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Ich war keine Heldin
Mit einem Vorwort von Dr. Brigitte Bailer
- 184 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Ich war keine Heldin
Mit einem Vorwort von Dr. Brigitte Bailer
Über dieses Buch
Antonia Bruha gilt bis heute als eine stille Nationalheldin Österreichs. Als Sozialdemokratin und ab Ende der Dreißigerjahre im österreichischen Widerstand aktiv, wurde sie 1941 von der Gestapo verhaftet, von ihrer kleinen Tochter getrennt und später ins KZ Ravensbrück gebracht. Als sie, nach Kriegsende wieder in Wien, krank, elend und schlaflos ihre Erinnerungen niederschrieb, war dies ein Versuch, die Gedanken an das Erlebte, an Todesangst, Grauen und Verzweiflung loszuwerden. An eine Veröffentlichung dachte sie damals nicht. Erst vierzig Jahre später erschien ihr erschütternder Bericht vom Überleben in den Gefängnissen und Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Diktatur.
Ein Beitrag zur Geschichte unseres Jahrhunderts aus ganz persönlicher Sicht: Erinnerungen einer Wienerin, die sich 1938 dem Widerstand gegen den Nationalismus anschloss und dann vier Jahre, von 1941 bis 1945, in verschiedenen Wiener Gefängnissen und im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert war.
Information
Meine liebe Toni!
Wir, die wir selbst durch diese Zeit ohne Gnade gegangen sind, lesen dieses mit Herzblut geschriebene Buch mit tiefster Erschütterung. Es ist uns bewusst, dass es schwer, sehr schwer für alle ist, diese grausame Zeit zu verstehen. Das Buch aber wird manchem und mancher eine Lösung bringen.
Wir bedürfen der Mahnung »Niemals vergessen!«, nicht, denn Vergessen-Können ist uns nicht beschieden. Die durchlittenen Stunden-Tage-Wochen-Monate-Jahre und auch die Nächte haben sich uns zutiefst eingeprägt, sie lassen sich nicht verdrängen, sie quälen uns bei Tag, und sie erschüttern unsere Nacht.
Liebe Toni, Du tapferer Mensch! Du, die Du immer ein Lächeln auf den Lippen hattest, niemals mutlos warst, sondern immer helfend-gebend-lindernd – von Dir wussten nur die engsten Freunde, dass daheim bei Deinem geliebten Mann Pepi ein Baby auf Dich wartete. Du hast Dir nicht erlaubt, Deinem namenlosen Leid nachzugeben. Du warst immer da, brachtest Medikamente unter Lebensgefahr auf den Block, rettetest mit den Freundinnen Anny, Bertl, Mitzi, Hermi so manches Leben. Hunderte Male standest Du mit einem Fuß im Grab; aber die Freundschaft war wunderbar, es gab keinen Verrat.
Das alles tatest Du und noch viel mehr, immer gläubig, wissend, dass es ein Ende geben musste, dass ein solches Grauen nicht Bestand haben konnte. Du hast niemals die Hoffnung verloren, und dadurch schenktest Du mancher die Kraft zum Weiterleben-Wollen.
Dir, liebe Freundin, haben unzählige zu danken: Es danken Dir jene, deren Weg zwar durch das Tor des Leidens führte, die aber den Weg zurück nicht mehr gehen konnten; aber es danken Dir auch alle Freundinnen, die überlebten, denen Du auch heute noch ein helfender Freund bist.
Dieses Buch müsste jeder Mensch lesen, vor allem jeder junge Mensch. Es ist mein innigster Wunsch, dass es die Verbreitung findet, die es verdient; dass es mithilft, die Menschen zum Nachdenken zu bringen.
Denn nie wieder darf eine Zeit kommen, in der an die Stelle der Demokratie die brutalste Gewalt tritt!
