JESUS UNTERWEGS IN SEINEM AUFTRAG
Berufung der Jünger
Während meines Studiums freute ich mich immer, wenn beim Übersetzen der altgriechischen Texte der Satz
...“ auftauchte, was gleichbedeutend ist mit „Jesus sagte ...“ Warum mich das freute? Weil mit diesem Satz immer wieder Belehrungen und Geschichten eingeleitet werden, wodurch das „
...“ zu einem Lesezeichen wurde, das mich sicher durch den abschnittslosen Originaltext leitete. Dazu Beispiele:
Jesus sagte: Wem soll ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen? Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann in seinem Garten in die Erde steckte; es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen. (Lk13,18-19)4
Als ich mit der Spurensuche nach dem Menschen Jesus begann, verwandelte sich dieser Satz aber fast in sein Gegenteil, weil er nicht selten zu einem Podest gerät, auf das Jesus gestellt und als Lehrer und Gottmensch fast unberührbar wird.
Die Theologie spricht in diesem Fall von kerygmatischen5 Texten, die in ihrem Kern auf Belehrung ausgerichtet sind und nicht so sehr auf die Schilderung der sachlichen Realität. Das gilt auch für Erzählungen über die Berufung seiner Jünger, worin der Evangelist Matthäus ohne weitere Erklärung schreibt:
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer. Da sagt er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie, und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus. (Mt4,18ff)
Offensichtlich liegt die Erklärung auf der Hand. Jesus ruft, und seine geistige Macht bewirkt, dass die Männer sofort kommen.
Oder war es doch anders?
Lukas erweist sich in diesem Fall als sorgfältigerer Chronist der Ereignisse. Er schreibt, dass Jesus schon länger im Auftrag seines Vaters unterwegs ist, und sich die Leute um ihn drängen, um ihm zuzuhören.
Ob aus Neugierde, aus wirklichem Interesse? Wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass sie von ihm fasziniert sind und seine Nähe suchen.
Um die Gruppe vor sich zu haben und um besser verstanden zu werden, bittet er Simon, der gerade mit seinen Netzen beschäftigt ist, ihn mit dem Boot aus der unmittelbaren Ufernähe zu rudern.
Jesus steigt in das Boot, das dem Simon gehört, und bittet ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzt er sich und lehrt das Volk vom Boot aus. Als er seine Rede beendet hat, sagt er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus! Simon antwortet ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.
Das tun sie, und sie fangen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohen. Deshalb winken sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kommen und gemeinsam füllen sie beide Boote bis zum Rand, so dass sie fast untergehen.
Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh’ weg von mir; ich bin ein Sünder. Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten; ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm. (Lk5,3-11)
Wer immer Fischer bei ihrer ernsten und schweren Arbeit beobachtet, der kann sich unschwer vorstellen, dass sich die Brüder nur mit halber Aufmerksamkeit um das Treiben der Leute kümmern, die mit Jesus in Ufernähe auftauchen. Dass ihm Petrus sein Boot zur Verfügung stellt, gebot wahrscheinlich die Höflichkeit und natürliche Hilfsbereitschaft des Fischers. Wie es aber dazu kommt, dass Petrus dem absurden Wunsch von Jesus nachgibt, am Tag, zu einer ungewöhnlichen Zeit nochmals hinaus zu rudern und die Netze auszuwerfen? Das müssen wir der inneren Begegnung dieser beiden Menschen überlassen. Sind es die Worte, die Petrus von Jesus gehört hat, ist es seine Persönlichkeit, seine Ausstrahlung? Wahrscheinlich alles zusammen.
Wieder stehen wir vor einem Geheimnis, das kaum erklärbar, aber innerlich ganz leicht zu erspüren ist.
Petrus tut, was Jesus von ihm verlangt und wird belohnt. Er wird belohnt in einer überwältigenden Weise und begreift, dass die Dinge, deren Zeuge er werden durfte, einer anderen Wirklichkeit angehören und fällt auf die Knie.
Doch dieses Begreifen führt uns weit weg vom Menschen Jesus. Zu deutlich erweist sich in diesem Ereignis die göttliche Handschrift. Und dennoch schimmert selbst in diesem Augenblick der Mensch durch. Jesus tröstet Petrus und sagt zu ihm, er solle sich nicht fürchten. Damit holt er ihn auf den Boden der Realität zurück, die ganz eng mit ihm, dem mitfühlenden Menschen zu tun hat.
Etwas verwirrend ist es schon, wenn man nach den Berufungstexten der Synoptiker6 den Bericht des Johannesevangeliums zum selben Thema aufschlägt.
In diesem Bericht wird Andreas, der Bruder des Simon, als Jünger des Johannes vorgestellt, der Jesus nachgeht, um zu erfahren, was es mit dem Lamm Gottes auf sich hat, das Johannes der Täufer in ihm sieht.
Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels. (Joh1,36-42)
Wie war es nun wirklich? Hat das Johannesevangelium richtig berichtet oder das Lukasevangelium? Worauf kann man sich verlassen, wenn nicht einmal auf die chronologische Abfolge der Ereignisse? Was stimmt jetzt? Zweifellos haben sich über diese Frage schon viele TheologInnen den Kopf zerbrochen und es liegt nicht an uns, diese Ungereimtheiten zu erklären.
