Kompetenzentwicklung in der digitalen Arbeitswelt
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Kompetenzentwicklung in der digitalen Arbeitswelt

Zukünftige Anforderungen und berufliche Lernchancen

  1. 220 Seiten
  2. German
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Kompetenzentwicklung in der digitalen Arbeitswelt

Zukünftige Anforderungen und berufliche Lernchancen

Über dieses Buch

Die digitale Transformation verändert viele Bereiche des Arbeitens und Lernens. Zentraler Fixpunkt des Buches ist die Frage nach einer Kompetenzentwicklung für junge Menschen, die sie befähigt, an einer zukünftigen Arbeitswelt zu partizipieren ? auch wenn deren technologische und arbeitsorganisatorische Ausprägungen heute kaum zu prognostizieren sind. Die Beiträge betrachten arbeits- und gesellschaftspolitische Herausforderungen, mögliche Folgen für Arbeitsmarkt, Berufs- und Berufsbildungssystem, Anforderungen und Chancen für die betriebliche Nutzung und die Kompetenz der Beschäftigten sowie Veränderungen der beruflichen und schulischen Bildung.

Information

Jahr
2021
ISBN drucken
9783791051024
eBook-ISBN:
9783791051093

Teil IV: Digitalisierung des beruflichen Lernens

12 Ansätze zur Digitalisierung des beruflichen Lernens

Sönke Knutzen und Falk Howe
Abstract
Eine arbeitsprozessorientierte Didaktik kann mit einer gezielten Nutzung der vielfältigen Potenziale digitaler Medien verbunden werden. So greift man die durch Digitalisierung hervorgerufenen Veränderungen beruflicher Arbeit auf und nutzt gleichzeitig die Möglichkeiten digitaler Medien in Bildungsprozessen. Das wird für Lern- und Arbeitsaufgaben ausgeführt und dabei deutlich gemacht, dass Digitalisierung nicht nur eine Herausforderung für das Berufsbildungssystem darstellt, sondern gleichzeitig ein Teil der Lösung seiner aktuellen Probleme ist.

12.1 Schöne neue (digitale) Welt

Digitalisierung ändert die Art, wie wir leben, arbeiten, kommunizieren oder uns Informationen beschaffen in rasanter und tiefgreifender Weise. Der in immer kürzeren Zyklen verlaufende technologische Wandel fordert uns alle heraus. Wenn die Auszubildenden ihre Ausbildung mit etwa 20 Jahren beenden, haben sie in der Regel noch mindestens 45 Arbeitsjahre vor sich. Das ist im Angesicht des beschleunigten Wandels eine lange Zeit! Und daraus resultiert eine Verantwortung. Alle an der Berufsbildung Beteiligten stehen in der Pflicht, die Auszubildenden so gut wie möglich auf diese agile, sich schnell verändernde Lebens- und Arbeitswelt vorzubereiten.
Digitalisierung ist aber nicht nur der Treiber der Veränderung und darin eine große Herausforderung für die Berufsbildung – sie ist auch Teil der Lösung. Denn digitale Tools und Medien ermöglichen ganz neue Formen des Lehrens und Lernens, der Kommunikation und Zusammenarbeit sowie der Reflexion.
Wie lässt sich nun ein ganzheitlicher, berufspädagogischer Ansatz mit den veränderten Anforderungen und Möglichkeiten verbinden, die die Digitalisierung mit sich führt?
Es ist sicherlich hilfreich, zunächst einmal das Ziel beruflichen Lernens im dualen System – die Förderung einer beruflichen Handlungskompetenz – genauer zu betrachten. Neben der Vermittlung berufsfachlichen Wissens und der Förderung der zugehörigen Fertigkeiten ist es die Aufgabe der Betriebe sowie der Berufsschule, die Auszubildenden zu befähigen, möglichst selbstständig aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu erkennen und flexibel, kreativ, planvoll und reflektiert zu bewältigen. Hierfür gilt es, fachliche und personale Kompetenzen miteinander zu verbinden – so wie es der Deutsche Qualifikationsrahmen vorsieht (s. Abbildung 12.1). Nach diesem verfügt eine kompetente Person – neben fundiertem, fachlichem Wissen – über angemessene Fertigkeiten, über soziale Kompetenzen und über eine Selbstkompetenz,
Abbildung
Abb. 12.1: DQR-Kompetenzmodell (AK DQR 2011: S. 5)
welche die Bereitschaft und Fähigkeit umfasst, aus Erfahrung zu lernen, kritisch zu denken und zu handeln (BLK 2013).

