PRAXIS
Was hat Transformation mit Glaubenspraxis zu tun?
Eine Bestandsaufnahme aus ökumenischer Sicht
Der Terminus Transformation hat sich in den letzten Jahren quer durch fast alle Wissenschaftsdisziplinen zu einem bedeutenden und mehrdeutigen Begriff entwickelt. In der Pädagogik wird von ‚transformativem Lernen‘ geredet, in der Organisationsentwicklung spricht man von ‚transformational leadership‘ und die Soziale Arbeit spricht in ihren Zielen von einer ‚transformativen Sozialen Arbeit‘. Welche Bedeutung hat Transformation aber aus theologischer Perspektive? Und wie zeigt sich diese in der Glaubenspraxis? Tobias Faix
Der wohl erste programmatische Gebrauch des Wortes Transformation geht dabei auf das Jahr 1944 zurück. Dort bezeichnete der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi den tiefgreifenden Wandel der westlichen Gesellschaftsordnung im 19. und 20. Jahrhundert als „Great Transformation“ (Polanyi). In seinem Sinne geht es bei Transformation um eine tiefgehende (statt oberflächliche), umfassende (statt partielle), nachhaltige (statt situative) und systemverändernde gesellschaftliche Veränderung. Neben diesem grundsätzlichen Gebrauch können zwei inhaltliche Unterscheidungen gemacht werden: Zum einen gibt es das deskriptiv-analytische Verständnis des aktuellen Wandels von Gesellschaft und der historisch-kulturellen Situation und zum anderen das Verständnis einer normativ-wertenden Transformation zur aktiven Mitgestaltung hin zu einem bestimmten Ziel (vgl. Faix/Künkler).
DIE HISTORISCHEN WURZELN EINES THEOLOGISCHEN TRANSFORMATIONSVERSTÄNDNISSES
Um die theologische Bedeutung von Transformation zu verstehen und die Frage zu beantworten, was diese mit Glaubenspraxis zu tun hat, bietet sich zunächst eine historische Perspektive auf die ersten theologischen Deutungsversuche in einem ökumenischen Kontext an: Der Lutherische Weltbund (LWF) hat Transformation als theologischen Begriff zum ersten Mal 2005 in seiner Schrift Mission in Context. Transformation, Reconciliation, Empowerment verwendet (vgl. The Lutheran World Fundation). Dort wurde an das Verständnis des evangelikalen Lausanne Movement angeknüpft und Mission als Transformation Gottes verstanden. Damit waren erste Reflexionen zu einer Theologie und Glaubenspraxis der Transformation gelegt (vgl. Lenski). Mission wird als transformatives Handeln Gottes (missio Dei) gesehen, der durch seinen Geist Versöhnung, Gerechtigkeit und Heil bringt. Dabei wird der Spannungspol zwischen den „sendenden“ und „empfangenden Kirchen“ betont. Diese Spannung wird zusammengehalten durch den einen handelnden Gott: „The way of incarnation is a way of transformation and reconciliation. The way of the cross is a way of reconciliation and empowerment. The way of resurrection is a way of transformation and empowerment“ (The Lutheran World Fundation, 49). Hier geht es auch um die Transformation der Kirche selbst hin zu einer lernenden Gemeinschaft als Teil dieser Welt. Interessant ist, dass in der deutschen Übersetzung des Textes der Begriff ‚transformation‘ durch ‚Verwandlung‘ ersetzt wurde, was formal zwar durchaus richtig ist, aber der programmatischen Bedeutung des Wortes Transformation im Text nicht gerecht wird. Die Gedanken von Mission in Context wurden 2013 auf der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan in der Schrift Together towards Life aufgenommen, in der von ‚transformative spirituality‘ gesprochen wird. Hier finden wir die doppelte Bedeutung des Begriffs Transformation wieder, zum einen eine deskriptive Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Transformationsprozesse und zum anderen die zielorientierte Hoffnung, dass Gott seine weltweite Kirche nutzt, um diese zum Guten zu wenden. Im März 2018 wurde bei der Weltmissionskonferenz des World Council of Churches (WCC) in Arusha (Tansania) Transformation als Leitmotiv unter dem Thema ‚transforming discipleship‘ intensiv bearbeitet, diskutiert und erweitert. Gottes Geist verändert die Nachfolgenden und zusammen übernehmen sie gemeinsame Weltverantwortung. Dabei wurden besonders Migration und Klimagerechtigkeit