
- 208 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Schwäche zu zeigen ist in der Welt des Spitzensportes tabu, auch für das Team hinter den Sportlern. Doch Stefan Hainzl, Teamarzt der Nordischen Kombinierer, wurde immer schwächer. Selbst als er die niederschmetternde Diagnose Multiple Sklerose schon hatte, verbarg er die Symptome, so gut er konnte. Irgendwann ging es nicht mehr. Er trat gegen die Krankheit an und entwickelte allmählich seine eigene Therapie, die ihm die Kraft zurückgab und ihn beschwerdefrei machte. Ein inspirierendes und motivierendes Buch für den Kampf gegen das Schicksal Krankheit, selbst wenn sie als unheilbar gilt.
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Information
DER WAHRHEIT INS AUGE BLICKEN
Wie alles begann im Jänner 2008
In der Saison 2007/2008 betreute ich zum dritten Mal als Teamarzt der Skispringer eine komplette Vierschanzentournee. In den ersten sechs bis sieben Jahren meiner Karriere beim österreichischen Skiverband verbrachte ich viel Zeit mit den Springern. Ich war damals 32 Jahre alt und fixer Bestandteil des Teams unter Cheftrainer Alexander Pointner. In dieser Saison verspürte ich meine ersten für mich erinnerbaren MS-Symptome.
Vierschanzentournee bedeutet, kurz nach Weihnachten die Koffer zu packen, um am 27.12. in Oberstdorf zum Eröffnungsspringen anwesend zu sein. Diese Tage der Tournee waren für mich immer ganz besondere Tage. Während der Großteil der Welt zwischen den Jahren eher zur Ruhe kommt, starten die Skispringer in ein Großereignis. Alle kommen von zu Hause, von den Feiertagen mit ihren Liebsten und es liegt eine ganz besondere Atmosphäre in der Luft. Egal ob Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck oder Bischofshofen, die Orte sind noch in ein weihnachtliches Licht getaucht und voll von Menschen, die hier ihren wohlverdienten Weihnachtsurlaub verbringen oder extra angereist sind, um den Skispringern zuzujubeln. In diesen zehn Tagen wächst man als Team enorm zusammen. Wir verbringen im wahrsten Sinne des Wortes Tag und Nacht gemeinsam. Gemeinsam für ein Ziel. In Oberstdorf starten wir mit einem Nachtspringen bei Flutlicht, bevor es gleich am nächsten Morgen weiter nach Garmisch-Partenkirchen geht, wo wir traditionell gemeinsam ins neue Jahr rutschen. Nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen ging es noch kurz ins Hotel, alles einpacken und direkt weiter nach Innsbruck. Der zweite Jänner ist traditionell Ruhetag bei dieser Tournee. Somit auch mein einziger freier Tag. Florian Kotlaba, unser Pressesprecher, Toni Innauer, damaliger nordischer Direktor und ich verabredeten uns zum Langlaufen in Seefeld. Seefeld ist ein absoluter Traum für Langläufer. Es liegt auf einem Hochplateau auf 1200 Metern Seehöhe, ist dadurch sehr schneesicher und bietet verschiedenste in unterschiedlichsten Schwierigkeitsgraden angelegte Langlaufloipen. Hunderte Kilometer Loipen sind gespurt. Einige verlaufen nur in der Ebene, ohne Anstiege oder schwierige Passagen, andere führen von einem Ort zum nächsten und wieder andere sind geprägt von ihren steilen Anstiegen und langen Abfahrten.
