Srebrenica
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Srebrenica

Chronologie eines Völkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanović

  1. 978 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Srebrenica

Chronologie eines Völkermords oder Was geschah mit Mirnes Osmanović

Über dieses Buch

Der Name Srebrenica steht für das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs: mehr als 8.000 ermordete bosnisch muslimische Männer und Jugendliche; über 25.000 Vertriebene, vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen. Aber auch dafür, dass eine noch immer unbekannte Anzahl von Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten aus der Armee der bosnischen Serben im Juli 1995 zu Kriegsverbrechern wurde.Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien stufte das Verbrechen in Srebrenica als Völkermord ein - noch heute wird gegen mutmaßliche Verantwortliche und ihre Untergebenen verhandelt.Am 11. Juli 1995 hatte die Armee der bosnischen Serben die ostbosnische Bezirksstadt Srebrenica, Zentrum einer Sicherheitszone der Vereinten Nationen erobert. Armeebefehlshaber General Ratko Mladi? erklärte vor laufender Kamera, er überreiche die Stadt dem serbischen Volk als Geschenk. Die Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen vor Ort sahen den Vorgängen hilflos zu.Anhand von Beweisdokumenten und Zeugenaussagen des Internationalen Strafgerichtshofs erzählt Matthias Fink die Vorgeschichte und den Ablauf des Dramas von Srebrenica. Seine Darstellung zeigt, warum die "ethnische Säuberung" des Bezirks Srebrenica am Ende in den Völkermord geführt hat und warum die bosnische Regierung und ihre Armee sowie die Weltgemeinschaft und ihre Schutztruppe diesem Geschehen tatenlos zusahen.Es gelingt dem Autor, das gesellschaftliche Konstrukt hinter dem Konflikt aufzudecken. Eindrücklich werden Aussagen der Überlebenden, aber auch der Täter und der "Zuschauer" dargestellt, sodass die Gewalteskalation wie auch die Erfahrungswelten der Beteiligten bestechend, erschreckend und auch berührend anschaulich werden.

