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- German
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Die Tübinger Schwestern
Über dieses Buch
Die drei Schwestern Barbara, Helene und Josephine wachsen behütet in ihrem Tübinger Elternhaus auf. Doch mit dem Ende ihrer Jugend zieht es eine nach der anderen hinaus in die Welt. Welches Leid, welches Liebesglück, welche Erfahrungen werden ihnen beschieden sein?Detailreich beschreibt der Roman das Leben um 1900 im Königreich Württemberg, auf Norderney, in London und Zürich und bezieht dabei historische Ereignisse und Persönlichkeiten mit ein.
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KAPITEL 1
Juli 1900
Das Mädchen lag in seinem in Pastelltönen gehaltenen Zimmer auf einer weich gepolsterten Ottomane, in der Hand einen himmelblauen Briefbogen. Der zugehörige Umschlag mit ausländischen Briefmarken mit dem russischen Kaiserwappen und einem Petersburger Poststempel war zu Boden gefallen. Barbara erstarrte beim Lesen der eilig hingeworfenen Zeilen, als sie erkannte, dass er nicht käme, und zwar aus „geschäftlichen Gründen“, wie er das nannte. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Wie sehr hatte Barbara doch sein Kommen ersehnt!
Aber ihre Eltern würden sich strikt gegen eine Reise nach Petersburg aussprechen, das war ihr sofort klar. Bitterkeit stieg in ihr auf, aber auch süße Erinnerungen an die Zeit, als alles begonnen hatte. Barbaras Blick verschleierte sich.
August 1899
Das Ende des Tübinger Sommers war nicht mehr fern. Die Apfelbäume neigten sich unter ihrer schweren, süßen Pracht. Am Rande der üppigen Felder nickten die Sonnenblumenköpfe dem Betrachter freundlich zu. Näherte man sich der Olgastraße, so ertönte hinter der Waltherschen Ligusterhecke fröhliches Lachen, Neckereien wurden hin und her geworfen. Im elterlichen Garten spazierten drei Schwestern auf und ab, die am Vortag aus der Karlsbader Sommerfrische zurückgekehrt waren. Während die Finken und Spatzen von dem breiten Birnbaum ihr Liedchen pfiffen, genoss das Trio die letzten warmen Ferientage vor dem Schulbeginn.
Barbara, die Älteste, groß und fraulich, mit einem kecken Näschen, das hellbraun gelockte Haar fiel ihr mit ihren achtzehn Jahren in einem lockeren Zopf über die Schultern, beugte sich zu Josephine, der jüngsten Schwester, hinüber. Wissend blinzelte sie ihr mit ihren rehbraunen Augen zu und tat kund, dass die fremdländischen Austauschstudenten schon am nächsten Tag in der etwas verschlafenen süddeutschen Universitätsstadt eintreffen würden. Ein grünbrauner Nixenblick wurde ihr von der vier Jahre jüngeren Josephine zurückgeschickt, deren gewölbte Lippen sich nun zu einem breiten Lächeln verzogen, während sie ihre dunkelblonden Zöpfe über die Schultern zurückwarf. Der sechzehnjährige Backfisch Helene, etwas schmaler als die anderen beiden und von eher dunklem Typ, ging aufgeregt hin und her. Es müsste doch eine Möglichkeit geben, die fremden Studenten näher kennenzulernen!
Die immer noch starke Sommersonne reckte ihre Strahlen bis in den Waltherschen Garten. Purpurne Stockrosen lehnten schläfrig an der Hausecke. Die drei Mädchen nahmen das Brummen der Hummeln wahr, die sich an den lilaroten Sonnenhutblüten gütlich taten, während sie in der letzten Augustwärme beratschlagten, was zu tun sei.
„Susannas Familie quartiert zwei der Studenten bei sich ein“, wusste Barbara und teilte diese Information, die sie von ihrer besten Freundin hatte, mit den Jüngeren. Schließlich einigten sich die drei Schwestern darauf, am kommenden Morgen wie zufällig am Marktplatz vorbeizuschlendern, um nichts zu verpassen. Die Ankunft der fremdländischen Kutschen war jedes Jahr ein großes Ereignis, das von der gesamten Tübinger Jugend mit Spannung erwartet wurde. Die Eltern, denen von der treuen Ida der Kaffee in der Gartenlaube serviert wurde, wurden rasch befragt. Sie hatten nichts gegen die Pläne ihres Dreiergespanns einzuwenden, der Ankunft der Austauschstudenten beizuwohnen, und blickten den stürmisch fliegenden Zöpfen lächelnd hinterher.
