Observer [âŠ] les sociĂ©tĂ©s dâune grande ville, assigner le caractĂšre des propos quâon y tient, y distinguer exactement le vrai du faux, le rĂ©el de lâapparent, et ce quâon y dit de ce quâon y pense, voilĂ ce quâon accuse les Français de faire quelquefois chez les autres peuples, mais ce quâun Ă©tranger ne doit point faire chez eux ; car ils valent la peine dâĂȘtre Ă©tudiĂ©s posĂ©ment.
Jean-Jacques Rousseau, Julie ou La Nouvelle Héloïse1
Le bon ton dans le grand monde est, pour les pensĂ©es, ce quâĂ©toit un lit de fer inventĂ© par un tyran ; on coupait les pieds ou la tĂȘte de ceux qui y couchoient, quand leur stature le dĂ©bordait.
Mme Necker (=Suzanne Churchod), Pensées et souvenirs2
Die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer â Chambre Franco-Allemande de Commerce et dâIndustrie (AHK) mit Sitz in Paris veröffentlicht im Internet einen Leitfaden unter dem Titel âErfolgreich auf dem französischen Markt -- deutsch-französische MentalitĂ€tsunterschiedeâ. Die darin beschriebenen Verhaltensmuster französischer GeschĂ€ftsleute gegenĂŒber denen ihrer deutschen Partner richten sich vor allem an deutsche Unternehmer, die in Frankreich tĂ€tig werden wollen. Genauer werden sechs herausragende Unterschiede beschrieben, die deutschen GeschĂ€ftsleuten in Frankreich besonders aufâfallen. Deren Beachtung gehört fĂŒr die Verfasserin des Leitfadens zum âEin-Mal-Eins des interkulturellen Managementsâ3:
1. Die zentralistische Denkweise in Frankreich: Frankreich ist ein zentralistisches, in den meisten gesellschaftlichen Bereichen vertikal ausgerichtetes Land. Dies lĂ€sst sich an der Stellung der Hauptstadt Paris ablesen, auf die sich die wirtschaftlichen AktivitĂ€ten des Landes ganz wesentlich konzentrieren. Dies zeigt sich auch am völlig anderen FĂŒhrungsstil französischer Manager, die gewohnt sind, Entscheidungen anders als in Deutschland von oben herab zu treffen. Französische Unternehmen sind pyramidal strukturiert: An der Spitze steht der PDG, der PrĂ©sident directeur gĂ©nĂ©ral, ĂŒber den alle Entscheidungen eines Unternehmens laufen.
2. Die Bedeutung des persönlichen Kontakts: Dialog und persönliche Beziehungen sind im französischen GeschĂ€ftsleben weitaus bedeutender als im deutschen, wo vor allem Kompetenz und Sachlichkeit geschĂ€tzt werden. In Verhandlungen und Meetings geht es oft mehr darum, sich als Person in Szene zu setzen, als um eine nĂŒchterne Darstellung von Fakten. GeschĂ€ftsfördernd sind somit vor allem WertschĂ€tzungen der Person und der Aufbau persönlicher Beziehungen, denen z. T. zeitaufwĂ€ndige gemeinsame GesprĂ€che vorausgehen.
3. Die Bedeutung einer guten Beherrschung der französischen Sprache: Die notwendigen persönlichen Kontakte lassen sich nur durch eine möglichst gute Beherrschung der französischen Sprache aufbauen, zumal in Frankreich die Rolle der Landessprache besonders groĂgeschrieben wird. Dieser wird seit 1994 per Gesetz eine fundamentale Funktion in der französischen Nation zugeschrieben: Sie stellt das kulturelle Erbe par excellence dar und sorgt somit fĂŒr die IdentitĂ€t der Person4.
