Vorpsychiatrische Zeit
Thomas Willis
Thomas Willis
Fotoherkunft: wikipedia
Nachparacelsischer Iatrochemiker des 17. JH.
Gründungsmitglied der Royal Society of London.
Anglikaner, Royalist.
Britischer Arzt und Hirnforscher (Neuroanatom). Oxford.
Professor für Naturgeschichte, Begründer,Vater der Neurologie (Nervensystems). Rückschlüsse auf psychische Krankheiten.
Geboren: 27. Januar 1621, Great Bedwyn, Wiltshire Oxford
Gestorben: 11. November 1675, London, England
Aus: Wikipedia
Etwa in der Mitte des 17. Jahrhunderts erfrechten sich immer mehr Ärzte und Wissenschaftler, die humoralpathologische Säftelehre des Galen wie auch vereinzelte Ideen des Hippokrates - die mit dem herrschenden Christusglauben im Einklag standen - in einen Glaubenszweifel zu ziehen.
Das war für die damalige Epoche jedoch keineswegs neu, denn solche Zweifel hatten lange vor ihnen auch andere geäussert (etwa Paracelsus um 1530). Aber die Zeit war nun reif für den Aufstand gegen den Klerus, gegen die (von ihm abhängige) Volksmeinung und gegen die total überkommenen alten Medizinkonzeptionen des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit.
Viele aufständische Forscherpersönlichkeiten, Mediziner, Physiker, Astronomen und Philosophen, wurden jedoch teils hart von der Kirche und von zivilen Gerichten gemassregelt und in die Schranken gewiesen. Einige mussten unter Todesdrohungen von ihren Meinungen und Überzeugungen, von ihrem ,Irrtum‘ abschwören (Galileo Galilei) und sich erneut zum christlichen Glauben bekennen, wollten sie nicht exekutiert, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, geköpft oder einer peinlichen Befragung in der Folterkammer unterzogen werden. So sehr versuchte man, diese modernen Denker zurückzubinden und wieder unter Gottes einengende Obhut zu stellen.
Es war wirklich in erster Linie der christliche Glaube der katholische Kirche, der den Fortschritt und die Moderne be- oder ganz verhindern wollte. Man spürte wohl instinktiv, dass alttestamentarischer Glaube, aber auch die neutestamentliche Jesusfrömmigkeit an Einfluss verlieren würde, wenn christliche Gemeinschaften wissenschaftliche Fortschritte machen würden. Ihr Gespür betrog sie nicht. Aber man hatte die Rechnung ohne die bravouröse Lehrtätigkeit der Jesuiten gemacht, die viele junge Männer für Neues und für die Wissenschaft begeistern konnten.
Als nun um 1650 herum der Hexen- und Teufelsglaube von Kirche und Volk bei den wissenschaftsorientierten Eliten immer schlechter ankam, war es ein beginnendes Besinnen, das Verbrennen von Hexen und Wahnsinnigen für unsinnig und als gegen das Göttliche gerichtet zu erklären. Bis jedoch das endgültige Aus für diese menschenverachtenden Machenschaften (Verurteilungen wegen Hexerei, Teufelspakt und dadurch Bestrafung mit Wahnsinn, Inquisition, Verbrennungen, Köpfen) eintrat, benötigte die Menschheit nochmals rund einhundert Jahre. Althergebrachte Verwurzelungen von Glaubensinhalten (auch politische) waren so schnell nicht aus den Volksgemeinschaften auszureissen und sie sind es noch heute nicht.
Zu dieser Zeit glaubte man auch nicht mehr so stark an den Einfluss der Gestirne und von Planetenkonstellationen, die Einfluss auf den menschlichen Organismus haben und ursächlich für eine Manie oder Depression verantwortlich sein sollten. Sondern man wurde immer überzeugter, dass die Manie wie die Melancholie im Körper des betroffenen Menschen entstanden sein musste. Ein Einfluss der Gestirne auf das Schicksal und auf den Charakter eines Menschen, inkludierend auch auf die Seele oder Psyche, wurde nun immer stärker bezweifelt. Die Ursache von Wahnsinn ortete man innerhalb der organischen Natur. Die astrologische resp. astronomische Ursachenzuschreibung erhielt eine immer schwächere Gewichtigkeit.
Aber das Sezieren von Menschen stand nach wie vor vielerorts unter schwerster Strafe der klerikalen wie der weltlichen Gerichte und wehe, man liess sich dabei erwischen. Paracelsus und viele weitere Alchemisten und Gelehrte lebten bereits vor einhundert Jahren recht gefährlich, griffen Galen'sche Ideen und Axiome trotzdem teils frontal an und wagten sich auch unter Todesstrafe, wie ein Leonardo da Vinci, an menschliche Leichen, die sie aus lauter Neugierde heimlich sezierten.
