Die Figur des Engels setzt in der Moderne eine ungeheure Produktivität frei. Der Philosoph Giorgio Agamben mutmaßt sogar, es sei in dieser Epoche „über keinen anderen Gegenstand mehr und zugleich mit weniger Scharfsinn geschrieben worden als über die Engel“1. In der Tat gibt es ein buntes Potpourri an Engelsschriften, darunter Überblickswerke und bilderreiche Liebhaberausgaben, aber auch esoterische Blogs, Anthologien und philosophische Traktate.2 Dieses reichhaltige Angebot trifft in Deutschland auf eine Engelbegeisterung, die mehrere Studien erfasst haben. Gegenläufig zu ihrem Befund, dass das Christentum „gleichsam von innen ausgehöhlt“3 werde, ergibt eine Umfrage des Allensbach-Instituts einen Anstieg des Engelsglaubens von 22 Prozent im Jahr 1986 auf 30 Prozent im Jahr 2017.4 Laut einer Forsa-Umfrage glaubten 2005 sogar 66 Prozent der Menschen in Deutschland an Schutzengel, aber nur 64 Prozent an Gott,5 während eine andere Umfrage 2019 diesen Vorrang der Engel immerhin für den Osten Deutschlands bestätigt.6 Was ist der Grund für den anhaltenden beziehungsweise wachsenden Engelsglauben, die Faszination und die „Jugendfrische“ dieser Figur, die Hubert Herkommer ihr „über alle Säkularisierungsprozesse hinweg“7 attestiert? Der Engel ist der modernen westlichen Alltagskultur nie fremd geworden. Tatsächlich hat er die größten Probleme nicht der weltlichen Gesellschaft, sondern der christlichen Religion bereitet.8 Denn während Kunst und esoterische Strömungen,9 aber auch Produktgestaltung und Werbeindustrie10 und davor der sogenannte Volksglaube dem Engel und seinem Je ne sais quoi viel abgewinnen können, ist er in theologischer Hinsicht seit langem auf dem Rückzug.11
Der erste Verweltlichungsschub, der die Engel nachhaltig getroffen hat, ging nicht von modernen Rationalisierungsprozessen aus – die Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts etwa haben sich für den Engel und seine Vermessung brennend interessiert.12 Die treibende Kraft seiner Marginalisierung kam vielmehr aus dem Christentum selbst, nämlich aus der Reformation. So prangert Luther den „große[n] Mißbrauch“ des „Papstthum[s]“ an, „daß man aus den Engeln hat Abgötter gemacht“13. Nun seien die Leute dringend aufzuklären, damit „solcher schändlicher Mißbrauch, die Engel und Heiligen anzubeten, nicht wiederum hervor komme; sondern allein angerufen und angebetet werde der einige, ewige, lebendige Gott, welcher Sünde vergiebt, und vom Tode hilft“14. Der Begriff des Abgotts (althochdeutsch abgot) als Bezeichnung für einen falschen, ‚heidnischen‘ Gott entstand mit der Durchsetzung des Monotheismus, als die Germanen zum Christentum bekehrt wurden.15 In dieser Unterscheidung zwischen dem einen wahren Gott und den vielen falschen Götzen liegt nach Albrecht Koschorke bereits die Saat der Säkularisierung.16 Denn mit der Unterdrückung anderer kultischer Praktiken, die der Vermittlung des ‚wahren‘ Glaubens vorausging, sei die christliche Missionstätigkeit ihrerseits zur Hälfte ein „Säkularisierungsprogramm“17 gewesen. Dass dieser endogene Hang zur (Selbst-)Entzauberung insbesondere den Engel getroffen hat, hängt mit seiner Rolle als „Residuum alter polytheistischer und animistischer Religion“18 zusammen. So besetzen Engel in der Bibel nicht nur den Schwellenraum zwischen irdisch-materieller und himmlisch-spiritueller Sphäre, sie stellen auch ein Tor für die Glaubensinhalte anderer Kulturen dar. In Gestalt des Engels, der als generische Kategorie in nachbiblischer Zeit auf heterogene Phänomene wie Cherubim oder Throne ausgeweitet wurde, fanden sowohl ältere Sagenmotive als auch zeitgleich kursierende pagane Göttervorstellungen Eingang in die Bibel. Sie begründeten dort eine genealogische Hybridität,19 die der mit der angelica natura assoziierten Reinheit diametral entgegensteht. Über die Eingliederung von Fremdgöttern in den christlichen Kosmos wurde der Monotheismus zwar gefestigt, gleichzeitig trugen ihm die neuen Gottheiten, nun als ‚Engel‘ gewandet, aber auch eine anhaltende polytheistische Spannung ein.20
Die Engelsfigur fällt jedoch nicht nur christentumsimmanenten Selbstreinigungsprozessen zum Opfer, in ihrer Wirkungsweise funktioniert sie umgekehrt auch selbst als Motor der Verweltlichung. Dies hängt mit der medialen Herausforderung zusammen, die es bedeutet, einen unsichtbaren Gott zu kommunizieren. Der Engel im engeren Sinne, nämlich als Bote (מַלְאָךְ beziehungsweise ἄγγελος), ist in der Bibel zunächst rein funktional gefasst. Er vermittelt zwischen Himmel und Erde, indem er audiovisuell die göttliche Offenbarung kommuniziert. Diese wird durch das Auf-die-Erde-Bringen in einen weltlichen Raum übersetzt und damit profanisiert. Insofern sind Engel einerseits Repräsentanten der göttlichen Ordnung, andererseits aber aus religiöser Perspektive auch gefährlich weltzugewandte Wesen.
