Autonomes und lebenslanges Lernen: ein modernes, 2000 Jahre altes, Prinzip
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Autonomes und lebenslanges Lernen: ein modernes, 2000 Jahre altes, Prinzip

Erstaunliche Aktualität des spätjüdischen Bildungssystems - 3. erweiterte Auflage

  1. 300 Seiten
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Autonomes und lebenslanges Lernen: ein modernes, 2000 Jahre altes, Prinzip

Erstaunliche Aktualität des spätjüdischen Bildungssystems - 3. erweiterte Auflage

Über dieses Buch

Autonomes und lebenslanges Lernen, sind die beiden pädagogischen Grundprinzipien der Juden schlechthin. Sie haben im Judentum einen mindestens zweitausendjährigen erfolgreichen Praxistest hinter sich. Obwohl heute in der pädagogischen Literatur oft gefordert, werden sie noch immer viel zu selten und wenig effizient umgesetzt. Hier könnte viel in kurzer Zeit bewegt werden, würde man die bewährte Methode übernehmen. Dabei gäbe es allerdings ein Problem: Diese beiden Grundwerte werden den jüdischen Kindern von ihren Müttern bereits mit der Muttermilch verabreicht. Man müsste also zuerst die Eltern erziehen. (Goethe in Zahme Xenien: "Man könnt' erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären.")Ergänzt werden die Ausführungen noch durch die Rollenfunde vom Toten Meer, die uns Einblicke in das jüdische Leben in der Zeit um Christi Geburt geben, die 2000 Jahre unverändert erhalten geblieben sind und daher keinerlei Zensur oder "Verschlimmbesserung" unterworfen waren.

