Die Sowjetunion
(20. Jahrhundert)
VON DER RUSSISCHEN
REVOLUTION BIS ZUM ZWEITEN
WELTKRIEG
Die Februarrevolution 1917 stürzte die russische Monarchie, Kaiser Nikolaus II. wurde zum Abdanken gezwungen und 1918 von den Bolschewiki zusammen mit seiner Familie ermordet. Es entstand eine Doppelherrschaft zwischen Parlament (Duma), die von moderateren Kräften geführt wurde, und den „Sowjets“, den Arbeiter- und Soldatenräten, die von radikaleren Gruppierungen beherrscht wurde. Zusätzlich bildete sich eine provisorische Regierung.
Während die provisorische Regierung eine bürgerlich-parlamentarische Demokratie aufbauen wollte, versuchten die Arbeiter- und Soldatenräte dieses zu verhindern und die Revolution fortzuführen. Deshalb wird die Februar-revolution auch „aich stürls“, die bürgerliche Revolution, bezeichnet.
Parallel zur Revolution befand sich Russland immer noch im Krieg mit dem Deutschen Reich. Die Situation im Innern verschärfte sich zunehmend. Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem Revolutionsnamen Lenin, forderte in seinen berühmten Aprilthesen die sofortige Beendigung des Krieges und die Übertragung der Macht an die Räte. Lenin, der sich während des Krieges im Schweizer Exil befand, gelang unter Mithilfe des Deutschen Reichs nach Russland. Die Deutschen erhofften sich dadurch, eine weitere Destabilisierung Russlands zu erreichen, worin sie nicht enttäuscht wurden. Am 25. Oktober (nach julianischem Kalender) oder am 7. November (nach gregorianischem Kalender) 1917 wurde im sogenannten „Sturm auf das Winterpalais“ die provisorische Regierung gestürzt, die bürgerliche Revolution wurde beendet.
Das Ereignis wurde anschließend Oktoberrevolution genannt. Die Bolschewiki übernahmen die Macht, Lenin proklamierte die Sozialistische Sowjetrepublik. Die Duma, aber auch die Räte, gerieten immer mehr in Bedeutungslosigkeit, wohingegen die Macht der Partei kontinuierlich anstieg. 1918 wurde die noch am Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Sozialdemokratische Partei Russlands in „Kommunistische Partei Russlands“ und 1952 in „Kommunistische Partei der Sowjetunion“ umbenannt.
Im März 1918 schlossen die Bolschewiki mit dem Deutschen Reich den Frieden von Brest-Litowsk. Zwar brachte der Frieden einige Nachteile für die noch junge bolschewistische Regierung, unter anderem bedeutete er den Verzicht auf Annexion und Kriegsentschädigung. Allerdings war der Friedensschluss eine wichtige Grundbedingung für den nachfolgenden Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg. Neben diesem „Dekret über den Frieden“ erließen die Revolutionäre weitere Dekrete und Gesetze.
Durch das „Dekret über Grund und Boden“ wurden die (adligen) Großgrundbesitzer entschädigungslos enteignet und das Land an die Bauern verteilt. In der Deklaration der Rechte der Völker Russlands wurde den einzelnen Völkern und Minderheiten Russlands Selbstbestimmungsrecht gewährt, dies sollte auch als Grundlage für die Sowjetunion dienen, wurde aber mit der Zeit vernachlässigt. Da die Bolschewiki überzeugte Atheisten waren und Religion als Feind des Kommunismus ansahen, wurde das Gesetz über Trennung von Staat und Kirche erlassen. Priester und Mönche wurden verfolgt und Kircheneigentum konfisziert. Der in Europa gebräuchliche gregorianische Kalander ersetzte 1918 den in Russland noch geltenden julianischen Kalender, der dem gregorianischen 13 Tage hinterher ist. Die Gründung der Tscheka, des russischsowjetischen Geheimdienstes und Vorgängerorganisation des späteren KGB, sowie der Roten Armee stärkten den militärischen Arm der Bolschewiki. Leo Trotzki (1879 – 1940), mit bürgerlichem Namen Bronstein, übernahm die Führung der Roten Armee. Neben Lenin war er einer der wichtigsten Revolutionäre.
Auf die Oktoberrevolution, in den meisten kommunistischen Staaten später die „Große sozialistische Oktoberrevolution“ genannt, folgte der russische Bürgerkrieg. In diesem versuchten die Bolschewiki ihre Macht zu erhalten. Auf der gegnerischen Seite stand die Weiße Armee, die sich aus verschiedensten Einheiten mit verschiedenen Motivationen zusammensetzte. Sie strebten eine Konterrevolution sowie die Wiederherstellung der Monarchie bzw. der parlamentarischen Demokratie an. Nationale Minderheiten kämpften für ihre Unabhängigkeit und auch das Ausland intervenierte und unterstützte die Weißgardisten gegen die Sowjets. Die Rote Armee konnte aber die Oberhand behalten und die zaristischen Generäle Ende 1920 endgültig besiegen. Allerdings konnten sie es nicht verhindern, dass Polen, Finnland und die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit von Russland erklärten. Der Erste Weltkrieg und der Bürgerkrieg brachten verheerende Folgen für das ohnehin geschwächte Land mit sich. Nach Schätzungen fielen dem Bürgerkrieg durch Kampfhandlungen, Hungertote und Seuchen ca. acht Millionen Menschen zum Opfer.
