
- 111 Seiten
- German
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Die Leute auf Hemsö
Über dieses Buch
August Strindbergs Klassiker ist eine Geschichte über Zugehörigkeit, Identität und Vertrauen. Auf der fiktiven Insel Hemsö gibt es einen Neuankömmling: Carlsson, der von der Witwe Flod eingestellt wird, um sich um ihre Farm zu kümmern, wird von der Inselgemeinschaft mit Misstrauen beäugt. Ist er ein Betrüger, der sich an der Witwe bereichern will? Oder ein hart arbeitender Mann mit guten Intentionen? Im Jahr 1955 wurde Strindbergs Werk erstmals verfilmt und 1966 als Fernsehserie produziert.-
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Information
Thema
LiteraturaThema
ClásicosFünftes Kapitel
Man prügelt sich am Tage des dritten Aufgebots, geht zum Abendmahl und feiert die Hochzeit
Die Wahrheit des alten Sprichworts: »Niemand ist besser, als wenn er stirbt, und niemand ist schlechter, als wenn er sich verheiratet«, sollte Carlsson bald genug an sich erfahren. Gustav hatte gebrüllt wie ein hungriger Seehund und hatte drei Tage hindurch gerast und gestürmt, während welcher Zeit Carlsson unter irgendeinem Vorwand eine kleine Reise unternahm. Der alte Flod hatte keine Ruhe in seinem Grabe, er wurde zu jeglicher Zeit und Stunde hervorgeholt und als der beste Mensch geschildert, den je die Sonne beschienen, wohingegen Carlsson, der gleich einem alten Rock gewendet wurde, auf der Innenseite als sehr fleckig befunden ward. Man wollte wissen, daß er eine berüchtigte Persönlichkeit sei: er wäre Bibelhändler gewesen, von drei Stellen fortgejagt worden und auf einer vierten selbst davongelaufen; schließlich wäre er wegen einer Prügelei verhaftet, aber wegen mangelnder Beweise wieder freigelassen worden. Dies alles wurde Madame Flod unter die Nase gerieben; aber das alte Herz stand nun einmal in hellen Flammen, und sie schien sich bei der Aussicht auf den baldigen Abschluß ihres Witwenstandes verjüngt zu haben, sie war gleichsam ein neuer Mensch geworden, hielt das taube Ohr hin und redete alles kurz und klein.
Die feindliche Stimmung gegen Carlsson entsprang hauptsächlich dem Umstand, daß er aus einer andern Gegend war, ein Fremder, der nun durch Heirat in den Besitz dieser Erde und dieses Wassers gelangen würde, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr gemeinsames Eigentum anzusehen gewohnt waren. Und da die Witwe Universalerbin war und aller Wahrscheinlichkeit nach noch viele Jahre leben würde, verringerten sich die Aussichten des Sohnes, Selbstbesitzer zu werden. Seine Stellung auf dem Hofe würde nach der Hochzeit ungefähr der eines Knechtes gleichen, und zwar unter der Oberhoheit eines früheren Knechtes und von dessen Wohlwollen abhängig. Deshalb war es nicht zu verwundern, daß der Entthronte außer sich war und die Mutter scharfe Worte hören ließ; er drohte damit, den Beistand des Gerichtes anzurufen und den angehenden Stiefvater vor die Tür setzen zu lassen. Am heftigsten wurde er, als Carlsson von seinem Ausfluge zurückkehrte, angetan mit dem Sonntagsrock und der Pelzmütze des seligen Flod, welche Gegenstände er in der ersten schwachen Stunde als Morgengabe erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundquist, Carlsson einen Streich zu spielen. Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf Carlssons Platz ein Handtuch, das allerlei verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, nahm das Handtuch weg und sah dann, daß auf seinem Tischende all das Gerümpel stand, das er oben auf der Kammer unter seinem Bette aufbewahrt hatte. Es waren dies leere Hummerdosen, Champagnerflaschen, eine Porterflasche, eine Unzahl von Korken, ein schadhafter Blumentopf und vielerlei andres. Er wurde grün und gelb vor Ärger, wußte aber nicht, gegen wen er seine Wut auslassen sollte. Rundquist bemühte sich, den Eindruck zu mildern, indem