
- 344 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Schweine und Menschen eint eine lange Geschichte – schon auf dem ersten Bild, das ein Mensch von einem Tier zeichnete, ist ein Schwein zu sehen. 90 Prozent unserer DNA teilen wir mit diesen intelligenten Wesen, die in vielen Weltgegenden immer noch als Haustiere gehalten werden. Weil man die Tiere bei uns jedoch kaum noch zu Gesicht bekommt, sind sie für viele zum seelenlosen Massenprodukt geworden.
Der Agrarökonom Rudolf Buntzel unterzieht unsere Beziehung zum Schwein einer gründlichen Neubetrachtung. Indem er es uns mit all seinen Besonderheiten vorstellt, liefert Buntzel nicht nur eine spannende Kultur- und Wirtschaftsgeschichte dieses intelligenten wie sympathischen Tieres, er wirft auch einen kritischen Blick auf seine Verdinglichung und stellt würdevollere Formen der Haltung und Koexistenz vor.
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Information
Kapitel 1
Der Mensch und sein Schwein
Eine Hausgeschichte
Eine Hausgeschichte
»Die Krone der Schöpfung,
das Schwein, der Mensch.«1
das Schwein, der Mensch.«1
Gottfried Benn
Wo kommt das Schwein als Nutztier des Menschen her und wie hat die enge Beziehung zwischen Menschen und Schweinen die Schweine vermenschlicht und die Menschen »versaut«? Das Schwein verstehen, geht das überhaupt? Was macht seinen Charakter aus? Und wie hat der Mensch das Schwein benutzt?
Erst, wenn wir diese Fragen beantwortet haben, verstehen wir, womit wir es eigentlich zu tun haben: mit unserem Spiegelbild; mit einem Geschöpf, das uns Menschen erstaunlich ähnlich ist. Das Schwein ist weit mehr als lediglich eine biologische Fleischmaschine.
Die »Verhausschweinung« des Schweins
Am Anfang der wechselvollen Beziehung von Menschen und Tieren stand die Jagd. Erste Versuche der Tierdomestizierung folgten. Es war ein langer Weg von der frühgeschichtlichen Haustierhaltung in den alt- und neuweltlichen Kulturen bis zur modernen Rasseentwicklung, dem industriellen Hybridschwein.
Aus kulturhistorischer Sicht stellt die Haltung von Haustieren im Verbund mit dem Anbau von Kulturpflanzen eine der bedeutendsten Vorgänge in der Menschheitsentwicklung dar. Erst später kam ein systematischer Futteranbau im Fruchtwechsel mit bekannten Nahrungskulturen hinzu, wie zum Beispiel der Leguminosen vor Getreide oder Kleegras vor Rüben. Die Agrargeschichte der Nutztierhaltung geht zurück auf etwa 10.000 Jahre v. Chr. Schon früh, etwa 6.000 v. Chr., wurde den Haustieren die Bewegungsfreiheit mächtig eingeschränkt. Ihre Sozialbedürfnisse wurden beeinträchtigt, der Fortpflanzungsdrang wurde der Kontrolle des Menschen unterworfen.2 Das waren die Voraussetzungen für eine dem Menschen dienliche Nutzung des Schweins.
Die weltweit älteste bislang bekannte künstlerische Darstellung eines Lebewesens konnte kürzlich datiert werden: Vor mindestens 45.500 Jahren malte ein prähistorischer Künstler ein Schwein an die Wand einer Höhle in Sulawesi/Indonesien, daneben die Umrisse zweier menschlicher Hände.3 Die Gestalt des Schweins ähnelt eher dem heutigen Hausschwein als dem borstigen Wildschwein mit langen Beinen und spitzer Schnauze. Die Hände lassen darauf schließen, dass sich das Tier in menschlicher Obhut befand. Es bleibt allerdings offen, ob es schon damals domestiziert war.
