Aktuelle Aspekte der Literaturlehr- und -lernforschung werden in diesem Band aufgegriffen und neu fokussiert. An der Schnittstelle zwischen Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft und Deutschdidaktik werden institutionelle, mediale und performative Räume der Literatur untersucht und auf ihr verführerisches Potenzial befragt. Welche diskursive Funktion haben Bibliotheken, Ausstellungen und eine institutionalisierte Literaturkritik? Welche spezifischen Rezeptionsweisen werden durch E-Books, Blogliteratur oder Literaturverfilmungen evoziert? Wie wird Literatur im Theater, bei Poetry-Slams oder bei Lesungen inszeniert? Die Beiträge diskutieren unterschiedliche Formate und Kontexte der Literaturvermittlung vor einem methodisch breiten Spektrum theoretischer Grundlagen und empirischer Befunde.

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Räume der Literaturvermittlung
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Information
Thema
German Language1.
Institutionelle Räume
Ulrike Tanzer
Bibliotheken als Orte der Literaturvermittlung
1. Verführung
Ein zwölfjähriger Junge verbringt die Sommerferien bei seinem Onkel, einem Prälaten und Stiftsbibliothekar. Um den kostbaren Boden des barocken Büchersaals zu schützen, soll der Neffe an die BesucherInnen Filzpantoffel austeilen. Der Junge merkt bald, dass sich ihm neue Welten eröffnen – die Welt der Bücher und des anderen Geschlechts. Fasziniert beginnt er zu lesen und wagt es, scheue Blicke unter die Röcke der Besucherinnen zu werfen – argwöhnisch beäugt von der gestrengen Haushälterin des Onkels, die dem Fleiß des Jungen misstraut und um dessen Seelenheil fürchtet. Es ist ein Sommer, der für den Jungen eine Zäsur markiert: Seine Mutter erwartet Nachwuchs und im Herbst steht ihm der Eintritt in ein Klosterinternat in den Schweizer Bergen bevor.
Diese Geschichte – Sie werden sie wahrscheinlich längst erkannt haben – erzählt der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Thomas Hürlimann in seiner 2001 erschienenen Novelle Fräulein Stark. Die Bibliothek, die darin beschrieben wird, die Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen, scheint aus einer versunkenen Welt. Von schweren Folianten ist die Rede, von Hilfsbibliothekaren mit dickglasigen, rundgerillten Brillen, grauen Ärmelschonern und nikotingefärbten Krummfingern, von griechischen Inschriften auf Portalbögen: Psychesiatreion – »Heilstätte für den Geist: Seelen-Apotheke« (Hürlimann 2001, S. 35). Die Aura, die diese Bibliothek verströmt, ist für den Ich-Erzähler so fremd wie verführerisch. Gleich am Beginn heißt es:
Mein Onkel war Stiftsbibliothekar und Prälat, seine Hüte hatten eine breite, runde Krempe, und gedachte er die Blätter einer tausendjährigen Bibel zu berühren, zog er Handschuhe an, schwarz wie die Dessous meiner Mama. An Bord unserer Bücherarche, sagte der Onkel, haben wir schlicht und einfach alles, von Aristoteles bis Zyste. (Hürlimann 2001, S. 7)
Die Bibliothek als Ort des allumfassenden Wissens, der Ordnung und damit der Zuflucht vor einer chaotischen Welt sind einige der Aspekte, die hier anklingen.1 Zugleich ist der Text erotisch aufgeladen. Leselust und körperliche Lust, in der Geschichte des Lesens bekanntlich mit dem Verdikt des Krankhaften und Krankmachenden belegt (vgl. Anz 2002, S. 11–32), werden hier bildhaft zusammengeführt.
Die Kritik hat Hürlimanns autobiografisch gefärbte Novelle als einen Entwicklungsroman en miniature gefeiert, als einen Text, der nicht nur zwischen katholischer Triebunterdrückung und aufflackernden Pubertätsfantasien changiert, sondern auch die verdrängten antisemitischen Tendenzen in der Schweizer Geschichte benennt. Der Bibliotheksraum wird darin für den Jungen zum Schwellenraum zwischen der Welt der Kindheit und der Welt der Erwachsenen, ein Raum mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und wohl gehüteten Geheimnissen, ein Raum der Suche nach sich selbst.