4. Die herausragende Stellung von Kultur und Geschichte im französischen Bewusstsein: Frankreich versteht sich spĂ€testens seit dem 17. Jahrhundert nicht nur als Bote der Zivilisation in Europa, sondern misst auch seiner Kultur eine Sonderstellung zu, belegt mit dem ĂŒber mehrere Jahrhunderte verbreiteten Topos der âexception culturelleâ. Daher sind GesprĂ€che ĂŒber kulturelle PhĂ€nomene und ihre Geschichte besonders hilfreich, persönliche Kontakte zu knĂŒpfen und so die Voraussetzungen fĂŒr erfolgreiche GeschĂ€fte zu schaffen. Dies vor dem Hintergrund, dass die Franzosen ihre eigene Historie in den meisten FĂ€llen mit Stolz als Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte empfinden.
5. Die komplizierten Regeln französischer Kommunikation: Die französische Kommunikation ist traditionsbedingt stark mĂŒndlich geprĂ€gt. Sie ist dadurch erheblich ausschweifender als die deutsche, die stĂ€rker auf die Vermittlung von Informationen ausgerichtet ist. Französische Kommunikation ist auch erheblich indirekter als die deutsche, die auf Klarheit und Sachlichkeit abzielt. Die SubtilitĂ€ten französischer Kommunikation, oftmals eine Kunst des Impliziten, zu durchschauen und zu beherrschen, ist somit eine der gröĂten Herausforderungen in der interkulturellen Begegnung zwischen Deutschen und Franzosen.
6. Die Andersartigkeit im Umgang mit der Zeit: Aus den bereits genannten Punkten lĂ€sst sich erschlieĂen, dass man in Frankreich eine andere Einstellung zur Zeit mitbringt. Ănderungen von Zeitplanungen sind gĂ€ngig und verlangen ein Improvisationsvermögen der Beteiligten. Rigide Tagesordnungen sowie exakte Planungen von ZeitablĂ€ufen stehen dem französischen BedĂŒrfnis entgegen, die Dinge sich im GesprĂ€ch entwickeln zu lassen und Themen oftmals langatmig einzukreisen.
Nun kann man es â wie dies ManagerhandbĂŒcher in der Regel tun â mit diesem rudimentĂ€ren Wissen ĂŒber die Andersartigkeit französischer VerhĂ€ltnisse gegenĂŒber den deutschen bewenden lassen, wenn man die Unterschiede einmal wahrgenommen hat und in der tĂ€glichen Praxis berĂŒcksichtigt. Es ist jedoch gerade im Umgang mit französischen Partnern von groĂem Vorteil, wenn man die UrsprĂŒnge der seit langem existierenden Unterschiede genauer kennt und diese in ihre historischen Entwicklungen einordnen kann. Dies ist umso mehr von Vorteil, da Frankreich ein Land ist, welches auf seine âexception culturelleâ schon immer einen groĂen Wert gelegt hat und dieser sogar im Alltagsbewusstsein der Franzosen eine erhebliche Rolle einrĂ€umt. Kulturelle Fragen sind von groĂer Bedeutung und historische Kenntnisse dieser Kultur werden in der Zusammenarbeit mit Franzosen von diesen Ă€uĂerst goutiert. Die CinquiĂšme RĂ©publique der Nachkriegszeit hat unter ihrem Kulturminister AndrĂ© Malraux aktiv auf den Bereich einer kulturell geprĂ€gten Innen- und AuĂenpolitik gesetzt, um Frankreich auch weiterhin den Status der âexception culturelleâ zu erhalten. Dieser Ansatz wurde von dem sozialistischen Kulturminister Jacques Lang in den achtziger Jahren aufgegriffen. Auch PrĂ€sident Emmanuel Macron stellt sich in diese Tradition. Ein historisches Wissen ĂŒber die Entstehung und die lang verfestigten mentalen Grundeinstellungen ist somit auch praktisch höchst wertvoll, um Zugang zu französischen Verhandlungspartnern zu erhalten, und das vor allem vor dem Hintergrund der Besonderheit, dass persönliche Beziehungen in Frankreich eine herausragende Rolle spielen.