Wie es scheint, hat die Beziehung zwischen Menschen und Schweinen also eine sehr lange Geschichte. Dass das Schwein durch Züchtung gezielt an die menschlichen Nutzungsbedürfnisse angepasst wurde, ist erstmals etwa vor 10.000 Jahren in Vorderasien nachgewiesen. Archäozoologische Funde über Schweine als Haustiere fand man in Syrien (etwa 7.300 bis 7.100 v. Chr.), im Irak (7.700 bis 7.100 v. Chr.) und im Iran (7.100 bis 6.400 v. Chr.).4 Im Gegensatz zur Domestizierungsgeschichte von Ziege und Schaf ist zur Domestizierung von Schwein und Rind noch recht wenig bekannt. Sehr alte Nachweise zur Haustierhaltung des Schweins stammen unter anderem aus der Siedlung Coyonü in dem früheren Südostanatolien und aus Siedlungen der chinesischen Ci-shan-Kultur von vor etwa 8.000 Jahren. So gibt es mindestens drei Orte in China, in denen das Schwein unabhängig voneinander domestiziert wurde. Unklar sind die exakten Zeitangaben. Die Flüsse Huang He und Jangtse sind zwei wichtige Zentren der Domestizierung, denn schon in ältesten Zeiten wurde das chinesische Schwein in andere Gebiete Südostasiens gebracht, bis hin in den pazifischen Raum. Die systematischere Schweinehaltung setzte die Sesshaftwerdung der Menschen voraus.
Zwischen der antiken Schweinehaltung in China und Europa gab es einen entscheidenden Unterschied: In Europa lebten die Tiere noch von den Früchten des Waldes, während sie in China schon vor 6.000 Jahren in Pferchen gehalten wurden. Das ist der dichten Besiedlung und dem schon zu dieser Zeit hochentwickelten chinesischen Ackerbau geschuldet. Dabei mussten die chinesischen Schweinebauern und -bäuerinnen mehr Arbeit auf sich nehmen, um die Tiere rundum zu versorgen. Außerdem entstanden dadurch schon früh ökonomische Zwänge, das heißt, die Ausbeute des Schweinefleisches musste effizienter werden.5 Im Zuge dessen wurden die Hausschweine auf Zahmheit und geringere Wildheit hin selektiert, damit sie leichter zu halten waren. Damit verloren sie aber auch einen Teil ihrer wildwüchsigen Intelligenz.6 Die Schweine wurden auf kleinerer Fläche im Hofbereich gehalten, und der Düngewert und die Fütterung mit Haushaltsabfällen nahm an Bedeutung zu. Eine solche Selektion wird Domestizierung genannt.7
Zunehmend verdichten sich die Beweise, dass alle Hausschweine von einer einzigen Wildschweinart abstammen, dem Sus scrofa, einem Wildschwein, das in verschiedenen Gebieten Eurasiens, Nordafrika und im Niltal lebte.8 Durch die Domestizierung entstanden Modifikationen des Sus scrofa, die unter natürlichen Bedingungen nie zustande gekommen wären. Das Haustier ist eine »Degeneration« des Wildschweins – völlig aus der Art geschlagen.9 Dadurch wird eine Nutzung durch den Menschen erst möglich und kann enorm verbessert werden. So entstand eine Mensch-Tier- Hausgemeinschaft, die in erster Linie auf den Nutzen des Menschen ausgerichtet war.
Fragt man nach der Herkunft des Sus scrofa, dem »Urschwein« des Hausschweins, dann gibt es kein eindeutiges Zentrum der Abstammung. Schweine waren über weite Teile Europas und Asiens verbreitet, und die Domestizierung ging an vielen Stellen Eurasiens gleichzeitig vonstatten. Weil das Schwein nicht schwitzen kann, kommt es in semi-ariden Gebieten, in denen die meiste Zeit des Jahres Trockenheit herrscht, kaum vor; es bevorzugt schattenreiche Wald- und Flusstäler. Die Domestizierung in warmen Regionen ging daher einher mit dem Bau von bedachten Unterständen, Ställen und Bereitstellung von Abkühlungsmöglichkeiten durch Wasser und Senken. Das machte die Nutzung des Schweins zum Beispiel in Vorderasien aufwendig und wenig angepasst an die dortigen Bedingungen. In den Trockenzonen der Erde gab es also keine Hirtenvölker mit Schweineherden. So ist der Niedergang der Schweinehaltung im Orient schon in vorchristlicher Zeit auch damit zu erklären, dass durch die Abholzung der letzten Buchen- und Eichenwälder aufgrund eines wachsenden Bevölkerungsdrucks und dem militärischen Schiffbau wenig Hütung im Schatten von Bäumen möglich und wenig Futter von Waldbeständen vorhanden war.10

Abb. 2: Ein Hausschwein aus Ghana in einem einfachen Verschlag mit Sonnenabdeckung, das unter der Hitze leidet und Abkühlung sucht.