Am nächsten Tag befanden sich die drei Walther-Mädchen also unter der Menschenmenge, die die Anreisenden in Empfang nahm. Es gab ein großes Gedränge, denn jeder wollte etwas sehen. Auch Josephine und ihre Schulkameradinnen Dora und Grete reckten ihre bezopften Köpfe wippend nach vorn und winkten einander in der Menschenmenge kurz zu. Dora stand vergnügt bei ihren Eltern, wohingegen das rundliche Gesicht Gretes von ihren hoch aufgeschossenen Brüdern Hubert und Kurt begleitet wurde, welche ihre kleine Schwester und deren Freundinnen gerne an den Zöpfen zogen. Josephine versuchte, diesen beiden Flegeln möglichst aus dem Weg zu gehen.
Eigentlich sollten die Wagen schon eingetroffen sein, doch kein ratterndes Geräusch war auf dem Kopfsteinpflaster zu hören. Stattdessen vernahm man scharrende Hufe und das Schnauben der wartenden Kutschpferde am Rande des Platzes, Kindergeschrei und Stimmengewirr. Aufregung lag in der Luft, doch man musste sich noch eine Weile gedulden.
Barbara entdeckte unter all den Zylindern, Kopftüchern und ausladenden Hüten ihre Schulfreundin Susanna, die ein herrliches zartrosa Kleid und passende Schleifen in ihren blonden Zöpfen trug, und kämpfte sich bis zu ihr vor. Es stellte sich heraus, dass Susannas Eltern ein Zimmer in ihrem Hause in der Haag-Gasse nahe des Marktplatzes an zwei russische Studenten vermieteten. Susannas Eltern und die ältere Schwester Bettine waren gekommen, um die beiden Mieter abzuholen und in ihr neues Domizil zu geleiten. Barbara und ihre Freundin drängelten sich nach vorne und standen schließlich in der ersten Reihe, als die staubigen Droschken auf dem Marktplatz einfuhren. Die Mädchen beobachteten die aus den Wagen steigenden jungen Männer. Einer, ein großer Dunkler mit ordentlich gescheiteltem Haar, fiel Barbara sofort ins Auge. Als er zufällig in ihre Richtung blickte, errötete sie und wandte sich schüchtern ab. Noch verlegener aber wurde sie, als sich eben jener junge Russe als einer entpuppte, der Susannas Familie zugeteilt worden war! Er hieß Dimitri und zog mit seinem Kommilitonen Alexander bei Susanna ein.
Da Susannas Haus nicht weit vom Tübinger Marktplatz entfernt lag, ging man die paar Schritte zu Fuß. Wie selbstverständlich schlossen Barbara und ihre jüngeren Schwestern sich dem kleinen Zug an. Dimitri wechselte höfliche Worte mit seinen Wirtsleuten, dann befand er sich plötzlich neben Barbara und sagte, während sein dunkler Blick ihr durch und durch ging, er habe noch nie so wundervolle, runde hellbraune Augen gesehen.
Den Rest des Tages durchlebte Barbara wie im Nebel. Sie sah nur noch den fremden schönen Russen mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen und den dichten Brauen über den dunklen Augenstrudeln vor sich, hörte seine östlich rau gefärbte Stimme und wandelte wie im Traum. Die jüngeren Schwestern neckten sie deswegen auch noch den Rest der Woche, doch nicht einmal das konnte ihr etwas anhaben.
Die Eberhard-Karls-Universität öffnete ihre Pforten und für die Waltherschen Mädchen begann nach den Sommerferien die Schule wieder. Blanke, reife Pflaumen an den Bäumen verhießen eine reiche Ernte und waren in den Pausen zwischen den einzelnen Stunden recht beliebt. Langsam folgte das dunkelblau-träge Neckarwasser seinem gewundenen Weg durch das Städtchen, während sich die überhängenden Büsche an den Uferhalden zögernd gelblich färbten.
Barbara, von Natur aus träumerisch veranlagt, verlor sich in ihren Gedanken und hatte größte Mühe, dem Unterricht mit Aufmerksamkeit zu folgen. Die französischen Verben wollten sich ihr nicht einprägen, die mathematischen Gleichungen ließen sich nicht lösen und auch längst bekannte Gedichtzeilen sowie die Texte der oft gesungenen Vaterlandslieder wollten ihr nicht mehr einfallen.
„Fräulein Walther, Ihre Mitarbeit lässt zu wünschen übrig“, konstatierte ein Lehrer nach dem anderen.
