1 Die Problemlage
Neben den Träumen eines Geistersehers (1766) und vereinzelten brieflichen Äußerungen über Emanuel Swedenborg (1688–1772) werden seit einiger Zeit die Vorlesungen Immanuel Kants über rationale Psychologie und darin enthaltene affirmative oder wenigstens mit dem ablehnenden Impetus der Träume nicht konform gehende Äußerungen Kants gegenüber Swedenborg dafür benutzt, um ein ambivalentes Verhältnis des Königsbergers gegenüber dem schwedischen Visionär zu behaupten.1 Erwähnung findet diese These bei Hartmut und Gernot Böhme, wo Swedenborg mit dem „Anderen“ der Vernunft in Verbindung gebracht und Kant unterstellt wird, dieser habe in seiner Auseinandersetzung mit Swedenborgs Visionarität einen wesentlichen Impuls zur Abgrenzung gegenüber der rationalistischen Philosophie erhalten und darüber hinaus in seinen Träumen eines Geistersehers nicht nur die kritische Philosophie vor den „Zumutungen“ der swedenborgischen Geister zu retten versucht, sondern auch seine eigene kritische Phase eingeleitet. Kants fortdauernde Entschuldigungen, sich mit Swedenborg überhaupt zu beschäftigen, sprächen gerade für seine innere Verwandtschaft mit ihm. Nie wieder sei Kant einem Autor so nahe gewesen.2
Die Stringenz – und die Deutung – der Argumentation Kants in den Träumen soll in diesem Beitrag nicht eigens thematisiert werden. Es ist hinreichend belegt, dass die Träume eines Geistersehers in der unmittelbaren Leserschaft Kants äußerst ambivalent beurteilt worden sind – während die einen in der Schrift eine radikale Abrechnung mit Swedenborg erblickten, sahen andere erhebliche Anleihen und Parallelen zwischen beiden Autoren, ja manche hielten Kant sogar für einen Parteigänger Swedenborgs.3 Die Debatten um das Verhältnis Kants und Swedenborgs wurden seit der zweiten Hälfte der 1760er Jahre, dann über das 19. Jahrhundert bis in die jüngere Vergangenheit geführt – mit völlig gegensätzlichen Bewertungen in der Kant- und Swedenborgforschung, insbesondere zwischen materialistischen, spiritistischen und neukantianischen Kantdeutungen, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gegeneinander entwickelt worden sind.4
Die Theorie eines Bruchs zwischen dem ‚alten‘ metaphysischrationalistischen Denken und dem neuen ‚aufgeklärten‘ Ansatz der kritischen Phase Kants ist in den 1990er Jahren durch einen erneuten Blick auf die genannten, in die späte kritische Phase datierten Vorlesungen über rationale Psychologie in der Arbeit von Gottlieb Florschütz5 thematisiert worden. Diese Kieler Promotionsschrift wurde innerhalb der sich auf Swedenborg beziehenden Neuen Kirche im deutschen Raum und in den USA positiv rezipiert6 und mit eigenen Beiträgen flankiert.7 Florschütz’ Untersuchung ist wesentlich durch die Veröffentlichung einer Vorlesung Kants über rationale Psychologie durch den Philosophen und Psychologen Carl du Prel (1839–1899) angeregt worden.8 Du Prel, Vorsitzender der „Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie“, die auch eine Reihe Beiträge zur Grenzwissenschaft 9 herausgab, widmete sich in seiner Arbeit vor allem parapsychologischen und okkulten Phänomenen und entdeckte in diesem Zusammenhang eine 1821 von dem Historiker und Kantforscher Karl Heinrich Ludwig Pölitz (1772–1838) herausgegebene Vorlesung Kants über rationale Psychologie. Du Prel brachte sie 1889 erneut heraus, um seine parapsychologischen Forschungsinteressen durch vermeintlich „mystische“ und „okkulte“ Züge des älteren Kant stützen zu können.10 Auch andere Forscher aus dem Bereich parapsychologischer Forschungen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert haben sich dem Thema „Kant und Swedenborg“ aus gleichem Interesse gewidmet.11 Diesem Vorgehen ist mit verschiedenen Argumenten schon durch den Herausgeber der Vorlesungen in der Akademie-Ausgabe,12 aber auch in neuerer Zeit widersprochen worden.13