Auch die Zeit Thomas Willis kannte noch immer genug Ärzte, die der Humorallehre sehr überzeugt anhingen und bei Hunderten von Krankheiten noch immer ein Übermass an schwarzer Galle diagnostizierten und therapeutisch zum Aderlass (Blutegel) rieten.
Aber Willis hatte ,Glück‘, ein Bürgerkrieg wütete zwischen den Royalisten (König Karl l.) einerseits und Anhängern des englischen Parlamentes andererseits (1642-1649). Willis schloss sich den Royalisten an, musste aber sein bis anhin 5 Jahre dauerndes Arztstudium zwischenzeitlich wegen diesen politischen Unstimmigkeiten unterbrechen, was sich nach dem Krieg aber eben als Glücksfall für ihn darstellte.
Er hatte sich vor dem Krieg bereits 1637 am Christ Church College in Oxford eingeschrieben, wobei diese Lehranstalt bisher einen eher konservativen und traditionsbewussten Ruf innehatte. Man studierte bisher noch immer Hippokrates und Galen. Als jedoch Willis mit dem Studium begann, rief man just zu dieser Zeit einen neuen, progressiveren Lehrplan für Medizin ins Leben. Hin und wieder standen nun, zu Willis Glück, auch Leichensektionen auf dem Tagesprogramm, denen er mit grossem wissenschaftlichen Eifer beiwohnte.
Während des Krieges befreundete er sich unter anderen auch mit William Harvey (1578-1657) an, dem Entdecker des Blutkreislaufes. Harvey vertrat den experimentellen Anatomen. Er knüpfte Kontakte zu weiteren Forscherpersönlichkeiten, beispielsweise zum Chemiker Robert Boyle (1627-1692).
Nach dem Krieg fand Willis dann grosse Unterstützung in König Karl l. Er wurde für seine Loyalität dem Königshaus gegenüber als ausgebildeter Arzt anerkannt und durfte eine Praxis eröffnen. In Oxford schloss er sich weiteren modern denkenden Wissenschaftskollegen an und begann seine Forschertätigkeit mittels moderner, experimenteller Methoden.
Grössen wie Franzis Bacon (1561-1626), Galileo Galilei (1564-1624), Thomas Hobbes (1588-1679) und René Descartes (1595-1650) waren ihm sicherlich nicht unbekannt. Zudem war er Zeitgenosse von John Locke (1632-1704) und Thomas Sydenham (1624-1689).
Willis liess sich beeinflussen vom neu entstandenen mechanistischen Weltbild (Weltanschauung) eines René Descartes, dessen These darin bestand, dass nur Materie existiere und somit der menschliche Geist oder Wille nicht erklärbar sei in Bezug auf Immaterielles (religiöses!) sondern eben nur auf Materielles.
Und diese Materie galt es von den Menschen zu erforschen, weil der Mensch gemäss Genesis 1,27 ein Ebenbild Gottes war. Menschen hatten sich demnach die Erde (Natur) zum Untertan zu machen. Somit wurde theologisch begründet, warum der Mensch eine Verfügungsgewalt gegenüber der Natur habe und sezieren dürfe. Das Verbot der Sektion durch die Kirche wurde sozusagen aus diesen Überlegungen heraus aufgehoben, die Kirche wurde mit ihren eigenen Glaubenssätzen geschlagen.
Jede Leichenöffnung konnte nun auf diese ,mechanistische‘ Art begründet werden. Alle Materie, auch der menschliche Körper, wollte erforscht und verstanden werden. Die Zeit der wissenschaftlichen Rationalität, resp. das mechanistische Weltbild brach an. Man sezierte nun auch Gehirne und suchte darin Verbindungen zum menschlichen Geist, zum Verstand und zur Psyche.
15 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges veröffentlichte Thomas Willis 1664 sein bahnbrechendes Werk ,Cerebri anatome', worin er, bebildert, das Gehirn und spezielle die Nerven des Menschen detailliert beschrieb. Somit galt Willis als der Begründer der Neurologie, indem er diesen Begriff auch gleich prägte.
Willis begründete damit auch die Neurosenforschung, die bald mit George Cheyne (1641-1743), William Cullen (1710-1790) und Robert Whytt (1714-1766) fortgeführt wurde.
René Descartes hatte den menschlichen Geist mit der körperlosen Seele gleichgesetzt. Die Seele verlieh dem Menschen das Bewusstsein, die sittliche Verantwortung und die Unsterblichkeit. Sie war immateriell. Man konnte sie weder erkennen, noch konnte man sie lokalisieren. Aber man vermutete ihren Sitz damals in der Zirbeldrüse (Epiphyse), also inmitten des Gehirns.