er erklärte, daß dies hier in der Gegend eine ganz gebräuchliche Neckerei sei, wenn sich jemand verheiraten wolle. Das Unglück wollte, daß Gustav gerade ins Zimmer trat und gleich seiner Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß der Lumpensammler in diesem Herbst schon so früh gekommen sei, er pflege sich ja sonst doch erst um Neujahr einzustellen. Gleichzeitig ergriff Norman die Gelegenheit zu der Erklärung, daß der Lumpensammler nicht dagewesen, dies seien nur Carlssons Erinnerungen an Ida, mit denen Rundquist ihn ein wenig habe necken wollen, da die Sache zwischen den beiden nun ja doch aus sei. Dann fielen heftige Worte, und das Resultat war, daß Gustav nach dem Pfarrhofe fuhr und Einspruch gegen die Hochzeit erhob, weil Carlssons Papiere nicht in Ordnung seien, was einen sechsmonatigen Aufschub zur Folge hatte. Dies war ein Strich durch die Rechnung, den Carlsson jedoch zu mildern suchte, indem er sich zum Ersatz verschiedene kleine Vorteile verschaffte. Im Anfang war er sehr feierlich in seiner neuen Würde aufgetreten; da dies aber nicht imponierte, beschloß er, wenigstens den Leuten auf dem Hofe gegenüber seine Stellung mehr scherzhaft aufzufassen, was auch ausgezeichnet ging, – nur Gustav setzte einen giftigen, versteckten Krieg fort, ohne das geringste Zeichen der Versöhnung zu zeigen.
So verlief der Winter in aller Stille mit Holzfällen und Eisfischerei; zuweilen unterbrachen eine Partie Karten, ein Kaffeepunsch, ein Weihnachtsschmaus oder eine Vogeljagd das tägliche Einerlei.
Und dann kam der Frühling wieder. Die Eidergansjagd lockte auf die See hinaus, aber Carlsson verwendete alle Kraft auf die Frühjahrsarbeit, die eine reiche Ernte vorbereiten sollte; und deren bedurfte man wohl, um die Ausgaben für die Hochzeit zu decken, um so mehr, als man bei dieser Gelegenheit ein großartiges Fest abzuhalten gedachte, das noch viele Jahre in der Erinnerung weiterleben sollte.
Mit den Zugvögeln stellten sich auch die Sommergäste ein, der Professor war unverändert und fand alles hier draußen »herrlich«. Glücklicherweise war Ida nicht mitgekommen; sie hatte im April ihre Stelle verlassen und wollte bald heiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht anziehend, und Carlsson hatte zu viel im Kopfe, um Zeit für dergleichen Sachen zu haben; er hielt ein Spiel in der Hand, das er ungern verlieren wollte.
Am Johannistage wurde das Paar zum erstenmal aufgeboten, und zwischen der Heuernte und der großen Ernte sollte die Hochzeit stattfinden, denn dies war die ruhigste Zeit sowohl auf dem Lande wie auf der See.
Nach dem Aufgebote machte sich eine keineswegs angenehme Veränderung in Carlssons Benehmen bemerkbar, und Madame Flod war die erste, die dies erfahren sollte. Sie hatten natürlich seit ihrer Verlobung nach Landessitte wie Eheleute miteinander gelebt, und der Verlobte der Alten, über dessen Haupt der Einspruch des Sohnes noch unentschieden schwebte, wußte sein Benehmen stets nach den zwingenden Umständen zu richten, aber jetzt, wo die Gefahr beseitigt war, steckte er die Nase in die Luft und zeigte die Krallen. Dies hatte jedoch auf Madame Flod, die sich gleichfalls fest im Sattel fühlte, keine andre Wirkung, als daß auch sie die Zähne zeigte, so viele sie noch hatte, und am Tage des dritten Aufgebots stießen die beiden zusammen.
Die ganze Bevölkerung der Insel, mit Ausnahme von Lotte, war zur Kirche gefahren, um zum Abendmahl zu gehen. Wie gewöhnlich hatte man das kleinste Boot genommen, um, falls man gezwungen war zu rudern, die Arbeit so leicht wie möglich zu machen. Es war deswegen kaum Platz im Boot, um so mehr, als man ein halbes Liespfund getrockneter Fische für den Pastor mitgenommen hatte, sowie einige Pfund Kerzen für den Küster, und alle möglichen Kleidungsstücke, Segel und Ruder, Füllschaufeln und Ballen, Schemel und dergleichen mehr.