Erst als Barbaras Vater, Ludwig Walther, Rektor des hiesigen Gymnasiums, ein ernstes Wort mit seiner Ältesten sprach, nahm diese sich etwas zusammen und kehrte allmählich zu ihren bisherigen Leistungen zurück. Barbara war von jeher eine ordentliche und beliebte Schülerin gewesen, die sich notenmäßig im oberen Drittel ihrer Realschulklasse befand. Viele ihrer Freundinnen wurden zu Hause unterrichtet, doch Ludwig Walther war der Ansicht, dass ein Schulbesuch, der Französisch- und Englischunterricht einschloss, der freien geistigen Tätigkeit seiner drei Töchter am zuträglichsten sei.
So waren die spätsommerlichen Septembertage ins Land gegangen und der sonnige Oktober mit seinen raschelnden Blättern und dem frischen Wind hatte Einzug in Tübingen gehalten. An einem herbstlichen Samstag lud Susanna ihre Freundin für den Nachmittag zu sich nach Hause in die Haag-Gasse ein, wo einige russische Studenten einen Theaterkreis bilden wollten und noch weibliche Mitspielerinnen suchten. Barbara erbat von ihren Eltern die Erlaubnis, daran teilnehmen zu dürfen. Mutter Paula, über einen Brief von ihrer in England lebenden Schwester Julie gebeugt, war davon abgelenkt und nickte zustimmend. Der Vater, der Onkel Louis‘ Zeilen über dessen Antarktis-Expedition in der Hand hielt, befürwortete Barbaras Vorschlag ebenfalls und registrierte mit Wohlwollen, dass seine Älteste nun wieder aus ihrer Traumwelt in die Realität zurückgekehrt war.
Überglücklich radelte Barbara des Nachmittags, als die Kirchturmglocke gerade drei Uhr geschlagen hatte, von der Olgastraße am Neckar entlang zur Haag-Gasse. Das Gesicht, das der milden Herbstsonne zugewandt war, wurde dabei rosig und warm. Doch am Rücken spürte sie bereits die Kälte der gefallenen Temperaturen. Über ihrem hellgrünen Kleid, das Barbara besonders gut zu Gesichte stand, trug sie eine warme Strickjacke. Unterwegs begegneten ihr ein paar Spaziergänger, die diesen herrlichen Oktobertag am malerischen Flussufer genossen. Grün-, gelb- und braunbelaubte Äste neigten sich zum dunstigen Wasser hin, welches ihre Farben wie im Nebelspiegel zurückwarf. Auch ihre mittlere Schwester Helene hatte sich das goldene Licht zunutze gemacht und begonnen, die herbstlichen Neckarhalden zu skizzieren. Winkend grüßte sie die Ältere, als diese frohgemut an ihr vorbeiradelte.
Susanna empfing ihre Freundin aufgeregt an der Haustür und führte sie in den hinteren Teil des Hauses, denn die Proben sollten im Musikzimmer stattfinden. Dort war das Klavier zur Seite geschoben worden, Stühle reihten sich aneinander und gaben den Blick frei auf die improvisierte Bühne. Natürlich war der dunkelhaarige Russe, der Barbara nicht aus dem Sinn ging, anwesend und trat ihr mit einem charmanten Lächeln entgegen. Wie sie die vergangenen Wochen verbracht habe, wollte er wissen, und dass er an sie gedacht habe, fügte er hinzu. Barbara schien über dem Boden zu schweben, so leicht wurde ihr ums Herz.
Einer der russischen Studenten, Ilja, mit einer auffällig geraden Nase und dichtem schwarzem Haar, der zusammen mit Dimitri und Alexander an der Universität die Werke Goethes und Schillers studierte, hatte selbst ein Stück mit dem Titel „Anna“ geschrieben. Darin ging es um die Titelheldin Anna und ihren Geliebten Alexej, die aus einem brennenden Haus ein Kind retten, welches eine Gräfin zur Mutter und einen hohen Offizier zum Vater hat. Dieser verdächtigt Alexej der Spionage, Anna entkommt nur knapp marodierenden Soldaten und nach vielen Verwicklungen und einer dramatischen Entschuldigungsszene versöhnt sich der Offizier mit Alexej. Daraufhin könnte Anna ihren Alexej heiraten, wenn dieser nicht am Morgen der geplanten Hochzeit, tödlich verwundet, in ihren Armen sterben würde. Diese russische Dramatik, gepaart mit naturalistischen Zügen, erinnerte an die Schriftsteller von Weltruhm, Dostojewski und Tolstoi. Es fügte sich, dass Barbara und Dimitri ein Paar zu spielen hatten, nämlich die Eltern des geretteten Kindes. Die Hauptrollen waren dem Autor selbst und Susanna vorbehalten, wodurch Barbara in den Pausen umso mehr Zeit und Gelegenheit hatte, sich mit ihrem russischen Theatergatten zu unterhalten.