Thomas Willis verwarf jedoch die Zirbeldrüsentheorie des Descartes und lokalisierte seinerseits die Seele in der medulla oblongata.
Die Idee des Descartes, dass der menschliche Geist als solcher niemals krank werden konnte, war sehr interessant. Gemäss Descartes aber auch gemäss Newton war die Seele per Definition als solche nämlich unverwundbar und daher führten sie den Wahnsinn sowie alle psychischen Krankheiten nicht auf eine Krankheit der Seele zurück, sondern auf entsprechende körperliche (Nerven)- Läsionen. Der Körper (das Materielle) war krank, nicht die Seele. Wahnsinn war ein Leiden, eine Krankheit des Körpers. Die körperliche Krankheit jedoch drückte sich via Seele (Psyche) aus.
Noch heute werden gegen Geisteskrankheiten Medikamente eingesetzt, die nur auf den Körper einwirken, etwa auf die Hormonproduktion oder auf Stoffwechselvorgänge des Gehirns und des Nervensystem und wirken somit nur indirekt auf den Geist resp. die Psyche (auf Seelisches) des Menschen. Die Seele (Psyche) und der Körper bilden zwar eine Dualität, bleiben trotzdem in einer unzertrennlichen Ganzheit resp. Einheit.
Aus: Thomas Willis, cerebri anatome, 1664
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Anders klingt die Wirkungsweise an, wenn man sich nicht das medikamentöse, sondern das psychotherapeutische Geschehen vor Augen führt. Es kommuniziert resp. interagiert rein auf der seelischen oder psychischen Ebene zwischen zwei Menschen - zwischen Therapeut und Patient - wobei sie sich gegenseitig beeinflussen. Dieses ,immaterielle' Wirkungsverfahren zeigt trotzdem nachweisbare körperliche, biologische und hormonelle Veränderungen, die nur durch sprachliche Interventionen, durch Suggestion oder durch manuelle Berührungen entstehen!
Die Interventionen der Therapeuten wirken also sowohl vom Körper auf die Psyche, wie auch umgekehrt. Es existiert eine Einheit/Verbindung zwischen Soma und Psyche. Dies mochten Willis, wie auch ein Descartes bereits damals erkannt haben, als sie in der Zirbeldrüse resp. in der medulla oblongata den Sitz der Seele verordneten.
Hier ist anzumerken, dass jeder weitere wissenschaftliche Diskurs nur dann sinnvoll und zielführend sein kann, wenn endlich und abschliessend in einer breiten Übereinstimmung definiert werden kann, was Seele und Psyche denn eigentlich sei oder zu sein hat. Je schwammiger die Seelenbegriffe sind, mit denen wir ,psychotherapeutisch' arbeiten und psychologisch operieren, desto unklarer sind die Resultate jedes Diskurses.
Die Axiome jeder Psychiatrie oder Psychologie müssen als fest, allgemeingültig und als unveränderbar anerkannt sein, ansonsten haben Diskussionen wenig Sinn. Allzu leicht könnte man sich die Frage stellen, von was genau wir eigentlich reden, wenn wir von Psychischem reden.
Willis versuchte die verschiedenen geistigen Funktionen bestimmten Bereichen des menschlichen Gehirns zuzuordnen. Damit schuf er ein neues Medizinkonzept, welches dem bisherigen humoralpathologischen Medizinkonzept gegenüber stand und es ablöste.
Thomas Willis entdeckte den nach ihm benannten Arterienring, den Circulus arteriosus cerebri, der die Blutversorgung des Gehirns sicherstellte. Auch beschrieb er das Syndrom des Restless-Legs, das Syndrom der unruhigen Beine. Ebenso beschrieb er als erster die Krankheit Myasthenia gravis, die Muskelschwäche.
Was nicht so bekannt ist, sind verschiedene Verdienste Willis bei der Beobachtung des Schwachsinnes, der Epilepsie und der schizoaffektiven Verstimmungen. Willis war überzeugt davon, dass die Hysterie keine Erkrankung der Gebärmutter sei, sondern eine Gehirnkrankheit. Aus vielen humoralchemischen Erklärungen psychischer Krankheiten vergangener Kapazitäten wurden mit Willis nun funktionelle Krankheiten, bei denen im Hirn keine materiellen Schädigungen sichtbar waren.
Auch die heute noch gültige Nummerierung der Hirnnerven führte auf Willis zurück. Auch beschrieb er das Corpus striatum (Streifenhügel), den Thalamus opticus (Sehhügel), den Pons (Brücke, Querwulst) sowie das Corpus mamillare (Mamillarkörper).
Eine Art psychologisches Konzept entwickelte Willis in Bezug auf den ,spiritus animalis', also den...