1.1 Die „Arbeit des Himmels“
Im Babylonischen Talmud findet sich eine kleine und dennoch bemerkenswerte Anekdote. Ein Toraschreiber namens Rabbi Jehuda erinnert sich dort an folgende Begegnung:
Als ich zu Rabbi Jischmael kam, fragte er mich: „Mein Sohn, was ist deine Beschäftigung?“ Ich erwiderte ihm: „Ich bin [Tora]schreiber.“ Da sprach er zu mir: „Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist Arbeit des Himmels; wenn du nur einen Buchstaben auslässt oder einen Buchstaben zu viel [schreibst], zerstörst du die ganze Welt.“1
Die Warnung des Rabbi Jischmael aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert könnte mit unverändertem Wortlaut aus dem Munde eines Rabbiners unserer Zeit stammen. In den seither vergangenen zweitausend Jahren hat sich nichts am jüdischen Selbstverständnis als Bewahrer des ursprünglichen Gotteswortes der Heiligen Schrift geändert. Kein Buchstabe darf ausgelassen oder hinzugefügt werden, hätte doch der geringste Fehler eine Zerstörung der ganzen Welt – zumindest jedoch: der jüdischen Welt – zur Folge. Die Verantwortung bei einem solch heiklen Schreibakt ist immens und kann nicht von jedermann getragen werden.
Betrachtet man die materialen Eigenschaften von Torarollen und den kleinen beschriebenen Pergamentstücken in den Tefillin und Mezuzot, fällt das ernste Bemühen der Schreiber auf, jegliche Veränderung zu vermeiden. Die Beschaffenheit des Pergaments, die Zusammensetzung der Tinte, das Schriftbild und die festgelegten Formen der Buchstaben, der tagin und Sonderzeichen haben seit der Spätantike einige Veränderungen erfahren.2 Doch anders als bei der Weitergabe der Hebräischen Bibel haben die Schreiber bis heute den buchkünstlerischen Versuchungen der Umweltkulturen – etwa in Gestalt prachtvoller Illuminierungen oder kunstvoller Kalligraphie – erfolgreich widerstehen können. Die verschlossene Welt der sofrei STaM konnte auch von medialen Veränderungen wie dem revolutionären Buchdruck oder von technischen Neuerungen, die etwa die Materialherstellung und die Schreibgeräte betreffen, nicht erschüttert werden.3 Es scheint, als habe sich das Wort Gottes insbesondere in der Torarolle gleichsam zu einem Bild verdichtet, dessen „Sprache“ jenseits der einfachen Textebene in seinen materialen Elementen zu suchen ist.
Auch ein Blick hinter die Artefakte in Responsen, halachischen Kommentaren und Schreiberhandbüchern widerspricht dem Anschein einer erstarrten Tradition und zeigt, dass sich gerade in den Diskussionen um die materialen Elemente einer Torarolle innerjüdische Entwicklungen, geistesgeschichtliche Strömungen, politische und soziale Spannungen ebenso wie kulturelle Einflüsse manifestierten, die das jüdische Verständnis von Authentizität hinsichtlich der heiligen Rollen oftmals auf die Probe stellten. Die facettenreiche Schreiberliteratur, die bislang kaum ein Untersuchungsgegenstand der Jüdischen Studien war, reflektiert dabei nicht nur veränderte politische, soziale und ökonomische Bedingungen der Zeit, sondern auch Interaktionen und Spannungen zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft.
Gegenstand der vorliegenden Studie ist die Untersuchung von rituell reinen Torarollen als ein außerordentliches kodikologisches, theologisches und soziales Phänomen der jüdischen Schrifttradition. Während das Kopieren eines Bibelkodex oder der ausdrücklich auch für die liturgische Lesung in der Synagoge hergestellten Schriftrollen (Megillot4) und Gebetbücher (Machzorim und Siddurim) kaum die Aufmerksamkeit der rabbinischen Autoritäten auf sich zog, ist die Abschrift der heiligen Schriftrollen seit der Antike in ein dichtes Geflecht religionsgesetzlicher Regulierungen eingebunden. Die stark idealisierten Vorstellungen und Theorien der rabbinischen Tradition zum Verhältnis von Material, Reinheit und Heiligkeit im Schreibkontext werden durch eine reiche Kommentarliteratur ergänzt, die aus einer ethisch-philosophischen, mystischen oder magischen Perspektive heraus die symbolische Bedeutung der materialen Elemente einer Torarolle, den rituellen Schreibprozess oder die außergewöhnlichen Charakteristika des Schreibers herausstellt.