2. Bibliotheken der Zukunft
Zwischen der von Hürlimann geschilderten und einer modernen Bibliothek liegen sprichwörtlich Welten. Die Bibliothekslandschaft befindet sich seit etlichen Jahren in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess.2 Längst haben audiovisuelle Medien in die Bibliotheken Einzug gehalten. Die Digitalisierung eröffnet neue Perspektiven der Konservierung und Nutzung. Von multifunktionalen Schnittstellen der Information ist die Rede, wenn das Bild einer »Bibliothek der Zukunft« (vgl. Zimmer 2000) skizziert wird. Zu einem großen und sich ausweitenden Teil wird – so Dieter E. Zimmer – die Bibliothek der Zukunft aus digitalen Medien bestehen. Alles Geschriebene ist dabei, sich zu »entmaterialisieren« (Zimmer 2000, S. 7) und immer mehr auszubreiten in einen virtuellen Raum. »Bibliotheken aus Stein und Beton und Glas sind überflüssig«, schreibt Zimmer, »die neue, die allgegenwärtige Bibliothek ist aus elektrischem Strom« (Zimmer 2000, S. 9). Alles wandert ins Netz – vom gedruckten Buch zum E-Book, von der gedruckten Zeitschrift zum E-Journal. Ist also die Bibliothek als institutioneller Ort, als »steinerne[s] Depositorium von Büchern« (Zimmer 2000, S. 9) obsolet geworden?
Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Bibliotheken erfreuen sich im Digitalisierungs- und Internetzeitalter wachsender Attraktivität. Davon zeugen neue spektakuläre Bibliotheksbauten in Asien (China, Japan, Singapur und Südkorea), Nordamerika (Seattle, Montreal) und Europa wie z.B. in Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Dänemark und den Niederlanden (vgl. Roth 2010; Krämer 2007). Diese Bauten sind »Erlebnisarchitekturen« (Leiß 2011, S. 216), die als Kulturbauten wahrgenommen werden, neue städtebauliche Akzente setzen und zur Aufwertung von Stadtvierteln beitragen. In Österreich sind in diesem Zusammenhang neben der Wiener Hauptbücherei am Gürtel die beiden Neubauprojekte in Linz (Wissensturm) und Salzburg (Salzburger Stadt:Bibliothek in der Neuen Mitte Lehen) zu erwähnen.3 Signifikant sind die städtebaulichen Konzeptionen, die mit den erwähnten Bibliotheksbauten einhergehen. Die Wiener Hauptbücherei wurde an einer der verkehrsreichsten Straßen errichtet, in einer Gegend, in der sich verschiedenste Bevölkerungsgruppen mischen. Auch in Salzburg wurde mit dem Standort Lehen ein Stadtteil mit hoher Bevölkerungsdichte und einem hohen Anteil an MigrantInnen gewählt.
Abb. 1: Bibliothek Salzburg außen (Copyright Helmut Windinger)

Damit folgen die Einrichtungen, um mit Caroline und Johann Leiß zu sprechen, dem Konzept der »extrovertierten Bibliothek« und damit einem der drei Trends, die – durchaus widersprüchlich und konkurrierend – entscheidend für die künftige Entwicklung sind (Leiß/Leiß 2011, S. 224–232). Bibliotheken verstehen sich in diesem Sinne als soziale Integrationsorte, die Konzerte, Lesungen und kulturelle Veranstaltungen anbieten,4 die in zentralen Bereichen über Cafés und gemütliche Sitzecken verfügen und die damit auch in ihrer Raumkonzeption dem Bedürfnis nach sozialem Austausch entgegenkommen. Bislang sind Versuche, Bibliotheken auf Online-Plattformen als virtuelle Orte zu etablieren, gescheitert.5 Der zweite Trend lässt sich mit dem Begriff der »introvertierten Bibliothek« umschreiben. Nicht ein Ort des sozialen Austauschs in der Umgebung von Büchern steht im Zentrum dieser Überlegungen, ein Raumkonzept, das Multimedia-Shops und Einkaufscentern entspricht, sondern eine Umgebung, die konzentriertes Lesen und Arbeiten ermöglicht. Diese Bibliotheken, die sich architektonisch an den klassischen, symmetrisch möblierten Lesesälen orientieren und sich insgesamt durch klare Strukturen auszeichnen, sind auch heute noch inmitten des Lärms, der Unübersichtlichkeit und Beschleunigung als (Gegen-)Orte der Ruhe, Ordnung und Entschleunigung konzipiert – und damit den alten Klosterbibliotheken nicht ganz unähnlich.6 Die »virtuelle Bibliothek« ist der dritte Trend, der sich abzeichnet. Das Nebeneinander von gedruckten und elektronischen Medien wird seit den 1990er Jahren unter dem Stichwort »hybride Bibliothek« (Leiß/Leiß 2011, S. 230) subsumiert. Viele wissenschaftliche Bibliotheken geben mittlerweile den größeren Teil ihres Einkaufsbudgets für elektronische Medien aus und verfolgen in einzelnen Bereichen wie Zeitschriften und Nachschlagewerken die Strategie, nur noch elektronische Werke zu kaufen. Die Konsequenzen für den Bibliotheksbau sind immens. Magazine werden weitgehend überflüssig, der Weg in die Bibliothek ebenso. Die Vorteile liegen auf der Hand. Bequem und rasch können die gewünschten Inhalte bereitgestellt werden.