in den Blick genommen und es wurde ein Fokus darauf gelegt, dass Gott von den gesellschaftlichen Rändern her handelt. Direktor Jooseop Keum vom International Review of Mission erläutert das theologische Verständnis folgendermaßen: „Transforming Discipleship refers both to the transformation of Christians through their discipleship engagements and to discipleship that is transformative of the world“ (World Council of Churches). Dieses Verständnis von ‚transforming discipleship‘ fächert sich dabei in fünf zentrale Bereiche auf: a) Ekklesiologie: Kirche als Pilgerweg der Transformation, b) Religionspädagogik: Transformatives Lernen/Bildung, c) Sozial- und Friedensethik, d) Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung und e) Mission und Evangelisation. Dies alles ist ein Ausdruck des Handelns Gottes durch seinen Geist in und an uns als einzelne Nachfolger:innen, als gesamte Kirche und in der Welt (vgl. World Council of Churches).
Tobias Faix
Dr. theol., Prof. für Praktische Theologie an der CVJM-Hochschule Kassel und Studienleiter des dortigen Masters ‚Transformationsstudien: Öffentliche Theologie & Soziale Arbeit‘; seit 2013 Prof. extraordinarius an der Universität von Südafrika (UNSIA); lebt mit seiner Familie in Marburg und engagiert sich kirchlich im Reformprozess der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und in der Kammer für Soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Werden diese Beobachtungen für unsere Fragestellung fruchtbar gemacht, dann ist festzustellen, dass der Begriff Transformation theologisch vor allem eine zielgerichtete Transformation hin zu einer solidarischen Kirche meint, die durch den Begriff ‚transforming discipleship‘ inhaltlich ausgefüllt wird. Auffällig ist, dass die Frage der gemeinsamen Nachfolge eine zentrale Rolle einnimmt, denn die Verwandlung der Gläubigen geschieht auf dem gemeinsamen Weg, die Welt zu verändern.
TRANSFORMATION UND GLAUBENSPRAXIS: EINE INHALTLICHE REFLEXION
Im Begriff Transformation ist eine theologische Wechselwirkung enthalten: Es geht um eine doppelte Transformation, die zum einen die Akteur:innen selbst betrifft (ein Handeln des Heiligen Geistes an ihnen) und zum anderen durch die Akteur:innen in der Welt geschieht (das Wirken des Heiligen Geistes durch die Akteur:innen). International wurden die Ergebnisse der Weltmissionskonferenz 2018 vielfach im ökumenischen Kontext aufgenommen, diskutiert und weitergedacht. Besonders der Begriff ‚transforming discipleship‘ wurde dabei diskutiert. Der indische Theologe Deenabandhu Manchala betont in seiner Analyse bspw. besonders, dass die Menschen am Rande der Gesellschaft keine Objekte der Nächstenliebe, sondern Prophet:innen und Wegbereiter:innen von Gottes Mission in dieser Welt sind (vgl. Manchala, 201–215). Ihr Leiden ist ein Zeichen, dass der Geist Gottes sich auch in Ungerechtigkeit zeigt. So kann von ihnen eine Spiritualität des Widerstands und der Transformation um des Lebens Willen erlernt werden, in einer Welt, die Gott verwandeln will. Die ägyptische Professorin Wedad A. Tawfik bringt in ihrem Beitrag neben der afrikanischen Perspektive besonders die Sicht der koptisch-orthodoxen Kirche ein und stellt das Christentum als vulnerable Gruppe dar, deren Glaube in einer Welt des Wandels gefährdet ist. Deshalb, so Tawfik, ist ‚transforming discipleship‘ für sie ein zentraler Begriff für die globale Christenheit. Nachfolge heißt, das Vorrecht und die Ehre zu haben, den kostbaren Namen Jesu zu tragen und ihn der ganzen Welt zu verkünden, auch wenn wir dafür leiden müssen (vgl. Tawfik, 268–279). Für den aus Ghana stammenden Professor Opoku Onyinah spiegelt sich in ‚transforming discipleship‘ der Prozess wider, Christus ähnlich zu werden. Dies geschieht im Kontext des Reiches Gottes und wird in der Alltagspraxis sichtbar, wenn sich die Menschen der fortschreitenden Herrschaft Gottes hingeben. Onyinah zeigt auf, dass die Stärke und der Einfluss der Kirche gänzlich von ihrer Verpflichtung zu echter Nachfolge abhängen, d.h. davon, dass sie ein verwandeltes Leben hervorbringt (vgl. Onyinah, 216–227).
