrhein-Westfalen „Förderlehrgang“, dann „Berufsvorbereitungsjahr“ (BVJ) genannt.
Die amtlichen Richtlinien stellen nach einiger Zeit zu dieser Entscheidung lapidar fest „Das Berufsvorbereitungsjahr ist für Schüler, die sich noch nicht für einen Beruf entschieden haben, noch nicht berufsreif sind oder keinen Arbeitsplatz erhalten haben, eine wesentliche Hilfe beim Übergang in das Beschäftigungssystem.“
Sie fordern für dieses Jahr unbeschwert von den Lehrern an den berufsbildenden Schulen, das Wunder zu vollbringen, den Jugendlichen „in seiner personalen, sozialen und beruflichen Kompetenz so (zu) fördern, dass er fähig wird:
- eine Berufsentscheidung zu treffen und eine nachfolgende Berufsausbildung zu bewältigen;
- eine berufliche Tätigkeit zu wählen und auszuüben;
- Beeinträchtigungen seines Lern- und Sozialverhaltens zu kompensieren bzw. ggfl. abzubauen.“
Den nachdenklichen Bürgern – und dazu zählen wir uns – bleibt das Wie, das Wunder der Ausführung.
Mit der „Förderklasse“ in die Almhütte
Wolfgang K., 35 Jahre, verheiratet, 3 Kinder, Lehrer für Sport und Katholische Religionslehre an einer gewerblichen Schule in Aachen, kommt im September 1973, am Beginn des Schuljahres zu mir. Er arbeitet mit Helmut H., dem Berufsschulpfarrer, zusammen, der keinen Jungen nach der Schulzeit ohne Stelle sitzen lässt, der nicht rastet und ruht, bis alle untergebracht sind.
Ich bin als Jesuit in der Jugendarbeit in Aachen tätig.
Wolfgang sieht die Überforderung der Jugendlichen durch einen rein schulisch ausgerichteten Unterricht. Er ahnt voraus, was zwei, drei Jahre später für das „Berufsförderungsjahr“ Wirklichkeit wird: zwei Drittel der „schulpflichtigen“ Jugendlichen erscheinen nicht mehr. Das Drittel, das kommt, ‚sitzt‘ die Zeit ab. Wolfgang: „Die Jungen müssen Freude an dem gewinnen, was wir ihnen anbieten. Dieses ‚letzte‘ Schuljahr wird nur dann zur Chance für die Jungen, wenn sie selbst mitziehen. – „Du hast eine Selbstversorgerhütte in den Alpen. Du gehst ja auch mit Deinen Gruppen dorthin, wenn Du sie gewinnen und zum eigenen Engagement anstoßen willst. Wie wär das, 14 Tage mit den Jungen zusammenleben? Aufeinander angewiesen sein in Dick und Dünn!“ – „Hm – wenn du meinst …“
Mir gehen erst einmal die belastenden Erlebnisse der Kurse mit Kindern und Jugendlichen aus „Sozialen Brennpunkten“ durch den Kopf: am Anfang Schlägereien, Quälereien untereinander, Chaos beim Essen und auf den Toiletten, in den Schlafräumen …
Die Hütte liegt 1600m hoch in den Radstätter Tauern in Österreich, 12 km vom nächsten Ort, 3 km von einem Skizentrum entfernt. Die Hütte, ein Blockhaus, ist in freiwilligen Arbeitseinsätzen ohne öffentliche Hilfe ausgebaut worden und hat sich selbst zu tragen.
Mit ihren Bedingungen gibt sie das Modell eines „autarken Gemeinwesens“ wieder. Nichts ist dort an zivilisatorischen Errungenschaften selbstverständlich. Für alles muss sachgerecht vorgesorgt werden, die Verteilung muss geplant sein, und alle „Einwohner“ werden in die Verantwortung und Durchführung einbezogen – sonst bricht das „Gemeinwesen“ zusammen. Das gilt für Heizung und Licht, für Wasserver- und entsorgung, für Verpflegung und Kochen, für die Müllbeseitigung … Nichts ist hier selbstverständlich.
Dann tauchen in der Erinnerung auch die beglückenden Erlebnisse auf: Das, was Freude gemacht hat, und wie wir das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen gewonnen haben. Ja, im Winter – stimmen Wolfgang und ich überein – in dieser faszinierenden Bergwelt und mit all den Möglichkeiten des Skilaufens. Wir wollen die Jungen mit dem anstecken, was auch uns Freude macht. Spiel und Sport als Freiräume, in denen sich Leben öffnet, Menschen aneinander und miteinander Freude haben, sich herausfordern und gegenseitig bestätigen, erscheinen uns als greifbare Chancen, Selbstvertrauen, Mut zu Leistungen und Impulse für die Zukunftsgestaltung auch bei den Jungen zu wecken.