So verflogen über den Theaterproben die Wochen und Monate und schon stand die geliebte Weihnachtszeit vor der Tür. Im Waltherschen Hause wurden die Zimmer mit weißen Sternen und roten Bändern, die sich um frisch duftende Tannenzweige wanden, geschmückt. Die Mädchen stickten, malten und strickten eifrig an ihren Weihnachtsgeschenken für die Familie. Adventliche Weisen erklangen auf der Geige und am Klavier und anlässlich einer Weihnachtsfeier sollte das Theaterstück „Anna“ nun im Atrium von Ludwig Walthers Gymnasium in der Uhlandstraße aufgeführt werden.
Der Schulchor hatte bereits seine mehrstimmigen Weihnachtslieder vorgetragen. Während hinter den Kulissen noch eifrig geschminkt und an der Kleidung gezupft wurde, während man noch einmal die Textzeilen vor sich hinmurmelte, hielt Oberstudiendirektor Walther seine weihnachtliche Ansprache. Lampenfieber machte sich breit. Wo war nur die Schriftrolle, die die Herkunft des Kindes beweisen sollte, geblieben? Sie lag doch sonst immer auf dem Tisch, der in der Mitte der Bühne thronte. An Iljas Kostüm hing ein Knopf an einem einzelnen Faden herunter, der in Windeseile notdürftig von Susannas großer Schwester Bettine wieder angenäht wurde. Nur die Reihenfolge der einzelnen Szenen nicht verwechseln, wie das während der Hauptprobe passiert war! Barbara, die noch nie als Schauspielerin auf einer Bühne gestanden hatte, ging unruhigen Schrittes hin und her, während sie dem Ende der Rede ihres Vaters lauschte. Als Applaus durch das Atrium flog, legte sich ihr eine Hand auf den schlanken Arm. In Dimitris Augen stand zu lesen, dass er ihr vertraute und ihr Mut machen wollte. Barbara schien außerdem einen Anflug von Zärtlichkeit darin zu entdecken, doch jetzt blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn der Vorhang hob sich und man musste sich bereithalten für den Auftritt.
Susanna als Heldin Anna vollbrachte eine Glanzleistung, Iljas Sterben in ihren Armen wirkte beinahe echt und rührte das Publikum zu Tränen. Auch Barbaras theatralisches Können hatte sich während der Proben erheblich verbessert, so dass sie sich bei der Aufführung ihrem Theaterehemann leidenschaftlich in die Arme zu werfen vermochte. Helene und Josephine zwinkerten sich an dieser Stelle heimlich zu und lächelten in sich hinein. Endlich war alles überstanden! Von den Eltern wurde Barbara hinterher sehr gelobt und Dimitri überreichte ihr eine Christrose, begleitet von einem über ihre Hand hingehauchten Kuss. Barbaras erhitztes, glückliches Gesicht ließ sie schöner denn je aussehen, und jeder, der ihr gratulierte, wurde mit einem übermütigen rehbraunen Blitzen belohnt.
In dieser Hochstimmung befand sich die älteste Schwester noch am Weihnachtsmorgen. Sie hatte sich mit der Brennschere mühsam kleine Locken gedreht, die nun in einer hellbraunen Fülle über ihren Rücken fielen und nur von einem blassblauen Samtband zusammengehalten wurden. In ihrem kleinen Spiegeloval betrachtete sie ihre leuchtenden braunen Augen, mit denen sie seit Dimitris Kompliment mehr als zufrieden war. Auch das feine hellblaue Kleid, dessen Stoff an perlendes Wasser erinnerte, gefiel ihr ausnehmend gut. Bester Laune stieg Barbara die Treppe hinunter, um sich zu ihren Schwestern zu gesellen.
Es war wie jedes Jahr die Aufgabe der Mädchen, den Christbaum zu schmücken, und ein munteres Summen tönte aus der guten Stube in die Küche, wo die Mutter sich zusammen mit dem fleißigen Idchen in Zimt- und Ingwerduft um das Gebäck und den Weihnachtskarpfen mit Kartoffelsalat kümmerte. Die Türe zur Stube stand einen Spalt offen und ließ einen Blick frei auf Helene, die in einem himbeerroten, fein bestickten Kleid vor dem Baum auf einen Stuhl geklettert war, einen Strohstern in der einen, einen Goldengel in der anderen Hand. Josephine, deren wilde dunkelblonde Mähne in zwei braven Zöpfen gebändigt über ihren Matrosenkragen und das dunkelblaue Kleid fiel, betrachtete das Werk von unten und gab nach oben und nach links, wo Barbara sich nun um das Stecken der Kerzen bemühte, gute Ratschläge.