12.2 Arbeitsprozessorientierung

Wie lässt sich eine entsprechende Förderung umfassender beruflicher Handlungskompetenz realisieren? Der Schlüssel für eine innovative und wandlungsfähige Berufsbildung ist bereits seit den 1990er Jahren konzeptionell angelegt – und zwar im Ansatz der Arbeitsprozessorientierung (vgl. z. B. Fischer/Rauner 2002). War bis in die 1980er Jahre die Fachsystematik – in der Regel abgeleitet aus den Ingenieur- bzw. Technikwissenschaften – dominierend, setzte sich seit den 1990er Jahren zunehmend die Leitidee eines kompetenzfördernden, handlungs- und arbeitsprozessorientierten Lernens durch. Die betriebliche Arbeitsrealität mit ihren Arbeits- und Geschäftsprozessen ist der zentrale, durchgängige Bezugspunkt beruflicher Bildung – und das an allen Lernorten! Auslöser für dieses veränderte Leitbild war in erster Linie der Wandel in der Arbeitswelt, der insbesondere auch die gewerblich-technischen Berufe traf und nach wie vor trifft. So wird in aktuellen Ausbildungsrahmenplänen, Rahmenlehrplänen und Unterweisungsplänen nachdrücklich eine arbeitsprozessorientierte Gestaltung der Ausbildung eingefordert.
Zusätzliche Unterstützung erfuhren arbeitsorientierte Berufsbildungskonzepte zeitgleich durch Befunde aus der »Situierten Kognition« (vgl. z. B. Lave/Wenger 1991). Lerntheoretisch hatte sich gezeigt, dass Lernen nicht auf Vorrat erfolgen, sondern Lernsituationen den späteren Anwendungssituationen möglichst ähnlich, d. h. »situiert«, sein sollten. Lernanlass müsste eine interessante, authentische Problem- bzw. Aufgabenstellung sein, die in eine reale berufsbezogene Situation eingebettet und deren Gesamtzusammenhang den Lernenden klar ist.
Das »Situierte Lernen« liegt dem didaktischen Konzept der Lern- und Arbeitsaufgaben (Howe/Gessler 2018; Howe/Knutzen 2017b) zugrunde. Lern- und Arbeitsaufgaben stehen für ein projektförmiges, arbeitsprozessorientiertes Lernen an herausfordernden Aufgaben der beruflichen Realität. Die Bezeichnung »Lern- und Arbeitsaufgabe« signalisiert, dass Lernen und Arbeiten verknüpft und systematisch aufeinander bezogen sind: Das Bildungs- und Qualifizierungspotenzial der Arbeitswirklichkeit soll für berufliches Lernen genutzt werden. Lern- und Arbeitsaufgaben unterstützen somit nicht nur die Aneignung von Fachwissen und Fertigkeiten, sondern fördern gezielt auch die Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz.
Eine Lern- und Arbeitsaufgabe ist – vereinfacht gesagt – ein arbeitsprozessorientiertes Projekt. Sie bezieht sich auf einen Arbeitsprozess als vollständige Arbeitshandlung zur Erfüllung eines Arbeitsauftrags (Hägele 2002). Der Auftrag wird angenommen, geplant, durchgeführt und abgeschlossen, wobei das Arbeitsergebnis ein konkretes Produkt oder eine Dienstleistung ist. Bei sehr komplexen Produkten, z. B. in der industriellen Fertigung, kann das Ergebnis auch ein Teiloder Zwischenprodukt sein (s. Abbildung 12.2).
Abbildung
Abb. 12.2: Allgemeine Struktur eines Arbeitsprozesses (Quelle: Howe/Knutzen 2017a)
Um das Gestaltungspotenzial der beruflichen Arbeit zu erkennen und von deren Lernpotenzial zu profitieren, ist es wichtig, dass die Auszubildenden den gesamten Arbeitsprozess erleben können – auch wenn sie in der betrieblichen Praxis meist nur in Teilbereiche eingebunden sind. Wenn Auszubildende aber nicht wissen, was genau ein Auftraggeber möchte, wie ein Betrieb Aufträge kalkuliert und plant und wie letztlich die Übergabe des Produkts oder der Dienstleistung an einen Auftraggeber erfolgt, wie sollen dann die relevanten Optionen und Möglichkeiten bei der Auftragsdurchführung eingeschätzt werden können? Eine Lern- und Arbeitsaufgabe betrachtet daher immer den vollständigen Arbeitsprozess und umfasst die vier Phasen Auftragsannahme, -planung, -durchführung und -abschluss.
Trotz fließender Übergänge zwischen den Phasen in der Praxis, sind die Abgrenzungen der Arbeitsprozessphasen als Orientierung für Lern- und Arbeitsaufgaben äußerst hilfreich, denn die einzelnen Phasen, die auch für die Auszubildenden transparent gemacht werden sollten, gewährleisten, dass die wesentlichen Handlungsschritte und Gestaltungsdimensionen eines Arbeitsprozesses in der Lern- und Arbeitsaufgabe erkennbar und erfahrbar werden.
Da die jungen Menschen ja noch in ihrer Ausbildung sind und somit die notwendigen Kompetenzen zur erfolgreichen Meisterung der Anforderungen in den einzelnen Arbeitsprozessphasen noch nicht entwickelt haben, erfolgt in jeder Phase die zielgerichtete Förderung der Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz (Abbildung 12.3).
Abbildung
Abb. 12.3: Allgemeine Struktur einer Lern- und Arbeitsaufgabe (Quelle: Howe/Knutzen 2017b, in Anlehnung an Berben 2005)

