Die analytische Sprachphilosophie hat zweifellos das 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt. Dabei wurde der Blick in erster Linie auf formallogisch gültige Schlussverfahren in Argumentationen gelegt. Zentrale Schlussverfahren sind dabei der modus ponens, der modus tollens, die Widerspruchsfreiheit in der Argumentation (Satz vom ausgeschlossenen Dritten/tertium non datur) und andere Verfahren, bei denen es in erster Linie darum geht, die formallogische Gültigkeit des Schließens von akzeptierten Prämissen auf die jeweiligen Konklusionen zu untersuchen. Dieser Blick auf Argumentationen ist zweifellos unerlässlich, da er es ermöglicht, logisch gültige Schlüsse klar zu unterscheiden von Fehlschlüssen bzw. Trugschlüssen (fallacies1) in ihren verschiedenen Formen. Er hat zudem einen festen Platz im Curriculum der Philosophie.2 Mittlerweile hat sich dieser Blick jedoch erweitert: Zu den formallogisch gültigen Schlüssen in Argumentationen treten nun die plausiblen, korrekten, vertretbaren Schlüsse hinzu, deren Basis nicht mehr die formale Logik allein ist, sondern für die eine „informelle Logik“3, eine „Alltagslogik“4 relevant zu sein scheint. Diese Argumentationsformen sind für die realen Argumentationen höchst relevant und können nicht länger ignoriert werden.
Diese Wende in der Argumentationsanalyse beginnt mit den einflussreichen Werken von Perelman & Olbrechts-Tyteca und Toulmin; sie wurde dann seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in vielfältiger Weise fortgeführt, z. B. im deutschsprachigen Raum von Manfred Kienpointner.5 Sie heben darauf ab, erstens, dass die Diskreditierung der rhetorischen Stilmittel als bloßer Schmuck der Rede ihrer tatsächlichen Funktion in Argumentationen nicht gerecht wird und zweitens, dass die Erfassung der Wirksamkeit von Argumentationen bei einer Reduktion auf die formallogisch gültigen Schlussverfahren wichtige Aspekte der tatsächlichen Argumentation ausblendet. In den Worten von Thomas Niehr:
Der in der argumentationsanalytischen Tradition seit Toulmin verwendete Begriff (argumentieren) hat hingegen eine weitere Bedeutung. Hier wird gerade darauf abgehoben, dass eine streng syllogistische, deduktive Argumentation, die eher zur Überprüfung vorliegender Schlüsse als zum Erkenntnisgewinn beitragen kann, nicht als Maßstab für reale Alltagsargumentationen taugt. Konstitutiv für eine Argumentation ist demnach weniger ihre Form als ein inhaltliches Kriterium: der Anspruch des Argumentierenden, etwas Strittiges bzw. für strittig Gehaltenes zu untermauern, zu stützen.
(Niehr 2017: 167)
In die neueren Standardwerke zur Argumentationsanalyse ist diese Erkenntnis eingegangen; sie versuchen allesamt – mehr oder weniger ausführlich – die vormals eher ignorierten rhetorischen Stilmittel im Rahmen der Argumentationsanalyse zu berücksichtigen.6
Diese Skizze der Neuausrichtung der Argumentationstheorie ist selbstredend lückenhaft und ungenügend. Es kann an dieser Stelle auch nicht ansatzweise nachvollzogen werden, wie und in welchen verschiedenen Ausprägungen sich die Argumentationstheorie seit den 70er Jahren weiterentwickelt hat.7 Wichtig im Kontext der vorliegenden Studie ist lediglich, dass die Erweiterung des Spektrums in der Argumentationsanalyse gerade für den Bereich relevant ist, der bislang im Rahmen der linguistischen Diskursanalyse behandelt wurde.8
Das Grundanliegen jeglicher Argumentation besteht in der Absicht, die jeweiligen Adressaten von der eigenen Position zu überzeugen (im besten Fall) oder zumindest zur eigenen Position zu überreden, und die eigene Position zu rechtfertigen. Um diese Ziele zu erreichen, werden viele verschiedene Techniken eingesetzt, die sowohl formallogisch gültige als auch lediglich plausible alltagslogische Schlüsse umfassen. Diese Vielfalt an Techniken kann in einem übergeordneten Sinn in zwei Verfahren zusammengefasst werden. Zum einen geht es in Argumentationen darum, Übereinstimmungen aufzuzeigen oder argumentativ herzustellen, die vorher nicht in dieser Weise erkennbar waren. Dabei soll scheinbar Unvereinbares als gleich oder ähnlich ausgewiesen, Konzepte miteinander in Verbindung gebracht werden, die auf den ersten Blick als nicht verbindbar erscheinen mögen, und mit bestimmten Argumentationsmustern Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen bei einzelnen Teilen der strittigen Fragen, des umstrittenen Konzepts etc. hergestellt werden. Auf der anderen Seite geht es in Argumentationen aber auch darum, Unterschiede aufzuzeigen, die nicht auf den ersten Blick als solche ins Auge fallen. Gerade in der Abgrenzung von gegnerischen Positionen ist dieses Verfahren relevant. Dabei werden z. B. Inkonsistenzen in der gegnerischen Argumentation aufgedeckt, Unstimmigkeiten in Begriffsdefinitionen erörtert und die häufig polarisierende Abgrenzung der eigenen von der gegnerischen Argumentation erläutert. Perelman & Olbrechts-Tyteca nennen diese beiden Verfahren „association“ und „dissociation“:
The schemes we shall try to examine – which can also be considered as loci of argumentation because only agreement on their validity can justify their application to particular cases – are charaterized by processes of association and dissociation.
By processes of association we understand schemes which bring separate elements together and allow us to establish a unity among them, which aims either at organizing them or at evaluating them, positively or negatively, by means of one another. By processes of dissociation, we mean techniques of separation which have the purpose of dissociating, separating, disuniting elements which are regarded as forming a whole or at least a unified group within some system of thought: dissociation modifies such a system by modifying certain concepts which make up its essential parts.
(Perelman & Olbrechts-Tyteca 1971: 190)
Erwartungsgemäß sind in der hier behandelten Streitschrift Luthers diejenigen Argumentationsmuster, die dem Zweck der Dissoziation dienen, häufiger, geht es doch primär darum, den Gegner zu diskreditieren und seine argumentative Position zu widerlegen. Aber auch Argumentationsmuster zur Assoziation sind zu erkennen, v. a. in den Teilen der Schrift, in denen die eigene Position erläutert wird, z. B. in Form von Interpretationen relevanter Bibelstellen (Mt. 16,18ff. ‚Du bist mein Fels‘; Joh. 21,15f. ‚Weide meine Schafe‘).
Das zweite wichtige Konzept, das aus der Arbeit von Perelman & Olbrechts-Tyteca für di...