Es ist belegt, dass Hausschweine auch dort vorkamen, wo es gar keine Wildschweine gab, das heißt sie wurden schon als Haustiere dorthin gebracht. Dadurch, dass Schweine an vielen Orten der Erde getrennt voneinander domestiziert wurden, hat sich eine große Anzahl unterschiedlichster Nutztierrassen entwickelt. Auf dem amerikanischen Kontinent kommen das Schwein und verwilderte Anverwandte beispielsweise erst seit Ankunft der Europäer vor. Neben den Schweinen der Nutztierhaltung verbreiteten sich in der Natur entlaufene Schweine alsbald über weite Teile des Kontinents.
Früher wie heute gab es Interaktionen und Vermischungen: entlaufene Haustiere verwilderten und schlossen sich Rotten von Wildschweinen an oder wilde Keiler deckten Haustiersauen bei deren Weidegang. Es mag der Intelligenz des Schweins zu verdanken sein, dass selbst domestizierte Rassen in der Lage sind, sich sehr schnell wieder an wilde Lebensbedingungen anzupassen.11 Die Haustierwerdung ging immer mit einem Intelligenzverlust einher, doch bei anderen Haustieren liegt diese Verlustrate unter der der Schweine, nämlich nur bei 20 bis 25 Prozent.12 Dennoch besitzt auch das Hausschwein noch genügend Intelligenz, um sich an die vom Menschen geschaffenen neuen Bedingungen anzupassen.
Zurück zum historischen Sus scrofa: Das Verhältnis der alten Griechen zum Schwein wird aus Erzählungen Homers deutlich. In der Odyssee etwa tauchte der Schweinehirt Eumanios auf.13 Es ist der erste literarische Bericht über eine große Schweinehaltung, mit erstaunlicher Präzision des Besitzumfangs: Eumanios betrieb 12 Ställe mit je 50 Sauen und ihren Ferkeln. Sie dienten als Mast- und Opfertiere. Die Haltung von 600 Schweinen stellt selbst nach heutigen Maßstäben einen ernstzunehmenden Agrarbetrieb dar. Der »göttliche Sauhirt«, wie er bezeichnet wurde, half Odysseus bei der Vertreibung der Freier seiner Gattin.
In der griechischen Mythologie galt der Kampf mit dem wilden Schwein geradezu als die Heldentat, an der sich manche messen lassen mussten. So auch Herkules mit seiner Jagd auf den erymanthischen Eber, Theseus mit der wilden Sau von Crommyon oder die berühmte kalydonische Eberjagd. Wenn man bedenkt, dass das größte je vermessene Schwein – ein Yorkshire Schwein des Züchters Charles Beaumont – immerhin 3 Meter lang wurde, 1,27 Meter hoch und 609 Kilogramm wog, versteht man den Respekt, den die massige Gestalt eines Schweins den Griechen einflößte.
Im alten Ägypten der dynastischen Zeit (rund 3.000 bis 2.500 v. Chr.) war das Schwein neben dem Rind das wichtigste Haustier, obwohl man es verachtete. Wenn die Ägypter*innen von einem Schwein berührt wurden, stiegen sie sogleich mitsamt Kleidung in den Nil, um sich zu reinigen. Ferkel wurden für Selene und Dionysos, dem Götterpaar der Zauberer und des Teufels, geopfert. Es gab dafür gesonderte Schweinehirten, die die unterste Kaste bildeten.14
Später kam auch im Judentum aus noch nicht umfassend erforschtem Grund die Ächtung des Schweins auf. Die Abneigung gegen den Schweinefleischverzehr hat ihren Ursprung wohl in der ägyptischen Gefangenschaft.