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I

Krieg in Ost-Bosnien

Am Nachmittag des 16. Mai 1992 hatte der Polizist Milan Babić um 15 Uhr seinen Dienst im Polizeirevier von Milići, Općina Vlasenica, angetreten. Alles war in ordnungsgemäßem Zustand, und so übergab er das Revier auch am Ende seiner Schicht. Jedenfalls trug der Polizist in das Dienstbuch seiner Dienststelle ein: Keine besonderen Vorkommnisse an diesem Samstagnachmittag und -abend in Milići und Umgebung. Nur unter dem Stichwort »Streife« hatte Milan Babić vermerkt: »Zur Säuberung der Gegend das gesamte Personal im Einsatz.«1 Zu dem Revier von Milići zählte auch das 6 Kilometer entfernte Zaklopača, ein kleines Dorf, etwa 50 Häuser mit rund 250 Einwohnern, bis auf zwei serbische Familien ausschließlich Bosniaken.2 Die Bezirkstadt Srebrenica liegt in Luftlinie etwa 20 Kilometer weiter östlich, vom Bezirk Vlasenica durch hohe Berge getrennt.
In jenem Mai 1992 lebte Mersudina Hodžić noch bei ihren Eltern in Zaklopača. Sie war 17 Jahre alt und ging auf die Wirtschaftsoberschule in Zvornik. Am Nachmittag des 16. Mai war sie mit der Mutter und der jüngeren Schwester zu Hause, ihr Vater war zum Großvater gezogen, der nahe beim Wald wohnte. Eine Vorsichtsmaßnahme. Man hatte gehört, dass in anderen bosniakischen Dörfern Männer umgebracht worden waren. So hoffte man, rechtzeitig in den Wald entkommen zu können, falls Zaklopača angegriffen werden sollte.3
Der Angriff kam um 17 Uhr. Angeführt von einem Polizeiauto bogen vier, fünf Militärfahrzeuge von der großen Landstraße ab und fuhren direkt in das Dorf Zaklopača. Etwa hundert Männer saßen in den Fahrzeugen, manche in Tarnuniformen, andere trugen Zivil. Alle hatten eine oder zwei Maschinenpistolen über die Schulter hängen, Typ »Kalaschnikow AK-47«. Um den Oberkörper hatten sie Munitionsgurte geschlungen. Viele trugen Handschuhe und hatten Strümpfe über den Kopf gezogen. So schwärmten sie aus, und die Bewohner von Zaklopača versuchten, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen, als die Eindringlinge mit ihrer Jagd auf die Männer des Dorfes begannen.4
Serbische Familien wohnten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Zaklopača. Sie hatten die Gegend schon Wochen vorher verlassen. Warum sie fortgingen, hatten sie ihren bosniakischen Nachbarn nicht erklärt.5 Anfang Mai war dann eine Abordnung der »Serbischen Demokratischen Partei« SDS erschienen, die im Monat zuvor die politische Kontrolle in der Opčina Vlasenica an sich gerissen hatte. Die Fremden hatten die Dorfbewohner aufgefordert, alle ihre Waffen auszuhändigen. Die Männer von Zaklopača besaßen aber nur Jagdflinten, und die wollten sie nicht hergeben, sondern versteckten sie.6 Und nun waren die Soldaten gekommen und gingen von Haus zu Haus.
»Ich hab meinen Onkel, Haso Hodžić, gesehen, wie er zum Fluss rannte. Zwei Soldaten haben ihn gejagt. Sie riefen ihm nach und fingen ihn ein und brachten ihn zurück zum Haus.
Sie begannen, ihn zu befragen, ob er Waffen besitze, und er antwortete, er habe keine Waffen. Die Soldaten sagten, sie würden ihm nichts tun, wenn er tatsächlich keine Waffen hätte. Mein Onkel drehte sich zu uns um und bat seine Frau um eine Zigarette. Und in dem Augenblick schoss ein Soldat, der in der Nähe stand, auf ihn und traf ihn in Kopf und Beine. Er war auf der Stelle tot.
Unmittelbar nachdem er zu Boden gestürzt war, fingen alle Soldaten an, in alle Richtungen zu schießen. Ich hörte nicht, dass ein Soldat einen Befehl gegeben hätte. Mir schien es, der erste Schuss war für alle Soldaten das Zeichen, das Feuer zu eröffnen.«7
Das Schießen dauerte fünfzehn Minuten. Mersudina Hodžić lag zusammen mit Mutter, Schwester, Großmutter, drei Tanten und vielen Cousinen und Vettern im Haus einer Tante am Boden und suchte Deckung vor den Kugeln, die die Soldaten auch auf dieses Haus abfeuerten.
»Irgendwann hatte das Schießen ein Ende und wir hörten, wie die Autos wegfuhren. […] Wir gingen dann alle aus dem Haus hinaus.
Draußen sah ich meinen Onkel immer noch im Hof liegen und daneben noch weitere Leichen. Wir gingen zum Haus meines Großvaters, um herauszufinden, was mit meinem Vater und meinem Bruder passiert war. Überall sahen wir Leichen. Sie mussten die Leute an Ort und Stelle umgebracht haben, genau dort, wo sie waren, als die Soldaten in das Dorf eindrangen. […]
Wir kamen zu dem Haus und fanden dort meinen Großvater. Er war tot. Wir gingen ins Haus, um ein paar Dinge mitzunehmen. Von dem Haus aus konnten wir eine Stelle im Dorf nahe beim Wald sehen, und ich sah dort viele Leichen liegen. Ich erkannte darunter auch die Leichen meines Vaters und meines Bruders.«8
Die Überlebenden, fast ausschließlich Frauen und Kinder, flüchteten. Die Toten hatten sie nicht mehr begraben können.9
An diesem Nachmittag des 16. Mai 1992, an dem laut Diensttagebuch des Polizeireviers von Milići sich nichts Besonderes ereignete und das gesamte Personal »zur Säuberung der Gegend« im Einsatz war, starben in dem kleinen Dorf Zaklopača mindestens 58 Menschen. Einer der Dorfbewohner, Sead Hodžić, hatte sich noch einmal in das Dorf zurückgeschlichen und 58 Leichen gezählt.10
Zaklopača hat keine Schlagzeilen gemacht. Das Kriegsverbrechen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, die im Mai 1992 gebannt auf das Drama in der Stadt Sarajevo starrte. Dort arbeiteten die internationalen Nachrichtenagenturen und Fernsehstationen, die das tägliche Grauen in Wort und Bild in der ganzen Welt verbreiteten. In Zaklopača waren nur die Überlebenden Zeugen, ebenso wie gut drei Jahre später im gar nicht weit entfernten Srebrenica. Das Massaker in diesem kleinen Dorf war ein Menetekel für den grausamen, heimtückischen Krieg, der in diesem Raum Ost-Bosnien besonders grausam und besonders heimtückisch werden sollte.