Der Vater bereitete inzwischen das Tischchen vor, auf dem alljährlich die Krippe aufgebaut wurde. Maria und Joseph beugten sich über das winzige Jesuskind, dahinter standen Ochs und Esel, seitlich vor dem Stall nahmen die Hirten mit ihren Schafen Aufstellung und dahinter platzierte der Vater die drei Könige auf ihren prächtig geschmückten Kamelen. Vorsichtig wurde die Krippe mit Stroh und Moos gepolstert und das Dach mit einem goldenen Stern versehen.
Als Krippe und Baum fertig geschmückt waren und die Mutter guten Gewissens das Weihnachtsmahl in Idas fähige Hände übergeben hatte, machte man sich bereit, zur Christmette in die evangelische Stiftskirche zu gehen. Das regnerische und kalte Wetter, ohne Schnee so gar nicht weihnachtlich, lud nicht dazu ein, sich hinauszubegeben. Doch in warme Mäntel gehüllt ließen die Walthers sich nicht davon abhalten, den traditionellen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen. Nach einem zehnminütigen Spaziergang durch die nasse Gartenstraße parallel zum Neckar bis zum Holzmarkt betrat die Familie Walther die Stiftskirche St. Georg aus kaltem, glattem Stein, deren spätgotische Spitzbogenfenster die Mädchen so liebten. Eine Unmenge Kerzen verbreitete einen wohligen Schein und der Christbaum, auch hier reich geschmückt, verlieh dem Kirchenraum einen wunderbaren Zauber. Erwartungsvoll lauschend vernahm die Gemeinde die Worte des Pfarrers Crusius an diesem Fest der Liebe.
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch große Freude, welche dem ganzen Volk widerfahren wird!“
Welch eine Lichterpracht unterstrich diese frohe Botschaft! Ein mächtiger Orgeltonregen, der dem Christfest mehr als würdig war, ging auf die Gemeinde nieder. Die drei Walther-Mädchen warteten voller Spannung auf ihr Lieblingslied „O du fröhliche“ am Ende des Gottesdienstes, damit kehrte Weihnachten erst richtig in die Herzen und Häuser ein.
Berauscht von den vollen Klängen und dem Weihnachtsgedanken, den der alte Pfarrer Crusius wieder treffend in Worte gefasst hatte, verließen die Menschen während des brausenden Orgelnachspiels die Stätte Gottes, um zu Hause im Kreise ihrer Lieben den Weihnachtsabend zu feiern.
Bei den Walthers waren zum Weihnachtsessen Großtante Annegrete aus Karlsbad und Onkel Georg, Vaters jüngster Bruder, der als Wirbeltierpaläontologe immer Interessantes über fossile Tiere zu erzählen hatte, zu Gast. Sie logierten beide in Onkel Georgs Haus in Bebenhausen, das nördlich von Tübingen lag und von dessen Haustüre aus man geradewegs auf die roten Dächer und Fachwerkfassaden des Klosters und Jagdschlosses blickte, die aus dem sie umgebenden Grün herausragten. Dieses Schloss zu Bebenhausen wurde in der Jagdsaison häufig von König Wilhelm II. von Württemberg genutzt. Einmal hatte Onkel Georg auf einem seiner Streifzüge durch die umliegenden Wälder im Schönbuch sogar den König selbst mit seiner Jagdgesellschaft auf seinem Ross erspäht und im Anschluss den Nichten in der Olgastraße in allen schillernden Details davon berichtet.
Nun versammelte sich also die ganze Familie in der guten Stube. Onkel Georg gab den neuesten Klatsch über König Wilhelm und Königin Charlotte zum Besten und man begab sich zum Weihnachtsfestmahl an die lange Tafel. Nach einem ausgezeichneten...
Inhaltsverzeichnis
- Widmung
- Inhaltsverzeichnis
- Kapitel 1
- Kapitel 2
- Kapitel 3
- Kapitel 4
- Kapitel 5
- Kapitel 6
- Kapitel 7
- Kapitel 8
- Kapitel 9
- Kapitel 10
- Kapitel 11
- Kapitel 12
- Kapitel 13
- Epilog
- Danksagung
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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