1.1 Gegenstand
Ein übergeordnetes Ziel eines Diskurses ist es, schrittweise das gemeinsame Wissen (Common Ground) der Diskursteilnernehmer über die Beschaffenheit der Welt zu erweitern, in welcher der Diskurs stattfindet (vgl. Stalnaker 1974, 1978, 2002). Um dieses Ziel zu erreichen, werden von den Diskursteilnehmern hauptsächlich zwei Arten sprachlicher Handlungen vollzogen: sprachliche Handlungen, welche den Zweck verfolgen, den Wahrheitsgehalt propositionaler Inhalte zu erfragen (erotetische Sprechakte) und sprachliche Handlungen, welche die Wahrheit von propositionalen Inhalten beanspruchen und damit explizit oder implizit offene Fragen beantworten (assertive Sprechakte).1 Das Wissen, das durch diesen interaktiven Prozess gewonnen wird, ist nicht allein von erkenntnistheoretischem Interesse. Es bildet die Basis, auf der ein effektives Handeln und Planen in der Gruppe möglich wird und stellt den Hintergrund dar, vor dem Wünsche, Hoffnungen, Präferenzen usw. formuliert werden können.
Das Sprachsystem des Deutschen stellt den Diskursteilnehmern spezifische Typen von Satzstrukturen zur Verfügung, um diese sprachlichen Handlungen zu realisieren und die zu den Handlungen gehörenden Einstellungen gegenüber propositionalen Inhalten zum Ausdruck zu bringen. Die Satztypen in (1) werden i. d. R. verwendet, um erotetische Sprechakte zu vollziehen, weshalb sie in der traditionellen Grammatiktheorie als Interrogativsätze bezeichnet werden. Bei dem Satztyp in (1a) handelt es sich um einen sog. Ja/Nein-Interrogativsatz. Der Satztyp in (1b) stellt einen sog. W-Interrogativsatz dar. Mit Sätzen der Form wie in (2) werden normalerweise assertive Sprechakte vollzogen. Diese Sätze werden traditionell als Deklarativsätze bezeichnet:
| (1) | a. | Wird Maria morgen den Postboten heiraten? |
| b. | Welchen Mann wird Maria morgen heiraten? |
| (2) | Maria wird morgen den Postboten heiraten. |
Die propositionalen Inhalte der selbständig verwendeten Satztypen in (1) und (2) können außerdem in entsprechende Satztypen verpackt werden, die standardmäßig als Komplementsätze in Matrixsätze eingebettet werden.2 Der Ja/Nein-Interrogativsatz in (1a) entspricht dabei dem eingebetteten Satztyp in (3a), der W-Interrogativsatz in (1b) dem eingebetteten Satztyp in (3b) und der Deklarativsatz in (2) dem eingebetteten Satztyp in (4):
| (3) | a. | Joseph fragt, ob Maria morgen den Postboten heiraten wird. |
| b. | Joseph fragt, welchen Mann Maria morgen heiraten wird. |
| (4) | Joseph sagt, dass Maria morgen den Postboten heiraten wird. |
Mit der selbständigen Verwendung der Satztypen in (1) und (2) können die Teilnehmer des Diskurses ihre eigenen Einstellungen zu den propositionalen Inhalten ausdrücken. Mit den komplexen Konstruktionen in (3) und (4) können dagegen die propositionalen Inhalte der eingebetteten Satztypen auf sprachliche Handlungen und Einstellungssysteme von Drittpersonen bezogen werden.
Eine Aufgabe der theoretischen Linguistik besteht darin, die syntaktischen Prinzipien anzugeben, nach denen die Satztypen des Deutschen aufgebaut sind. Bei den Satztypen, die in (1)–(4) thematisiert werden, hängt die Konstitution des Satztyps im Wesentlichen von den grammatischen Eigenschaften der sprachlichen Ausdrücke ab, durch welche die linke Satzperipherie besetzt wird (vgl. Lohnstein 2000, 2007).3 In der topologischen Satzanalyse nach Drach (1937) setzt sich die linke Satzperipherie aus zwei syntaktischen Positionen zusammen: dem sog. Vorfeld (VF) und der sog. linken Satzklammer (LK). Die linke Satzperipherie der selbständigen Sätze in (1) und (2) und der eingebetteten Sätze in (3) und (4) erhält in diesem Modell die Analyse in (5) bzw. (6):
| (5) | |
| VF | LK | |
| | Wird | Maria morgen den Postboten heiraten |
| Welchen Mann | wird | Maria morgen heiraten |
| Maria | wird | morgen den Postboten heiraten |
| (6) | |
| VF | LK | |
| | ob | Maria morgen den Postboten heiraten wird |
| welchen Mann | | Maria morgen heiraten wird |
| | dass | Maria morgen den Postboten heiraten wird |
Bei den Sätzen in (5) handelt es sich um sog. Verberst- bzw. Verbzweitsätze. Das finite Verb befindet sich bei diesen Sätzen in der linken Satzklammer. Bei dem Verberstsatz ist das Vorfeld leer, bei den Verbzweitsätzen wird das Vorfeld entweder durch eine [+wℎ]-Phrase oder eine [−wℎ]-Phrase besetzt. Bei den Sätzen in (6) handelt es sich dagegen um sog. Verbletztsätze.4 Bei diesen Sätzen ist entweder die linke Satzklammer durch eine Konjunktion besetzt und das Vorfeld leer oder im Vorfeld steht eine [+wℎ]-Phrase und die linke Satzklammer ist unbesetzt. In den Tabellen (7) und (8) werden die generellen Konstruktionsprinzipien der Satztypen und die Bezeichnungen, die in der vorliegenden Arbeit verwendet werden, zusammengefasst:
| (7) | |
| VF | LK | Satztyp | Beispiel |
| ∅ | Finitum | V1-Ja/Nein-Interrogativsatz | (1a) |
| [+wℎ]-Phrase | Finitum | V2-W-Interrogativsatz | (1b) |
| [−wℎ]-Phrase | Finitum | V2-Deklarativsatz | (2) |
| (8) | |
| VF | LK | Satztyp | Beispiel |
| ∅ | ob | VL-Ja/Nein-Interrogativsatz | (3a) |
| [+wℎ]-Phrase | ∅ | VL-W-Interrogativsatz | (3b) |
| ∅ | da... |