Im Jahr 1982 sollte der Schriftsteller Ernst Jünger den Goethepreis der Stadt Frankfurt bekommen. Verliehen wurde die Auszeichnung letztendlich auch – begleitet jedoch von massivem Widerstand der Grünen, die Anfang der 1980er-Jahre im Frankfurter Stadtparlament saßen. Die junge Partei hielt den Literaten aufgrund seiner Vergangenheit für nicht preiswürdig. Der Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus setzt sich in seinem Beitrag im Kursbuch 197 kritisch mit dieser Kontroverse auseinander und analysiert anhand Jüngers Œvre gedankliche Parallelen, die ihn zu seiner Ausgangsthese zurückführen: Ist Ernst Jünger nicht eigentlich Vordenker der politischen Ziele der Grünen?

- 16 Seiten
- German
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Information
Oliver Jahraus
Der verkannte Vordenker
Ernst Jünger und die Grünen
Der verkannte Vordenker
Ernst Jünger und die Grünen
I
Im Mai 1982 hatte das Kuratorium für die Verleihung des Goethepreises der Stadt Frankfurt am Main sich entschieden: Traditionsgemäß am 28. August, dem Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes, sollte Ernst Jünger diese Auszeichnung erhalten. Schon zuvor war in diesem Jahr intensiver als in der vorausgegangenen Zeit über Jüngers Vergangenheit als Nationalrevolutionär in der Weimarer Republik räsoniert worden. In diesem Kontext musste also diese Entscheidung eine umso heftigere Kontroverse nach sich ziehen. Vor allem die Grünen aus dem Frankfurter Stadtparlament lehnten die Preisverleihung an Ernst Jünger vehement ab, lieferten dazu auch eine prägnante Begründung, ja sogar eine Fülle von Dokumenten und Zitaten Jüngers, die belegen sollten, dass Jünger nicht preiswürdig wäre. Die Grünen inszenierten einen politischen Skandal – und konnten am Ergebnis doch nichts ändern.
All das ist lange her; in den Biografien zu Jünger findet es noch Eingang, es ist auch literaturgeschichtlich und literaturwissenschaftlich gut aufgearbeitet,1 aber mit der politischen Geschichte der Bundesrepublik oder gar den Grünen bringt es heute kaum noch jemand in Verbindung. Zu randständig war diese Episode. Und dennoch lässt sich an diesem Ereignis eine Verwerfungslinie, die Konstellation einer Konfrontation rekonstruieren, die einiges nicht nur über Jünger, sondern genauso über die Grünen und ihr Verständnis von Politik und Demokratie aussagt, ja vielleicht sogar über das, was man das Denken der Grünen nennen könnte. Mehr noch, man könnte diese Verwerfung zuspitzen auf die Frage, ob die Grünen seinerzeit nicht gegen den Falschen opponiert haben. Stand und steht Ernst Jünger den Grünen und dem, wofür sie eintreten und politisch kämpfen, damals wie heute nicht viel näher als beispielsweise ein Heinrich Böll, nach dem die parteinahe Stiftung der Grünen benannt ist? Denn schließlich hatte einer derjenigen, die Jünger und seine Auszeichnung seinerzeit mit deutlichen Worten verteidigt haben, kein Geringerer als Golo Mann, der selbst als Preisträger gehandelt wurde und den Preis nach Ernst Jünger 1985 erhielt, Jünger schlichtweg selbst als »Grünen« charakterisiert und den Grünen vorgehalten, dass dieser Schriftsteller »grüner« sei als die Grünen selbst.2 War Jünger ein Grüner? Vielleicht hat Golo Mann hier tatsächlich sehr zugespitzt, immerhin setzt er den Begriff »Grüner« in seinem Artikel in Anführungszeichen. Die Frage aber, ob Jünger und die Grünen sich gedanklich und ideologisch nahestanden, liegt nahe; der folgende Essay liefert einige Gründe, die sie bejahen. Es gilt also herauszufinden, wie viel Grün in Jünger steckt und wie viel Jünger dann vielleicht auch in den Grünen. Hierzu soll ein Blick auf den Kontext der Preisverleihung, die Begründung des grünen Protests, die Jünger-Biografien und auf Gemeinsamkeiten des Denkens bei Jünger und den Grünen geworfen werden. Dabei geht es nicht darum – wie dies seinerzeit Gegner und Unterstützer gemacht haben –, entsprechende apologetische oder inkriminierende Zitate zusammenzutragen, sondern Strukturen der Argumentation und Positionierung zu erkennen.
II
War Jünger überhaupt preiswürdig?...
Inhaltsverzeichnis
- Oliver Jahraus | Der verkannte Vordenker. Ernst Jünger und die Grünen
- Der Autor
- Impressum
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