Persuasionsstrategien im vormodernen Theater (14.–16. Jh.)
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Persuasionsstrategien im vormodernen Theater (14.–16. Jh.)

Eine semiotische Analyse religiöser Spiele im deutschen und französischen Sprachraum

  1. 430 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfĂŒgbar
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Persuasionsstrategien im vormodernen Theater (14.–16. Jh.)

Eine semiotische Analyse religiöser Spiele im deutschen und französischen Sprachraum

Über dieses Buch

The series Trends in Medieval Philology includes central topics of current research debates in medieval studies and provides a place for groundbreaking research in the field. It is intended to give international researchers/research teams the opportunity to effectively present innovative surveys and discussions to the scientific community. The series sees itself as a 'young' research forum with a high standard of quality and is therefore also open to excellent degree theses, should they enhance the series.

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Information

Jahr
2022
eBook-ISBN:
9783110740554

1 Einleitung

Das zwanzigste und junge einundzwanzigste Jahrhundert sind durch die Entwicklung des Fernsehens und Internets von bedeutenden VerĂ€nderungen in der medialen Kommunikation geprĂ€gt, deren gesellschaftliche Auswirkungen immer wieder und im Jahr 2019 sehr akut diskutiert werden. Ein ‚Framing Manual‘, das die ARD 2017 von der Linguistin Elisabeth Wehling erstellen ließ, hat Anfang 2019 zu kontroversen Debatten um den strategischen Einsatz von Sprache und seinen intransparenten Gebrauch durch einen öffentlich-rechtlichen Sender gefĂŒhrt. Die Bild-Zeitung nannte das interne Dokument ein ‚Geheimpapier‘, mit dessen Hilfe „die ARD uns umerziehen“ wolle.1 Das allgemeine Interesse an den Prinzipien integrer Pressearbeit und die Angst vor illegitimer Manipulation erklĂ€rt sich aus der großen Bedeutung, die den öffentlichen Medien als der ‚vierten Gewalt‘ in demokratischen Gesellschaften zugesprochen wird. Im Jahr 2010 formulierte JĂŒrgen Habermas in einem Essay, den die SĂŒddeutsche Zeitung publizierte:
Die Öffentlichkeit leistet zur demokratischen Legitimation des staatlichen Handelns ihren Beitrag, indem sie politisch entscheidungsrelevante GegenstĂ€nde auswĂ€hlt, zu Problemstellungen verarbeitet und zusammen mit mehr oder weniger informierten und begrĂŒndeten Stellungnahmen zu konkurrierenden öffentlichen Meinungen bĂŒndelt. Auf diese Weise entfaltet die öffentliche Kommunikation fĂŒr die Meinungs- und Willensbildung der BĂŒrger eine stimulierende und zugleich orientierende Kraft, wĂ€hrend sie das politische System gleichzeitig zu Transparenz und Anpassung nötigt.2
Wenn die medial vermittelte Öffentlichkeit ein konstitutives Element jeder funktionierenden Demokratie darstellt, ist der Einfluss von Medien auf das Denken und Handeln aller darin lebenden Menschen und letztlich auch auf politische Entscheidungsprozesse kaum zu unterschĂ€tzen. Es verwundert folglich nicht, dass in journalistischen und wissenschaftlichen Diskursen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts unter Labels wie ‚politische Semantik‘, ‚Propaganda‘, ‚public relations‘ und ‚politisches framing‘ intensiv ĂŒber die Einflussnahme von Massenmedien nachgedacht, geforscht und gestritten wurde.3 Um heutige Formen des öffentlichen persuasiven Sprechens und in erweiterter Perspektive auch des persuasiven Gebrauchs weiterer Zeichenformen (z. B. Bilder) zu verstehen und kulturell einordnen zu können, erscheint eine Historisierung sinnvoll, denn nicht zuletzt „basiert der manipulative Umgang mit Wahrheit und LĂŒge, AuthentizitĂ€t und TĂ€uschung, Veröffentlichung von Geheimhaltung zumindest teilweise auf Techniken, die bereits vor der digitalen Medienrevolution genutzt wurden.“4
Eine Kommunikationsform, die im SpĂ€tmittelalter und in der FrĂŒhen Neuzeit Ă€ußerst populĂ€r war und eine vergleichsweise beeindruckende Rezeption erfuhr, ist das Theater. Nicht grundlos werden die ‚Spiele‘ in der Forschung hĂ€ufig als vormoderne Massenmedien bezeichnet.5 Eingebunden in das Kirchenjahr organisierte man in vielen StĂ€dten und Gemeinden ganz Europas ein breites Spektrum von didaktisch-erbaulichen bis hin zu komisch-obszönen Darbietungen, die bisweilen auch unverhohlen politisch-religiöse Propaganda betrieben.6 Aufgrund seiner großen Breitenwirkung ist das Theater ein geeigneter Gegenstand, um persuasive Strategien in einem historischen Medium zu untersuchen.