Nach dem gewonnenen Bürgerkrieg machten sich die Bolschewiki direkt an die Arbeit, Sowjetrussland neu aufzubauen. Dabei folgten sie den Ideen von Lenin, dem unangefochtenen Führer der Revolution. Er wendete die von Karl Marx und Friedrich Engels entwickelte Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie auf Russland an und veränderte sie zum „Leninismus-Marxismus“. Hierin forderte er die Diktatur des Proletariats unter der Führung einer zentralistischen Kaderpartei, die benötigt werden würde, um die Diktatur der Arbeiterklasse aufzubauen.
Jedoch war das Land immer noch agrarisch geprägt, Arbeiter waren kaum vorhanden. Deshalb war ein grundlegendes Ziel der führenden Bolschewiki der schnelle Aufbau einer funktionsfähigen Industrie. Entgegen der marxistischen Theorie wollten sie eine bürgerlich-kapitalistische Phase überspringen und direkt zum Sozialismus übergehen. Die Revolution breitete sich in die Randgebiete aus, neben der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) wurden weitere Sozialistische Sowjetrepubliken (SSR) gegründet. Am 30. Dezember 1922 schloss sich die RSFSR mit der Ukrainischen SSR, der Weißrussischen SSR und der Transkaukasischen SSR zur „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ zusammen. Die UdSSR wurde offiziell gegründet. Die Hauptstadt wurde vom bisherigen Ausgangspunkt der Revolution Petrograd, das vor dem Weltkrieg noch St. Petersburg hieß, nach Moskau verlegt.
Der zuvor mehrere Schlaganfälle erlittene Lenin erkrankte 1922 schwer und musste das politische Geschehen noch für ca. ein Jahr vom Totenbett dirigieren. Im Windschatten dieser Ereignisse konnte Josef Stalin (1878 – 1953), der 1922 zum Generalsekretär der Partei ernannt wurde, sich ein Netzwerk von getreuen Gefolgsleuten aufbauen. Er kontrollierte zunehmend den Parteiapparat, womit er den Zugang zum kranken Parteiführer und dessen Korrespondenz erhielt. Dem kranken Lenin gefiel die Situation nicht, sodass er versuchte, die Partei in einem geheimen Brief vor Stalin zu warnen. Er sprach sich dafür aus, dass Stalin als Generalsekretär abgelöst werden solle und riet der Partei ab, diesen zu seinem Nachfolger zu erklären. Stalin gelang es jedoch, diesen Brief abzufangen, der in die Geschichte als „Lenins politisches Testament“ einging.
Auf Lenins Tod im Januar 1924 folgte ein erbitterter Nachfolgekampf zwischen Stalinisten und Trotzkisten. Stalin forderte den „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“, in der Sowjetunion, dem „Vaterland aller Werktätigen“. Der Führer der Roten Armee, Leo Trotzki, forderte hingegen die (Welt-)Revolution fortzuführen. Am Ende konnte sich Stalin durchsetzen, Trotzki wurde entmachtet und musste die Sowjetunion verlassen. 1940 wurde er in Mexico ermordet. Bis 1930 baute Stalin seine Macht aus, er galt nun als uneingeschränkter Parteiführer. In der Folgezeit entledigte er sich aller seiner tatsächlichen oder potenziellen Gegner.
Stalin und die führenden Kommunisten verfolgten das Ziel, die Sowjetunion in einen modernen Industriestaat umzuwandeln. Sie unternahmen einen radikalen Umbau der Gesellschaft, der schließlich in eine Terrorherrschaft überging. Ab 1928 wurde die staatlich gelenkte Plan-wirtschaft den „Fünfjahresplänen“ unterworfen. Da sich die Sowjetunion nicht auf ausländisches Kapital stützen konnte, um die flächendeckende Industrialisierung durchzuführen, sollte das hierzu fehlende Kapital durch die Landwirtschaft erbracht werden. Ziel war deshalb, die gesamte Landwirtschaft zu kollektivieren.
Dieser „Große Wende“ genannte Umbau uferte in einer Zwangskollektivierung und gewaltsam forcierten Industrialisierung aus. Die Bauern, die noch mit dem Dekret über Grund und Boden ihr eigenes Stück Land erhalten haben, sollten nun in sozialistischen Großbetrieben zusammengefasst werden, den sogenannten „Sowchosen“ und „Kolchosen“. Zur Umsetzung der Kollektivierung schreckten die Bolschewiki nicht vor Gewalt zurück. Die sozialen Verhältnisse im Dorf wurden auf den Kopf gestellt, zwischen 1928 und 1932 wurden mehr als 60 Prozent der Bauernwirtschaften in Kolchosen überführt. Parallel zur Kollektivierung wurde die „Entkulakisierung“ vorangetrieben.
Kulaken waren sogenannte „reiche“ Bauern, wobei schon der Besitz von nur wenig Vieh genügen konnte, um als Kulak diffamiert zu werden. Sie galten als Volksschädlinge und wurden gnadenlos verfolgt.
Die Entkulakisierung forderte verschiedenen Schätzungen folgend 500.000 bis 600.000 Opfer. In Folge der Kollektivierung brach die Landwirts...