Dieser Ruhetag war für mich so wichtig, denn ich konnte endlich wieder was für mich tun. Als Mitglied im Nationalteam der Skispringer geht es an den Wettkampftagen ausschließlich um das Wohl der Mannschaft. Wir Betreuer stehen stundenlang an der Schanze und sorgen dafür, dass die Springer sich ausschließlich aufs Springen konzentrieren können. Wir tragen ihre Schuhe, filmen die Sprünge, wärmen die Springer auf, spielen Ballspiele und vieles mehr. Das System unter Alexander Pointner hat sicher auch deshalb so erfolgreich funktioniert, weil wir alle einen Platz in diesem Team hatten. Oft einen, der nichts mit unserem eigentlichen Aufgabenbereich zu tun hatte, aber wir alle waren bereit, alles für dieses Team zu tun. Ich versuchte mich hin und wieder ein wenig rauszustehlen, wollte manches Mal vor dem Wettkampf nicht mit in die Turnhalle, weil ich lieber etwas für mich tun wollte und keinen Sinn darin sah, mit den Athleten und Betreuern Volleyball zu spielen. »Das kommt nicht in Frage«, entgegnete mir Alexander Pointner. »Du bist ein wichtiger Teil des Teams. Ich brauche dich in der Turnhalle. Ich brauche deinen Humor und wir alle gehen gemeinsam, denn wir sind ein Team.« Ich ging mit. So stellte ich mich in den gesamten Tagen mehr oder weniger gewollt in den Dienst des Teams und fieberte dem Ruhetag regelrecht entgegen. Ich brauchte sportliche Bewegung in meinem Alltag so sehr.
Flo, Toni und ich brachen auf, um gemeinsam in Seefeld die Möserer Runde zu laufen. Im strahlenden Sonnenschein starteten wir unsere Runde im Stadion in Seefeld. Wir ließen das Weltcupstadion und die Skisprungschanze zu unserer Linken liegen und liefen über die Ebene bis hin zum ersten langen Anstieg, anschließend weiter über ein erneutes wunderschönes, weites Plateau. Nach einer Kehrtwende liefen wir zurück in Richtung Seefeld. Erneut einen langen Anstieg bergauf, Toni und Flo die ganze Zeit direkt vor mir. Es folgte eine lange Abfahrt mit einer langgezogenen Rechtskurve. Ich gewann an Geschwindigkeit, musste mich konzentrieren, um auf den dünnen Langlaufskiern und bei der Geschwindigkeit in der Kurve gut umzusteigen. Plötzlich das Gefühl, ich habe etwas im Auge. Etwas stimmte nicht. Da war kein Fremdkörper, das bemerkte ich schnell, und dennoch konnte ich nicht mehr richtig sehen. Ich sah rote Ringe und wusste sofort, hier war etwas nicht in Ordnung. Ich ließ ein wenig mehr Abstand zu meinen beiden Freunden. Ließ mich etwas zurückfallen. »Was ist hier los?«, schoss es mir durch den Kopf. Auf der Ebene, als die Geschwindigkeit wieder langsamer wurde, blieb ein seltsames Gefühl, und ich konnte die Farben nicht mehr in der gewohnten Intensität wahrnehmen. Ich spürte tief in mir, dass da etwas passierte, was gar nicht gut war und was mich ängstigte, ich riss mich zusammen, schloss zu den anderen beiden auf und tat so, als sei nichts gewesen.
HALBBLIND IN DER MENSCHENMENGE
Spätestens in Bischofshofen konnte ich mir nicht mehr einreden, dass alles in Ordnung war. Wir waren beim Abschlussspringen der Tournee. Ein Nachtlichtspringen in grellem Flutlicht vor tausenden von Menschen. Ich fühlte mich schon den ganzen Tag unwohl, dieses Gefühl, dass etwas mit mir und meinem Auge nicht stimmte wurde immer stärker, ich war erschöpft von der Tournee und müde. Das Athletendorf war oben an der Schanze aufgebaut. Ein Baucontainer neben dem anderen. Unser mobiles Zuhause. Hier verbrachten wir die Stunden während dem Springen. In einem Container ziehen sich die Athleten um, in einem weiteren sind die Serviceleute zu Hause und präparieren die Ski. Eine meiner Aufgaben während der Wettkämpfe war es, den Athleten Schuhe und Kleidung zum Überziehen in den Auslauf zu bringen, damit sie sich direkt nach dem Sprung ihrer Sprungschuhe entledigen und sich etwas Warmes überziehen konnten. Ich sammelte oben im Athletendorf bei der Schanze die Rucksäcke mit Schuhen und Kleidung ein und fuhr dann mit einem Sessellift hinunter in den Auslauf, um dort den Athleten ihre Sachen unmittelbar nach dem Sprung zu übergeben. Vom Sessellift aus führte mein Weg jedes Mal durch die Menschenmenge an der Schanze. Wie immer traf ich in diesem Trubel viele bekannte Gesichter. Bischofshofen war ein beliebter Treffpunkt und ein Heimspringen für unsere Mannschaft, immer wieder riefen Menschen meinen Namen oder lächelten mich erwartungsvoll an, um mich zu einem kurzen Smalltalk einzuladen. Ich konnte aber in diesem Licht und bei diesen vielen Menschen die Gesichter nicht fixieren und scharf stellen. Inmitten der vielen Menschen wurde mir bewusst, dass ich mich, sobald ich wieder zu Hause sein würde, untersuchen lassen musste.