2 Charakter und Datierung der vorhandenen Quellen zu Kants rationaler Psychologie
Hat der ältere Kant tatsächlich Elemente swedenborgischer Anschauungen übernommen und gleichsam über seine kritische Phase hinaus bzw. an dieser vorbei rationalistische Theorien vertreten, die über die von ihm selbst gesetzten Grenzen der Vernunft hinausgingen? Um dieser Frage nachzugehen, werden folgende Schritte unternommen. Zunächst wird nach der Art der Überlieferung der Vorlesungen, nach deren Qualität, nach deren zeitlicher Einordnung und nach einer eventuellen inneren Entwicklung innerhalb dieses Vorlesungszyklus gefragt. In zwei Bänden hat die Kant-Forschung das Korpus der Vorlesungsmitschriften vor wenigen Jahren und in diesem Umfang erstmals untersucht und in die werkbiographische Genese der Philosophie Kants eingeordnet.14 Auch die hier zur Debatte stehenden Vorlesungen über Metaphysik sind dabei in Augenschein genommen worden, ohne dass jedoch die Position Kants gegenüber Swedenborg in den Vorlesungen überhaupt erwähnt worden wäre.15 Dennoch ist die seit Entstehung der Akademie-Ausgabe und in den Diskussionen um die Kant-Deutung im späten 19. Jahrhundert angesichts ihrer besonderen Provenienz und ihres literarischen Charakters entstandene Skepsis gegenüber den Mitschriften16 einer seriösen Betrachtung gewichen.
Sowohl du Prel als auch Florschütz und die sich auf sie beziehenden neuesten Kommentatoren des infrage stehenden Einflusses Swedenborgs auf Kant haben in erster Linie nur eine, die 1821 von Pölitz besorgte Vorlesungsmitschrift benutzt, der allerdings noch nicht einmal im Vorwort auf kritisch-exegetische Fragen eingeht. Vielmehr votiert du Prel als Datierung des pölitzschen Vorlesungsauszugs – er entnimmt der pölitzschen Metaphysik lediglich Kapitel über die empirische und die rationale Psychologie – für die Jahre 1788/89 und legt besonderen Wert auf die Feststellung, die Vorlesungen seien sieben Jahre nach der Kritik der reinen Vernunft und zwei Jahre vor der Kritik der Urteilskraft gehalten worden.17 Diese Datierung veranlasste den Kantforscher Benno Erdmann (1851–1921) immerhin, den psychologischen Teil der Vorlesung schlechthin als „Rückfall“ hinter die erste Kritik zu betrachten und ihr eine wissenschaftliche Untersuchung lapidar zu verweigern.18 Auch spätere Forscher haben sich mit dieser einen Vorlesungsmitschrift begnügt, ohne die seit 1968, 1970 und 1983 vorhandenen Texte insgesamt zur Kenntnis zu nehmen und einer vergleichenden Analyse zu unterziehen. Florschütz kennt zwar insgesamt vier Mitschriften, bezieht sich aber vorwiegend auf den von Pölitz und du Prel edierten Text.19
Schließlich wird der Frage nachzugehen sein, ob noch andere Quellen relevant sind, die die Vorlesungen über rationale Psychologie erschließen und in ihrer inneren Entwicklung beschreiben können. Ausgehend von der Beobachtung, „Kant’s metaphysics lectures serve as an indispensable supplement to his discussion in the Paralogisms“,20 wird auch der Abschnitt über die Paralogismen der reinen Vernunft aus der ersten Kritik, der sich explizit auf die rationale Psychologie bezieht, für einen kritischen Vergleich hinzugezogen werden. Dieser Vergleich wird die erste (1781) und die zweite (1787) Auflage der Kritik der reinen Vernunft betrachten, da Kant gerade den entsprechenden Abschnitt in signifikanter Weise umgearbeitet hat.
Auf der Basis der Metaphysik von Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762) hielt Immanuel Kant zwischen den Wintersemestern 1755/56 und 1795/96 dreimal wöchentlich, ab 1784/85 mit zwei wöchentlichen Repetitorien, seine Vorlesungen über Metaphysik in insgesamt 50 von seinen 82 Universitätssemestern.21 Er folgte dabei dem Aufriss Baum...