1. Einleitung
1.1 Motivation, Problemstellung und
Zielsetzung
Ein Blick in den Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung aus dem Jahr 2018 zeigt, dass hier die Bedeutung des öffentlichen Dienstes und seine Vorbildfunktion für die Gleichstellung von Männern und Frauen sowie ihre gleichberechtigte Teilhabe an entsprechenden Führungspositionen betont wird. Als Zielmarke zum Erreichen einer gleichberechtigten Teilhabe wurde das Jahr 2025 vereinbart (vgl. Bundesregierung/2018/S. 23 ff).
Ein Blick auf die aktuellen Zahlen – welcher im Zuge dieser Arbeit vorgenommen wird – zeigt aber, dass es in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens noch ein weiter Weg bis zu einer tatsächlichen gleichberechtigten Teilhabe ist.
Für Führungspositionen in den Kommunen gilt dies in besonderem Maße, wie ein Blick auf die entsprechenden Zahlen im Verlauf dieser Arbeit zeigen wird. Recht plakativ und eindrücklich stellt dies auch das Sozialwissenschaftsmagazin „Katapult“ dar: Unter dem Titel „Mehr Thomasse als Bürgermeisterinnen“ wird aufgezeigt, dass es im Juni 2020 in ganz Deutschland mehr Bürgermeister in Großstädten mit dem Vornamen „Thomas“ (7) als Bürgermeisterinnen (6) in Großstädten gab (vgl. Katapult/2020).
Zu einem ähnlichen Fazit kam 2015 das Managermagazin nach entsprechender eigenerer Recherche und Analyse. Unter dem Titel „Weniger Frauen in Vorständen als Männer, die Thomas heißen“ wurden die Ergebnisse dieser Analyse der Vorstände von Dax, MDax und SDax vorgestellt. Demnach gab es 2015 in den MDax-Vorständen mehr männliche Vorstandsmitglieder mit dem Vornamen Thomas (4,7 %), dem Vornamen Klaus (4,7 %), Stefan (4,1 %) oder Michael (3,2 %) als Frauen mit insgesamt 2,6 % Anteil.
Die Vornamen Thomas und Andreas kamen in den Vorständen aller drei Indizes zusammen auf einen Anteil von 7,1 % - das waren mehr als die Frauen insgesamt, deren Anteil bei 5,5 % lag (vgl. Managermagazin/2015).
Die Verfasserin möchte mit der vorliegenden Arbeit einen genaueren Blick auf die Situation der amtierenden Frauen in Führung an der Spitze der baden-württembergischen Kommunen werfen. Wie ist ihr Sozialprofil, wie war ihr Karriereweg vor Übernahme ihres kommunalen Spitzenamtes und wie stellt sich ihr eigenes Bild von Führung sowie Kommunikations- und Führungsstil dar. Im Zuge dieser Untersuchung und Erhebung der sozialstrukturellen Merkmale geht die Verfasserin davon aus, dass sich die fachliche Qualifikation und Karrierewege der weiblichen Amtsträgerinnen nicht wesentlich von denen ihrer männlichen Kollegen unterscheiden und es im Zuge des Sozialprofils nur in Nuancen Unterschiede bei der persönlichen Situation geben dürfte. Dahingegen ist die These der Verfasserin, dass es hinsichtlich des Führungsstils und des Kommunikationsverhaltens deutliche Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen (Ober-) BürgermeisterInnen geben dürfte.
Diese Hypothese beruht auch auf eigener Erfahrung und Beobachtung der Verfasserin aus 20 Jahren ehrenamtlicher politischer Gremienarbeit – aktuell noch als Gemeinderätin und stellvertretende Bürgermeisterin einer Gemeinde mit gut 11.000 Einwohnern.
Die amtierenden (Ober-) Bürgermeisterinnen können als Expertinnen ihres Berufsfeldes angesehen werden. Sie kennen ihre Aufgaben und die an sie gestellten Anforderungen und Erwartungen und können diese aus der persönlichen Innenansicht wiedergeben und bewerten (vgl. auch Scholz/2004/S. 1).
Mit dieser wissenschaftlichen Arbeit wird aus Sicht der Verfasserin auf umfassender und breiter Basis die Situation der Baden-Württembergischen (Ober-) Bürgermeisterinnen und ihre persönliche Innenansicht in den Fokus der Kommunalwissenschaft genommen.
Im Zuge der Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit sowie zeitlichen Historie häufig nur die männliche oder nur die weibliche Version verwandt – selbstverständlich sind generell alle Geschlechter gleichermaßen gemeint und angesprochen.
Ziel der Verfasserin ist es, mit der vorgelegten Untersuchung einen fundierten Überblick zum Sozialprofil der amtierenden (Ober-) Bürgermeisterinnen Baden-Württembergs zu geben und mit ähnlichen Studien sowie deren Ergebnissen zu vergleichen und ins Verhältnis zu setzen. Neben den fundierten Ergebnissen zum Sozialprofil und Führungsstil der amtierenden Amtsträgerinnen soll des Weiteren deren politische Führungsposition und sowie deren Erfahrungen als Vorbilder für andere herausgehoben und stärker sichtbar gemacht werden.