Die ökumenischen Impulse aus der weltweiten Kirche sind uns teilweise fremd, aber sie bieten gerade deshalb die Chance, unsere eigene Glaubenspraxis zu reflektieren. Dies scheint auch deshalb wichtig, da die Rezeption von Arusha 2018 in Deutschland und die Frage nach ‚transforming discipleship‘ eher bescheiden ausfällt. Am prominentesten wird ‚transforming discipleship‘ vom Evangelischen Missionswerk aufgenommen, das seinen Jahresbericht 2016/17 unter das Motto „Nachfolge, die verwandelt“ stellt und die ökumenische Entwicklung in ihrem historischen Kontext differenziert aufnimmt. Darüber hinaus bietet der Bericht eine ausführliche biblisch-theologische Auseinandersetzung mit ‚transforming discipleship‘ unter der Fragestellung, was sie im Neuen Testament bedeutet und wie sie in verschiedenen Kulturen verstanden wird, bevor, anknüpfend an den südafrikanischen Theologen David Bosch, der Begriff theologisch eingeordnet wird (vgl. Evangelisches Missionswerk in Deutschland e.V.). Im Blick auf die deutschsprachigen Diskurse der letzten Jahre in der Theologie fällt auf, dass es kaum eine theologische Reflexion des Transformationsbegriffs noch eine umfassende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Wort ‚discipleship‘ stattgefunden hat. Letzteres nennen Michael Herbst und Benjamin Stahl eine „Leerstelle im Kontext der Kirchentheorie“ (Herbst/Stahl, 221).
TRANSFORMATION UND GLAUBENSPRAXIS: ZIELPERSPEKTIVEN UND CHANCEN
Wenn von einer Transformation als Ziel aus theologischer Perspektive gesprochen wird, werfen sich unweigerlich zwei Fragen auf: Was ist das Ziel und von welcher theologischen Perspektive wird gesprochen? In der Bibel wird die große Geschichte Gottes erzählt. Gott ist das Subjekt der Geschichte (missio Dei), der Schöpfer und Befreier, der das Volk Israel und andere Völker aus der Unterdrückung und Versklavung befreit und aus zerstörerischen Unrechtssystemen holt. Gott schreibt Geschichte meist von den Rändern, stellt sich gegen einen geistlichen Triumphalismus und solidarisiert sich mit den Marginalisierten. Gott wird in Christus Mensch und lässt sich auf dieses System ein. So werden Kreuz und Auferstehung Zeichen der Befreiung und Versöhnung mitten im Unrechtssystem der Menschen. Die versöhnende Tat Christi heilt den Menschen in den gestörten Beziehungen seines Lebens. So kann die Zielrichtung der Geschichte Gottes mit dem Menschen in fünf Epochen aufgezeigt werden oder, wie der britische Neutestamentler Nicholas Thomas Wright sagen würde, in fünf Akten: (1) Schöpfung, (2) Sünde, (3) der Bund mit Israel, (4) der Weg Jesu und (5) die Kirche. Für diese Lesart der Bibel ist es entscheidend, dass der fünfte Akt in der Bibel gerade erst beginnt und in der Gegenwart durch die Gläubigen auf ihrem Weg fortgeführt wird. Dieser Gedanke ermöglicht es, auch die Geschichte der christlichen Nachfolge als offenen und gleichzeitig zielgerichteten Prozess zu denken, in dem Neues geschieht und nicht nur die Handlungen und Maßstäbe der bisherigen Akte wieder und wieder kopiert werden (vgl. Faix/Künkler).