Kurz nach meiner Heimkehr kontaktierte ich eine befreundete Augenärztin. Susanne, die im Krankenhaus in der Augenambulanz arbeitete. »Irgendetwas stimmt mit meinem linken Auge nicht. Ich kann nicht fixieren, nicht fokussieren und die Intensität der Farben ist ganz anders als auf dem rechten«, erklärte ich ihr meine Beschwerden. Sie bemerkte an meiner Stimme die Dringlichkeit meines Anliegens und lud mich ein, noch in derselben Woche bei ihr vorbeizukommen.
Nach einem kurzen Gespräch nahm ich auf einem klassischen Augenarztsessel Platz. Eine gefühlte Ewigkeit schaute mir Susanne in die Augen. Dann rückte sie zurück, nahm etwas Abstand und sagte: »Ich sehe nichts Ungewöhnliches.« Verwirrt fragte ich nach. »Das kann nicht sein. Da ist etwas. Ich kann die Farben auf dem Auge nicht so intensiv sehen, es ist total seltsam, da muss etwas sein«, entgegnete ich ihr. »Ok, warte.« Sie reichte mir verschiedene Farbstifte. »Schließe das linke Auge und schaue dir den blauen Stift nur mit dem rechten Auge an. Dann schließe das rechte Auge und schaue dir den blauen Stift mit dem linken Auge an. Bemerkst du einen Unterschied?« »Und ob! Rechts ist alles intensiver.«
Da wurde mir meine extreme Farbschwäche zum ersten Mal so richtig bewusst. Eine Schwäche, die mich fortan über Jahre begleiten sollte. Für mein linkes Auge war Rot nicht mehr gleich Rot. Der rote Stift war nicht durchgehend rot, sondern ich sah überall schwarze flackernde Punkte über den Stift verteilt. »Dein Auge ist vollkommen in Ordnung. Das hat nichts«, wiederholte meine Kollegin Susanne. »Aber ich würde dich gern in die neurologische Ambulanz überweisen. Die sollen die Nervenleitgeschwindigkeit deines Sehnervs untersuchen, vielleicht kommen deine Symptome daher.«
Sie vereinbarte für mich sofort einen Termin in der neurologischen Ambulanz, wo derartige Untersuchungen durchgeführt werden. Ich ging in die Ambulanz und wurde dort untersucht. Es wurden Elektroden an mein Gehirn angeschlossen. Ich nahm vor einem Bildschirm Platz und schaute dort auf eine Art flimmerndes Fernsehbild. Während ich das Bild ansah, wurde die Nervenleitgeschwindigkeit meines Sehnervs über die Elektroden an meinem Kopf gemessen. Ich spürte deutlich, dass meine Augen unterschiedlich reagierten. Die Untersuchung strengte mich unglaublich an. Das Ergebnis war eindeutig. Die Nervenleitgeschwindigkeit meines linken Sehnervs war im Vergleich zum rechten deutlich verlangsamt. Mit meinem Befund ging ich zurück in die Augenabteilung.
