"Frauen gehören eigentlich nicht in die Wissenschaft." Sabine Haupt kennt den Mann, der ihr das an den Kopf wirft, seit über 40 Jahren und er ist nicht der einzige, mit dessen Frauenfeindlichkeit beziehungsweise antifeministischen Ansichten sich die Professorin für Literaturwissenschaft schon ihr Leben lang herumschlagen muss. Vor 40 Jahren, so ist sie sich in ihrem Essay in Kursbuch 203 sicher, hätte sie ein solcher Kommentar gänzlich erstarren lassen, vor 20 Jahren hätte sie mit allen feministischen Waffen und intellektuellem Rüstzeug von Simone de Beauvoir bis Judith Butler dagegengehalten, heute – möchte sie manchmal nur noch zuschlagen. Aber auch das würde von Männerseite, wie jede andere Reaktion auch, als Argument genutzt, den "Schwachsinn des Weibes" nur noch zu belegen. Auch heute noch. Wie frau es macht, macht sie es nicht falsch, aber ihre eigene Unfähigkeit belegend. Antifeministische Anfeindungen scheinen nicht totzukriegen zu sein. Wie überleben Frauen also damit?

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Die geheimen Stimmen der Medusa
Wie Frauen in der Wissenschaft überleben
- 11 Seiten
- German
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Über dieses Buch
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Sabine Haupt
Die geheimen Stimmen der Medusa
Wie Frauen in der Wissenschaft überleben
Die geheimen Stimmen der Medusa
Wie Frauen in der Wissenschaft überleben
»Frauen gehören eigentlich nicht in die Wissenschaft.« Wir befinden uns in München, irgendein Juniabend, kurz nach Sonnenuntergang. Die hier zur Debatte stehenden Vorkommnisse sind – ich schwöre bei allen guten, von Logik und Vernunft noch nicht völlig verlassenen Geistern – keine erfundene Horrorgeschichte aus dem Gruselkabinett radikalfeministischer #genderwarriors. Nein, es ist eine ganz normale Alltagsszene aus einem ganz normalen Frauenleben. Wir sitzen zu dritt in einer Küche im Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg. Es gibt hier, gleich um die Ecke, einen Springbrunnen, den der Volksmund »Das steinerne Paar« getauft hat, und es gibt einen Schlosspark, in dem die Nationalsozialisten bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg im Hochsommer die »Nacht der Amazonen« feierten. Solche Details erwähne ich nur, um darauf hinzuweisen, dass im vorliegenden Fall gewisse örtliche und historische Zusammenhänge zu berücksichtigen sind.
Ich kenne E. und R. seit über 40 Jahren. Er arbeitet noch immer als Psychoanalytiker, sie als Kindertherapeutin. Es gab eine Zeit, da waren die beiden miteinander verheiratet. Doch irgendwann hatte E. die Sprüche ihres Mannes satt, meistens ging es dabei um Penisneid und Hysterie, dionysische Männer und kastrierende Frauen, um natürliche und widernatürliche Bestimmungen, reife und unreife Orgasmen. Ich will die diskursiven Gräben dieser Analytiker-Ehe jetzt nicht weiter vertiefen, obwohl sie symptomatisch sind für das, worum es mir hier geht. So viel ist jedenfalls sicher: Sein Todestrieb war stärker als ihre Libido. Oder umgekehrt, eins von beiden. Darauf zumindest konnten sie sich einigen.
Doch zurück an den Münchner Küchentisch. Dort geht es jetzt nicht um diese Ehe, es geht um mich. Denn die Wissenschaftlerin, die als Frau nicht in die Wissenschaft gehört, bin ich. R. hockt da und grinst. Ich weiß: Er provoziert. Das macht er gerne. Er ist dafür bei Freunden und Feinden bekannt, man erwartet nichts anderes von ihm. Schon mahnt eine altbekannte, gut trainierte innere Stimme (vermutlich die Kleinhirn-Souffleuse aus der hinteren Schädelgrube): »Lass ihn doch quatschen, er will dich nur aus der Reserve locken!« Stimmt! Er hockt da, grinst und lockt mich aus der Reserve. Wie eine fette Spinne hockt er da, beäugt seine Ex und mich durch dicke, leicht beschlagene Brillengläser. R. ist Ende 60,...
Inhaltsverzeichnis
- Sabine Haupt | Die geheimen Stimmen der Medusa. Wie Frauen in der Wissenschaft überleben
- Die Autorin
- Impressum
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