Gerade in Zeiten einer Subtraktionsgeschichte, in der kirchliches Leben geschwächt ist und haupt- und ehrenamtliche Arbeit vielerorts herausgefordert sind, ist transformative Glaubenspraxis eine Chance, Glaubensgemeinschaft zu stärken. Transformatorische Glaubenspraxis integriert verschiedene Spannungen und lässt sich nicht vom Zwang einseitiger Frömmigkeitsfraktionen vereinnahmen, denn sie ist persönlich und sozial, privat und öffentlich, verborgen und offenbar, spirituell und politisch, historisch und ewig, irdisch und jenseitig. Es geht um die vom Geist Gottes ausgehende Liebe, die sich sowohl persönlich, individuell und verborgen zeigt als auch in Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden und die öffentlich sichtbar wird. Daraus können sich fünf übergeordnete Kennzeichen einer transformatorischen Glaubenspraxis ableiten: (1) Transformatorische Glaubenspraxis ist immer kontextuelle Glaubenspraxis. Eine kritisch-kontextuelle Theologie vereint dabei Offenbarung und Kontext in einer voneinander abhängigen Spannung. (2) Transformatorische Glaubenspraxis engagiert sich im sozialen Kontext für Frieden und Nachhaltigkeit, um sich für eine Veränderung in Richtung eines erfüllten Lebens und nach den Grundsätzen der Liebe Gottes einsetzen zu können. (3) Transformatorische Glaubenspraxis zeigt sich in der Ortskirche, in jener Lerngemeinschaft auf dem Weg, die der Geist Gottes verbindet und verwandelt und die Teil von Gottes großer Mission ist. (4) Transformatorische Glaubenspraxis ist befreiend und das Erlebnis neuer Kraft. Diese Kraft des Evangeliums gilt für alle, unabhängig ihres Standes oder ihrer Herkunft. Jedoch stellt sich Gott an vielen Stellen der Bibel besonders auf die Seite der Armen und Marginalisierten. (5) Transformatorische Glaubenspraxis bedeutet auch, dass Kirche eine Hoffnungsgemeinschaft für und mit anderen ist. Wann immer dabei das Evangelium in Bezug auf das gesellschaftliche Umfeld in Wort und Tat geteilt wird, stehen Gemeinschaft und Versöhnung im Mittelpunkt.
LITERATUR
Berneburg, Erhard, Das Verhältnis von Verkündigung und sozialer Aktion in der evangelikalen Missionstheorie. -unter besonderer Berücksichtigung der Lausanner Bewegung für Weltevangelisation (1974 - 1989), Wuppertal 1997.
Bosch, David, Transforming Mission, Orbis 1991.
Evangelisches Missionswerk in Deutschland e.V., Nachfolge, die verwandelt. Zur Weltmissionskonferenz 2018 in Arusha, Hamburg 2016/17.
Faix, Tobias/Künkler, Tobias, Handbuch Transformation. Ein Schlüssel zum Wandel von Kirche und Gesellschaft [Interdisziplinäre Studien zur Transformation, Bd. 1], Neukirchen-Vluyn 2021.
Herbst, Michael/Stahl, Benjamin, Kingdom Learning. Ein deutschenglischer Beitrag zum Thema „lebendiges mündiges Christsein“ („discipleship“), in: Theologische Beiträge 49 (2018), 220–242.
Lenski, Daniel, Vom Geist bewegt. Weltmissionskonferenz 2018: Wie sich die missionstheologische Landschaft verändert, in: Deutsches Pfarrerblatt 6/2018; pdf-upload unter: https://www.pfarrerverband.de/p...