1 Einleitung
Die psychologische Forschung legt nahe, dass Einordnungen von Personen schnell und abhängig von der unmittelbar verfügbaren Information gefällt werden (vgl. z. B. Baum et al. 2018). Das Erfolgskriterium dieses von Kahnemann sogenannten ‚schnellen Denkens‘ ist „die Kohärenz der Geschichte, die es erschafft. Die Menge und die Qualität der Daten, auf denen die Geschichte beruht, ist weitgehend belanglos“ (Kahnemann 2011: 112). Gleichzeitig kann dieses schnelle Denken über Personen sehr stark, aber gleichzeitig unbewusst von Stereotypisierungen beeinflusst werden.
Stereotype dienen als einfache Entscheidungsregeln – Faustregeln –, die uns erlauben, Informationen leichter zu verarbeiten, aber oft treffen sie nicht zu. Schlimmer noch: Stereotype, die beschreiben, wie wir glauben, dass die Welt sei, verwandeln sich häufig in Vorschriften, wie die Welt sein sollte. Es gibt viele Belege aus der psychologischen Forschung, dass wir gar nicht anders können, als Menschen (und andere Beobachtungen) in Kategorien einzuordnen. Selten ist das ein bewusster Denkprozess, der uns Aufschlüsse über demografische Gruppen gibt. (Bohnet 2017: 15)
Stereotype verstehen wir hier allgemein als ein Denken in Gruppenkategorien, wohl wissend, dass dieses Thema in der Sozialpsychologie sehr viel ausdifferenzierter behandelt wird:
Indeed, individuals and groups can be said to be the central facts of society. Without individuals there could be no society, but unless individuals also perceive themselves to belong to groups, that is, to share characteristics, circumstances, values and beliefs with other people, then society would be without structure or order. These perceptions of groups are called stereotypes. (McGarty, Yzerbyt & Spears 2002: 1)
Solche Gruppenbeschreibungen bezüglich des Geschlechts finden sich auch in Wörterbüchern. Sehr zugespitzt und amüsant hat das Luise Pusch anhand der Beispielsätze des Duden-Bedeutungswörterbuchs aus dem Jahr 1970 gezeigt: Der Mann, also „er“, „zeigt eine akrobatische Beherrschung seines Körpers“, „seine Seele vermag das All zu umfassen“ und „große Wirkung ging von ihm aus“. „Sie“ dagegen „ist immer adrett gekleidet“, „hat das Baby täglich ausgefahren“, „erwartet mit großer Angst seine Rückkehr“ und „sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott“. Sie resümiert dazu:
Im Vorwort schreibt die Redaktion, dass der ‚Grundwortschatz des Deutschen in seinen Grundbedeutungen‘ dargestellt werden soll. Viel mehr gelingt ihr: Sie vermittelt einen tiefen, unvergesslichen Einblick in die Seele des Deutschen, in seinen Grundempfindungs- und Grundgedankenschatz. (Pusch 1984: 144; vgl. ausführlicher zu verschiedenen Wörterbüchern zum Deutschen Nübling 2010)
An diesem Beispiel und vielen anderen zeigt sich, dass Wörterbücher oft ein Spiegel ihrer Zeit, somit auch eine der wichtigen „Bühnen für Genderinszenierungen“ (Nübling 2010: 594) darstellen. So stellen Hu, Xu & Hao (2019) in Parallele zu Nübling (2010) bei einer Analyse eines gegenwartsprachlichen chinesischen Wörterbuchs fest:
Women are often constructed in peripheral and domestic roles, as daughter, mother or grandmother. Their experiences are mostly restricted to themselves and their adjacent environment. When they act, their actions rarely bring noticeable changes to other participants or to the environment. Women are described as sensitive, loving and emotional, particularly preoccupied with familial, marital and domestic matters. On the other hand, men are mostly constructed in their central and social roles, as the prototypical adult men. […] Men are described as strong in physical strength, versatile in skills and noble in their actions. In other words, men are represented as valuable, active social members. (Hu, Xu & Hao 2019: 28)
Unabhängig davon, ob man dies als eine adäquate Beschreibung der ‚Wirklichkeit‘ betrachtet oder als eine zu stereotype Darstellung von Männern und Frauen, stellt sich die Frage, ob solche Darstellungen von Geschlecht in Wörterbüchern gewollt sind oder sein können. So führt beispielsweise John Sinclair im Vorwort zum Collins Cobuild English Language Dictionary von 1987 aus, dass sie im Team „have abandoned the convention whereby he was held to refer to both men and women“ (Sinclair 1992: XX). Dies habe man aus verschiedenen Gründen gemacht, u. a. weil „it is a very sensitive matter for those who have pointed out the built-in sexism of English“ (Sinclair 1992: XX). Diese bewusste Positionierung sei bei Wörterbüchern insbesondere deshalb relevant, weil sie als Norminstanzen aufgefasst werden können, auch wenn sie vor allem deskriptiv intendiert sind:
This brings up the question of usage and authority. These concepts must support each other or no-one will respect either of them. If their close relationship breaks down, and authority is not backed up by usage, then no-one will respect it. […] Similarly, no-one will respect usage if it is merely an unedited record of what people say and write. […] Any successful record of a language such as a dictionary is itself a contribution to authority. (Sinclair 1992: XX–XXI; vgl. auch Hidalgo Tenorio 2000: 225; Barnickel 1999: 171; Ri...