Auch in Mesopotamien war bis Hammurabis Regierung 1.900 v. Chr. Schweinehaltung weit verbreitet. Doch unter seinen Nachfolgern fielen Schweine in Ungnade. Der bekannte amerikanische Kulturanthropologe Marvin Harris vermutete als Ursache die Versalzung der fruchtbaren bewässerten Felder der Sumerer am Unterlauf des Zweistromlandes, also eine Ackerbaukrise, die dazu führte, dass Getreidefutter nur noch schwer zu bekommen war.15 Das sumerische Reich kollabierte unter anderem infolge an dieser Krise.
Anders verhielt es sich bei den Römern. Deren hohe Anerkennung des Schweinefleisches erkennt man daran, dass unter Diokletian (etwa 284 bis 305 n. Chr.) der Preis für Schweinefleisch doppelt so hoch war wie der für Rind- oder Schaffleisch. Bei den Römern gab es zudem genaue Aufzeichnungen über die »gute landwirtschaftliche Praxis« einer systematischen Schweinehaltung, mit Anleitungen zu einer einfachen Zuchttechnik und Fütterungshinweisen. Auf keinem römischen Landgut durfte das Schwein fehlen.
Bei den Germanen dagegen war die Schweinehaltung zu römischer Zeit und im Mittelalter eher primitiv, nur die Waldweide war bekannt. Ein Schweinehirt hütete eine Rotte Hausschweine in Mischwäldern, wo sie die Eicheln und Bucheckern abweideten, die Früchte der Oleasterbäume (schmalblättrige Ölweide) und Tamarisken aßen, ebenso alle Arten von Nüssen und Obstbäumen, Johannisbrot, Weißdorn, und so weiter. Zu jeder Jahreszeit gab der Wald etwas her. Der Wert des Waldes wurde sogar daran bemessen, wie viele Schweine sich damit mästen ließen. Nachts wurden die Schweine ins Dorf zurückgetrieben und in Koben (einfache Stallverhaue) eingesperrt. Systematisch gefüttert wurden die Tiere allenfalls in der »Endmast«, also rund drei Monate vor dem Schlachttermin.
Auch mythologisch kam der Bedeutung des Schweins eine große Rolle zu, bei den Germanen wie auch bei den Kelten. Bei den Kelten gab es sogar einen Ebergott. Im Frühmittelalter nahm die Schweinehaltung in Europa enorm zu, auch in Städten, wo man die Tiere auf der Straße mit Küchenabfällen, die aus den Fenstern geworfen wurden, fütterte.
Eine noch lebendige prähistorische Schweinekultur: die Eipo
Bei den Eipo, einem Stamm in Irian Jaya (West-Papua) mit rund 800 Mitgliedern, handelt es sich um ein in den Bergen lebendes Volk, das erst in den 1970er-Jahren Kontakt zur Außenwelt bekam. Die melanesische Kultur der Eipo ist mit einem Alter von 50.000 Jahren eine der ältesten der Welt. Sie hängen einem überlieferten Glauben an, in dem alte Riten und Mythen noch intakt sind. Obwohl der Stamm inzwischen christlich missioniert wurde, hat das Schwein immer noch eine quasi-theologische Bedeutung. Die Eipo glauben, dass alle Menschen von sakralen Urschweinen abstammen. Die Schweine sind als Geister in Form von Steinen den Fluss Eipomek hinuntergespült worden. Als sie unten am Ufer ankamen, verwandelten sich die Steine in Menschen und Schweine. In der Mitte der Welt, so glauben die Eipo, ruht ein Schwein; wenn es sich bewegt, bebt die Erde.
