[U]nd ein anderes [ist] die lebendige, ursprüngliche, ewig junge, ewig von Neuheit, Erstmaligkeit und Unvergleichlichkeit glänzende Tat. […] Überdies ist, wo immer es sich um eine Tat handelt, in erster Linie weder an dem Was noch an dem Wie gelegen (obgleich dies letztere wichtiger ist), sondern einzig und allein an dem Wer.
| (Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull) |
Das wahre Sein des Menschen ist vielmehr seine Tat; in ihr ist die Individualität wirklich, und sie ist es, welche das Gemeinte in seinen beiden Seiten aufhebt […]. Die Tat ist ein einfach Bestimmtes, Allgemeines, in einer Abstraktion zu befassendes; sie ist Mord, Diebstahl oder Wohltat, tapfere Tat und so fort, und es kann von ihr gesagt werden, was sie ist. Sie ist dies, und ihr Sein ist nicht nur ein Zeichen, sondern die Sache selbst. Sie ist dies, und der individuelle Mensch ist, was sie ist […].
| (Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes) |
1.1 Einleitung
In den vorangestellten Zitaten aus Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull1 und aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Phänomenologie des Geistes2 erfährt die Tat eine emphatische Setzung. Thomas Manns Text stellt mit einer dezenten ironischen Markierung die exzeptionelle wie ereignishafte Präsenz der „lebendige[n], […] von Neuheit, Erstmaligkeit und Unvergleichlichkeit glänzende[n] Tat“3 deutlich heraus, verweist aber zugleich auf die Beziehung von Tat und Täter*in: Weder die Tat an sich noch ihre jeweilige Ausführung ist von Belang, vielmehr steht das die Tat ausführende spezifische Subjekt im Fokus. Die Tat scheint folglich etwas über die Identität des Subjekts zu kommunizieren; mehr noch, so ließe sich vermuten: Die Exekution der Tat bewirkt eine Subjektivierung, generiert eine Identität. Zuvor liest bereits Hegel in der Tat „[d]as wahre Sein des Menschen“,4 in der Tat erst ist „die Individualität wirklich“.5 Zudem zeigt Hegel auf, dass die Tat sich nicht ethisch-moralisch festlegen lässt – „sie ist Mord, Diebstahl oder Wohltat, tapfere Tat und so fort“6 –; die Exekution der Tat ist folglich nicht auf ein heroisches wie altruistisches Tätersubjekt zu reduzieren, das die dem Wohl der Gemeinschaft dienende Tat vollbringt.7
Folgt man den skizzierten Annahmen, so erweist sich die Erzählung der Tat auch als bedeutsam für die Erzählung des Subjekts im Text und für die Möglichkeiten der jeweiligen performativen Subjektivierung; die Exekution der Tat nimmt mit der komplexen Beziehung von Tat und Täter*in die doppelte Bedeutung des Wortes Subjekt auf, die Michel Foucault herausstellt: „[E]s bezeichnet das Subjekt, das der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhängigkeit steht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist.“8 Die durch die Tat geformten und trainierten (literarischen) Subjekte ließen sich in einem weiteren Schritt mit Andreas Reckwitz als „kulturelle Formen“9 begreifen, also als ästhetische Modulationen von möglichen Formierungen des Subjekts zu einem gegebenen Zeitpunkt. Die durch die Exekution der Tat formierten Subjekte dienen auch als „kulturelle Form“10 für die zu formenden außertextlichen Subjekte; der Blick auf die literarische Tat ermöglich so auch einen Blick auf die möglichen außertextlichen Subjektformen.11
Zudem sticht – so Thomas Mann – die Erzählung der „lebendige[n]“12 Tat als Ereignis aus dem Syntagma des Textes hervor: Die Beobachtung der Tat im Text ließe sich somit als Beobachtung des ereignishaften Nexus von Tat, Täter*in und Subjekt verstehen; die Tat kann zugleich als Kristallisationspunkt wie als Katalysator der Subjektivierung und des Geschehens gelesen werden. Die spezifische semantische Füllung der Tat ist somit weniger von Belang als ihre jeweilige Funktion für das Subjekt und das Textereignis. Wird die Tat mit einem politischen Vektor verknüpft – und dies ist bei einer Vielzahl von Texten, so eine erste heuristische Annahme, der Fall –, wird das Paradigma der Tat deutlich: Die Erzählung der Tat verhandelt dann nicht nur die Subjektivierung des (in der Regel männlichen) Individuums und das Ereignis der Tat, sondern dient zugleich der textübergreifenden Diskussion, Installation oder Revision der politischen Ordnung oder des politischen Körpers.13
