Die Revolte der Künstlichen Intelligenz, der Algorithmen und Plattformökonomien ist gerade im Begriff, die moderne Gesellschaft zu überrollen, unser Verständnis von privater und öffentlicher Kommunikation auf den Kopf zu stellen, die Zukunft unseres Miteinanders grundlegend zu verändern. Konstruiert jedoch als ein System, das nur das Ja kennt, sieht sich der Mensch vor der Herausforderung, wie er sein revoltierendes Recht des Widerspruchs geltend machen. Wie sagt man Nein zu einem System, das nur Ja versteht? Adrian Lobe geht dem in seinem Beitrag in Kursbuch 200 nach.

- 14 Seiten
- German
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Adrian Lobe
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Sozialer Widerstand im digitalen System
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Sozialer Widerstand im digitalen System
Im Oktober 2018 kam es in der US-Wüstenstadt Chandler zu einem denkwürdigen Ereignis. Am helllichten Tag stürmte ein Mann auf eine Kreuzung und zerstach mit einem spitzen Gegenstand den Reifen eines Roboterfahrzeugs. Der Verdächtige, ein Mann Mitte 20, flüchtete nach der Attacke zu Fuß in die umliegende Nachbarschaft.1 Seitdem die Google-Schwester Waymo in dem Vorort von Phoenix ihre autonome Fahrzeugflotte zu Testzwecken auf die Straße schickte, kam es immer wieder zu tätlichen Übergriffen. In einem Fall soll ein 69-Jähriger einen Testfahrer mit einem Revolver bedroht haben.2 (Die Roboterautos, die mit Radar, Sensoren und Kameras ausgestattet sind, haben als rollende Rekorder praktischerweise Fotos des Verdächtigen gemacht und der Polizei zu Fahndungszwecken übermittelt). In anderen Fällen sollen die Waymo-Fahrzeuge mit Steinen beworfen und mit Messern attackiert worden sein. Die lokale Polizei zählte 2017 und 2018 über ein Dutzend tätliche Angriffe.
Nicht nur in Arizona, auch in Kalifornien vermelden Polizeibehörden vermehrt Vandalismusvorfälle, die sich gegen digitalisierte Vehikel richten. In San Francisco stieg 2018 ein Taxifahrer aus seinem Auto aus und schlug auf die Windschutzscheibe eines Roboterfahrzeugs ein. Ein Sicherheitsroboter, der in Parkhäusern patrouillierte und Obdachlose vertreiben sollte, wurde von wütenden Bürgern demoliert; Wohnungslose, die gerade eine Zeltstadt errichteten, stülpten eine Plane auf den Roboter, schlugen auf ihn ein und schmierten Barbecue-Sauce auf seine Sensoren.
In Paris zündeten wütende Taxifahrer Reifen an und kippten Autos um, um gegen den Fahrdienstleister Uber zu protestieren. Und in San Francisco wurden die privaten Google-Busse, welche die Mitarbeiter aus der Stadt ins Hauptquartier nach Mountain View befördern, wegen steigender Mieten von einer aufgebrachten Stadtguerilla mit Steinen beworfen – ein Vorfall, den der Medientheoretiker Douglas Rushkoff als Titel für sein Buch Throwing Rocks at the Google Bus wählte 3 – und der offensichtlich von manchem als Betriebsanleitung für einen Maschinensturm gelesen wurde und zu zahlreichen Nachahmungstaten führte.
Das linke US-Magazin Mother Jones bezeichnete die Vorkommnisse, denn auch als »neue ludditische Revolte«.4 Im Jahr 1811 zerstörten englische Arbeiter um ihren Rädelsführer Ned Ludd Webstühle, um gegen die Automatisierung und den drohenden Arbeitsplatzverlust zu protestieren. In ganz Europa steckten aufgebrachte Weber Spinnereien und Fabriken in Brand. Über das Motiv der zeitgenössischen Vandalen herrscht Unklarheit. Die Angreifer waren offenbar von einer Mischung aus diffuser Technologiekritik und blinder Zerstörungswut getrieben – und nicht unbedingt politisch motiviert (wobei zu fragen wäre, wie Randale und politische Motivation überhaupt zusammenhängen, denn dadurch ginge auch immer eine gewisse Legitimation und Überhöhung von Gewalt einher). Vielleicht werden die aktuellen Attacken dereinst als Maschinensturm 2.0 in die Geschichtsbücher eingehen. Vielleicht markieren sie aber auch den Beginn einer Epoche, in der sich di...
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