Die gesammelten Daten und Ergebnisse sollen für politisch Verantwortliche und Entscheider weitere Handlungsansätze aufzeigen. Insbesondere soll die Arbeit aber für an kommunalen Spitzenämtern interessierte Frauen als mögliche Orientierung sowie Bewertungs- und Entscheidungshilfe dienen.
1.2 Aufbau und Methodik der Arbeit
Der Aufbau dieser Masterthesis gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile:
Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Themenkomplex Frauen und Führung in Wirtschaft und Politik. Unterkapitel 2.1 versucht in diesem Kontext eine inhaltlich-beschreibende Annäherung an die Begriffe „Führung“ und „Macht“ aus weiblicher Sicht und den aktuellen Stand der sozialwissenschaftlichen Diskussion hierzu. Die beiden Unterkapitel 2.2 und 2.3 analysieren in der Folge die aktuellen Zahlen und prozentualen Anteile von Frauen in Führungspositionen in der ersten und zweiten Ebene der Wirtschaft sowie in politischen Führungspositionen auf Bundes-, Landes- sowie der kommunalen Ebene.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Profil von gewählten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern entsprechend früheren wissenschaftlichen Studien. Zu Beginn wird der Fragestellung nachgegangen, wer aus Sicht der Bürgerschaft und mit Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen gewählt wird (Unterkapitel 3.1 und 3.2).
Unterkapitel 3.3 beleuchtet in der Folge die Entwicklung des Sozialprofil der baden-württembergischen BürgermeisterInnen im Wandel der Zeit – angefangen von der ersten umfassenden Studie von Wehling und Siewert aus 1984, den Veröffentlichungen von Kern und Witt zum Sozialprofil von Bürgermeistern aus 2007, der Studie von Alexandra Klein aus 2015 bis hin zur aktuellsten Veröffentlichung zum Profil baden-württembergischer BürgermeisterInnen aus 2019 von Vinzenz Huzel.
Unterkapitel 3.4 richtet sodann den Fokus auf das Profil weiblicher Amtsträgerinnen. Hierzu werden folgende Studien herangezogen: Studie zu Oberbürgermeisterinnen in Deutschland von Anja Scholz aus dem Jahr 2004, die deutschlandweiten Studien der Bertelsmann Stiftung aus 2008 und von Lukoschat und Belschner „Frauen führen Kommunen“ aus 2014 sowie die Zahlen von Huzel aus 2015 als auch den unter der Leitung von Witt und Krause in 2016 im Zuge eines Fachprojektes an der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl erhobenen Zahlen.
In Kapitel 4 erfolgt dann die ausführliche Auswertung und Betrachtung der durch die Verfasserin erhobenen Daten. Hierzu wurden alle zum Ende Juli 2020 im Amt befindlichen badenwürttembergischen (Ober-) Bürgermeisterinnen mittels eines ausführlichen standardisierten Fragebogens ergänzt um skalierte sowie offene Fragen zu ihrem persönlichen Profil und Werdegang sowie ihrem Kommunikationsverhalten und ihrer Selbsteinschätzung zum Themenbereich Führungsstil befragt. Die Ergebnisse werden entsprechend aufbereitet zusammengefasst und in Relation zu den Ergebnissen der zuvor aufgezeigten Studien betrachtet. Neben der ausführlichen Beschreibung zum methodischen Vorgehen im Zuge der Befragung werden hier die Bereiche Alter und Lebenssituation, regionale Herkunft und Daten zum Amt, Bildungs- und beruflicher Hintergrund, Politisches sowie Selbstverständnis, Kommunikation und Führungsstil genauer beleuchtet.
Kapitel 5 fasst die wesentlichen Ergebnisse der erhobenen Zahlen und durchgeführten Untersuchung zusammen und widmet sich einer weiterführenden Betrachtung hieraus abgeleiteter möglicher Handlungsansätze für die politische Praxis und zur weiteren Steigerung des Frauenanteils in kommunalen Spitzenpositionen.
2. Frauen und Führung - in Wirtschaft
und Politik
2.1 Führung und Macht - begriffliche
Annäherung
„Führung“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch in vielerlei Hinsicht verwandt. Im Kontext als Führungskraft sind die beiden Hauptaspekte die Führung von Organisationen (auch als Unternehmensführung oder Management bezeichnet) und die personenbezogene Führung, bei der es um die Menschen in der Organisation geht und die man daher auch als Mitarbeiterführung bezeichnet. Führung wird definiert als zielbezogene Einflussnahme, sowohl durch die Gestaltung der Strukturen (Aufgaben, Prozessabläufe, etc.) als auch durch das direkte Verhalten der Führungskraft (vgl. Hartwich, 2014, S.13ff).