Ein Blick in die Bibel zeigt und verdeckt zugleich diese Spannungen, die den Engel als Figur zwischen Ordnung und Anarchie, Statik und Dynamik, Mangel und Fülle charakterisieren. Denn die Stellen, in denen Engel beziehungsweise später mit ihnen identifizierte absonderliche Wesen vorkommen, sind vielzählig und dabei rätselhaft unbestimmt. Engel tauchen vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel immer wieder auf, mal beiläufig und unerkannt als „Männer“ (vgl. 1 Mos 19,4–14),21 mal effektvoll, wie als Auferstehungszeuge am Grab Jesu, als die Wachen angesichts der imposanten Erscheinung und des Erdbebens, das den Engel begleitet, in Ohnmacht fallen (vgl. Mt 28,2–4). Engel treten auf, um zu retten und zu unterstützen. Sie wenden Gefahren ab, erteilen eine den betreffenden Menschen auszeichnende Aufgabe oder unterstützen als Deuteengel (angelus interpres) Propheten bei der Auslegung ihrer Visionen (beispielsweise in Sach 4,6). Ihnen eignet aber auch eine zerstörerische Macht, etwa wenn der Engel des Herrn 185.000 Gefolgsleute des Königs von Assur tötet, der Jerusalem belagert (vgl. Jes 37,36), oder wenn die sieben Engel der Apokalypse die „Schalen des Zornes Gottes“ auf die Erde gießen und damit mannigfaltige Naturkatastrophen in Gang setzen (vgl. Offb 16,1).
Von den exekutiv tätigen Botenengeln sind Seraphim und Cherubim zu unterscheiden, die sich aus vielfältigen Anleihen anderer Glaubensrichtungen zusammensetzen. Die Seraphim haben nach Jesaja jeweils sechs Flügel, stehen beziehungsweise fliegen über Gott auf seinem Thron und rufen „Heilig, heilig, heilig“ (Jes 6,3). Im Gegensatz dazu ist der Cherub als am Paradies postierter Grenzwächter (vgl. 1 Mos 3,24) eine statische Figur. Als Thron Gottes (vgl. Jes 37,16 oder 1 Sam 4,4) sind die Cherubim teils ebenfalls statisch, teils jedoch auch maximal bewegliche Vehikel. Als solche übersteigen sie in Ezechiels Vision jede Vorstellungskraft. Dort werden sie als Wesen beschrieben, die sich mit Rädern, deren „Felgen [...] voller Augen“ sind, wie der „Blitz“ (Ez 1,14–26) in alle Richtungen bewegen. Diese Beschreibung des Gotteswagens, als der die Cherubim hier fungieren, hat rege Spekulationen in Gang gesetzt, die bis in die Gegenwart andauern („Thronwagen oder Quadrocopter?“22). So schloss sich nach genauen Rekonstruktionen 1974 der NASA-Wissenschaftler Josef F. Blumrich der Behauptung Erich von Dänikens an, es handle sich bei der Thronwagen-Vision um die Beschreibung eines außerirdischen Raumschiffs.23 Auch Akte X greift unter dem Episodentitel „Fallen Angel“ (1993) den Absturz eines UFOs auf und sogar die Bild-Zeitung hat sich 2016 des Themas angenommen.24
Die Ezechiel-Vision ist eines der skurrilsten Beispiele für die vielen rätselhaften und/oder elliptischen Ausführungen, die die Bibel enthält.25 Dass sie im Hinblick auf die Engel besonders viele Fragen aufwirft, deren Antworten sie dann schuldig bleibt, hängt zum einen mit den Hybriditäten und Widersprüchlichkeiten dieser Figur zusammen – die Cherubim sind bei Ezechiel monströse Tiergestalten –, liegt zum anderen aber auch in der Funktionslogik des Boten begründet. Denn als übernatürliche Phänomene sollen Engel auf den übernatürlichen Gott verweisen und dessen Willen umsetzen, dabei als untergeordnete Instanzen aber keinerlei Aufmerksamkeit für sich selbst beanspruchen. Folglich erregt der Engel in seiner sinnlichen Präsenz