1. Einleitung
„Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.“3
Ovid
Der Wandel ist ein stetiger Teil des Lebens. Einem fließenden Gewässer gleich, treibt er stets voran, trägt das Alte ab oder schwemmt es gleich hinweg. Eine solche Veränderung und deren Auswirkungen sollen auch im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen, denn das 21. Jahrhundert hält für das Individuum mannigfaltige Umbrüche bereit, die sowohl das Verhalten als auch die Persönlichkeit sowie die Kompetenzen massiv beeinflussen können: Einerseits gibt es einen deutlichen Trend zur Individualisierung, auf der anderen Seite ist ein Zerfall der sozialen Milieus zu beobachten. Das Zeitalter des kollektiven Individualismus ist angebrochen, wird dominiert von Verhaltenskapitalismus, moderner Reizgesellschaft und Milieukämpfen, die teilweise bis in die Intimsphäre des Menschen vordringen – und irgendwo dazwischen findet sich der Mensch, der mehr und mehr Merkmale eines Homo stimulus annimmt. Doch was bedeutet das für die Gesellschaft? Was für das Individuum? Was für die Ausbildung in der Pflege? Auf welche Art und Weise ist mit dieser Entwicklung umzugehen? Das sind die Fragen, denen es sich auf den kommenden Seiten zu stellen sowie zu beantworten gilt.
1.1 Problemstellung
Der Lauf der Welt zeichnet sich durch Veränderung aus. Im Mittelpunkt dieses Buches sollen allerdings nicht die allgemeinen gesellschaftlichen Konsequenzen dieses Zeitenwandels stehen, sondern die konkreten Auswirkungen auf die Ausbildung in einem bestimmten Bereich: dem der Pflege, was aber zugleich nicht bedeutet, dass grundlegende Erkenntnisse nicht auch auf andere Felder übertragen werden können:
- Mit welchen Einflüssen werden daher Auszubildende im Zeitalter des kollektiven Individualismus im 21. Jahrhundert konfrontiert?
- Welche Kräfte prägen diese neue Ära?
- Wie können diese großen und unübersehbaren Trends den Einzelnen verädern?
- Was bedeutet der Homo stimulus für die Pflegeausbildung?
- Wie lässt sie sich anpassen?
Das wären die grundsätzlichen Fragen, die in dieser Arbeit gestellt, beantwortet und diskutiert werden sollen. Dabei soll der Wunsch nach der Debatte deutlich betont sein, denn die Themenstellung wagt sich unzweifelhaft auf ein Feld, das bislang noch nicht abgeerntet wurde. Zwar gibt es zahlreiche Studien und Arbeiten, die beispielsweise den Einfluss der modernen Reizgesellschaft auf den Einzelnen beleuchten, allerdings beschäftigen sich diese primär oft mit kritischen Bereichen wie der Sucht nach digitalen Medien, bleiben in der jeweiligen Disziplin verhaftet und bieten selten einen umfänglicheren Blick auf die Gesamtentwicklung. Das vorliegende Werk nutzt dagegen eine holistische, interdisziplinäre, selbstverständlich diskutable Perspektive und verengt sie anschließend auf die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, denn ohne eine solche Bündelung erscheint es weit schwieriger, die umfassenden Einflüsse auf das Individuum ausführlich darstellen zu können.
1.2 Forschungsfrage und Ziel
Der Einfluss des kollektiven Individualismus, letztendlich – wie noch zu zeigen und zu definieren sein wird – ein Sammelbegriff, ist zweifelsfrei mannigfaltig. Aus diesem Grund muss die Fragestellung noch präzisiert werden: Mit welchen Einflüssen des kollektiven Individualismus werden Auszubildende in der Pflege im 21. Jahrhundert konfrontiert, wie ist mit diesen umzugehen und die Ausbildung ggf. zu optimieren?