»Du hast eine Optikusneuritis, eine Entzündung des linken Sehnervs. Der nächste Schritt ist nun, eine MRT (Magnetresonanztomografie) vom Schädel durchzuführen, um die Ursache herauszufinden«, erklärte Susanne mir. Ich war sprachlos. Die Ursache in meinem Gehirn suchen, das klang nicht gut. Sie äußerte keinen Verdacht und ich wollte auch keinen hören. Sie empfahl mir, nach Hause zu gehen und mich das kommende Wochenende auszuruhen. Ich hatte schließlich zwei anstrengende Wochen hinter mir.
Heute ist mir klar, dass ich als Allgemeinmediziner zu diesem Zeitpunkt genauso gut wie sie hätte wissen müssen, dass die MRT zur Abklärung einer möglichen Multiplen Sklerose durchgeführt werden sollte. Ich hatte im Studium gelernt, dass eine Optikusneuritis, eine Sehnerventzündung, eines der häufigsten Erstsymptome bei Patienten mit MS ist. Aber in diesem Moment vergrub mein Gehirn diese Information tief in meinem Unterbewusstsein und verwehrte mir zumindest vorerst den Zugang dazu. Vermutlich, um mich vor dem Schock zu schützen.
DER ZEITPUNKT DER ERKENNTNIS
Ich ging also nach Hause. Ich wollte allein sein. Meine Wohnung war nur wenige Minuten vom Krankenhaus entfernt. Wie ferngesteuert ging ich ins Wohnzimmer, direkt auf das schmale Bücherregal zu, in dem all die Bücher aus meinem Medizinstudium nebeneinanderstanden. Ein gezielter Griff zum Neurologiebuch. Register. Optikusneuritis. Seite 123. Das erste Wort, fettgedruckt: Multiple Sklerose. Meine Gedanken überschlugen sich. Das hatte ich doch gelernt! Das wusste ich doch! Dann machte sich Stille in mir breit. Eine unangenehme, durchdringende Stille gepaart mit der Gewissheit: Ich habe MS! Ich wusste es nun. Wahrscheinlich hatte ich es sogar schon vorher gewusst, aber jetzt mit einer unumstößlichen Gewissheit. Ich. Habe. Multiple Sklerose. Dieser Moment riss mir den Boden unter den Füßen weg. Darauf war ich nicht vorbereitet. Wer ist das schon? Ich kann heute nicht mehr sagen, ob mich diese Erkenntnis völlig überrascht hatte. Was ich sicher sagen kann, ist, dass mein Bewusstsein absolut nicht darauf vorbereitet war. Vielleicht, nein wahrscheinlich, gab es den Teil in mir, der es geahnt hatte. Dieser Teil hatte mich hierhergebracht. In meine Wohnung mit dem Buch in der Hand. Total einsam. Verwirrt und ohne Boden unter den Füßen.
Als ich wieder halbwegs bei Sinnen war, rief ich meine damalige Freundin und heutige Frau Laura in München an. »Beruhig dich. Du hast doch noch gar keine Gewissheit. Die MRT kann etwas ganz anderes ergeben und du erwartest jetzt schon das Schlimmste. Vielleicht gibt es hundert andere mögliche Ursachen«, hörte ich sie optimistisch ins Telefon sagen. Ich glaubte ihr nicht. Ihr Optimismus und meine entgegengesetzte Gewissheit, dass es mit mir weiter bergab gehen werde, sollte uns noch vor viele Zerreißproben in unserem gemeinsamen Leben stellen. Laura war immer voller Hoffnung, immer sicher, dass alles gut werden wird, ich jedoch war meist vom Gegenteil überzeugt. Sie spürte, dass ich sie jetzt bei mir brauchte, und organisierte für den nächsten Tag einen Zug, um mich zu besuchen. Und stand mir in den kommenden Wochen vor Ort zur Seite, wofür ich ihr unendlich dankbar war und bin.
ERSTMALS IN DER RÖHRE
Am folgenden Montag bekam ich einen Termin für die MRT. Ich war privilegiert, keine Frage. Ich kannte alle Ärzte in der Umgebung und bekam überall schnell einen Termin. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie dieser Zustand der Ungewissheit für jemanden ist, der Wochen auf den nächsten Termin warten muss.