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Information

Jahr
2022
ISBN drucken
9783754300558
eBook-ISBN:
9783755762782
Auflage
1

1 Einleitung

Über jüdische Pädagogik zu arbeiten und zu schreiben ist allem Anschein nach kein großes Bedürfnis und wurde auch bisher in Österreich von niemandem gemacht.
So ist in der Bibliographie der Dissertationen über Judentum und jüdische Persönlichkeiten, die 1872–1962 an Österreichischen Hochschulen (Wien, Graz, Innsbruck) approbiert wurden5 , die immerhin über 500 Dissertationen auflistet, keine einzige enthalten, die von jüdischer Pädagogik handelt. Lediglich in drei Dissertationen kann man im weitesten Sinne etwas Pädagogisches erkennen:
Freistadt, Benedikt: "Die Ethik der Pirque Aboth als Paradigma einer Ethik des Judentums", Wien: Phil. Diss. 1920 (Exemplar ist allerdings in Wien nicht mehr vorhanden!)
Speigl, Josef: "Die Entfaltung der alttestamentlichen Weisheitslehre im Buche der Weisheit", Graz: Theol. Diss. 1937
Trummer, Emmerich: "Die Lehrweise der Schriftpropheten", Graz: Theol. Diss. 1960
In vielen neueren historisch pädagogischen Werken ist die jüdische Erziehung überhaupt nicht erwähnt. Was die Antike betrifft, so werden dort lediglich die römische und griechische Pädagogik, allenfalls noch die ägyptische und die babylonische angeführt.
Ein etwas breiterer Raum wird ihr in den älteren Werken, die um 1900 oder davor erschienen sind, gewidmet, doch spürt man hier ganz deutlich den katholischen Zensor, wie er dem Autor über die Schulter blickt. Die alttestamentliche Zeit wird hochgelobt, schließlich war sie ja die Vorstufe zum Christentum. Für die Zeit nach Christi Geburt wird dann ein 180-gradiger Schwenk vollzogen und alles Weitere rundweg abgelehnt. Was sich dann etwa so anhört:
"Wir finden kein Volk, in welchem das Band zwischen Eltern und Kindern höher und fester geknüpft wäre, als die Israeliten (...) Daher finden wir auch kein Volk, in welchem das Familienleben heiliger gehalten wurde (...) so finden wir doch in den alttestamentlichen Schriften eine gewaltige Summe von kerngesunden pädagogischen Grundsätzen und Vorschriften, die unvergänglichen Wert behalten (...) man lese nach dieser Richtung hin nur die sogenannten Lehrbücher oder didaktischen Schriften (...) sie sind Weisheitsbücher im wahrsten Sinne des Wortes."6
Eine Lobeshymne, zu der man sich auch als nüchterner Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts hinreißen lassen könnte, wenn man sich ausgiebig mit der jüdischen Erziehung befasst. Doch wie sieht die Konklusio aus? – Alle Hervorhebungen in den Zitaten durch Fettschrift von mir.
"... ganz besonders seit dem 1. vorchristlichen Jahrhundert (...) nahmen alle jüdischen Einrichtungen den Charakter starrer Ausschließlichkeit an, und die religiösen Anschauungen wurden zu einem einseitigen, verknöcherten Systeme ausgebildet. Es entstand eine Richtung, welche in Religion und Moral lediglich das Äußere, die Form beobachtete und in der Erklärung der Schrift den Buchstaben höher stellte als den Geist. Diese Richtung vertraten die Pharisäer; in ihnen hatte 'das entartete, geistlose, an Formen klebende Judentum seinen Körper bekommen, aber einen Körper, der gleich dem in ihm wohnenden Geiste zum Tode reif war.' (...) Wohlthätige Einwirkungen auf das Volks- und Familienleben, auf die Sittlichkeit waren von ihnen nicht mehr zu erwarten."7
"(...) das ganze Alte Testament eigentlich eine Erziehungsinstitution im höchsten Sinne ist und im Leben des zur Heiligung berufenen Volkes die pädagogische Tendenz sich überall von selbst versteht, so gelangen bestimmte pädagogische Grundsätze und Regeln nur gelegentlich zum Ausdruck."8
"Von Natur ist nun das Kind nicht geneigt, den höheren göttlichen und menschlichen Ordnungen sich zu fügen. Darum kommt es vor allem darauf an, dass sein natürlicher sündiger Eigenwille gebrochen und unter den Gehorsam gegen das höhere Gesetz gebeugt werde: 'Torheit steckt dem Knaben im Herzen, aber die Rute der Zucht treibet sie aus' (Sprüche 22,15)."9
"Wenn der Israelit früher sich harmlos dem Genusse des Lebens hingegeben hatte, so war dieser Reiz im Exile geschwunden, und sein Geist beschäftigte sich mit Vorliebe mit abstrakten Problemen, welche ihm der Vergleich zwischen Einst und Jetzt aufdrängte (...) Die zahlreichen Werke, die in der Zeit des Exils entstanden, tragen deutlich den Stempel ihres Ursprungs an sich und verfolgen hauptsächlich das Ziel, das Volk aufzurichten, zu trösten und für eine bessere Zukunft zu erziehen; sie sind größtenteils pädagogische Schriften."10
"Betrachten wir zum Schlusse die Stellung und Bedeutung, welche das Volk Israel in der Geschichte der Pädagogik hat. Vor allem dankt ihm die Menschheit und die Erziehung die Ausbildung der monotheistischen Religion (...) Selbst die wissenschaftliche Forschung stand durch Jahrhunderte lang im Abendlande unter dem Einflusse der Bibel. In ihr suchte man die Quelle alles Wissens, über welches hinauszugehen als ein Frevel gegen Gottes Wort betrachtet wurde."11
"Es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien der Weltgeschichte, dass die neueren Kulturnationen das heilige Buch eines Volkes, dessen Angehörige sie verachteten und verfolgten, dennoch andachtsvoll übernahmen (...) Liest man unbefangen heute die Bibel, so rollt sich hier eine düstere, blutige Vorzeit auf, über der die Gestalt Jahwes nur selten als gütiger Vater, zumeist als eifriger und rächender Gott schwebt. (...) und dass Jahwe, der nach der Überlieferung die Welt geschaffen haben soll, selbst die langwierige Schöpfung vieler Generationen von Propheten und Priestern ist, die ihn als einzigen herausgehoben aus buntem Polytheismus und ihn allmählich erst von einem kleinen Gaugott mit beschränkter Machtsphäre zum Weltenherrscher erhoben (…) Im Gegensatz zum Bildungsgut der Ägypter, Babylonier und Griechen hören wir so gut wie nichts von mathematischen, astronomischen, naturwissenschaftlichen Studien. Alles das ließ Jahwe nicht aufkommen, vermutlich darum, weil es im babylonischen Weltbild allzunahe mit dem zu bekämpfenden Götzendienst verquickt war. Lesen und Schreiben wurde gelernt, aber wohl wesentlich – außer zu praktischen Zwecken – zum Studium der heiligen Schriften." 12
Man beachte hierbei die zeitbedingte Ausdrucksweise in der letzten Abhandlung, welche im Jahre 1932 erschienen ist: 'kleiner Gaugott' und weiter oben, im Jahre 1898 von einem Prälaten verfasst: 'das entartete, geistlose, an Formen klebende Judentum seinen Körper bekommen, aber einen Körper, der gleich dem in ihm wohnenden Geiste zum Tode reif war.'
Das einzige umfassende neuere Werk über jüdische Pädagogik ist das als Band 14 der Reihe 'Studien und Dokumentationen zur vergleichenden Bildungsforschung' im Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1980 erschienene Buch 'Die jüdische Tradition und das Konzept des autonomen Lernens' von Kurt Graff, dem Direktor des Zentralen Institutes für Fernstudienforschung an der Fernuniversität Hagen. Wolfgang Mitter, der Herausgeber dieser Reihe, schreibt dazu im Vorwort:
„An einem wichtigen Thema europäischer und universaler Bildungsgeschichte, nämlich dem der jüdischen Tradition, exemplifizierte der Verfasser die aktuelle Bedeutung des Konzepts autonomen Lernens mit seinen sozialen und kulturellen Determinanten und Problemen. Die Studie verbindet historische und interkulturell vergleichende Fragestellungen ebenso wie zwei Ansätze, indem sie einmal nach der Einmaligkeit der 'jüdischen Tradition' und zum anderen nach der systematischen Verallgemeinerbarkeit der ermittelten und interpretierten Besonderheiten fragt."13
Ich habe mich bei den entsprechenden Kapiteln meiner Untersuchung auf diese hervorragende Arbeit gestützt. Wesentlich für das Verständnis, wie es zu dieser Sonderentwicklung der jüdischen Pädagogik gekommen ist, ist die von mir untersuchte Zeit um Christi Geburt. Den Nährboden dafür bildeten die politischen, religiösen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der damaligen Zeit.