Wenn wir den Widerspruch aber einfach stehen lassen und nur das inhaltliche Geschehen betrachten, dann lässt sich allerdings ein Zusammenhang herstellen. In dem einen Fall, in der Berufungsgeschichte am See, findet Jesus die Jünger, im Johannestext lässt er sich finden. Auf dem See überzeugt er sie durch ein offensichtliches Wunder, im Johannestext überzeugt er sie durch seine Art zu sein. Damit wird die Frage, wie es wirklich war, an den Rand gedrängt und der Blick auf den Menschen Jesus wieder frei.
Vielleicht taucht in uns jetzt der Gedanke auf: die Jünger hatten es damals viel einfacher als wir. Sie sahen die Wunder und konnten daher viel leichter an ihn glauben.
Aber was ist mit uns? Wer überzeugt uns?
Um diese Frage auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen, können wir wieder im Evangelium nachblättern und die Stelle aufsuchen, wo sich Jesus einmal bitter beklagt, dass seine vielen Wunder wirkungslos versandeten und in den Herzen der Menschen kaum Spuren hinterließen.
Dann begann er den Städten, in denen er die meisten Wunder getan hatte, Vorwürfe zu machen, weil sie sich nicht bekehrt hatten: Weh dir Chorazin! Weh dir Betsaida! Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche Buße getan. Ja, das sage ich euch: Tyrus und Sidon wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie euch. Und du Kafarnaum, meinst du etwa, du wirst zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du hinab geworfen. Wenn in Sodom die Wunder geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute. Ja, das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts nicht so schlimm ergehen wie dir. (Mt11,20-24)
Diese Anklage kommt aus einem leidenschaftlichen Herzen. Wir spüren, wie die Enttäuschung über die Vergeblichkeit seiner Arbeit ihn bitter werden lässt. Wie er die Menschen mit Bildern aus der Vergangenheit konfrontiert, die ihnen allen mehr als geläufig sind. Selbst uns sind noch die Städte Sodom und Gomorrha ein Begriff, die für ihre Verworfenheit dem Untergang geweiht wurden. Ob sie durch ein Erdbeben zerstört wurden oder einem Vulkanausbruch zum Opfer fielen, tut nicht wirklich viel zur Sache.
Auch die Städte Tyrus und Sidon, berüchtigte Hafenstädte, wo der Götzendienst und das Laster blühten, werden von ihm heraufbeschworen, um sie gegenüber der Hartherzigkeit seiner bevorzugten Wirkungsstätten ins Treffen zu führen. Er nimmt den Stolz von Kafarnaum ins Visier und torpediert ihn, ohne Rücksicht auf die Gefahr, in die er sich durch seine Worte begibt.
Immer wieder überrascht uns Jesus durch seinen Mut. Wie ein roter Faden zieht sich diese Haltung durch seine Gespräche und Auseinandersetzungen, wenn er der Anmaßung, der Besserwisserei und der Undankbarkeit begegnet.
Obwohl Jesus die Bewohner von Kafarnaum so massiv angreift, bleibt seine Vorliebe für diese widerspenstige Stadt ungebrochen. Offenbar scheinen hier die Leute mehr aus innerer Schwäche und Gedankenlosigkeit nichts zu begreifen, während er in Nazareth, in seiner Heimatstadt, mit offener Ablehnung fertig werden muss. Wie in einem ganz normalen Familiendrama wird hier offenkundig, wie wenig der eigene Sohn, der Sohn des Zimmermanns, hier Anerkennung findet:
Jesus kam in seine Heimatstadt, und seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Josef und Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen, wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und bei seiner Familie. Und er konnte dort keine Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben. (Mk6,1-6a)
Das „Anstoß nehmen“ nimmt nach Lukas allerdings sehr massive Formen an. Als Jesus auf das Alte Testament Bezug nimmt und sie daran erinnert, dass der Prophet Elija nur zu einer Witwe in Sarepta7 gesandt wurde, die er vom Hungertod errettete und nur der Syrer Naaman durch den Propheten Elischa geheilt wurde8, geschieht es:
Als die Leute, in der Synagoge das hörten, gerieten sie in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Er ging hinab nach Kafarnaum, einer Stadt in Galiläa, und lehrte die Menschen am Sabbat. Sie waren alle betroffen von seiner Lehre, denn er redete mit (göttlicher) Vollmacht. (Lk4,28-32)
Die Leute von Nazareth wollen Jesus steinigen, aber er entzieht sich ihnen. Wie es ihm dabei ergangen ist? Wie sich die Ablehnung und Wut der Leute für ihn angefühlt hat, in deren Häuser er als Kind und Jugendlicher aus- und eingegangen ist? Sicher sind einige darunter, die er gernhatte und von denen er Verständnis erwarten konnte, gerade weil sie ihn gut kennen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Nirgends gilt ein Prophet so wenig wie in seiner Heimatstadt, eine bekannte Tatsache. Doch dadurch wird es für Jesus nicht leichter. Seine Gefühle, seine Erwartungen werden doppelt verletzt, weil er nicht nur als Botschafter seines Vaters abgelehnt wird, sondern auch persönlich, als Mensch. Es ist kein leichter Auftrag für den Menschen Jesus, im Dienst seines Vaters zu wirken und manchmal wird ihm das Herz schwer geworden sein – so wie uns, wenn wir vergeblich versuchen, es allen recht zu machen und trotzdem nur Kopfschütteln und Ablehnung zu spüren bekommen.
Doch zurück zur Berufung der Jünger. Auch dabei war Jesus nicht immer so erfolgreich, wie es vielleicht am Beginn seiner Missionstätigkeit den Anschein hatte.
So berichtet uns Markus:
Als sich Jesus wieder auf den Weg mac...