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Adornos Kritische Theorie des Subjekts
Über dieses Buch
Mit der Orientierung des Denkens vom Sein aufs Subjekt nahm die kopernikanische Wende der modernen Philosophie ihren Ausgang. Ohne Reflexion auf die subjektiven Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis schien fortan kein gesichertes Wissen mehr denkbar. Moderne Philosophie mußte somit immer auch Theorie des Subjekts sein.
Adornos Philosophie steht in dieser modernen Tradition, da auch für sie der Subjektbegriff zentral ist. Aber seine Theorie des Subjekts ist eine kritische. Das Subjekt, das er untersucht, ist nicht primär das der Weltkonstitution, sondern das des Leidens an den blinden gesellschaftlichen Mechanismen, denen es unterworfen ist. Obwohl von Individuen gemacht, wirft sich die Gesellschaft, deren Prinzip die Verwertung des Werts und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Individuen ist, selber wiederum zu einem Subjekt auf, dessen Zwang die Subjekte verinnerlichen, statt ihn abzuschaffen.
Indem Jan Weyand sich auf Adornos kritische Theorie des Subjekts konzentriert, bringt er die schon seit langem kontrovers diskutierte Frage nach dem Maßstab der Kritik in der kritischen Theorie einer Beantwortung näher.
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Information
Thema
Philosophy1 Voraussetzungen eines kritischen Subjektbegriffs
Das erste Kapitel untersucht drei Voraussetzungen des kritischen Subjektbegriffs bei Adorno. Den Ausgangspunkt der Bestimmung des Subjektbegriffs durch Adorno bildet das Resultat der idealistischen Philosophie. Aus der Kritik am ursprungsphilosophischen Subjektbegriff Hegels entwickelt Adorno den »Vorrang des Objekts« und die Beziehung des Subjektbegriffs auf individuelle Subjekte. Die nominalistische Konsequenz, der diese Überlegung zu verfallen droht, wird durch eine Äquivokation im Subjektbegriff vermieden. Die Äquivokation besteht darin, daß der Begriff des Subjekts sowohl auf das Individuum wie auf ein überindividuelles, allgemeines Subjekt der Erkenntnis bezogen ist. Zumindest die eine Seite der Äquivokation, das Individuum, ist endlich und auf Selbsterhaltung verwiesen. Subjekt der Selbsterhaltung ist die Gesellschaft. Das ist die dritte Bedeutung, in der der Subjektbegriff bei Adorno verwendet wird. Die gesellschaftstheoretische Reflexion des idealistischen Subjektbegriffs führt schließlich zu einem negativ bestimmten Begriff von Subjekt. Das individuelle Subjekt ist wesentlich bestimmt durch heteronome gesellschaftliche Zwänge. Inhaltlich werden diese Zwänge im zweiten und dritten Kapitel entwickelt. Hier werden sie nur benannt, um den Fortgang der Argumentation zu gewährleisten (1.1).
Ein kritischer Subjektbegriff ist nur zu formulieren, wenn die Zwänge, denen die Subjekte unterworfen sind, als Zwänge bestimmt werden können, die gesellschaftlich nicht notwendig sind. Die Bestimmung solcher Zwänge setzt den Begriff eines gesellschaftlichen Zustands voraus, in dem die Individuen nicht durch diese Zwänge bestimmt sind. Dieser gesellschaftliche Zustand trägt bei Adorno den Titel Versöhnung. Er bildet den Maßstab der Kritik. Insbesondere von Vertreterinnen und Vertretern der »kommunikationstheoretischen Wende der Kritischen Theorie« ist bestritten worden, daß Adorno ihn begründen könne. Deshalb ist zu untersuchen, ob der Maßstab der Kritik zu begründen ist. Dazu ist die »Urgeschichte des Subjekts« zu interpretieren. Sie erklärt bei Adorno den Fortschritt in der Distanz zur Natur. Dieser Fortschritt ist eine Gestalt der Freiheit – es wird mehr produziert, als zu einfacher Reproduktion notwendig ist. Die Interpretation zeigt, daß sich bei Adorno zwei einander widersprechende Erklärungen dafür finden. Sie strukturieren seine Schriften seit der Dialektik der Aufklärung. Einer dieser Argumentationsstränge begründet das materielle Substrat des Maßstabs der Kritik als durch Herrschaft erzwungene Produktion von Mehrprodukt (1.2).
Der Begriff der Versöhnung ist nicht nur auf ein materielles Substrat, das Mehrprodukt, bezogen. Er ist moralphilosophisch begründet. Im Zustand der Versöhnung wären die Gesellschaftsmitglieder nicht ein Mittel zur Produktion von Mehrprodukt. Umgekehrt: Der Zweck der ökonomischen Reproduktion bestünde in der individuellen Reproduktion der Gesellschaftsmitglieder (1.3).