eine ästhetische Aufmerksamkeit, die in Ermangelung eines sichtbaren Gottes auf den Engel beschränkt und zugleich chronisch unbefriedigt bleibt. Da es um den Engel selbst – beziehungsweise allgemein das Sichtbare – ja gerade nicht gehen soll, wird er nur nebenbei zum Gegenstand von Aussagen. Diese Leerstellen der Bibel regten eine extensive Rezeption des Engels an und wurden über Jahrhunderte hinweg immer wieder narrativ und ikonographisch gefüllt. Als biblisches Sekundärphänomen zirkulieren die Engel vor allem faszinationsgeschichtlich als nichtformalisiertes, proliferierendes Bibelwissen.26 So gibt es keinen fixen Begründungstext des christlich-jüdischen Engels, nur ein mediales Werden dieser Figur, die mindestens ebenso sehr Bild wie Text ist. Der Engel ist damit nicht nur Medium vielfacher Übersetzungs- und Übertragungsprozesse, sondern zugleich auch ihr Produkt.
Obwohl Engel mit zentralen Episoden des Neuen Testaments wie der Verkündigung der Geburt Jesu und dessen Auferstehung verbunden sind, ist die Kernbotschaft des Christentums nicht auf sie angewiesen. Friedrich Schleiermacher weist im 19. Jahrhundert darauf hin, dass die Engel „außerhalb des eigentlichen Kreises der evangelischen Überlieferungen“ stehen und stattdessen in „mehr oder weniger dichterisch gehaltenen Erzählungen“27 behandelt werden. Hier klingt jene Faszination der Engel an, die nicht nur rezeptionsästhetisch ungeheuer wirkungsvoll wurde, sondern sich bereits in die Form ihrer biblischen Darstellung eingeschrieben hat – als eine Figur, die auf die Mitteilung um ihrer selbst willen verweist, als, so ließe sich mit Roman Jakobson formulieren, Träger der poetischen Funktion im Neuen Testament.28 Für Schleiermacher ist die Beobachtung, dass Engel in der Bibel konsequent Medien und nicht Gegenstand dogmatischer Reflexionen sind, nicht nur ein Argument für ihre Irrelevanz, sondern auch für ihre ontologische Fragwürdigkeit. Engel seien wie die „Feen und Geistererscheinungen“, von denen man gelegentlich rede, „ohne daß diese Vorstellungen mit denen, die unsere eigentlichen Ueberzeugungen bilden, in irgend eine bestimmte Beziehung gesezt wären“29. Entsprechend möchte er die über Jahrhunderte schwelende angelologische Debatte um Wesen und Wirken der Engel erkennbar beenden: „Das einzige, was als Lehre über die Engel aufgestellt werden kann, ist dieses, daß ob Engel sind, auf unsere Handlungsweise keinen Einfluß haben darf, und daß Offenbarungen ihres Daseins jetzt nicht mehr zu erwarten sind.“30
Die Randständigkeit und Unbestimmtheit der Engel sowie ihr (meta-)poetischer Charakter, die es so leicht machten, sie im christlichen Glauben zu marginalisieren, haben zusammen mit den biblischen Leerstellen zugleich ihre hohe Adaptivität und damit letztlich auch ihre anhaltende Präsenz in der modernen Alltagskultur begründet. Denn je mehr der Monotheismus an Verbindlichkeit verliert, desto unproblematischer werden Engel. So kann ihre hartnäckige Persistenz in der Moderne als „unvermeidliche Hintergrundstrahlung der monotheistischen Implosion verstanden werden“31, wie der katholische Theologe und Religionswissenschaftler Johann Evangelist Hafner 2010 schreibt. Welche Charakteristika des Engels aber sorgen dafür, dass diese angelische Hintergrundstrahlung so vordergründig wird?
Moderne Angelophanien
Der hier skizzierte Überblick verdeutlicht, dass es angesichts der Hybri...