Wie es die Sitte erheischte, hatte man am Morgen ein besseres Frühstück zu sich genommen und einander aus dem gemeinsamen Bierkrug und der Schnapsflasche tüchtig zugetrunken. Auf See war es sehr heiß, und niemand wollte rudern, weswegen sofort ein kleiner Streit unter den jungen Burschen ausbrach, von denen keiner in Schweiß gebadet zur Kirche kommen wollte. Die Frauen hatten sich ins Mittel gelegt, und als man die Kirchenbucht erreichte und die Glocken läuten hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen hatte, verstummte der Streit. Aber es wurde erst zum erstenmal geläutet, weshalb man reichlich Zeit hatte. Madame Flod ging daher ins Pfarrhaus, um die Fische abzuliefern. Der Pastor war noch beim Rasieren und befand sich in sehr gereizter Stimmung.
»Nun, das ist auch etwas Seltenes, daß die Leute aus Hemsö zur Kirche kommen,« begrüßte er das Brautpaar, indem er den Barbierschaum mit dem Finger vom Messer strich.
Carlsson, der die Fische getragen, wurde dann aufgefordert, sich in der Küche einen Schluck geben zu lassen.
Darauf ging man mit den Kerzen zum Küster, und auch hier erhielt man einen Schnaps.
Schließlich versammelten sich alle auf dem Kirchenhügel, besahen die Pferde des Großbauers, lasen die Inschriften auf den Grabhügeln und begrüßten alte Bekannte. Madame Flod machte dem Grabe des seligen Flod einen kurzen Besuch, während Carlsson allein umherging. Und dann läutete und knarrte es in dem Glockenturm, und die ganze Versammlung wanderte langsam in die Kirche. Nachdem die alte Kirche abgebrannt war, hatten die Leute aus Hemsö keinen Kirchenstuhl wieder bekommen, weshalb sie jetzt im Gange stehen mußten. Es war entsetzlich warm, und sie fühlten sich so fremd in dem weiten Raum, daß sie vor lauter Verlegenheit schwitzten und wie Verbrecher am Schandpfahl aussahen. Es war elf Uhr geworden, ehe man bis zum Hauptgesang kam, und die Hemsöer hatten die Beine über Kreuz geschlagen und abwechselnd bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß gestanden. Die Sonne sandte glühendheiße Strahlen, so daß der Schweiß in hellen Tropfen von der Stirn perlte; aber die Leute standen eingeklemmt und konnten sich nicht rühren. Dann kam der Kirchendiener und steckte die Nummer »128« aus dem Gesangbuch auf. Die Orgel stimmte ein Präludium an, und der Küster begann den ersten Vers zu singen. Die Anwesenden fielen ein, und dieser Vers wurde mit Lust und Liebe gesungen, als erwarte man, daß die Predigt unmittelbar darauf folgen würde; aber dann kam der zweite und danach der dritte Vers.
»Es ist doch ganz unmöglich, daß wir alle achtzehn Verse durchsingen sollen?« flüsterte Rundquist Norman zu.
Aber es war doch der Fall. Und in der Sakristeitür ward Pastor Nordströms erzürnter Blick sichtbar, der trotzig und herausfordernd auf der Versammlung ruhte, als wolle er die Gelegenheit benutzen, seinen Beichtkindern jetzt, wo er sie einmal unter den Händen hatte, eine gehörige Strafpredigt zu halten.
Als nun alle achtzehn Verse gesungen waren, zeigte die Uhr auf halb zwölf, und der Pastor bestieg die Kanzel. Aber da waren die Zuhörer auch so mürbe geworden, daß viele auf ihr Angesicht fielen und – einschliefen. Lange sollten sie jedoch die Ruhe nicht genießen, denn plötzlich donnerte der Prediger los, so daß die Schlummernden in die Höhe fuhren, die Köpfe erhoben und ihre Nachbarn mit blödsinnigem Blick anstarrten, als wollten sie fragen, ob etwa Feuer sei.