Dies soll daher der Schwerpunkt der kommenden Seiten sein. Das Ziel ist es daher primär, individuelle und gesellschaftliche Veränderungen der Gegenwart und der nahen Zukunft für die Pflegeausbildung darzulegen, die Folgen zu betrachten und sekundär erste Anpassungsvorschläge zu skizzieren, um auf ein geändertes Auszubildendenverhalten sowie variierende Kompetenzen reagieren zu können. Nicht Ziel ist es dagegen, die Ausbildung, Ausbildende oder Ausbildungsstätten umfassend zu beurteilen, zu kritisieren, zu reformieren oder allgemeine technologische sowie spezifische gesellschaftliche Aspekte in den Vordergrund zu rücken.
In der Summe ist davon auszugehen, dass eine derartige Fragestellung sowohl als theoretisches Objekt der Forschung wie auch für die Praxis der pflegerischen Ausbildung auf Interesse bei den jeweiligen Verantwortlichen stoßen wird und das Tor für weiterreichende Untersuchungen und Debatten öffnen kann.
1.3 Aufbau
Das Buch gliedert sich, nach dieser Einleitung, in einen deskriptiven, einen qualitativen befragenden, einen diskutierenden sowie einen lösungssuchenden Teil. Im beschreibenden Part werden zuerst die Grundlagen des Zeitalters des kollektiven Individualismus (Kapitel 2) vorgestellt. Der Abschnitt beinhaltet daher die Darlegung von Theorien zu den Einflüssen, die auf den Einzelnen im 21. Jahrhundert einwirken. Es folgen Ausführungen zur Historie, zur aktuellen Struktur der Pflegeausbildung in Deutschland sowie eine Entwicklungsgeschichte des Reizrahmens (Kapitel 3). Am Ende soll für den Leser das Stimuliumfeld klar erkennbar und damit ein Teil der Forschungsfrage beantwortet sein. Das 4. Kapitel widmet sich anschließend einer qualitativen Befragung von Auszubildenden in der Pflege sowie deren Auswertung und Einschätzung, um die Wirkungsweise des in den vorherigen Abschnitten beschriebenen Reizrahmens spezifischer erfassen zu können. Hierfür wurden Auszubildende zum Gesundheits- und Krankenpfleger im letzten Lehrjahr zu ihren Medien-, Lern- und Onlinepräferenzen, Kompetenzen und zur Bewertung ihrer Ausbildung mithilfe einer qualitativen Erhebung befragt. Kapitel 5 beschäftigt sich, unter Berücksichtigung des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstandes sowie der eigenen Befragung, mit den Folgen des kollektiven Individualismus hinsichtlich Persönlichkeit, Verhaltensmuster und Kompetenzen. Diese Variationen werden dargestellt. Damit wird der zweite Teil der Forschungsfrage beantwortet. Die Abklärung des letzten Parts erfolgt in Kapitel 6. Es präsentiert abschließend erste Lösungsansätze, die wiederum auf den bisherigen Erkenntnissen aufbauen. Ein Ausblick (Kapitel 7), das Literaturverzeichnis sowie zwei Anhänge runden die Arbeit ab.
1.4 Grundannahmen und Einschränkungen
Dieses Werk folgt der allgemeinen Grundannahme, dass variierende, sich schnell wandelnde oder auch sich abzeichnende Rahmenbedingungen Auswirkungen auf das Individuum haben und diese daher Forschungsgegenstand sein müssen, um entsprechende Anpassungen vornehmen zu können, und es nur so möglich sein kann, gesellschaftlich wertvolle und entscheidende Bereiche wie die Ausbildung im Pflegebereich erfolgreich auf die Zukunft auszurichten. Es bejaht damit ausdrücklich die Notwendigkeit der Beobachtung von Veränderungen, Ableitungen aus diesen und eine entsprechende Adaption, auch als präventive Maßnahme. Eine derartige Grundannahme bedarf immer auch einer entsprechenden Basis, die fest verwurzelt im Fundament der Wissenschaftlichkeit sowohl den Blick auf das bereits empirisch Feststellbare als auch auf darauf basierende perspektivische Entwicklungen wirft.