Die Analyse des Verhaltens französischer Partner lĂ€sst sich erheblich weiter vertiefen als es die ManagerhandbĂŒcher tun. Die eingangs genannten sechs Punkte hĂ€ngen nĂ€mlich unmittelbar miteinander zusammen. Die beobachteten Einstellungen und Verhaltensweisen haben sich in einer besonderen historischen Situation aufgrund spezieller struktureller VerĂ€nderungen herausgebildet. Der französische Zentralismus formiert sich ĂŒber einen historischen langen Zeitraum seit dem Mittelalter, genauer seit dem 13. Jahrhundert, und wird strukturell mit der Entstehung des absolutistischen Machtstaates im 17. Jahrhundert verfestigt. Die vertikal-zentralistischen Strukturen der Gesellschaft dieser Epoche bedingen eine Entwicklung der Sprache, welche einheitlichen Regeln unterworfen wird. Durch die Konzentration des Lebens der französischen Oberschicht am Hof von Versailles und in den Salons von Paris entsteht zugleich eine herausragende Kultur, die fĂŒr ganz Europa zum Vorbild wird. In dieser Gesellschaft, die sich vor allem ĂŒber ihre kulturellen Leistungen definiert, bildet sich naturgemÀà ein besonderes, entspanntes VerhĂ€ltnis zur Zeit heraus. Und letztlich â dies ist das aufâfĂ€lligste Merkmal französischen Verhaltens â haben die vertikalen Strukturen der Gesellschaft unmittelbare Auswirkungen auf die Art und Weise der Kommunikation: Insbesondere in den Salons entwickelt sich ein Umgang miteinander, der auf eine spielerische Weise nicht nur die kulturelle Ausnahmestellung der einzelnen GesprĂ€chspartner sondern in der Konsequenz des Landes zur Geltung bringt. Die Klarheit der diatopisch und diaphasisch geregelten Sprache in Kombination mit dem rationalistischen anthropologischen Modell des Descartâschen âcogito ergo sumâ ermöglicht gleichsam kompensatorisch die Verwendung indirekter Formen der Kommunikation. Diese können spielerisch-Ă€sthetische Funktionen ausfĂŒllen oder der Sicherung der Person qua Verstellung in hierarchisch-vertikal geprĂ€gten Situationen dienen. Die Konversation eröffnet dem Einzelnen die Möglichkeit, sich als perfekter âhonnĂȘte hommeâ zu beweisen, der maĂgebliche Persönlichkeitsideale wie die âcivilitĂ©, die âpolitesseâ oder die âgrĂąceâ verkörpert. Er kann sich als eine Persönlichkeit zeigen, die sich einerseits durch eine geschickte Art und Weise der indirekten Kommunikation den zentralen Geboten der âbiensĂ©anceâ stellt oder sich andrerseits diesen Geboten per Verstellung entzieht oder widersetzt. Die indirekten Formen der Kommunikation werden zum MaĂstab des Verhaltens, die ĂŒber den Bereich der Freizeit hinaus auch den Umgang im geschĂ€ftlichen Bereich und sogar der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bestimmen. Die indirekte Form der ĂuĂerung ist gattungsĂŒbergreifend; sie betrifft vor allem die Konversation, aber auch den âentretienâ5 oder den Dialog. Die indirekte Kommunikation in Frankreich ist nicht nur ein Gebot der Höfâlichkeitsregeln, die in zahlreichen Traktaten des 17. Jahrhunderts diskutiert werden. Sie ermöglicht die Anreicherung der GesprĂ€che mit kulturellen Inhalten in einer Sprache, auf deren Bedeutung schon die Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts groĂen Wert gelegt haben.
