ErzÀhlte Oratorik
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ErzÀhlte Oratorik

Politische Rede in der deutschsprachigen Literatur des SpÀtmittelalters

  1. 319 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfĂŒgbar
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ErzÀhlte Oratorik

Politische Rede in der deutschsprachigen Literatur des SpÀtmittelalters

Über dieses Buch

The series Trends in Medieval Philology includes central topics of current research debates in medieval studies and provides a place for groundbreaking research in the field. It is intended to give international researchers/research teams the opportunity to effectively present innovative surveys and discussions to the scientific community. The series sees itself as a 'young' research forum with a high standard of quality and is therefore also open to excellent degree theses, should they enhance the series.

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Information

Jahr
2022
ISBN drucken
9783110753240
eBook-ISBN:
9783110754742

1 daz die rede sĂźn muge sĂźnen worten eben. Einleitung

Alexander der Große wird im Anhang zu Ulrichs von Etzenbach Antikenroman auf ungewöhnliche Weise dazu gezwungen, seine Herrscherkompetenzen zu beweisen: Weil die Stadt TrĂźtĂŽniĂą im Land BractanĂą problemlos allen Belagerungsversuchen standhĂ€lt, muss Alexander seine Gegner oratorisch davon ĂŒberzeugen, ihn als Herrscher zu akzeptieren.1
Er demonstriert, dass er nicht nur gewaltsam, sondern klug und weise zu regieren versteht, indem er eine argumentativ und sprachlich anspruchsvolle Allegorie des Staatskörpers verfasst. Darin bringt er sein SelbstverstĂ€ndnis als gottgewollter Herrscher in Einklang mit der Freiheit der TrĂźtĂŽnier und entwirft ein politisches Gemeinwesen, das auf dem freiwilligen Dienst der Untertanen an ihrer Herrscherin, der personifizierten Weisheit, beruht.2 Alexanders Rede, die dem trĂźtĂŽnischen Rat von einem angesehenen Gesandten prĂ€sentiert wird, imponiert den Stadtbewohnern. Dies artikuliert sich in einer weiteren Rede, die ein alter Ratsherr vortrĂ€gt und die die Entscheidung fĂŒr Alexander herbeifĂŒhrt:
‚wir haben lange wüs
ervunden daz in astrĂźs,
des die ganzheit dĂą genomen,
daz ein keiser sulle komen,
der in allen rĂźchen
nĂąch reht gewaldeclĂźchen
gar der werlde dieten
sol vorderlich gebieten:
der mac dirre hĂȘrre sĂźn.
wir haben starc beswĂŠret in.
wanne merket ir in nuo,
wie bescheiden er dĂą tuo,
sĂŽ starc er doch gebĂąret,
noch er arclich uns vĂąret:
mit gedult wil erz ĂŒberkomen.
er ist uns guot Ăźn genomen
und loben in: daz rñt ich.‘
(UvEAA, V. 1667 – 1683)
Wir haben schon lange in den Sternen erkannt – und davon leiten wir Rechtswirksamkeit ab –, dass ein Kaiser kommen soll, der in allen Reichen rechtmĂ€ĂŸig und mĂ€chtig, ĂŒber die Menschen in aller Welt, ausgezeichnet herrschen soll: Das könnte dieser Herr sein. Wir haben ihn sehr betrĂŒbt. Wenn ihr ihn jetzt beobachtet, wie klug er sich verhĂ€lt – wiewohl er gewaltig auftritt, benimmt er sich uns gegenĂŒber dennoch nicht ĂŒbel: Mit Geduld will er verhandeln. Er ist uns wohlgesonnen – und ihn zu loben, dazu rate ich.
Alexanders rhetorisch demonstrierte Klugheit (bescheidenheit) ist die zentrale Eigenschaft, die die BĂŒrger ĂŒberzeugt. FĂŒr die TrĂźtĂŽnier drĂŒckt sich diese Klugheit in entscheidender Weise in der Gestaltung der Rede aus, wie sich an der Forderung erkennen lĂ€sst, die Antwort der TrĂźtĂŽnier mĂŒsse sich mit Alexanders rhetorischem Niveau messen können, ‚seinen Worten ebenbĂŒrtig‘ sein.
dĂŽ rief daz volc gemeinlich
‚ez ist unser wille wol,
unser hĂȘrre er wesen sol.‘
dÎ die comûne an in jach,
der alde wĂźse aber sprach
‚rñtet wie wir diz an in
bringen, daz die rede sĂźn
muge sĂźnen worten eben
und wir im antwurte geben
nĂąch sĂźner bescheidenheit
und keiserlücher wirdekeit.‘
