Zwölf Fuggervorträge
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Zwölf Fuggervorträge

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Zwölf Fuggervorträge

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Über dieses Buch

Der Band umfasst zwölf Vorträge über Fugger, die Johannes Burkhardt als Wissenschaftlicher Leiter des Fugger-Archivs über zwei Jahrzehnte hinweg gehalten hat. Das besondere Interesse Burkhardts galt immer der historischen Erinnerungskultur als ihr Erforscher wie auch selbst als Redner bei Jubiläen und zu besonderen Ereignissen, an denen die Fuggermemoria reich ist. Der Band sammelt bereits gedruckte Vorträge, bietet aber auch zur guten Hälfte Erstdrucke und löst damit den vielfach geäußerten Wunsch ein, die geschliffen ausgearbeitete wie spontane Rede nachlesbar zu machen. Die Beiträge lassen die Entwicklung Burkhardtscher Leitmotive nachvollziehen, die er in die Fuggerforschung eingebracht hat.Als ein 'Lob der Fuggerforschung' – ernst und heiter – sind Präsentationen herausragender Fuggerarbeiten im zweiten Teil des Vortragsbandes wiedergegeben.

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Information

Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783896399656
Auflage
1
StartFragment

1. Die Entdeckung des Handels.

Die kommerzielle Welt in der
Wissensordnung der Frühen Neuzeit

Universität Augsburg: Antrittsvorlesung (1993)