Das Bewusstsein einer solchen kulturellen Besonderheit Frankreichs wird selbst zum Thema der Konversationen im 17. Jahrhundert. Die Konversation ist, wie es Marc Fumaroli in mehreren Arbeiten formuliert, âle genre des genresâ6, da die Gesellschaft im 17. Jahrhundert wesentlich auf der mĂŒndlichen Kommunikation beruht. Fumaroli sieht in der Konversation des 17. Jahrhunderts eine herausragende literarische Gattung der OralitĂ€t. Im Ăbergang zum 18. Jahrhundert verlagert sich die mĂŒndliche Konversation dann hin zur Schriftlichkeit. Autoren wie Voltaire haben die Regeln der Konversation, die dort verwendete Sprache sowie die Art und Weise des indirekten Sprechens zum Vorbild fĂŒr die schriftliche Literatur erklĂ€rt, die dann ihrerseits Normen fĂŒr eine Bildung schafft, an denen sich die französische Gesellschaft und der Staat in der Schulausbildung seit dem 19. Jahrhundert orientieren. Die vorliegende Studie geht der historischen Entstehung der genannten mentalen Einstellungen und der Verhaltensweisen der Kommunikation in Frankreich nach. Sie tut dies an literarischen Beispielen und das vor allem aus zwei GrĂŒnden:
1. Es ist vor allem die Literatur, die Konversationen ĂŒbermittelt, wie sie in Ă€lteren Epochen gefĂŒhrt worden sind. Die Literatur ist das Medium, in dem GesprĂ€che nicht nur konserviert, sondern darĂŒber hinaus in all ihren Aspekten reflektiert werden. FĂŒr die Fokussierung auf die Literatur als Untersuchungsgegenstand gibt es weitere ĂŒberzeugende GrĂŒnde. GrundsĂ€tzlich gilt, dass Literatur den Leser zum Nachdenken anregen will, ohne unidirektionale Antworten zu liefern und programmatische Aussagen zu treffen. Aus diesem Grund hat der Europarat 2008 in seiner Empfehlung 1833 mit dem Titel Förderung des Unterrichts in europĂ€ischer Literatur in Abs. 3 festgestellt: âEine Sprache zu kennen bedeutet mehr als sie zu Kommunikationszwecken zu beherrschen. Die Kenntnis groĂer Werke der Literatur bereichert das Denken und gibt dem Leben mehr Sinn.â7 Die Kenntnis der Literatur anderer Nationen, deren Sprache die Schule vermittelt, wird in der Empfehlung als besonders geeignet angesehen, interkulturelle Kompetenz â in den Worten der Empfehlung âeuropĂ€ische[n] BĂŒrgersinnâ â zu lehren: âDas Erlernen anderer europĂ€ischer Sprachen und die Bekanntschaft mit ihrer Literatur können dazu beitragen, europĂ€ischen BĂŒrgersinn zu vermitteln.â Dies gilt im Besonderen fĂŒr den hier verhandelten Fall der indirekten Kommunikation.
2. Zwischen der mĂŒndlichen Konversation, die in Frankreich stark vom indirekten Sprechen geprĂ€gt ist, und der Literatur im Sinne von âWort-Kunstâ besteht eine enge Verbindung: Literatur hat per definitionem mit indirekten Formen der ĂuĂerung zu tun. Sie lebt von vielfĂ€ltigen Möglichkeiten der Einkleidung der Gedanken in Worte, wovon schon Cicero in seinen Schriften zur antiken Rhetorik gesprochen hatte8. Im Mittelalter wird dieses eher rhetorisch-technische VerstĂ€ndnis substantialisiert: So sah man die Bibel als Wort Gottes mit gleich vier Schriftsinnen ausgestattet, die in der Allegorese, der Auslegung der Schrift, herausgelesen werden. Die weltliche Literatur gilt als semantisch mehrschichtige Rede; sie beinhaltet, so die Aufâfassung von Macrobius in seinem Kommentar zu Ciceros Somnium Scipionis in ihrer ErzĂ€hlung, der ânarratio fabulosaâ, verborgene Wahrheiten. Ihre Rede ist ein ,integumentumâ bzw. âinvolucrumâ, d. h. ihre Aussagen sind durch Formen indirekten Sprechens verhĂŒllt. Mit dieser Aufâfassung hatte die âĂcole de Chartresâ im 1...