12.3 Ablauf einer Lern- und Arbeitsaufgabe

Der Einstieg in eine Lern- und Arbeitsaufgabe erfolgt idealerweise durch ein Projektszenario, mit dessen Hilfe die Auszubildenden ein grundlegendes Verständnis für den zugrundeliegenden Auftrag sowie die zugehörigen Problemstellungen und Herausforderungen entwickeln. Zudem soll die Aufgabe in den Gesamtzusammenhang der Ausbildung gestellt werden, um schon Gelerntes in deren Bewältigung einbringen zu können.
Zur Erledigung der Lern- und Arbeitsaufgabe benötigen die Auszubildenden zunächst sowohl fachliche Kenntnisse als auch handwerkliche Fertigkeiten. Dementsprechend ist in der Regel in allen vier Phasen eine Förderung der Fachkompetenz vorzusehen. Eine Lern- und Arbeitsaufgabe erfordert zudem von den Auszubildenden, dass ihr gesamtes Vorgehen und, darauf aufbauend, auch ihre einzelnen Handlungsschritte systematisch und planvoll erfolgen. Außerdem sind Absprachen und Entscheidungen zu treffen sowie Ergebnisse zu dokumentieren. Um die Auszubildenden auf diese Herausforderungen vorzubereiten, ist zudem ihre Methodenkompetenz weiterzuentwickeln. Auch die Sozial- und Personalkompetenz ist – gerade zu Beginn der Ausbildung – in der Regel noch nicht in ausreichendem Maße ausgeprägt. Die Förderung in diesem Bereich zielt darauf ab, das Verantwortungs- und Qualitätsbewusstsein der angehenden Fachkräfte mit Blick auf ihr berufliches Handeln herauszubilden. Ebenso gilt es, sie auf die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen, den Umgang mit Führungskräften, den Kontakt mit Auftraggebenden sowie auf die aus diesen zwischenmenschlichen Beziehungen ggf. resultierenden Konflikte angemessen einzustellen.
Diese vielfältige Förderung beruflicher Handlungskompetenz erfolgt in der Regel nicht »auf Vorrat«, sondern nach Möglichkeit immer eingebettet in den Lern- und Arbeitsprozess. Den Auszubildenden soll der Gebrauchswert der von ihnen erworbenen Kompetenzen für die Lösung konkreter beruflicher Aufgaben, Aufträge, Probleme und Herausforderungen deutlich werden. Sie sollen den Nutzen des Lernens für die Bewältigung des beruflichen Alltags verstehen und nachvollziehen können.
Die Bilanz zum Abschluss einer Lern- und Arbeitsaufgabe dient vor allem der übergreifenden Systematisierung und Reflexion der Lern- und Arbeitsprozesse. Es geht darum, das in einem spezifischen Prozess Erlebte und Gelernte zu abstrahieren und zu systematisieren, um es auf andere, vergleichbare Handlungssituationen übertragen zu können.