Das skizzierte Paradigma der Tat ist in der Literatur in diversen Kontexten und Texten virulent: Bereits in Sophokles’ Antigone, in dem die paradigmatische und emphatische Tat14 der griechischen Antike erörtert wird, legt die Exekution der Tat – Antigone vollzieht die rituelle Bestattung ihres Bruders Polyneikes gegen die Anweisungen des Herrschers Kreon – die Diskussion des Politischen nahe: Zum einen macht Antigones Tat die Differenzen zwischen der staatlichen und der religiös-familiären Ordnung deutlich; die Befolgung beider Ordnungen ist aufgrund ihrer Dichotomie nicht möglich, folglich muss die Relevanz der jeweiligen Ordnung für die Entscheidung thematisiert werden. Zum anderen werden die staatliche Ordnung und das Herrschaftsverständnis Kreons vom Text kritisch beleuchtet; der Text macht hierbei deutlich, dass die von Hegel angelegte Isonomische Deutung nicht zu halten ist; die Ordnungen sind, dies stellt der Text deutlich heraus, nicht als gleichwertig zu lesen.15 Der Text zeichnet sich durch die Erzählung der erfolgreichen Tat einer weiblichen Akteurin aus, wobei die Folgen der Tat weder für die Subjektivierung der Täterin noch für das politische oder rechtliche System vom Text problematisiert werden. Antigone weist somit zwei grundsätzliche Differenzen zu den in dieser Arbeit zu diskutierenden Texten auf, die im Allgemeinen erstens eine Problematisierung der Tat vornehmen und zweitens von einem männlichen Täter erzählen.
Auch in der neueren deutschsprachigen Literatur lässt sich die Kopplung von der Tat und dem Politischem beobachten, die insbesondere in den ab ca. 1750 entstehenden Texten eine Problematisierung der Tat und des Politischen vornehmen und zudem im Gegensatz zu den um 1700 entstandenen Texten nicht dem Realen nachgängig, sondern als Imaginäres vorgängig sind.16 Um 1700 erzählt etwa Grimmelshausens Simplicissimus von den Schrecken und den Gewalttaten des Krieges, Gryphius’ Papinian diskutiert die Tat im Rahmen des Widerstandsrechts und Schnabels Die Insel Felsenburg definiert eine Gewalttat als ordnungsstiftenden Gründungsakt einer Gesellschaft. Faust diskutiert 1808 – die Arbeit setzt zeitlich 1773 mit Goethes Götz von Berlichingen ein – bei seiner logoskritischen und philologisch fragwürdigen Bibelübersetzung die semantischen Differenzen von Wort, Sinn und Kraft und entscheidet sich schließlich für die Setzung der Tat als emphatischem Ausgangs- und Anfangspunkt: „Im Anfang war die Tat!“17 Schiller entfaltet die politischen Implikationen der Tat explizit und zeigt etwa in Wilhelm Tell die notwendige Tat, die mit der Beseitigung der alten die Voraussetzung für die Einsetzung der neuen politischen Ordnung darstellt. Die Gründung des neu zu schaffenden Staatskörpers bzw. des Staates ergibt sich hierbei aus dem „naturrechtlich verbürgte[n] Recht auf Widerstand“,18 das in dem Text mit der Erzählung der Tat aufgerufen wird. Die im Text beschriebene Tat von Tell, durch die die Staatsgründung als Republik bzw. die Bildung des sozialen Körpers erst möglich wird, ist also unmittelbar politisch zu lesen; mit der Tat wird die Dimension des Politischen in den Text eingeführt und verhandelt bzw. ausgehandelt. Die Erzählung – und Evokation – der neuen Bürger*innen und der neuen Ordnung geschieht hierbei vor ihrer Realisierung in der realpolitischen Wirklichkeit im Imaginären des Textes. Das im Text verhandelte Politische rekurriert also nicht auf die textexterne (zeitgenössische deutsche und französische) Realität, sondern geht dieser voraus; der Text erzeugt und fasst das politische Imaginäre, das dann (auch) in der textexternen Realität wirksam werden kann.
Eine besondere Konjunktur der Tat lässt sich für die Literatur um 1900 feststellen, die folglich auch einen Schwerpunkt der Analyse ausmacht: In Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften wird die „Parole der Tat“19 für die mysteriöse „Parallelaktion“,20 deren politischer Gehalt den gesamten Text über nebulös bleibt,21 ausgegeben, in Hugo von Hofmannsthals Elektra kann E...