1.1 Gesellschaftstheoretische Reflexion der Philosophie
1.1.1 Ausgang vom Idealismus
Die Reflexion des Verhältnisses von Subjekt39 und Objekt in der Erkenntnistheorie hat gezeigt, daß sich das Objekt nur vermittelt durch das Subjekt erkennen läßt. Nach Kant ist es das Subjekt selbst, das die Allgemeinheit und Notwendigkeit von Erkenntnis garantiert. Hegel hat gegen die Kantische Philosophie schwerwiegende Einwände erhoben. Die transzendentale Einheit der Apperzeption, an der als dem »höchsten Punkt« die Transzendentalphilosophie haften soll, sei bloße Funktion. Als bloße Funktion, ohne Beziehung auf einen bestimmten Inhalt der Erkenntnis, sei sie leer. Umgekehrt sei die Erscheinung, das Material der Erkenntnis, in keiner Weise mit ihrem Substrat, dem Ding an sich, vermittelt. Dieses, die unbekannte Ursache der Erscheinungen, gerate daher zu einer Hinterwelt. Hegel hat das Ding an sich deshalb einen »von allem Inhalt abgeschiedenen Schatten«40 genannt. Der objektive Idealismus löst die Schattenwelt auf, indem er den Beweis führt, daß die Bewegung des Denkens die Bewegung der Sache sei – die Denkformen seien zugleich Formen des Seienden. »Ob nun schon die Kategorien dem Denken als solchem zukommen, so folgt daraus doch keineswegs, daß dieselben deshalb bloß ein Unsriges und nicht auch Bestimmungen der Gegenstände selbst wären.«41
Der späte Hegel hat daraus die Konsequenz gezogen und alle Bestimmungen, auch die Bestimmtheit des Objekts, aus dem Subjekt hervorgebracht. Subjekt bei Hegel ist Geist. Im Übergang von der Naturphilosophie zur Philosophie des Geistes in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften wird der Geist zum logisch und ontologisch Ersten, zum Absoluten erhoben. Als absoluter ist der Geist der Differenz zwischen sich und seinem anderen, der Natur, enthoben: »Der absolute Geist erfaßt sich als selber das Sein setzend, als selber sein Anderes, die Natur und den endlichen Geist hervorbringend, so daß dies Andere jeden Schein der Selbständigkeit gegen ihn verliert, vollkommen aufhört, eine Schranke für ihn zu sein, und nur als das Mittel erscheint, durch welches der Geist zum absoluten Fürsichsein, zur absoluten Einheit seines Ansichseins und seines Fürsichseins, seines Begriffs und seiner Wirklichkeit gelangt.«42 Konsequent wird der absolute Geist daher als der »selbstbewußte, unendlich schöpferische Geist«43 charakterisiert.
Damit ist zwar die dualistische Struktur der Kantischen Philosophie überwunden und die von Kant postulierte Begrenzung der Erkenntnis auf Gegenstände möglicher Erfahrung aufgehoben, aber um den Preis, daß die Differenz von Subjekt und Objekt ins Subjekt hineingezogen ist. Weil das Objekt schließlich doch Subjekt ist,44 wird von Hegel der äußere Stoff, der dem menschlichen Willen und dem Geist gegenübersteht, als »gleichgültig«45 aufgefaßt; die Unterschiede des Stoffs fallen ins Subjekt und geraten zu Momenten der Unterscheidung. Wenn der Geist als absoluter begriffen wird, ist dies auch konsequent. Absolut kann der Geist nur sein, wenn er das Ganze ist. Geist hat seinen Begriff aber gerade daran, daß er nicht das Ganze ist.46
Dieser Widerspruch, Geist ist das Ganze und ist nicht das Ganze, nötigt Hegel zu einer ursprungsphilosophischen Argumentation. In der Wissenschaft der Logik erschließt er die Differenz von Geist und Nicht-Geist nicht als Voraussetzung von Erkenntnis, sondern bringt sie aus Geist hervor. »Der Anfang der Hegelschen Logik gibt das Modell aller Argumentationen, die versuchen, das Besondere, überhaupt etwas Bestimmtes, aus dem Begriff des Allgemeinen zu entwickeln.«47 Das Besondere ergibt sich dann aus einem Mysterium, der Selbstentfaltung des Begriffs: »Dasein, Leben, Denken usf. bestimmt sich wesentlich zum Daseienden, Lebendigen, Denkenden (Ich) usf.«48 Dies sei deshalb der Fall, weil »der Begriff in seiner formellen Abstraktion sich als unvollendet zeigt.« Seinen Mangel schafft der Begriff selbst ab, indem er »durch die in ihm selbst gegründete Dialektik zur Realität so übergeht, daß er sie aus sich erzeugt.«49 Sein sei das »Allererste«50, das Absolute,51 bestimmtes Sein hingegen die Negation des Seins,52 also Resultat. Indem Hegel endliches Seiendes aus dem Begriff des Seins durch Negation der Negation hervorbringt, erscheint es als Resultat der Bewegung des Geistes, die Logik als Schöpfungstheorie.53 Exakt so ist auch die Geschichtsphilosophie konstruiert.54
Hegels Argumentation ist nicht schlüssig. Sie kann auf der Seite des Subjekts nicht erklären, wie das Subjekt Geist als bloßer Geist tätig sein können soll. Sie ist weiterhin auf der Seite des Objekts indifferent gegen den Unterschied von Einzelnem und Einzelheit, Besonderem und Besonderheit.55 Adornos Lösung der Probleme besteht in dem von ihm so genannten Vorrang des Objekts (1.1.2) und in einer Äquivokation im Subjektbegriff (1.1.2.1). Beides führt zu einer gesellschaftstheoretischen Präzisierung des Vorrangs des Objekts (1.1.2.2).
