Kabbala und Haskala
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Kabbala und Haskala

Isaak Satanow (1732–1804) zwischen jüdischer Gelehrsamkeit, moderner Physik und Berliner Aufklärung

  1. 506 Seiten
  2. German
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Isaak Satanow (1732–1804) zwischen jüdischer Gelehrsamkeit, moderner Physik und Berliner Aufklärung

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Information

Jahr
2022
ISBN drucken
9783110714845
eBook-ISBN:
9783110716429

1 Einleitung

Es gibt wohl wenige Autoren in der jüdischen Tradition, die einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Isaak Newton, der lurianischen Vorstellung der Selbstverschränkung Gottes, dem korrekten Schliff eines Diamanten und den zehn Sefirot aus der kabbalistischen Literatur herstellen können. Isaak ben Moshe Halevi aus Satanow meistert eben jenes Kunststück und zwar in solcher Weise, dass sowohl jüdische Intellektuelle als auch christliche Gelehrte von seinem Wissen in allen Bereichen beeindruckt sind. Satanows einzigartige Synthese verschiedener jüdischer Traditionen, naturwissenschaftlicher Errungenschaften und philosophischer Wahrheitsfindung werde ich in der vorliegenden Untersuchung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, um aufzuzeigen, dass die gängigen Analyse-Kategorien der jüdischen Aufklärung wie Säkularisierung, Assimilation, Rationalismus, Krise oder auch Bildungsreform zu kurz greifen, um Autoren wie Satanow und deren Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte angemessen beurteilen zu können.
Gershom Scholem, der Begründer der wissenschaftlichen Erforschung der jüdischen Mystik, schreibt in seinem Aufsatz „Die letzten Kabbalisten in Deutschland“:
Daß bei diesem Prozeß manchmal auch schon merkwürdige Amalgamierungen der kabbalistischen Studien mit der neuen Gedankenwelt der Aufklärung vorkamen, läßt sich nicht nur an der reichen literarischen Produktion des Isaak Satanow (1732 – 1804) erweisen, der dem Kreise Moses Mendelssohns und des Ha-Me’asseph angehörte, zugleich aber in seinen Schriften auf alle mögliche, z. T. recht versteckte Weisen auch kabbalistischen Ideen Einlaß gewährte. In der Druckerei der jüdischen Freischule in Berlin, aus der eine große Zahl der ersten Aufklärungsschriften hervorging, erschienen 1783 und 1784 auch zwei Schriften Satanows, die ausschließlich der Propagierung seiner Synthese kabbalistischer und moderner Ideen gewidmet waren und keineswegs als versteckte Polemik aufzufassen sind. Es wird immer erstaunlich bleiben, daß gerade Satanow es war, der schon lange nach seiner Berührung mit dem Mendelssohnschen Kreis im Jahre 1784 die erste Drucklegung des Buches Ez Chajim, des Hauptwerkes der Lurianischen Kabbala, veranstaltete, die er in Koretz in Wolhynien herausbrachte. Eine Studie über diese eigenartige Figur steht noch aus.1
Bislang wurde Scholems Aufruf zur weiteren Untersuchung dieses bedeutenden Autors der jüdischen Aufklärung (Haskala), Isaak Satanow, noch nicht Folge geleistet. Dies ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass Satanow bereits bei seinen Zeitgenossen einen zweifelhaften Ruf genoss. Sein Zeitgenosse Moses Mendelssohn Frankfurter, der Sohn des Hamburger Rabbiners Moses ben Menaḥem Mendel Frankfurt, der für sich selbst aus Bewunderung für den Berliner Gelehrten den Familiennamen Mendelssohn wählte,2 meinte etwa, er sei „halb Häretiker und halb Frommer“.3 Zum anderen sind die meisten seiner Schriften auf Hebräisch / Aramäisch verfasst, wobei die Vielfalt seiner kunstvollen Stilrichtungen und Imitationen der unterschiedlichsten Sprachstufen verschiedener Epochen eine Interpretation derselben erheblich erschwert.
In der vorliegenden Studie wird die jüdische Aufklärung (Haskala) in ihrer spezifischen Ausprägung bei Satanow dargestellt, analysiert und kontextualisiert. Besondere Aufmerksamkeit erhalten dabei die von Scholem indirekt erwähnten Schriften Imre Bina (Worte der Einsicht) von 1784 und Satanows Neufassung des Hauptwerkes der mittelalterlichen jüdischen Mystik, das Sefer ha-Zohar (Buch des Glanzes), aus dem Jahr 1783 mit dem Titel Zohar Tinyana (Ein zweiter Zohar).4 Ich möchte hierbei primär die Rolle kabbalistischer Symbole und Konzeptionen in ihrer Aufnahme und Interpretation bei Satanow beleuchten. Zudem finden deren Funktionen innerhalb seiner einzigartigen Synthese zwischen Haskala, Philosophie, Tradition und Naturwissenschaft angemessene Beachtung.
Es soll gezeigt werden, dass nicht nur säkularisierende Tendenzen des Rationalismus sowie assimilatorische Perspektiven5 eine entscheidende Rolle beim Eintritt der jüdischen Religion und Kultur in die Moderne spielten, sondern auch Traditionen der mittelalterlichen Philosophie und Mystik an dieser Schwellenposition eine nicht zu vernachlässigende Wirkung ausübten.6 Indirekt stelle ich damit die Frage, ob die jüdische Aufklärung und die Wissenschaft des Judentums einen Bruch oder eine Kontinuität mit ihrer jüdischen Vergangenheit verkörpern und in welcher Form jüdische Traditionen aus der Geschichte in neuen Epochen adaptiert werden.7
Bei unserem Autor, wie auch bei seinem Zeitgenossen Salomon Maimon (1753 – 1800), nahm die Vereinbarkeit von traditionellem Glauben, zeitgenössischen Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften und philosophischen Positionen der jüdischen Tradition sowie kabbalistischen Gedanken eine übergeordnete Funktion ein. Verschiedene Fragen schließen sich für die Interpretatoren dieses Typs von Aufklärer an: Worin lagen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen jüdischer und nichtjüdischer Aufklärung, wo fanden sich Berührungspunkte der beiden Phänomene im Hinblick auf kabbalistische Symbolik? Welche Persönlichkeiten und Kontexte prägten die jüdische Aufklärung diesbezüglich und wie wurde der Eintritt in die Moderne von diesen Denkern in Idealform angestrebt? Welche neuen Traditionen bildeten sich aus den zahlreichen kulturellen und intellektuellen Interaktionen dieser Epoche und unter welchen Umständen? Welche Positionen innerhalb und außerhalb der jüdischen Tradition nahmen jene Maskilim ein, die kabbalistisches Gedankengut in ihre Konzeptionen einzubinden versuchten? Dabei wird vornehmlich die Rolle mystisch-kabbalistischer Vorstellungen in Bezug auf das jüdische Selbst- und Geschichtsverständnis zu bedenken sein.
Ein weiteres Augenmerk der vorliegenden Studie liegt auf den damals virulenten Migrationsprozessen zwischen Ost- und Westjudentum, die in der Folge einen religiös-kulturellen Austausch zwischen den intellektuellen Eliten der Haskala im Westen und im Osten initiierten und nachhaltig prägten.8 Welche Auswirkung hatte Satanows osteuropäische Herkunft auf seine schriftstellerischen und editorischen Tätigkeiten und inwieweit fand eine Integration seiner Ideen in westeuropäisches Denken der damaligen Zeit statt? Welche Konsequenzen hatten seine zahlreichen Reisen zwischen Berlin und Koretz oder anderen Städten im Königreich Polen? Simon Dubnow (1860 – 1941) beschrieb den Einfluss der kabbalistisch-philosophischen Gedankenwelt (meist aus Italien und Sefarad) auf die jüdische Gesellschaft in Polen und Russland. Diese traf nun in Folge der Ost-West Migration auf die jüdische Aufklärung in Deutschland.9 Denn wenngleich das Phänomen der Aufklärung meist mit Aspekten wie Rationalismus, Innovationen in den Naturwissenschaften, Akkulturation und Säkularisation in Verbindung gebracht wird, treten zugleich auch bedeutende Verschränkungen mit mystischen, chassidischen, sabbatianischen und frankistischen Themen bei führenden Persönlichkeiten der Haskala auf.10 Es stellt sich so die Frage nach dem Charakter, dem Stellenwert und der Funktion mystischer Traditionen innerhalb dieser „Revolution der Vernunft, des Humanismus, der Ethik und Toleranz“11 oder der „größten Revolution der jüdischen Intellektuellen […] in Königsberg, Berlin, Prag, Wilna, Amsterdam und Odessa“12 um so dringender für die nachfolgenden geistesgeschichtlichen Entwicklungen in Europa. Haskala tritt dabei als ein Phänomen zu Tage, das sich sowohl durch eine zeitliche als auch durch eine geistesgeschichtliche „Ungleichzeitigkeit“ zur europäischen Aufklärung auszeichnet. Letztere setzte früher ein und wies andere Zentren auf als die jüdische Aufklärung in Deutschland.13 Aufgrund der divergierenden Tendenzen spricht man auch von letzterer im Plural, um der Pluralität der Strömungen gerecht zu werden.14