Carlsson und seine Braut hatten sich so weit vorgedrängt, daß jeglicher Versuch zu einem Rückzug abgeschnitten war. Die Alte war dem Weinen nahe, sie war todmüde, und ihr enges Schuhwerk wurde ihr, je mehr die Wärme stieg, immer unerträglicher. Zuweilen wendete sie sich um und warf ihrem Verlobten einen flehenden Blick zu, als wollte sie ihn bitten, sie doch gleich direkt in die See hinabzutragen; aber Carlsson, der Flods bequeme juchtenlederne Stiefel trug, ging so vollständig in dem Gottesdienst auf, daß er nur strafende, ungeduldige Blicke für die Unglückliche hatte. Die andern dagegen hatten sich langsam nach rückwärts gedrängt und waren so unter die Orgelverkleidung gelangt, wo es weit kühler war und wo man im Schatten stand. Dort entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, auf die er sich setzte, Klara auf den Schoß nehmend.
Rundquist hielt sich an einem Pfeiler fest, und Norman stand, als die Predigt begann, neben ihm. Sie währte volle anderthalb Stunden. Der Text handelte von den weisen und den törichten Jungfrauen, und weil die Männer der Ansicht waren, daß dies Thema sie nicht berühre, so schliefen sie alle, im Sitzen, Hängen und Stehen.
Nach Verlauf einer halben Stunde stieß Norman Rundquist an, der vornübergebeugt mit der Hand vor der Stirn stand, als sei ihm unwohl, und zeigte mit dem Daumen auf Klara und Gustav, die auf der Feuerspritze saßen. Rundquist wendete sich vorsichtig um und riß die Augen auf, als habe er den leibhaftigen Teufel gesehen, dann lachte er verständnisvoll. Klara saß nämlich mit geschlossenen Augen und aus dem Munde hängender Zunge, dem Ausdruck böser Träume, da; Gustav hingegen starrte Pastor Nordström unverwandt an, als verschlänge er jedes Wort und bemühe sich, den Sand in dem Stundenglas laufen zu hören.
»Das ist wirklich zum Lachen,« flüsterte Rundquist und ging leise und vorsichtig rückwärts, mit den Absätzen behutsam über die Ziegelsteine schleifend. Norman war sich gleich über Rundquists Plan klar; geschmeidig wie ein Aal schlich er sich auf den Kirchhof hinaus, wo sich Rundquist bald nach ihm einfand, und dann ging es in größter Eile hinab nach dem Boot.
Hier wehte eine kühle Seebrise, und diese im Verein mit den hastig eingenommenen Erfrischungen gab ihren Kräften bald wieder Spannkraft. Ebenso leise und vorsichtig, wie sie die Kirche verlassen, kehrten sie wieder dahin zurück und fanden hier Klara sanft in den Armen Gustavs entschlummert.
Die Predigt währte noch eine volle halbe Stunde, und dann verging eine zweite halbe Stunde mit Gesang, worauf endlich die Abendmahlsfeier begann. Die Gnadenmittel wurden unter großer Gemütsbewegung genommen, und Rundquist weinte. Madame Flod, die sich nach Schluß der Feier in einen der Stühle drängte, war nahe daran, Zank anzufangen, und wurde deshalb hinausgewiesen, worauf sie die letzte halbe Stunde vor dem Stuhl des Kirchenvorstehers, auf den Absätzen stehend, zubrachte, als brennten sie die Ziegelsteine durch die Schuhsohlen; und als dann endlich der Prediger das Aufgebot verlas, wußte sie nicht, was sie anfangen sollte, weil alle Leute sie ansahen.
Schließlich war der Gottesdienst zu Ende, und die Leute stürzten zu den Booten hinab. Madame Flod konnte den Druck der engen Beschuhung nicht länger ertragen, und sobald sie die Glückwünsche auf dem Kirchhofe in Empfang genommen hatte, zog sie ihre Stiefel aus und trug sie hinab ins Boot, wo sie sofort die Füße ins Wasser steckte und anfing, mit Carlsson zu schelten.
Als endlich alles an Bord gekommen war, erinnerte sich Carlsson plötzlich, daß er vergessen hatte, eine Tonne Teer zu holen. Aber da brach das Unwetter los. Die Frauen schrien, daß sie keinen Teer im Boote haben wollten, nein, um keinen Preis der Welt, denn sie trugen ihre neuen Kleider. Carlsson indessen holte trotzdem die Teertonne und verstaute sie hinten ins Boot. Darüber entstand ein förmlicher Aufruhr, denn niemand wollte in der Nähe des gefährlichen Gegenstandes sitzen.