Dir zutiefst verbunden, auch im Namen unserer Leidensgefährtinnen,
Rosa Jochmann, österreichische Widerstandskämpferin und sozialdemokratische Politikerin
(19.7.1901–28.1.1994)
(19.7.1901–28.1.1994)
NIRGENDS BLÜHEN DIE Kastanienbäume so schön wie in Wien: Der Prater ist voller Duft, und die Kerzen stehen groß, weiß und rosa. Alles blüht und grünt, alles ist frisch, der Tau glänzt noch auf den Blättern: Es blüht der Flieder weiß und lila, und ein Windhauch trägt den betäubenden Duft fort. Man möchte, dass es ewig Frühling wäre.
Plötzlich ein Wind, ein Toben und Sausen in der Luft. Der Sturm reißt an den Blättern, zerrt an den Blüten. Ein Blatt nach dem anderen fällt, und auch die Kastanienkerzen werden müde und neigen ihre Köpfe.
Bitte, nur eine Blüte lass stehen, die Blüte der Hoffnung und des Glaubens! Er jedoch lässt nicht mit sich handeln, der Sturm, er tobt, saust und wirbelt. Plötzlich, mitten in diesem Getöse, ein Kinderweinen, leise zuerst, dann lauter, eindringlicher und auf einmal ganz laut, um Hilfe schreiend.
Ach ja, das Kind weint. Man braucht nur die linke Hand auszustrecken und langsam den Wagen zu bewegen, der neben dem Bett steht, das beruhigt. Ich strecke die Hand aus – und es ist kein Wagen da, die Hand greift ins Leere. Schwer fällt sie herab, und nun sitze ich hellwach auf dem Strohlager.
Vier graue Wände, eine eisenbeschlagene Türe, Klapptisch, eine Klappbank und die Pritsche. Diese mit Stroh belegt, mit Stroh, das durchtränkt ist mit dem Schweiß ungezählter Menschen, vielleicht auch mit ihren Tränen. Nun sitze ich da und sehe klar: Der Traum ist vorbei, die Wirklichkeit ist grau, nackt und furchtbar. Ich lebe wieder einen jener klaren Augenblicke, in denen das Fieber nachgelassen hat, in denen ich denken und fühlen kann, ohne in wahnsinnige Fieberfantasien zu verfallen. Diese Augenblicke sind kurz, aber umso schrecklicher. Ganz still ist es in meiner Zelle. Die Fensterscheibe blau gestrichen und an der Decke ein starkes elektrisches Licht, das irgendwie vertraut und beruhigend wirkt.
Draußen auf dem Gang schwere Schritte, auf und ab dröhnen die Stiefel, und auf und zu gehen die Schiebefenster an den Zellentüren. Jetzt kann ich schon ausrechnen, wann mein Fensterchen an der Reihe ist. Dann ist der Gestapomann auch an meiner Zelle vorbei. Ich lehne mich zurück, meine Pulse sind ruhiger geworden, das Fieber hat ja nachgelassen, nur die Brust, die noch immer nicht verstehen will, dass nichts mehr da ist, wofür sie Milch hervorbringt, ist entzündet und schmerzt.
Aber dieser Schmerz ist nicht das Ärgste. Es beginnt das Blut wieder durch die Adern zu jagen. Fieber! Ich fühle, wie es steigt. Und mit dem Fieber kommt wieder das Weinen: Irgendwo hinter den grauen, unerbittlichen Mauern weint mein Kind! Oder ist es gar nicht hinter der Mauer, vielleicht nur hinter der Tür? Ich weiß, es hat Hunger, es will trinken, und es weint. Ich halte dieses Weinen nicht mehr aus, ich will hinaus vor die Tür, ich will das Kind wieder warm und fest in meinen Armen halten. Aufmachen! Aufmachen! Ich stürze von meinem Lager zur Tür, und jetzt hämmern meine Fäuste wie irrsinnig gegen das Holz. Es dröhnt durch das ganze Gefängnis, vom vierten Stock, wo meine Zelle liegt, bis hinunter in den Keller. Aber noch lauter als das Hämmern ist der Schrei: Aufmachen!