Dieser innerjüdischen Trennung der Schriftrollen von den Kodizes und Megillot trägt die bisherige Forschung zur jüdischen Manuskriptkultur allerdings kaum Rechnung und vernachlässigt dadurch die enorme Bedeutung der Schriftrollenherstellung für die Herausbildung und Festigung von kulturellem Gedächtnis und Identität der Juden in der Diaspora in ihrer ganzen kulturhistorischen Tragweite als einen zentralen Mosaikstein jüdisch-christlicher bzw. jüdisch-islamischer Geschichte. Trotz der immensen Bedeutung, die den Artefakten als Mediatoren zwischen dem Heiligen und Profanen, der Vergangenheit und der Zukunft, aber auch der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft beigemessen wurde, beschränkte sich die bisherige Forschung weitestgehend auf die Untersuchung der überlieferten materialen Artefakte selbst.
Dieses Desiderat soll in der vorliegenden Studie eingelöst werden. Ziel ist es, den bedeutenden Schatz an vernachlässigten Quellentexten zu heben und die Perspektive auf diesen zentralen Gegenstand der hebräischen Schrifttradition von einer eher textkritischen, kodikologisch-paläographischen Sicht für einen komplexeren kulturhistorischen Ansatz zu öffnen. Der Fokus wird dabei auf die Diasporagemeinden des christlich dominierten mittelalterlichen Europas mit einem besonderen Gewicht auf der aschkenasischen Tradition Nordfrankreichs und Deutschlands gerichtet sein.
1.2 Forschungen zu mittelalterlichen Artefakten
Das faszinierende Phänomen der jüdischen Schriftenherstellung, liturgische und nichtliturgische Texte auf horizontale Rollen zu schreiben, wurde von der früheren Forschung vor allem mit Blick auf archäologische Funde der Antike behandelt. Insbesondere die Schriftrollen aus Qumran am Toten Meer standen im Fokus unterschiedlicher Studien, die Textvarianten erhaltener biblischer Schriften, die materiale Beschaffenheit der Schreibhäute und der Tinten sowie bestimmte Merkmale des Layouts der Schriftrollen thematisierten.5 Erst in der letzten Dekade warfen Forscher wie Judith Olszowy-Schlanger, Mauro Perani, Jordan Penkower, Josef M. Oesch und Franz D. Hubmann neues Licht auch auf mittelalterliche Torarollen, die vollständig oder häufiger noch als Fragmente in unterschiedlichen Bibliotheken oder Genizot erhalten sind. Die jüdische Tradition sieht für ausgediente Torarollen die Lagerung in einer Geniza und die anschließende Beerdigung auf einem Friedhof vor, wo das organische Material dann schnell verrottet. Unter anderem aus diesem Grund ist nur eine sehr begrenzte Anzahl von vollständig erhaltenen, datierten mittelalterlichen Torarollen überliefert, die im europäischen Kulturraum beinahe ausschließlich in christlichen Bibliotheken überdauerten. Die gut erforschten Torarollen der Erfurter Handschriftensammlung, die sogenannte „Magdeburger Torarolle“ oder die erst kürzlich (als mittelalterlich neu)entdeckte Torarolle aus Bologna sind Beispiele mittelalterlicher sifrei torah aus Europa, die glücklicherweise vollständig überliefert sind.6 Es ist jedoch davon auszugehen, dass eine nicht geringe Anzahl von Torarollen(fragmenten) aus dem Mittelalter noch gänzlich unerforscht auf ihre Entdeckung warten. Ein Beispiel dafür ist die sehr gut und vollständig erhaltene Torarolle aus dem 14. Jahrhundert, die lange Zeit unbeachtet in der Hallenser Marienbibliothek lagerte. Hinzu kommt eine Reihe von Fragmenten, die beispielsweise in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, der Krakauer Jagiellonischen Bibliothek oder in der Reckendorfer Geniza in Franken erst in den letzten Jahren entdeckt wurden.7 Die Erforschung der teilweise abenteuerlichen Reisen dieser Artefakte durch diverse christliche Bibliotheken stellt einen wichtigen Beitrag zur Wissens-, Regional- und Alltagsgeschichte der mittelalterlichen jüdischen Kultur in Europa dar.8