Liebe Gäste von auswärts und verehrte Gäste aus der Stadt! Magnifizenz, Spektabilität, meine Damen und Herren Kollegen und Studierende!
Wenn jemand in Augsburg vorzutragen hätte, dem zu Beginn der Neuzeit »goldenen Augsburg«, der Fuggerstadt und dem oberdeutschen Handels-, Finanz- und Gewerbezentrum, und er seine Zuhörer provozieren wollte, dann müßte er die These aufstellen: Die Rolle der Wirtschaft zu Beginn der Neuzeit werde weit überschätzt.
Unglücklicherweise muß ich mit eben dieser These antreten. Ja ich muß sie noch zuspitzen: Was wir unter Wirtschaft verstehen, hat es zu Beginn der Neuzeit eigentlich noch gar nicht gegeben. Denn so habe ich es geschrieben und publiziert, bevor Sie mich hierherberufen haben, und dabei soll es nun auch bleiben.[1] Hier stehe ich – ich kann nicht anders? Was kann ich zu meiner Verteidigung anführen?
Nun, man kann zunächst auf die Begrenztheit des Marktes verweisen, dem damals die meisten Lebens- und Sozialbereiche noch gar nicht angeschlossen waren. Oder die Verquickung von Ökonomie und Politik, in der doch die Politik mit ihrer eigenen Logik dominierte. Oder insgesamt auf die marginale Stellung, welche die Wirtschaft unbeschadet regionaler städtischer Verdichtungen im Rahmen der Gesamtkultur einnahm.
Das sind berechtigte Relativierungen, aber dahinter steht eigentlich noch etwas anderes: andere Normen, Mentalitäten und eine Wissensordnung, in der »Wirtschaft« eigentlich noch gar keinen rechten Platz hatte. Von einem integralen Wirtschaftsbegriff, der den Bereich des Marktes mit dem der Produktion verklammert hätte, kann noch gar keine Rede sein. Das gilt selbst für die Fugger, die nach heutiger Interpretation schon in die »Montanindustrie« investierten, aber nie in ihrer Schreibstube von »Wirtschaft« gesprochen hätten und nur in einem eingeschränkten Sinne von ihrem »Handel«. Beides lief bis ins 18. Jahrhundert streng nebeneinander, eine normative Trennung, die auch bei der Interpretation historischen Verhaltens stärker zu beachten wäre. Von diesen beiden Bestandteilen unseres Wirtschaftens hatte es der Bereich von Handel und Markt besonders schwer, sich aus anderen Zusammenhängen zu lösen und als ein wichtiger eigenständiger Bereich zu etablieren.
Einen ersten Hinweis bietet hier die damalige Geschichtsschreibung als Indikator. Selbst städtische Chroniken räumen dem Handel nicht die Bedeutung ein, die man erwarten würde; die »hohe« Geschichtsschreibung hat dafür ohnehin keinen Platz. Gerade Florentiner Renaissancehistoriker wie die Begründer der humanistischen Annalistik, Leonardo Bruni, Machia­velli und Guicciardini konnten – getreu dem antiken Stilvorbild – mehr oder weniger alles an Handel und Wandel souverän ignorieren, was in ihrer Stadt von weltgeschichtlicher Relevanz wurde.[2] Wenn eine einschlägige moderne Quellensammlung eine Passage von Giovanni Villani unter der Überschrift »Wirtschaftlich und soziale Bedingungen der italienischen Renaissance« bringt, so bleibt zu beachten, daß die eindrucksvolle Zahl der Tuchweber und -händler in der florentinischen Chronik nicht etwa den ökonomischen Typus der Stadt verdeutlichen soll, sondern in einer Imponierreihe zwischen der Menge der Kirchen und ganz anderen Berufen erscheint.[3] Handelsgeschichte als Spezialdisziplin gibt es – gegenüber anderen Disziplinen verspätet – erst seit etwa 1700. Das spiegelt die zeittypischen Präferenzen und die ursprüngliche Handelsfremdheit der alteuropäischen Kultur wider.
Etwas günstiger steht es mit Zeugnissen zum Berufsbewußtsein und zur Mentalität der Kaufleute, etwa seit dem 14. Jahrhundert in Italien und seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland.[4] Aber für die merkantile Repräsentanz in der Kultur besagt das wenig. Viele Belege sind Rekonstruktionen aus Rechnungsbüchern und Geschäftsbriefen, keine berufskundlichen Stellungnahmen. Anderes ordnet sich eher in die alteuropäische Ständeliteratur und handelt von der Geldwirtschaft am allerwenigsten. In den literarisch bemerkenswerten Werken von Mitgliedern großer Handelsgeschlechter ist, je literarischer sie waren, umso weniger vom Handel die Rede – in dem berühmten autobiographisch getönten Werk »Della famiglia« von Leon Batista Alberti zum Beispiel überhaupt nicht.[5] Zahlreicher und ergiebiger werden die kaufmännischen Schriften erst im Übergang zur Neuzeit, wie er in Augsburg durch Namen wie Burkhard Zink und Lucas Rem gekennzeichnet ist. Und wieviel immer man von diesem vergleichsweise begrenzten literarischen Corpus gelten lassen will, so ist doch die Innenperspektive des Berufsstandes etwas anderes als der Platz in Gesellschaft und Wissenschaft.[6]
Und in der territorialstaatlichen Gesetzgebung und den Stadtrechten und -ordnungen? Sie enthalten natürlich zahllose Regelungen, an denen Wirtschaftshistoriker interessiert sind, aber mentalitätsgeschichtlich ist zwischen Heiratsvorschriften, Ratsbesetzung und allerlei Frevel erst sehr bedingt ein eigenes kommerzielles Spartenbewußtsein zu erkennen. Das zeigen zum Beispiel noch die vorzüglich edierten Nördlinger Stadtrechte des 15. Jahrhunderts oder die Policeyordnungen des 16. Jahrhunderts. Selbst Messe- und Marktordnungen, die doch dicht am Thema sind, mischen Münz- und Warenkontrolle mit sicherheitspolitischen Vorschriften – keine langen Messer, keine Wurfbeile, keine »Mordäxte«.[7] Das ist noch nicht unbedingt Handelspolitik. Die wirtschaftspolitische Einheit wi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Impressum
  2. Geleitwort
  3. I. Gesammelte Vorträge zur Fuggergeschichte
  4. 1. Die Entdeckung des Handels.
  5. 2. Handelsgeist und Kunstinteresse in der Fuggergeschichte
  6. 3. 500 Jahre Anton Fugger
  7. 4. Hans Fugger als Gestalt der Kulturgeschichte*
  8. 5. 450 Jahre Fugger in Kirchheim
  9. 6. Jakob Fugger – der Reiche (1459–1525).
  10. 7. 200 Jahre Erhebung in den Fürstenstand
  11. 8. 24. April 1523. Ein »merkwürdiger« Brief Jakob Fuggers an Kaiser Karl V.
  12. 9. Warum Jakob Fugger nicht evangelisch wurde
  13. 10. Stillschweigen steht nicht mehr an.
  14. 11. 525 Jahre Bank-Tradition
  15. 12. Laudatio auf Anton Fugger
  16. II. Lob der Fuggerforschung
  17. 1. Kleiner Rückblick zur Vollendung eines großen Projekts
  18. 2. Toast auf Ott Heinrich Fugger und seine Biographin
  19. 3. Unverkürzbare Fuggerehre
  20. 4. Hase und Igel – die allzeit neue Fugger­forschung
  21. 5. Die Fuggerzeitungen (1568–1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem
  22. 6. Es geschah in der Druckerstadt Augsburg
  23. Anhang
  24. Drucknachweise
  25. Schriftenverzeichnis »Fugger«