»Der wohl unaufhaltsame Umstieg der traditionellen Bibliotheken in digitalisierte Formen [bringt] auch beträchtliche Verluste mit sich« (Pfoser 2010, S. 236), so der Germanist und Bibliothekar Alfred Pfoser. Das hat nicht (nur) mit einem nostalgischen Blick zurück zu tun, denn Bibliotheken sind Orte der Kommunikation7 – und der »Verführung«. Es gilt also, mit den BibliotheksbenutzerInnen auf Tuchfühlung zu bleiben. Die Bibliothek mag ihre Funktion als ausschließlicher Aufbewahrungsort und Ausleihanstalt einbüßen – als Ort, wo Integration und (interkulturelles) Lernen, wo Leseförderung und Literaturvermittlung stattfinden, wird sie nach wie vor und mehr denn je gebraucht. Die öffentlichen Bibliotheken, von denen hier vor allem die Rede sein soll, reagieren auch darauf, indem sie zum Beispiel Mischformen anbieten. Peter Vodosek hat in diesem Sinne für die Bibliothek der Zukunft die Formel »Informationsbibliothek + x« geprägt (Vodosek 2011, S. 212).
3. Leseförderung und Literaturvermittlung. Drei Beispiele
Die PISA-Studien8 haben die öffentliche Wahrnehmung der Kulturtechnik Lesen gestärkt. Die Bedeutung von Lesen als einer Schlüsselkompetenz für schulischen Erfolg und damit weitere berufliche Möglichkeiten ist deutlicher in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Über die Notwendigkeit einer verstärkten Leseförderung in allen Schultypen, besonders aber für die 20 Prozent an Jugendlichen der »Risikogruppe« (Leistungsstufe I und darunter in der PISA- Wertung), herrscht allgemeiner Konsens. Aus der Perspektive der Deutschdidaktik wird nun langsam akzeptiert, worauf schon vor Jahren hingewiesen wurde (vgl. Hurrelmann 1994), nämlich dass wir eine dreifache begriffliche Ausweitung von Leseförderung brauchen:



Zugleich hat PISA aber auch den Effekt, dass zumindest der politisch-pädagogische Diskurs sich nicht wirklich auf das Lesen konzentriert, sondern auf das Abschneiden der eigenen Nation im internationalen Ranking. Das hat hektische und nicht immer gut überlegte Initiativen zur »Leseförderung« zur Folge, ohne dass genau analysiert wird, wo eigentlich die Defizite liegen. Vor allem scheint sich die Debatte um die Leseförderung zu verengen, auf den – bisher unterschätzten – Bereich der basalen Lesekompetenzen und die Fähigkeit, aus Sachtexten Informationen zu entnehmen.
Diese zweifellos wichtigen Kompetenzen werden nur allzu oft gegen das literarische Lesen ausgespielt. Was wir hingegen brauchen, ist die Wiederherstellung und Aktualisierung eines ganzheitlichen Begriffs von Lesen, der zumindest die folgenden Hauptelemente umfassen müsste:9


Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Inhalt
- Meri Disoski, Ursula Klingenböck, Stefan Krammer: Literaturvermittlung und/als (Ver)Führung. Eine Einleitung
- 1. Institutionelle Räume
- 2. Mediale Räume
- 3. Performative Räume
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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