Darüber hinaus bereicherten neue Funde aus der Kairoer Geniza unser Wissen über regional und temporal unterschiedliche Schreibpraktiken. So konnte Olszowy-Schlanger die übliche Auffassung hinsichtlich des Wendepunktes, an dem das Rollenformat durch den viel ökonomischeren und ergonomischeren Kodex ersetzt wurde, durch die Untersuchung einiger Rollen(fragmente) der Kairoer Geniza revidieren.9 Die große Anzahl von nichtbiblischen Rollen innerhalb der berühmten Geniza, die Abschnitte aus Midraschim, dem Talmud oder der Mischna sowie Gebetbücher aus dem 9. – 11. Jahrhundert enthalten, widersprechen der (nun obsoleten) Annahme, dass die Herstellung eines Kodex für profane Texte ab dem 8. Jahrhundert die übliche Technik und das Rollenformat allein liturgischen Texten für den Ritus vorbehalten gewesen sei. Die neuen Funde ermöglichten auch eine besser begründete Unterscheidung zwischen Torarollen, die in Aschkenas oder Sefarad, im Nahen Osten, dem Byzantinischen Reich oder dem Jemen hergestellt wurden. Varianten des Textes und des Layouts können typologischen Charakteristika regionaler Texttraditionen zugeordnet werden, wobei der berühmte Aleppo-Kodex (ca. 925),10 die entsprechenden Ausführungen des Moses Maimonides (1135–1204) in seinen Responsen und der Mišneh torah sowie der einflussreiche Šulḥan aruch (1563) des spanischen Halachisten Josef ben Ephraim Caro (1488–1575) die Referenzpunkte darstellen, nach denen ein mittelalterliches Bibelmanuskript – sei es ein Kodex oder eine Schriftrolle – in Raum und Zeit (grob) lokalisiert werden kann.11 Überdies ermöglichen paläographische Untersuchungen der für das Schreiben der STaM obligatorischen Quadratschrift, der tagin und otijjot mešunnot tiefere Einblicke in die Genese mittelalterlicher Schriftrollen.12 In diesem Kontext sind wiederum die Bemühungen von Olszowy-Schlanger herauszustreichen, die erstmalig auch Fragmente der Kairoer Geniza (Taylor-Schechter Geniza Collection) einbezogen und dergestalt unser Wissen um Schreibpraktiken in orientalischen Kulturen erweitert hat.13 Die fragmentarischen Überlieferungen auch aus anderen Sammlungen oder Bibliotheken sind deshalb wichtige Quellen, um die schwierige Datierung und Verortung der seltenen Schriftrollenfunde zu erleichtern.14 Eine umfassende Erforschung der mit den Schriftzeichen verbundenen magischen Schreibpraktiken steht jedoch genauso aus wie eine Untersuchung der Rezeption dieser Schriftelemente als ethische, mystische oder philosophische Gegenstände des jüdischen Denkens. Last but not least seien die Studien von Forschern wie Malachi Beit Arie, Colette Sirat, Gabrielle Sed-Rajna, Ada Yardeni, David Stern oder Katrin Kogman-Appel erwähnt, die viel Licht in das Dunkel mittelalterlicher Schreibstuben brachten.
1.3 Thesen, Ziele und Methoden
Die jüdische Auffassung von der Herstellung einer rituell reinen Tora durchlief in der Zeit vom 11. bis 15. Jahrhundert einen tiefgreifenden Transformationsprozess, der von einem wachsenden Interesse an der symbolischen Bedeutung der Schriftzeichen begleitet wurde. Es ist ein zentrales Ziel der vorliegenden Studie, diese Neuerungen und Modifikationen im Vergleich mit den antiken Quellen der Schreiberliteratur darzustellen und nach ihren Ursachen zu forschen. Die Untersuchung wird von der Hypothese geleitet, dass es sich bei den veränderten Perspektiven auf die materialen Elemente einer Torarolle keineswegs um eine rein innerjüdische Debatte handelte – auch wenn die Quellentexte oftmals einen solchen Anschein erwecken. Es soll geprüft werden, ob nicht vielmehr die christliche Umweltkultur und das ambivalente jüdisch-christliche Verhältnis als ein wesentlicher Katalysator der Entwicklungen betrachtet werden können. Für diese Argumentation lassen sich zahlreiche Forschungen zum jüdischen Leben im mittelalterlichen Aschkenas heranziehen, die in den letzten Dekaden eine differenziertere Sichtweise auf die jüdische Geschichte im europäischen Mittelalter in Anschlag brachten, um der Ambivalenz des jüdisch-christlichen Miteinanders gerecht zu werden.15 Der Fokus auf die katastrophalen Fixpunkte der Geschichte der Juden im mittelalterlichen Europa – die traumatischen Ereignisse im Zusammenhang mit dem ersten Kreuzzug im Jahre 1096, die Zwangsdisputationen, Bücherverbrennungen, polemischen Debatten und Ritualmordanschuldigungen, die europaweiten Vertreibungen und schließlich die Zerstörung zahlreicher jüdischer Geme...