Im Zusammenspiel von eigener Bestätigung und sozialen Verpflichtungen soll dann gelernt werden, dass einer sich auf den anderen verlassen kann. Ihr Eigenwohl im Gemeinwohl soll die Jungen zwingen, aufeinander zuzugehen, sich anzupassen oder sich durchzusetzen, Wünsche offenzulegen und zu begründen. Dann lassen sich Stärken und Schwächen ertragen. Sie sollen erfahren, wo Regeln und Umgangsformen nötig sind, wo sie anfangen, leer zu werden und neugestaltet werden müssen. Das Experiment gelingt.
Auch die schulische Situation ändert sich. Die Jugendlichen ziehen mit den Lehrern an einem Strick: Stellensuche für das Ende des Lehrgangs – Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung.
So ist die Schule doch noch eine Chance – vielleicht die letzte für die Jungen, „spielend“ in einer vorgegebenen geschlossenen Gruppe „personale und soziale Kompetenz“ zu lernen. Das Erleben von Kameradschaft, Ergänzung und Angenommensein steht oft in einem scharfen Gegensatz zu den disqualifizierenden und diskriminierenden Erfahrungen ihrer letzten Jahre. Dieses Erleben soll wiederum „Modellcharakter“ gewinnen für die spätere Lebensgestaltung – auch hoffentlich in einer normalen beruflichen und gesellschaftlichen Eingliederung. Und weil der Kurs im Januar 1974 so überraschend gut gelingt, organisieren wir für Dezember 1974 und Januar 1975 zwei solcher Kurse: Zu Hans-Heinz C., dem Fachleiter für Sportreferendare, der schon die erste Fahrt mitgestaltete, kommt Hermann I., Dipl. Ing.. Wir sind ein Team.
Besuche in den Familien
Die am gleichen Strick ziehen, die Jungen und das Team sind zu wenig! An den Jugendlichen hängen Belastungen, die wir und sie nicht abstreifen können – nicht dürfen und nicht wollen: ihre Familien, ihre Herkunft. Kaum ein Junge kommt aus einer „vollständigen“ Familie. Ein Großteil der Familien bekommt Sozialhilfe. Eine ganze Reihe Eltern können kaum lesen und schreiben, und bei den Jugendlichen reicht es oft auch nicht viel weiter.
Die Familien müssen mit am Strick ziehen, damit die Zukunft ihrer Kinder gelingt. Die Lehrer beginnen mit Elternbesuchen. Hier Berichte von ihnen.
Der Hintergrund wird deutlich, aus dem das Schicksal der Jungen wächst:
Herr X. ist der Stiefvater von Hans. Er ist zum zweiten Mal verheiratet mit der Mutter von Hans. Sie ist auch anwesend. Hans selbst nicht. Beide schimpfen über die Ämter. Herr X. ist seit 6 Jahren arbeitslos – lungenkrank. Er macht einen ausgezehrten Eindruck. … Er schimpft vor allem darüber, dass man ihm nahegelegt hat, seine Frau (52 Jahre), die 8 Kinder großgezogen habe, solle noch einmal berufstätig werden.
Er bekommt Sozialhilfe. Er zeigt mir einen Beleg über Arbeitslosenhilfe von 343,56 DM monatlich. Davon gingen 300 DM gleich weg an Miete.
Die Wohnung ist klein, einfach eingerichtet – sehr sauber. Er ist stolz, die Küche selbst renoviert zu haben.
Das Elternpaar ist sehr freundlich und offen, etwas unsicher – sie wollen mit mir für Hans zusammenarbeiten.
Herr Y. gut 40 Jahre, Flucht als Jugendlicher während eines Aufstands in einem Ostblockland, seit 2 Jahren arbeitslos. Seine Frau ist Aachenerin, 5 Kinder.
Herr Y. erzählt mir, dass er gern ein Bier trinkt – er hat schon getrunken. Anton kommt, seinetwegen bin ich da, sein Vater fragt ihn nach seinem Verständnis für Bierkonsum. Anton wird aggressiv. Ich trinke ein Bier mit.
Herr Y. hat seinen Führerschein verloren – wegen Alkohol. Er saß 2 Jahre im Gefängnis, weil er ohne Führerschein alkoholisiert einen Mann angefahren hat. Die Arbeitslosigkeit mache ihn krank, er denke an den Tod.
Die Mutter schweigt die ganze Zeit. Sie erhalten Sozialhilfe. Wir wollen für Anton zusammenarbeiten. Ich muss mich losreißen, Herr Y. will unbedingt noch ein Bier mit mir trinken, er fällt mir um den Hals …
Frau R. steht allein mit 4 Kindern. Sie ist sehr unsicher und nervös. Auch sprachlich hat sie Schwierigkeiten. Ihre Gesundheit erscheint mir bedenklich – sie zittert, hat ein aufgeschwemmtes Gesicht, hochrot.