1.1.2 Vorrang des Objekts
Adorno hält am »Ausgang vom Begriff«56, an der im Idealismus gewonnenen Einsicht, daß es keinen unmittelbaren oder unvermittelten Zugang der Erkenntnis zum Gegenstand der Erkenntnis geben kann, fest. Der Begriff des Subjekts sei Inbegriff der Vermittlung.57 Durch die Vermittlung des Objekts im Denken wird das Objekt aber ein anderes, als es ist.58 In der begrifflichen Vermittlung aller Erkenntnis bestehe eine Vorentscheidung »aller Philosophie (…) für den Idealismus. Denn sie muß mit Begriffen operieren, kann nicht Stoffe, Nichtbegriffliches, in ihre Texte kleben.«59 Diese »Vorentscheidung« sei notwendig. »Jede Bestimmung ist Identifikation.«60 Zur Kritik steht nicht diese Vorentscheidung. Adorno hat sie mit der Bemerkung, es sei vom Begriff auszugehen, selbst getroffen.61
Der Unterschied zwischen der Argumentation Adornos und der Hegels besteht zunächst in dem methodischen Prinzip, vom Resultat her nach den Voraussetzungen zu fragen, aber nicht das Resultat aus seinen Voraussetzungen zu erklären. »Kein Sein ohne Seiendes. Das Etwas als denknotwendiges Substrat des Begriffs, auch dessen vom Sein, ist die äußerste, durch keinen weiteren Denkprozeß abzuschaffende Abstraktion des mit Denken nicht identischen Sachhaltigen«62 – so beginnt der begriffliche und kategoriale Teil der Negativen Dialektik. Subjekt erschließt demnach die Differenz von Subjekt und Objekt als seine Voraussetzung. Das durchbricht die Ursprungsphilosophie, nach der »alles Sein und alles Seiende aus einem obersten Begriff sich deduzieren«63 läßt. Ursprungsphilosophie ist die letzte Reminiszenz der Moderne an eine Welt, der Natur und Gesellschaft als durch den menschlichen Willen unveränderbare Emanation Gottes erschienen. Ihr stellt sich alles Neue als Altes, als im Anfang immer schon angelegt, dar. Kein solcher Ursprung läßt sich schlüssig konstruieren. Wohl aber lassen sich Voraussetzungen von Subjekt erschließen. Nichts anderes heißt zunächst: Vorrang des Objekts.64
Entsprechend verfällt auch die auf Friedrich Engels zurückgehende materialistische Variante des Idealismus der Kritik Adornos. Engels behält die Struktur der ursprungsphilosophischen Argumentation bei und ersetzt nur den Begriff des Geistes durch den der Materie.65 Setzte bei Hegel der Geist die Materie aus sich heraus, so bei Engels die Materie den Geist. Die Entwicklung des Menschen lasse sich mit Hilfe der Evolutionstheorie – Engels hat hier die Theorie Darwins vor Augen – erklären. Am Anfang war »jene eine Zelle.«66 Daß zwar vom Resultat auf seine Voraussetzungen geschlossen werden kann, das Resultat selbst aber nicht aus den Voraussetzungen zu entwickeln ist, stellt sich in der Evolutionstheorie als Antinomie dar. Die Evolutionstheorie gibt eine genetische Erklärung des Klassifikationsschemas der Arten. Das Klassifikationsschema unterstellt die Konstanz der Arten, seine genetische Herleitung die Artvarianz.67 Das genetische Prinzip führt die unterschiedenen Arten auf ein Ur-Eines zurück. Die Klassifikation unterstellt hingege...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelblatt
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Danksagung
- Einleitung
- 1 Voraussetzungen eines kritischen Subjektbegriffs
- 2 Die Begründung eines kritischen Subjektbegriffs als Zwang zur Produktion von Mehrprodukt
- 3 Die Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaft
- 4 Die Wendung aufs Subjekt
- Anmerkungen
- Literaturverzeichnis
Häufig gestellte Fragen
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