Die schweren Schritte kommen näher, ein Spalt öffnet sich: »Was gibt’s?« Ich versuche es im Guten: »Ich höre mein Kind weinen, es weint irgendwo an der Tür im Gang, es will trinken, bitte, reichen Sie es mir, ich will ihm nur zu trinken geben, dann gebe ich es gleich wieder zurück.« – »Sie sind wohl übergeschnappt«, sagt die raue Stimme, »hier gibt es keine Kinder, hier gibt es nur Verbrecher, solche wie Sie.«
Ich will nicht verstehen, ich beharre auf meinem Wunsch, und immer lauter wird meine Stimme: »Geben Sie mir das Kind, es hat Hunger!« Aber die Tür schlägt ins Schloss. »Wieder eine, die übergeschnappt ist«, sagt eine Stimme draußen. Doch meine Fäuste hämmern weiter, bis sie bluten. Mein Weinen hallt durch das Gefängnis, bis eine mitleidige Ohnmacht mich und auch die Insassen der anderen Zellen erlöst …
Der Steinboden ist kalt. Wie lange bin ich gelegen? Minuten, Stunden? Ich weiß es nicht. Ich stehe auf und gehe die zwei Schritte zurück zur Pritsche, dann liege ich und starre vor mich hin. Es ist besser, nicht die Gegenwart zu sehen und nicht an die Zukunft zu denken; es ist einfacher, die Vergangenheit wachzurufen.
Genau wie hier brannte das Licht an jenem Abend in der kleinen Küche unserer Wohnung, ruhig und klar. Ich hatte gerade den Text eines Flugblattes verfasst, einen Aufruf zum Kampf gegen Krieg, Faschismus und Brutalität, als mein Mann sagte: »Wir sind nicht mehr so jung; ich bin 31, und du bist 25 Jahre alt. Ich möchte endlich wissen, wofür ich lebe, ich möchte wissen, dass es einmal eine Fortsetzung meines Lebens gibt: Ich möchte ein Kind.«
Überrascht blickte ich auf, es kam so unerwartet. Wir hatten beinahe nur der politischen Arbeit gelebt und nie von uns selbst gesprochen. Nun stand auf seinem ernsten Gesicht ein Wunsch, den er sicher lange mit sich herumgetragen hatte. Ich fragte: »Wie kommst du darauf? So unvermittelt, ohne jede Vorbereitung, sagst du: Ich will.« Er antwortete mit einer Gegenfrage: »Und du willst nicht?« Doch, auch in mir war schon öfter der Wunsch aufgetaucht, ein kleines Kind, das nur mir allein gehörte, in meinen Armen zu halten, aber es waren immer andere Interessen da, die diesen Wunsch zum Schweigen brachten. Darum sagte ich jetzt: »Auch ich möchte ein Kind, aber hast du bedacht, dass Krieg ist, und für uns im doppelten Sinne des Wortes? Hast du bedacht, was wir in letzter Zeit immer wieder tun? Du hast vergessen, dass wir auf heißem Boden stehen, mit einem Fuß im Gefängnis und mit dem anderen unter dem Galgen. Was würde ohne uns aus unserem Kind?«
Seine Stirn furchte sich, er dachte ernst nach, dann sagte er: »Schau, wir machen die illegale politische Arbeit schon so lange, und nie kam es zu Verrat; ich glaube fest, dass es auch weiter keinen geben wird. Außerdem werden ja alle Genossen einsehen, dass du im Falle einer Schwangerschaft zu arbeiten aufhörst.« – »Einsehen werden sie es schon, aber ob ich die Kraft haben werde aufzuhören, wo ich mit meiner innersten Überzeugung bei der Sache bin, das ist eine andere Frage.«
Doch sein Entschluss stand fest, und auch meine Sehnsucht nach dem Kind wurde immer größer.
Als die Stunde der Niederkunft kam, lag ich in einem weißen Bett, und ein ernstes Gesicht beugte sich über mich. Alles war etwas verschwommen, der Schmerz war groß. Trotzdem hörte ich auf einmal ganz deutlich: »Ein Mädchen ist es.« Dann hielt ich das Kind in den Armen und fühlte erst jetzt, wie sehr ich mich all die Jahre nach einem Kind gesehnt hatte. Als ich am nächsten Tag das Gesicht meines Mannes sah, wusste ich, dass er die ganze Nacht mit mir gewacht, an meinen Schmerz und an das Kommen des Kindes gedacht hatte; trotz der Müdigkeit lag so viel Freude in diesem Gesicht, so viel Wärme in seiner Stimme, als er sagte: »Ich danke dir für das große Geschenk.« Ich war so froh, über das Kind und über alles.