Der Tag der MRT kam, und ich lag in dieser engen Röhre. Das erste Mal. Viele weitere Male sollten folgen. Ich bat Laura, in der Wohnung auf meine Rückkehr zu warten. Ich wusste, ich musste, bevor ich zu ihr zurückging, eine Weile alleine sein, wenn ich die Diagnose schwarz auf weiß bekommen sollte. Denn mir war klar, ich würde in diesem Moment der Wahrheit niemandem in die Augen schauen können. Ich wusste, ich musste da alleine durch. Ich wollte da alleine durch.
Zuständig für die Befundung war ein mir bekannter Radiologe. Die Radiologie-Assistentin wies mich an, wie ich mich auf die Liege zu legen hatte, und fixierte mich. Dann kam der Radiologe noch einmal herein: »Sollte ich Auffälligkeiten erkennen, komme ich nochmal herein und spritze dir Kontrastmittel.« Mir war also klar: Wenn er während der MRT-Untersuchung nicht wiederkommen wird, ist das ein gutes Zeichen. Lange dachte ich, er käme nicht. Ich wusste nicht, wie lang so eine MRT des Schädels dauert. Ich hatte auch kein Zeitgefühl, aber ab einem bestimmten Moment beschloss ich: Er kommt sicher nicht mehr. Und doch, da war er. Plötzlich berührte mich eine Hand und der winzig kleine Hoffnungsschimmer zerplatzte wie eine Seifenblase. Ich hatte ihn nicht kommen hören, hatte ihn nicht gesehen, mein Kopf steckte in der Röhre und Kopfhörer schützten meine Ohren vor dem extremen Lärm des Magnetfeldes. Nein, dachte ich nur. Nein. Ich liege hier schon so lange Minuten, das darf nicht wahr sein. Festgebunden auf der Liege, eine Achterbahn im Kopf, kam ich mir vor wie gefangen in meinem eigenen Alptraum. »Nicht schrecken«, sagte er. Und holte mich damit aus dem Gedankenkarussell. Es folgte ein Stich und Kontrastmittel floss in meinen Körper. Der Radiologe hatte also etwas gesehen. In meinem Kopf war also etwas nicht in Ordnung. Sonst wäre er nicht hier und würde mir dieses Mittel spritzen.
Dann wurde ich losgebunden, stieg von der Liege herunter, wurde zurück in die kleine Umkleidekabine geführt, von der aus ich ins Wartezimmer ging.
»Der Herr Doktor möchte, dass Sie noch kurz hier warten. Er würde gerne den Befund mit Ihnen besprechen«, sagte jemand zu mir. Ich sträubte mich dagegen: Was? Nein! Ich möchte hier weg. Ich kenne den Befund. Ich kenne die Wahrheit.
Ich saß eine gefühlte Ewigkeit auf meinem Stuhl. Saß zwischen den anderen Patienten und überlegte, auf was für eine Art von Befund hier jeder einzelne wartete. Schlimmer als mich hatte es hier wohl niemanden getroffen. Da war ich mir sicher. Endlich wurde ich in ein kleines Besprechungszimmer geführt. Da saß ich nun, mir gegenüber rutschte der Radiologe auf seinem Stuhl hin und her, wir waren per Du, hatten früher oft gemeinsam Fußball gespielt. Ein Blick reichte aus. Ein Blick in die Augen dieses Mannes und er hätte kein Wort mehr sagen müssen. Tat er aber doch. »Wir haben einiges gefunden, was auf ein entzün...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Impressum
- Titel
- INHALT
- Widmung
- VORWORT
- AM ZIEL
- DER TIEFPUNKT
- DER WAHRHEIT INS AUGE BLICKEN
- DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT
- HIMMELHOCH JAUCHZEND – ZU TODE BETRÜBT
- MEINE GENE SIND NICHT MEIN SCHICKSAL
- WIENER HOFFNUNG
- ALLES AUF EINE KARTE
- DER ANFANG VOM ENDE
- COMEBACK INS LEBEN
- MEIN TÄGLICHES ERNÄHRUNGSRITUAL
- Dank