Sie ist wütend über ihren Sohn Helmut. Sie zeigt mir Zeugnisse. Sie dokumentieren, dass er nach anfänglich guten Leistungen in der Hauptschule total abgesackt ist. Sie meint, er sei nur stur und wolle nicht. Direkt rüde ist ihr Ton mit den anderen Kindern. Sie bekommt Sozialhilfe. Die Wohnung macht einen verwahrlosten Eindruck. Sie blockt ab für die Zusammenarbeit, könne es selbst schaffen. Helmut kommt und ist sehr reserviert.
Es ist klar: Jetzt müssen die Ämter auch mitziehen – das Sozialamt, das Jugendamt. Und sie tun es. Aus zwei Kursen jährlich werden drei auf der Hütte in den Bergen.
Was sich in den Elternbesuchen, in der Vorbereitung auf den „Kernkurs“ in den Bergen und im Zusammenleben während des Kurses entwickelt, muss während des ganzen Jahres erhalten und verstärkt werden. Der Sport bleibt das Curriculum: Kajak-Fahrten übers Wochenende auf Wildbächen in der Eifel.
Was für die Hütte in den Alpen schon vorher gewachsen ist, wird jetzt auch als Basis für die Sportaktivitäten geschaffen: Ein Verein wird gegründet, der Hilfen und Mittel bündeln soll, wo einzelne mit ihren Möglichkeiten überfordert sind.
Auch diese Versuche des Zusammenlebens am Wochenende gelingen. Um unser Kernteam bildet sich eine feste Gruppe ehrenamtlicher Mitarbeiter: Studenten, junge Berufstätige, Handwerker und Hausfrauen …
Totale Verweigerung und eine Rose für die Betreuer
Die Erfolge, das Vertrauen und die Mitarbeit der Jungen zu gewinnen, brauchen viel Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen. Bei der Vorbereitung der Kurse auf der Hütte fängt es an:
Ein Trendsetzer in einer Klasse ist das Hauptproblem. Er versteht es, mit seiner totalen Destruktivität gegenüber allem die anderen immer wieder mitzuziehen. Er ist zum zweiten Mal straffällig – Mopeddiebstahl.
Ein anderer ist ebenfalls nahezu unerträglich: keine Antwort auf nichts, keine Reaktion – dann plötzlich aus heiterem Himmel Fausthiebe und Tritte … .
Bei zwei weiteren sind Gerichtsverfahren anhängig wegen Automatenknacken und Ladendiebstahl …
Nehmen wir sie mit auf die Hütte? Wenn ja, kriegen wir sie frei?
Das Zusammenleben auf der Hütte und an den Wochenenden ist für die Betreuer auch kein Zuckerschlecken. Kein Kurs bleibt ohne harte Auseinandersetzungen. Immer wieder werden „Hackordnungen“ ausgetragen. Solidarität untereinander, Achtung des anderen und Hilfsbereitschaft sind fast allgemein Fremdwörter. Umgangston ist „Fäkaliensprache der untersten Schublade“.
Für das Verhalten gilt das Rezept: Brutalität + Sexprotz = Erfolg. „Wo sind die Weiber zum Aufreißen?“ – so ein 15jähriger Junge nach dem Abendessen. In unserem Leitungsteam nehmen wir bewusst Frauen mit, um das Verhalten gegenüber Frauen direkt ansprechen zu können.
Ein 17jähriger zieht in ohnmächtiger Wut einem anderen nachts um 1 Uhr die Faust so durchs Gesicht, dass die Lippen gespalten und ein paar Zähne locker sind; von den anderen mit Latten und Hockern in eine Ecke gedrängt, hat er ein Messer in der Hand, zu allem entschlossen. Gar nicht so einfach, waffenlos auf ihn zuzugehen, ihn um das Messer zu bitten, dann auch die anderen zu „entwaffnen“ und im gemeinsamen Gespräch eine Brücke zu schlagen.
Oder eine Brücke schlagen zwischen einem 17jährigen, der nicht aufhören kann, vom Tod seiner Mutter zu erzählen, die vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall umkam, und der am Ende der Erzählung jedes Mal haltlos weint – zu den anderen, die scheinheilig ihn immer wieder zu dieser Erzählung verleiten, wenn er mit der Jacke frierend ins Bett will, und die...
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort von Maria-Luise Bayer
- Editorische Anmerkungen
- Einleitung von Theobald Rieth SJ
- Versöhnung ehemaliger Kriegsgegner, 1944 – 1954 und Vorgeschichte
- Ideen und Taten für solidarisches Handeln, Leben in Freiheit und Demokratie, 1954 – 2008
- Inklusion sozialer und ethnischer Minderheiten in Europa, 2008 – 2014
- Schlusswort zur Trilogie
- Anhang
Häufig gestellte Fragen
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