Die jüdische Aufklärung – Haskala

Der hebräische Terminus Haskala wird vom hebräischen sekhel (Verstand, Vernunft, Intellekt)15 bzw. der Wurzel s-kh-l im Hif‘il (wörtl. veranlassen zu verstehen, einsichtig zu werden)16 abgeleitet. Haskala kann nicht nur als Prozess der Rationalisierung und Säkularisierung des europäischen Judentums verstanden werden, sondern im weitesten Sinne auch als Bezeichnung für eine Renaissance bzw. Wiederbelebung jüdischer Kultur und religiöser Tradition von der Mitte des 18. bis der des 19. Jahrhunderts.
Innerhalb der jüdischen Philosophie des Mittelalters prägte vor allem Rabbi Moses ben Maimon, Maimonides, (ca. 1138 – 1204) die Lehre zur Einheit von sekhel (Vernunft, Wissen, Verstand), maskil (dem Wissenden, Verstehenden) und muskal (dem Objekt des Wissens, Verstehens).17 In seinem Werk More ha-Nevukhim (Führer der Unschlüssigen, ca. 1190 – 1200)18 ent...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Danksagung
  5. 1 Einleitung
  6. 2 Isaak Satanow zwischen Podolien und Preußen
  7. 3 Kabbala, Philosophie und Naturwissenschaft in Imre Bina (Worte der Einsicht)
  8. 4 Re-Orientierungen zur Kabbala in der „Wissenschaft des Judentums“
  9. 5 Fazit und Ausblick
  10. Bibliographie
  11. Namensregister
  12. Ortsregister
  13. Sachregister

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