5 Bihl Bibliographie der Dissertationen über Judentum und jüdische Persönlichkeiten, die 1872–1962 an Österreichischen Hochschulen (Wien, Graz, Innsbruck) approbiert wurden. (1965)
6 Kappes: Lehrbuch der Geschichte der Pädagogik (1898) S.57–65
7 Kappes: Lehrbuch der Geschichte der Pädagogik (1898) S.66
8 Schmid: Geschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere Zeit (1884) S.304
9 Schmid: Geschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere Zeit (1884) S.313
10 Dr. Karl Schmidt: Geschichte der Pädagogik (1886) S.323
11 Dr. Karl Schmidt: Geschichte der Pädagogik (1886) S.344f
12 Prof. Dr. R. Müller-Freienfels: Bildungs- und Erziehungsgeschichte (1932), S.117ff
13 Graff: Die jüdische Tradition und das Konzept des autonomen Lernens (1980) Vorwort S.V

2 Grundlagen der Erziehung

2.1 Historische Grundlagen

Betrachtet man die historischen Grundlagen der jüdischen Erziehung, so kommt man unweigerlich auf das Fünfbuch Moses. Moses, der als der Prophet schlechthin bezeichnet wird, ist, obwohl selbst Levit und nicht Jude, der jüdische Gesetzgeber schlechthin, und gilt neben Salomo auch als einer der Begründer der jüdischen Gelehrsamkeit.
Hellenistische Juden stellen ihn sogar als Vater aller Wissenschaft und Bildung dar. Nach Eupolemos14 ist Moses der Erfinder der Buchstabenschrift, welche von ihm erst zu den Phöniciern und von diesen zu den Hellenen gelangt ist.15
Gerade da im mosaischen Glauben, als einer Offenbarungsreligion, eben diese göttlichen Offenbarungen erst gesprochen und dann niedergeschrieben, also in Wortform übermittelt wurden, und da alle gegenständlichen Götterbildnisse verboten sind16, nimmt das Wort17 eine zentrale Stellung im Leben der Israeliten ein.
Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass das Fünfbuch Moses, also der Pentateuch so wie dieser auf uns gekommen ist, nicht von Moses selbst stammt, sondern das Werk vieler Generationen von Priestern und Schriftgelehrten ist. Diese Bücher wu...

Inhaltsverzeichnis

  1. Danksagung
  2. Widmung
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Vorwort zur 3. Auflage
  5. Vorbemerkungen
  6. 1. Einleitung
  7. 2. Grundlagen der Erziehung
  8. 3. Die Schüler
  9. 4. Die Lehrer
  10. 5. Die Schule
  11. 6. Bedeutende Pädagogen
  12. 7. Die Bildungsinhalte
  13. 8. Die Methoden
  14. 9. Sonderformen der jüdischen Pädagogik
  15. 10. Die Essener
  16. 11. Zusammenfassung
  17. Glossarium
  18. Abkürzungen
  19. Weitere Informationen
  20. Impressum

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