Es näherte sich der Tag, an dem ich mit meinem Kind nach Hause gehen sollte; als mein Mann zu Besuch kam, fragte ich: »Hast du alle die Unseren verständigt, dass ich hier liege und wir ein Kind haben?« Er bejahte kurz.
»Ich verstehe nur nicht, dass keiner von unseren Freunden mich besuchen kommt. Es kamen die Eltern, die Verwandten, aber von den Unseren niemand. Ich habe doch auch in den letzten neun Monaten mitgearbeitet, ich bin in meiner Schwangerschaft keine Egoistin geworden, ich habe nicht aufgehört, an die anderen zu denken, ich bin meinen Weg weitergegangen. Ich habe an unserer Fahne festgehalten, denn schließlich soll sie siegen, nicht nur den anderen Menschen zuliebe, sondern auch für mein Kind. Jetzt ist doch ein Mensch da, der die Freiheit und den Frieden, für die wir kämpfen, erleben wird.«
Ich sah ihm in die Augen: Sein Anzug war zerknittert, er dürfte nicht geschlafen haben, müde sah er aus. »Was ist geschehen, sprich!«
Er sagte: »Die Unseren können dich nicht besuchen kommen: Sie haben Angst um dich, sie haben Angst, dass man merkt, dass du zu ihnen gehörst. Ich habe heute Nacht nichts anderes getan als Papier verbrannt. Ich habe unsere Schränke ausgeräumt, deine Bücher, deine Manuskripte durchsucht. Alles Belastende habe ich verbrannt. Marianne, Irma, Franz, Louis, sie sind alle verhaftet worden. Noch viele andere auch. Verstehst du jetzt, warum niemand kommt?«
Es traf mich wie ein Schlag. Ich dachte jetzt nicht an das Kind, nicht an mich, nur an die anderen. Was geschah jetzt mit ihnen? Wer hatte uns verraten? An diesem Tag bekam ich zum ersten Mal das Fieber, das nicht sinken wollte. Ich lag im Bett, starrte auf die Tür und wartete, bis mein Mann kam. Und immer gleich die Frage: »Wen hat man wieder geholt?«
Der Arzt kam an mein Bett: Er konnte sich nicht erklären, warum ich trotz des guten Verlaufs der Entbindung immer fieberte. Man wollte mich nicht aus dem Spital entlassen, aber ich strebte nur nach Hause. Ich hatte zwar keine Angst, dass man mich auch holen würde, denn ich war fest davon überzeugt, dass mich meine Freunde nicht verraten würden, aber ich hatte große Sehnsucht, allein zu sein mit dem Kind, noch eine Zeit lang mit ihm glücklich zu sein, ehe es – vielleicht doch – zu Ende war.
Drei Wochen nach der Entbindung kam ich endlich heim. Ich erinnere mich deutlich an das Auf und Ab der folgenden zwei Monate: an die Seligkeit meines Mutterglücks auf der einen Seite und an die Angst um die Unseren auf der anderen, das Mitgehen mit ihren Erlebnissen, das Wissen um ihr Leid und ihre qualvollen Verhöre. Und dazwischen die bange Frage: Komme auch ich dran oder nicht?
Das Kind gedieh, lachte schon und hob das Köpfchen. Fast jeden Tag hörte man von einer neuen Verhaftung, bis eines Morgens, drei Monate nach der Geburt des Kindes, meine Wohnungsglocke läutete. Ich war noch etwas verschlafen, mein Mann war gerade zur Arbeit gegangen. Als ich die Tür aufschloss und zwei Männer draußen stehen sah, hielt ich sie für Vertreter. »Ich kaufe keinen Staubsauger und lasse mich auch nicht versicher...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Doch eine Heldin
- Meine liebe Toni!
- Nachwort
- Über die Autorin
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