Die Tiere werden Zeit ihres Lebens verhätschelt und wie Familienmitglieder behandelt. Die Eipo nehmen aber an, dass das Schwein geschlachtet werden will. Andernfalls läuft es davon. Zu rituellen Anlässen werden geweihte, auserwählte Schweine getötet. Dabei gibt es verschiedene Anlässe, für die unterschiedliche Ritualschweine gehalten werden. Zur menschlichen Ernährung spielt das Schwein keine systematische Rolle, obwohl – wenn denn ein Tier geschlachtet wird – es auch gänzlich verzehrt wird.16
Das Hausschwein besaß im Laufe der Geschichte keine große Bedeutung in Vorderasien, weil es sowohl in der jüdischen als auch der muslimischen Religion als unrein galt und jeglicher Kontakt mit Schweinen ein absolutes Tabu darstellte. Die armen Tiere wurden nicht nur als unnütz erklärt, sondern auch als schädlich; ein Fluch für denjenigen, der es berührte oder auch nur ansah. Es ist paradox, dass ausgerechnet in den Gebieten, wo das Schwein unter anderem zum ersten Mal domestiziert wurde, Jahrtausende später eine tiefgründige Abneigung gegen Schweinefleisch und der Berührung mit dem Tier und seinen Teilen entstand.
Die Stellung des Schweins im Judentum, Islam und Christentum
Im Judentum verbietet das Alte Testament jeglichen Umgang mit Schweinen mit drastischen Worten: »Alles, was gespaltene Klauen hat, ganz durchgespalten, und wiederkäut unter den Tieren, das dürft Ihr essen. Nur diese dürft ihr nicht essen von dem, was wiederkäut und gespaltene Klauen hat: [3+4] Das Schwein, denn es hat wohl durchgespaltene Klauen, ist aber kein Wiederkäuer, darum soll es Euch unrein sein. Vom Fleisch dieser Tiere dürft ihr weder essen noch ihr Aas berühren; denn sie sind unrein.« [7+8]17
Im Koran sagt die Sure 5,4: »Verboten ist euch der Genuss von Fleisch verendeter Tiere, Blut, Schweinefleisch […]«.
In beiden Religionen gilt das Schwein als »unrein«, weil es sich im Dreck suhlt und unreine Dinge frisst, wie zum Beispiel im Notfall den eigenen Kot.
Das Christentum brach zwar mit dem jüdischen Verzehrverbot, aber auch im Neuen Testament taucht das Schwein wiederholt negativ auf. »Werft Eure Perlen nicht vor die Säue«18, heißt es in der Bergpredigt, und kurz danach wird von Jesus erzählt, wie er Besessene heilt, indem er deren Dämonen austreibt. Die Dämonen fahren daraufhin in eine Schweinerotte, welche sich selbst im See ersäuft.19 Beide Vorkommnisse deuten an, dass das Schwein auch in der christlichen Gesellschaft keine Wertschätzung erfährt. Das Schwein ist dem Menschen ähnlich genug, um dessen Besessenheit zu übernehmen, aber auch »nur« Tier, um dafür geopfert zu werden. Theologisch genießt das Nutztier zwar Rechte und Achtung, aber die »Ebenbildlichkeit« des Menschen mit Gott hebt den Menschen hervor. Entscheidend dafür ist, dass ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Danksagung
- Vorwort von Franz-Theo Gottwald
- Einleitung
- Kapitel 1: Der Mensch und sein Schwein – Eine Hausgeschichte
- Kapitel 2: Das lokale Schwein – Schweine hinter dem Haus
- Kapitel 3: Die Schweine der Bäuerinnen – Eine Frauenfrage
- Kapitel 4: Das globale Schwein – Schwein goes global
- Kapitel 5: Das weltgehandelte Schwein – Ein handelspolitisches Gerangel
- Kapitel 6: Das bäuerliche Schwein – Zwischen Industrie und Bauernhof
- Kapitel 7: Pig Business – Konzentration ist alles
- Kapitel 8: Das chinesische Schwein – Drachenköpfe mit Biss
- Kapitel 9: Das geschundene Schwein – Vom Wohl und Wehe eines Tieres
- Kapitel 10: Das epidemische Schwein – Wie ansteckend ist es?
- Kapitel 11: Das alternative Schwein – Wird eine Vision Realität?
- Kapitel 12: Das kulinarische Schwein – Wie man es wieder essen kann
- Nachwort
- Anmerkungen
- Literatur
- Glossar der verwendeten Fachausdrücke
- Abkürzungsverzeichnis
- Über die Autor*innen