Dabei fließen frühere Arbeiten des Autors mit ein. In der konkreten Sache ist dies für eine hinreichende Beantwortung der Fragestellung auch notwendig, da sich der Part zum Thema des kollektiven Individualismus auf Vorarbeiten der Erich von Werner Gesellschaft4 stützt, die wiederum auf dem wissenschaftlichen Stand aufbauen sowie Lücken in diesem schlie-ßen.5 Selbstverständlich sind auch diese Arbeiten wie jeder Versuch, einen neuen und unbekannten Bereich – in diesem Fall die gesellschaftlichen Entwicklungen im 21. Jahrhundert – zu erschließen, kritisch zu diskutieren und sie wurden und werden es im nationalen und internationalen Rahmen auch.6 Als junger Forschungsstand ist der Fortgang der Debatte noch offen. Die vorliegende Arbeit stellt in diesem Bereich daher eine Fortsetzung und eine konkrete Anwendung an einem spezifischen Beispiel, der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger (bzw. zum/zur Pflegefachmann/-frau), dar. Weiterhin sei darauf verwiesen, d ass im deskriptiven Bereich die deutsche berufliche Ausbildung in den Mittelpunkt rückt. Nicht das Studium, nicht die des Helfers. Es wird daher auf diese nationalen Normen oder Gesetzgebungen Bezug genommen. Dies geschieht, um die Thematik in diesem Bereich nicht ausufern zu lassen. Besagte Beschärnkung ist für die Grundaussage dieser Arbeit allerdings ohne Belang, denn die Einflüsse des kollektiven Individualismus wirken grundsätzlich auf jedes Individuum. Die Darlegungen sowie die Erkenntnisse sollten daher – mit der entsprechenden Justierung - auf andere Vergleichsgruppen übertragbar sein. Die folgenden Seiten verzichten aus Gründen der Lesbarkeit in der Regel auf eine separat gegenderte Sprache, sehen dies aber nicht als eine Herabsetzung einer persönlichen Identität, sondern als schlichte funktionale Anpassung an die Lesegewohnheiten.
- Herteux, Andreas: Behavioral Capitalism – A New Variety of Capitalism Gains Power and Influence. Journal of Applied Business and Economics, 21(9), 2019, unter: https://doi.org/10.33423/jabe.v21i9.2688.
- Herteux, Andreas: THE HOMO STIMULUS: THE CREATION OF A NEW HUMAN BEING – SHAPED BY THE STIMULUS SOCIETY AND BEHAVIORAL CAPITALISM – IN THE AGE OF COLLECTIVE INDIVIDUALISM. Int. j. of Social Science and Economic Research, 5(1), 2020, 207–226, retrieved from: ijsser.org/more2020.php?id=14.
- Herteux, Andreas: SOCIETY IN THE 21st CENTURY: THE THEORY OF THE AGE OF COLLECTIVE INDIVIDUALISM. Int. j. of Social Science and Economic Research, 5(6), 2020, 1466–1475, retrieved from: ijsser.org/more2020.php?id=102.
2. Das Zeitalter des kollektiven Individualismus
„Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu betrachten.“7
Johann Wolfgang von Goethe
Wie Goethe bereits im einleitenden Zitat anklingen lässt, ist die Beschreibung eines Zeitalters aus diesem heraus mit erheblichen Mühen verbunden, wenngleich, und hier irrt der Dichter, nicht unmöglich. Voraussetzung hierfür ist es, das Fundament, die Säulen und die Steine des Tempelbaus zu kennen und sie anzuordnen. Dies ist allerdings etwas, was im 21. Jahrhundert leichter fällt als zu dem Zeitpunkt, als Goethe seine Worte niederschrieb, denn heute ist es mit weitaus weniger Schwierigkeiten verbunden, mannigfaltige Informationen in Erfahrung zu bringen und sie auszuwerten.8
Besagter Fortschritt macht es daher möglich, das folgende Kapitel als erste Beschreibung einer neuen Epoche zu deuten oder auch nur als umfassende Bündelung und Ordnung von Einflüssen auf die Auszubildenden in der ...