Zugleich steckt in der Übertragung von Vokabular und Methoden, die an modernen Quellen entwickelt und angewandt wurden, auf historische Epochen die Gefahr des Anachronismus. Die bedeutende Rolle der Massenmedien ist in modernen demokratischen Systemen an die Existenz einer Öffentlichkeit gebunden, also an einen tatsĂ€chlichen oder virtuellen Kommunikationsraum, ĂŒber den allgemein zugĂ€nglich Informations- und Meinungsaustausch stattfinden kann und der den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern gegenĂŒber dem Staat eine Stimme verleiht.7 Dieses Konzept lĂ€sst sich offenkundig nicht ohne Weiteres auf das Mittelalter und die beginnende FrĂŒhe Neuzeit ĂŒbertragen, deren Gesellschaften weder demokratisch noch nationalstaatlich organisiert waren.8 In seiner einflussreichen Schrift Strukturwandel der Öffentlichkeit hat Habermas das Konzept der Öffentlichkeit zu einem Unterscheidungskriterium zwischen Moderne und Vormoderne erklĂ€rt, indem er die moderne, bĂŒrgerliche Öffentlichkeit von einer vormodernen, reprĂ€sentativen abgrenzte. ‚ReprĂ€sentative Öffentlichkeit‘ im Sinne Habermas’ ist kein sozialer Bereich, innerhalb dessen politische Kommunikation erfolgt, sondern ein Statusmerkmal weltlicher und geistlicher Herrschaft, die ĂŒber Attribute der Person einem Publikum vorgefĂŒhrt wird.9 Wenn in Mittelalter und FrĂŒher Neuzeit keine politische Öffentlichkeit existierte und jene die Voraussetzung massenwirksamer Kommunikation ist, erscheint es folgerichtig, eine solche Form der Kommunikation fĂŒr vormoderne Gesellschaften auszuschließen.
Dennoch hat die mediĂ€vistische und frĂŒhneuzeitliche Forschung das analytische Vokabular, welches zunĂ€chst auf die Massenmedien des neunzehnten bis einundzwanzigsten Jahrhunderts angewandt wurde, verstĂ€rkt aufgegriffen.10 Ermöglicht haben dies kontroverse Debatten, die in der Geschichts- und Literaturwissenschaft bis heute um die Existenz von Öffentlichkeit vor Beginn der Moderne gefĂŒhrt werden.11 Sie haben nicht nur die UnschĂ€rfe des Öffentlichkeits-Begriffs und den unterkomplexen Schematismus des Habermas’schen Dualismus konstatiert, sondern im Rahmen begriff‌licher Differenzierungen auch verschiedene Modi öffentlicher Kommunikation beschrieben, die neben oder an die Stelle der reprĂ€sentativen Öffentlichkeit treten. In diesem Zuge wurden differenzierte Öffentlichkeits-Konzepte anhand zeitlicher und rĂ€umlicher Kriterien -- wie das der ‚okkasionellen‘12 Öffentlichkeit oder lokal begrenzter ‚Teilöffentlichkeiten‘13 -- gebildet. Die Identifikation lokaler Öffentlichkeiten trĂ€gt der im Mittelalter vorrangigen Kommunikation unter Anwesenden Rechnung. Die bisherige mediĂ€vistische Forschung hat neben höfischen besonders stĂ€dtische Formen von Öffentlichkeit in den Blick genommen.14 Es liegen zahlreiche Arbeiten vor, die sich mit den mĂŒndlichen und schriftlichen Formen stĂ€dtischer Kommunikation beschĂ€ftigen.15 Theatrale AktivitĂ€ten sind allerdings bisher in geringerem Ausmaß als Kommunikationsmedien einer stĂ€dtischen Öffentlichkeit auf persuasive Strategien hin analysiert worden.16 Mit Beginn der Neuzeit rĂŒcken neben lokalen Öffentlichkeiten die Distanzmedien, die der Buchdruck hervorbrachte, in den Blick, welche die Erschließung bis dahin ungekannter Dimensionen von Öffentlichkeit ermöglichten.17
Ausgehend von dem hier nur kurz umrissenen Forschungsstand, kann fĂŒr das SpĂ€tmittelalter und den Beginn der FrĂŒhen Neuzeit, die den Untersuchungszeitraum dieser Arbeit bilden, die Existe...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Vorwort
  5. 1 Einleitung
  6. 2 Theoretisch-methodologische Grundlegung
  7. 3 Bedrohungsszenarien als instruktive Persuasionsstrategien
  8. 4 Der AutoritĂ€ts-Topos als axiomative Persuasionsstrategie
  9. 5 Stereotypisierung als evaluativ-emotive Persuasionsstrategie
  10. 6 RĂŒck- und Ausblick
  11. 7 Verzeichnisse
  12. 8 Anhang
  13. Stichwortverzeichnis

HĂ€ufig gestellte Fragen

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