Kriegsziele

»Was ist unser Ziel?«, fragte Generalleutnant Ratko Mladić die Abgeordneten des Parlaments der Republika Srpska, als diese ihn zum Befehlshaber der an diesem Tag konstituierten Armee der bosnischserbischen Republik Srpska (Vojska Republike SrpskeVRS) erwählten.11 Es war der 12. Mai 1992, und der Krieg war noch in seinem Anfangsstadium, doch die bosnisch-serbischen Einheiten hatten ihre bosniakischen und bosnisch-kroatischen Gegner an vielen Orten schon vertrieben, und natürlich war seine Frage nur rhetorisch gemeint. Ratko Mladić beantwortete sie auch gleich selbst: »[…] mein und unser Ziel sollte es sein, einen eigenen Staat zu haben, dort, wo wir unser Zeichen hinterlassen haben, die Gebeine unserer Väter, und das ist das Ziel, für das wir kämpfen müssen; und zu diesem Ziel kommt noch, dass wir ein eigenes Volk sind; und das Dritte: Wir laden jeden ein, dessen Stirn all dies hier berührt hat, an erster Stelle den Serben.«12
Hinter dem Pathos des Generals stand die Botschaft: Die bosnischen Serben wollten sich mit Bosniaken und bosnischen Kroaten keinen Staat teilen. Das zeigte auch die Debatte an jenem Tag ganz deutlich. Angesichts der Erfolge auf dem Schlachtfeld war dies sogar nachvollziehbar. Überall im Lande waren sie in der Offensive, und ihren Gegnern gelang es fast nirgendwo, sie auch nur aufzuhalten, geschweige denn zurückzudrängen.
Der Wunsch nach dem eigenen Staat oder gar nach der Vereinigung mit den Krajina-Serben und der Republik Serbien zu einem großen Gesamt-Serbien war schon vor dem Krieg Ziel der bosnischserbischen Führung gewesen. Im Februar 1992 hatte die portugiesische EG-Ratspräsidentschaft Verhandlungen zwischen den drei Volksgruppen arrangiert. Noch herrschte Frieden, aber allseits war spürbar, dass dieser brüchige Frieden bald in einen offenen Krieg übergehen könnte. Nach einer dieser Verhandlungsrunden in Lissabon debattierte die Volksvertretung der selbst ernannten Republika Srpska über die beste Taktik für die eigene Sache. Momčilo Krajišnik, Parlamentspräsident und Mitglied der bosnisch-serbischen Delegation bei den Gesprächen, brachte die Angelegenheit auf einen ganz einfachen Entweder-oder-Nenner: »Meine Herren, wir haben zwei Optionen. Eins: Mit politischen Mitteln kämpfen, aus der gegenwärtigen Lage das meiste herausholen, als ersten Schritt; oder die Gespräche abbrechen und das tun, was wir die Jahrhunderte hindurch gemacht haben: Unser Staatsgebiet mit Gewalt holen.«13
Für diese zweite Option hatten sie bereits im Voraus über Monate hinweg sukzessiv politische Fakten geschaffen und sich für den Ernstfall militärisch gerüstet.
Zunächst hatte die politische Vertretung der bosnischen Serben, die »Serbische Demokratische Partei« (Srpska demokratska stranka, kurz: SDS), im Spätsommer 1991 im Norden und Osten des Landes »Serbische Autonome Regionen« ausgerufen: am 12. September für die Herzegowina; am 16. September für die bosnische Krajina im Nordwesten; am 17. September für die Romanija bei Sarajevo; und schließlich am 19. September für die Region Birač in Ost-Bosnien, die auch Teile der Općina Srebrenica mit einschloss. Bosnien-Herzegowina war immer noch Teilrepublik der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, aber das kümmerte niemand in der Führung der SDS. Man hatte es einfach den »Brüdern und Schwestern« in Kroatien nachgemacht. Dort hatte die Spirale der Gewalt auch mit der Proklamation »Serbisch Autonomer Regionen« begonnen.
Der Wendepunkt, von dem aus es kein Zurück mehr zu geben schien, war dann am 15. Oktober 1991 um zwei Uhr morgens gekommen. Stunde um Stunde hatte das Parlament in Sarajevo über eine Resolution zur Souveränität Bosnien-Herzegowinas debattiert. Die SDS-Fraktion der bosnischen Serben lehnte sie ab, alle anderen hielten an der Unabhängigkeit als politischer Option im auseinanderbrechenden Jugoslawien fest.
Radovan Karadžić saß in der ersten Reihe der SDS-Fraktion. Er war zwar Parteivorsitzender, aber nicht gewählter Abgeordneter. Trotzdem hatte man ihn an prominenter Stelle platziert, und er durfte sogar das Wort ergreifen. Sein Redebeitrag gipfelte in einer...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Prolog: Davor
  6. I Krieg in Ost-Bosnien
  7. II Operation Krivaja 95 – Angriff auf die Sicherheitszone Srebrenica
  8. III Der Völkermord von Srebrenica – Der erste Akt: Vertreibung, Gefangenschaft, Flucht
  9. IV Der Völkermord von Srebrenica – Der zweite Akt: Massentötungen
  10. V Täter – »Ein gemeinsames kriminelles Unternehmen«
  11. VI Schuld und Verantwortung – Srebrenica und der Rest der Welt
  12. VII Der Krieg zieht weiter
  13. Anhang
  14. Zum Autor