»Worauf soll man denn eigentlich sitzen?« klagte Madame Flod.
»Nimm dein Kleid in acht und setze dich dann nur immer nieder,« antwortete Carlsson, der, nachdem das letzte Aufgebot glücklich überstanden war, noch ungenierter auftrat als vorher.
»Was für Reden führt Er da?« schrie die Alte.
»Ja, das ist meine aufrichtige Meinung. Setz dich nun nur ruhig hin, damit wir endlich fortkommen können!«
»Wer hat das Kommando hier im Boote, wenn ich fragen darf?« donnerte Gustav los, denn er war der Ansicht, daß man seiner Ehre zu nahe trete.
Und dann setzte er sich ans Steuer, ließ die Segel hissen und nahm die Halse an sich. Das Boot lag ziemlich tief, der Wind war äußerst schwach, die Sonne brannte, und die Gemüter waren erregt.
Die Fahrt ging also sehr langsam vonstatten, und es half nichts, daß die Männer einen »Segelschluck« nahmen. Die Geduld war daher erschöpft, und Carlsson brach das Schweigen, indem er vorschlug, daß man die Segel streichen und rudern solle. Aber Gustav war entschieden dagegen. »Wartet nur, bis wir zwischen den Inseln heraus sind, dann bekommen wir schon Wind,« meinte er.
Und dann wartete man, bis schließlich ein dunkelblauer Streif in der Ferne sichtbar wurde und man hören konnte, wie sich die See an den äußersten Klippen brach.
Ein starker Ostwind war im Anzuge, und es kam Fahrt in die Segel. Als man die Spitze der Insel hinter sich hatte, erfaßte der Wind das Boot, so daß es sich legte; es kam aber gleich wieder in die Höhe und schoß in rasender Fahrt dahin, während die Wellen hoch aufspritzten. Nun mußte man wieder einen Schluck nehmen, weil Zug in die Sache gekommen war. Aber dann wurde der Wind so stark, daß die eine Seite des Bootes ganz unter Wasser lag. Carlsson wurde bange, hielt sich an der Bank fest und bat, daß man die Segel reffen solle.
Gustav antwortete nicht, sondern zog die Segel straffer, so daß das Boot Wasser einnahm.
Da sprang Carlsson ganz außer sich auf und wollte ein Ruder auslegen. Aber die Alte ergriff ihn am Rock und drückte ihn nieder.
»Um des Himmels willen, Mensch! Bleib doch sitzen!« schrie sie.
Carlsson setzte sich wieder, kreideweiß vor Angst; aber er hatte nicht lange gesessen, als er wie ein Besessener aufsprang und die Rockschöße aufhob.
»Gott du Gerechter! Der Satan leckt!« brüllte er und schüttelte die Rockschöße.
»Wer leckt?« fragte man von allen Seiten.
»Die Tonne, zum Teufel!«
»Ach, Herr Jesus!« schrien nun alle durcheinander und bemühten sich, so weit wie möglich vom Teer wegzukommen, der umherfloß und alle Schwankungen des Bootes mitmachte.
»Setzt euch!« donnerte Gustav, »sonst segle ich um.«
Carlsson hatte sich gerade erhoben, als ein neuer Windstoß kam. Rundquist, der die Gefahr sah, erhob sich vorsichtig und versetzte Carlsson einen Schlag, so daß er niedersank.
Eine Prügelei schien unvermeidlich, als Madame Flod, zum Äußersten getrieben, sich veranlaßt fand einzuschreiten.
Sie ergriff ihren Bräutigam am Kragen und schüttelte ihn:
»Welch ein Feigling Er ist! Er ist wohl noch nie auf See gewesen! Kann Er sich nicht benehmen wie ein Mann und sitzenbleiben?«
Nun wurde Carlsson wütend, machte sich frei, riß dabei aber ein Stück von seinem Rock ab.
»Willst du meine Kleider zerreißen, du Frauenzimmer!« brüllte er und setzte die Stiefel auf d...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Kolophon
- Erstes Kapitel
- Zweites Kapitel
- Drittes Kapitel
- Viertes Kapitel
- Fünftes Kapitel
- Sechstes Kapitel
- Siebentes Kapitel
- ÜberDie Leute auf Hemsö