12.4 Digitalisierung und berufliche Bildung

Verknüpft man nun die angesprochenen Veränderungen durch die Digitalisierung mit dem beschriebenen Modell der Lern- und Arbeitsaufgaben, so wird deutlich, dass dies gewinnbringend ist:
  • denn Digitalisierung ist zum einen Gegenstand und Ausdruck sich verändernder beruflicher Arbeit und erfordert neue Kompetenzen.
  • Zum anderen lässt sich aber Digitalisierung in Lehr-Lernprozessen sehr gut nutzen. Dazu müssen die Potenziale digitaler Medien wie Tools, Apps, Dokumente oder Plattformen als Unterstützung von Lehr-Lernprozessen verstanden werden.
Einen konkreten Hinweis zum ersten Statement gibt das Positionspapier der KMK: »Kompetenzen für eine digitale Welt« (KMK 2017: S. 16 ff.). Hiernach lassen sich sechs allgemeine Kompetenzbereiche unterscheiden:
  1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren,
  2. Kommunizieren und Kooperieren,
  3. Produzieren und Präsentieren,
  4. Schützen und sicher Agieren,
  5. Problemlösen und Handeln,
  6. Analysieren und Reflektieren.
Diese Kompetenzbereiche, die in allen Bildungsbereichen – von der Primarstufe bis hin zur akademischen Bildung und Fortbildung – bei der Gestaltung der Lehr-Lernprozesse Berücksichtigung finden sollten, werden durch weitere Kompetenzdimensionen ergänzt, die als fächerübergreifende Querschnittsaufgaben für die berufliche Bildung ausgewiesen werden (KMK 2017: S. 20 ff.):
  • Anwendung und Einsatz von digitalen Geräten und Arbeitstechniken, womit der professionelle Umgang mit digitalen Gegenständen der jeweiligen Berufe gemeint ist.
  • Personale berufliche Handlungsfähigkeit, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die gezielte Weiterbildung angesichts des schnellen technologischen und wirtschaftlichen Wandels ein relevantes Element eines erfolgreichen Erwerbslebens ist.
  • Selbstmanagement und Selbstorganisationsfähigkeit betont die Selbstkompetenzen, also die Motivation und Fähigkeit, sich selbstverantwortlich neuen Herausforderungen und Lernchancen zu stellen.
  • Internationales Denken und Handeln zielt in erster Linie auf berufliche Tätigkeiten ab, die bereits jetzt oder vermutlich doch zukünftig im internationalen Rahmen stattfinden. Interkulturelle Kompetenzen und Fremdsprachenkenntnisse spielen hier eine wichtige Rolle.
  • Projektorientierte Kooperationsformen werden insbesondere bei komplexen beruflichen Aufgabenstellungen wichtig, die in größeren Teams bearbeitet und mit Hilfe digitaler Kommunikationswe...

Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Hinweis zum Urheberrecht
  3. Impressum
  4. Einführung und Übersicht
  5. Teil I: Digitalisierung der Arbeit – Arbeitsmarkt und Gesellschaft
  6. Teil II: Betrieb und Beschäftigte – Lernchancen und Anforderungen an den Arbeits- und Gesundheitsschutz
  7. Teil III: Wandel der beruflichen Bildung im Kontext berufsförmiger Arbeit
  8. Teil IV: Digitalisierung des beruflichen Lernens
  9. Über die Autorinnen und Autoren

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