(UvEAA, V. 1684 – 1694)
Da rief das Volk einstimmig: „Es ist durchaus unser Wille, er soll unser Herr sein.” Als die Kommune sich zu ihm bekannte, sprach der alte Weise noch einmal: „Ratet dazu, wie wir ihm dies ĂŒbermitteln, sodass die Ansprache seinen Worten ebenbĂŒrtig sein kann und wir ihm eine Antwort entsprechend seiner Klugheit und kaiserlichen WĂŒrde geben.”
Immer wieder kommt die Verbindung von bescheidenheit und Rede im Alexander-Anhang zur Sprache. Klugheit manifestiert sich in der Oratorik, d. h. in der rednerischen Performanz der Figuren. Die handlungstragenden Figuren erweisen sich durch ihre Rede- und ArgumentationsfĂ€higkeit als klug und kompetent, angefangen beim FĂŒrsten Alexander und den Stadtbewohnern TrĂźtĂŽniĂąs, ĂŒber die Gesandten der beiden Parteien, bis zum Gelehrten Aristoteles. Die beschriebene Szene illustriert, dass dieses Ideal sich nicht auf Herrscherfiguren beschrĂ€nkt. Das Konzept der Herrschaftstugenden erstreckt sich auf alle Beteiligten und die Tugenden werden als politische Tugenden prĂ€sentiert.
Wie das Eingangsbeispiel und der weitere Verlauf der Handlung im Alexander-Anhang zeigen, können Alexander und die TrĂźtĂŽnier eine Gemeinschaft bilden, weil beide Seiten die Rhetorik als gemeinsamen Wert anerkennen. Diese rhetorische Gemeinschaft ist Voraussetzung fĂŒr die politische Gemeinschaft, in die die freien StadtbĂŒrger und der monarchische Herrscher gleichermaßen integriert werden. Herrschaftlich-politische und rhetorische Kompetenz verbinden sich so zu einem Ideal politischer Oratorik.
Im Zentrum dieser Studien steht ‚erzĂ€hlte Oratorik‘, d. h. die narrative Darstellung politischer Rede, die in Texten aus dem 13. bis frĂŒhen 15. Jahrhundert in den Blick genommen wird. Als GegenstĂŒck zum theoretischen System der ‚Rhetorik‘ bezieht sich der Begriff ‚Oratorik‘ auf die praktizierte Rede, die in enger Auseinandersetzung mit der rhetorischen Lehre entstehen und umgesetzt werden kann, aber vielfach auch eigene Wege geht.3 Die folgenden Studien gehen aus von der Beobachtung, dass deutschsprachige narrative Texte wie der Alexander-Anhang ein verstĂ€rktes Interesse daran zeigen, Herrschafts- und Ordnungsvorstellungen mit der Darstellung rednerischer Kompetenz zu verbinden. Der Alexander-Anhang steht in dieser Hinsicht nicht allein, denn auch in anderen ErzĂ€hltraditionen des Mittelalters sowie in didaktischen Texten lĂ€sst sich beobachten, dass politischer Beredsamkeit eine wichtige Funktion zugesprochen wird.
Unter Rekurs auf einen verbreiteten Merksatz betont Thomasin von Zerklaere zu Beginn des 13. Jahrhunderts in seiner Erziehungslehre Der Welsche Gast nicht nur, dass es wichtig ist, gut sprechen zu können, sondern auch, dass diese FÀhigkeit reflektiert einzusetzen ist:
ich wil iu sagen, swelich man
mit sinne niht erahten kan
von wem, ze wem, waz, wie und wenne
er rede, ez schadet im etwenne. 4
Ich will euch sagen: Wenn ein Mann nicht mit Verstand erwÀgen kann, von wem, mit wem, was, wie und wann er spricht, schadet ihm das mitunter.
Erziehungslehren wie der Welsche Gast dienen der EinĂŒbung in einen höfisch-adligen Habitus, Thomasins Aussage bezieht sich somit allgemein auf jedes Sprechen am Hof. Indem diese Erziehungslehren sich an Angehörige der Elite richten, die als zukĂŒnftig...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. 1 daz die rede sün muge sünen worten eben. Einleitung
  5. 2 Historische politische Rede
  6. 3 Herrschaft durch Überzeugung. Politische Rede im Alexander und Alexander-Anhang Ulrichs von Etzenbach
  7. 4 ErzĂ€hlte historiografische Oratorik in der Steirischen Reimchronik
  8. 5 Politische Rede in Heinrich Wittenwilers Ring
  9. 6 Zur Untersuchung und Wirkung erzĂ€hlter Oratorik
  10. English Abstract
  11. Autoren- und Werkregister

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