In der Berufswelt und im familiären Rahmen bestehen trotz gesetzlicher Gleichstellung erhebliche Unterschiede hinsichtlich Stellung, Branche, Lohn, Verteilung Familienarbeit usw. Inwiefern diese Unterschiede geschlechtsspezifische, „natürliche“ Präferenzen darstellen, ein Produkt der unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen sind oder sich durch sich reproduzierende bestehende Stereotypen abbilden, ist in der Wissenschaft nach wie vor umstritten (vgl. Lippmann u.a./2019/S.895).
Nach Lippmann, Pfister und Jörg unterscheiden sich die Voraussetzungen für eine Führungslaufbahn je nach Geschlecht deutlich: Während Frauen auch heute noch im Durschnitt eher zu Fürsorge und Liebenswürdigkeit erzogen werden, spielen bei Männern eher Durchsetzungsfähigkeit und Zielorientierung eine Rolle. Traditionelle Rollenerwartungen an Führungspersonen waren lange deckungsgleich mit denen an Männer.
Entsprechend müssen Frauen in Führungspositionen demnach permanent ihre Position durch Leistung legitimieren, was bei Männern auf Grund der verbreiteten „Normalität“ nicht grundsätzlich auf den Prüfstand gestellt wird.
Führungsverhalten von Frauen und Männern wird häufig unterschiedlich interpretiert – „er kann sich durchsetzen“ einerseits und „sie hängt die Chefin raus“ andererseits. Frauen in Führungspositionen sehen sich daher häufig mit der Herausforderung konfrontiert, selbstbewusstes Durchgreifen mit einer feminineren Seite der Führung in Einklang zu bringen bzw. die weiblichen und männlichen Anteile in ihrem Führungsverhalten stetig auszutarieren (vgl. Lippmann u.a./2019/S.895 f).
Auch Möller beschreibt, dass weibliche Machtstile sozialisationsbedingt im Wesentlichen durch indirekte Machtausübung gekennzeichnet werden, während für Männer Macht etwas Selbstverständliches ist und diese über einen positiven Machtbegriff verfügen (vgl. Möller/2012/S. 97). Frauen werden nach Möller Vorzüge wie größere Personenorientierung, Miteinbeziehen der MitarbeiterInnen sowie Ansprechbarkeit bei persönlichen Problemen zugeschrieben. Die in diesem Kontext an weibliche Führungskräfte herangetragene Rollenerwartung umfasst mehr Empathie sowie eine höhere soziale Kompetenz. Vor diesem Hintergrund überzeichneter Rollenerwartung erscheint jede Sachorientierung leicht als kalt (vgl. Möller/2012/S. 99).
Daneben verweist auch Scholz darauf, dass Frauen i.d.R. im Kontext von Führungsqualifikationen Faktoren wie Kommunikationsstärke, Teamfähigkeit, Integrationsfähigkeit und Motivationsfähigkeit zugeschrieben werden. Fähigkeiten wie Entschlusskraft, der Wille zur Veränderung und Durchsetzungsfähigkeit werden demgegenüber nach wie vor vermehrt Männern zugestanden (vgl. Scholz/2004/S. 65). Auch Politikerinnen wird gemäß einigen wissenschaftlichen Befragungen entsprechend zugesprochen, kooperativ, kommunikativ und flexibel zu sein, sowie prozess-, kontext- und personenbezogen zu agieren. Frauen in der Politik nehmen hiernach längere Entscheidungsprozesse in Kauf, während Männer zu raschen und prinzipienorientierten Entscheidungen neigen. „Frauen geht es in der Politik um Kompetenz und politische Veränderung und weniger um die eigene Karriere“ (Scholz/2004/S. 43).
Sowohl Möller als auch Scholz verweisen darauf und legen dar, dass die wissenschaftliche Untersuchungslage in diesem Kontext allerdings diffus ist und dass es gleichfalls Studien gibt, nach denen im Führungsverhalten von Frauen und Männern keine Unterschiede messbar wären bzw. Studien, die bezweifeln, dass Frauen Politik grundlegend anders gestalten würden als Männer (vgl. Möller/2012/S. 99 und Scholz /2004/S. 43). Auch Looman spricht davon, dass „die empirische Erhärtung für die Thesen vom weiblichen Politikverständnis und weiblichen Führungsstil in Politik und Wirtschaft“ nach wie vor ausstehe (Looman/2011/S. 29).
Andererseits führen allerdings sowohl Looman als auch Scholz eine Studie unter Senatorinnen in Berlin Ende der 80er Jahre an, bei der sich die Senatorinnen in ihrem Umgang mit Macht und der Führung ihrer Behörden von ihren männlichen Kollegen unterschieden (vgl. Looman/2011/S. 29). Entsprechend der Studie hätten sich die Senatorinnen nicht als Macht-, sondern als Reformpolitikerinnen gezeigt, die weniger den hierarchischen als vielmehr den kooperativen, prozessbezogenen Führungsstil praktizierten und ihre eigenen inhaltlichen Konzepte umsetzen wollten (vgl. Scholz/2004/S. 43).
2.2 Frauen in der Wirtschaft
Nach Looman sind Frauen in der Wirtschaft deutlich sichtbar, aber nach wie vor nur in geringem Maße in Führungspositionen in der Wirtschaft zu finden (vgl. Looma...