„Literatur ist Energieübertragung“,1 erklärte Clemens J. Setz im Rahmen der Berichterstattung zum Preis der Leipziger Buchmesse, mit dem er 2011 für seinen Erzählungsband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes2 ausgezeichnet wurde. Diese eher beiläufig geäußerte Formel gilt insbesondere auch für sein eigenes Schreiben: Rätselhafte Übertragungsvorgänge mit beträchtlichen Folgen prägen die Erzählwelten des österreichischen Schriftstellers, die mit einem „unendliche[n] Spiel an Möglichkeiten, Exzessen, Beschreibungswut und Bildopulenzen“3 aufwarten. Setz gilt als „literarischer Extremist im besten Sinne“,4 dessen zumeist als irritierend beschriebenen Texte immer wieder „genau den Punkt“ erreichen, „an dem der kognitive Prozess der Lektüre in eine physische Reaktion umschlägt“.5 Mit welchen Mitteln aber gelingt es ihm, Figuren wie Leser:innen diesen eigentümlichen Vorgängen mit offenbar transformierender Wirkung auszusetzen? These dieser Studie ist, dass in den Texten magische Vorstellungen im Verbund mit metaphorischen Konzeptionen literarisch verarbeitet werden und in ihrem gemeinsamen Auftreten eine bedeutsame ästhetische und epistemische Funktion einnehmen.
Ein Beispiel dafür ist René Templ, Protagonist des Debütromans Söhne und Planeten, der bei psychischer Überforderung schrumpft und seine Normalgröße erst durch konzentrierte Lektüre zurückerlangt. Letztlich bleibt offen, was ihm ‚wirklich‘ widerfahren ist, und so scheint es zunächst den Leser:innen überlassen, dieses unheimliche Erlebnis tatsächlich als magische Begebenheit oder als metaphorische Beschreibung einer seelischen Extremsituation aufzufassen. Dass jedoch die Entscheidung für eine dieser Deutungsvarianten kaum möglich, mit Blick auf die poetologischen Prämissen vielleicht sogar falsch oder zumindest unerheblich ist, sollen die Untersuchungen der Romane von Clemens J. Setz zeigen. Denn die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse magischer und metaphorischer Formationen weisen eine elementare Verwandtschaft auf, deren Wahrnehmungs- und Darstellungsmodus auf der Bildung von Analogien beruhen, was im theoretischen Teil zunächst ausführlich zu begründen sein wird. Ziel dieser Studie ist es demnach auch, entlang verschiedener kulturgeschichtlicher Perspektiven die Verbindungslinien von Magie und Metapher nachzuzeichnen und daraus eine kompakte kognitionsästhetische Theorie für literarisch-fiktionale Texte zu entwickeln. Nicht zuletzt sind damit wissenschaftstheoretische Kriterien ebenso wie ästhetische Anschauungen zu Authentizität, Rationalität und Realität auf den Plan gerufen, die für das Schreiben von Clemens J. Setz zu bestimmen sind. Templs Einsicht zur Auflösung seines prekären Zustands liest sich in diesem Zusammenhang wie ein mahnender Hinweis für das anschließende analytische Verfahren: „Er musste den Sinn verstehen. Sonst funktionierte es nicht.“6 Doch macht es Setz seinen Leser:innen und selbst seinen Figuren nicht immer leicht, den ‚Sinn‘ der zahlreichen ungewöhnlichen Assoziationen und sonderbaren Ereignisse zu ergründen und überdies zu einer kohärenten Erzählung zusammenzuführen.
Für die Literaturkritik, die Setz’ schriftstellerische Laufbahn von Beginn an mit großem Interesse begleitet hat, bietet seine hochgradig figurative Sprache mit „exzessiver Freude an der Metapher“ und einer „oft extravaganten, ja exaltierten Bildlichkeit“7 Anlass zu Lob und Tadel gleichermaßen: So einhellig das literarische Talent des 1982 in Graz geborenen Autors bezeugt wird, so sehr stört sich manche:r an den „labyrinthische[n] Metapherngärten“ und der „aufdringliche[n] Vitalisierung der Dingwelt, die mit der Körperwelt verschmilzt“.8 Was bleibt, ist der Eindruck von Grenzerfahrung: „Eine Literatur, die sich im Metapherntaumel ins Übersinnliche wagt, balanciert schon allein deshalb stets am Rande des Wahnsinns“,9 urteilt die FAZ über Setz’ zweiten Roman Die Frequenzen. Die Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin Daniela Strigl bringt zwar Verständnis für die partielle Überforderung mancher Leser:innen auf, hebt aber anerkennend die vielen „Zaubertricks“ hervor, die Setz „in seiner Literatur auf Lager“ habe.10 Nachdrücklich verweist sie auf die Ausgewogenheit der literarischen Komposition und deutet zugleich eine grundlegende ästhetische Strategie an, die sie im Magisch-Metaphorischen ausmacht: „Stringenz und Verspieltheit halten sich die Waage – kein Wunder, liegt diesem Schreiben doch offenbar die Idee der Weltmaschine zugrunde, von der im Buch [i. e. Die Frequenzen, d. Verf.] auch die Rede ist: ein Apparat, in dem alles mit allem mechanisch und zugleich magisch verbunden ist.“11
Unter dem Stichwort „Zaubertricks“ versammeln sich allerdings auch Vorbehalte, zumal es in den Texten selbst wiederholt auftaucht und damit Wahrnehmung und Einordnung des Geschehens beeinflusst, mindestens ambivalent hält. „Magician or Trick?“12 lautet daher die Frage, die aus einer der Erzählungen von Clemens Setz stammt und mit der im Folgenden ein poetologisch bedenkenswerter Aspekt fokussiert und zugleich auf einen von Literaturkritik und -wissenschaft bisweilen insinuierten Vorwurf gegenüber seinen literarischen Verfahrensweisen reagiert wird: Handelt es sich beispielsweise bei Templs Schrumpfung um einen zwar literarisch inszenierten, aber gleichwohl ‚ernst gemeinten‘ und daher ‚ernstzunehmenden‘ Vorgang der Magie oder um ‚bloße Trickserei‘ zu ästhetischen Zwecken? Ist also das Magische hier womöglich ‚nur‘ eine Metapher aus der Trickkiste literarischer Tropen, die ihrerseits geschickt und kunstvoll auf etwas anderes Gemeintes verweist?13 Zweifellos liegt der Verdacht einer effektvollen literarischen ‚Gemachtheit‘ nahe, doch wird sich anhand des zu untersuchenden Textkorpus zeigen lassen, dass es sich bei den als magisch aufzufassenden Vorstellungen und Vorgängen keineswegs um reine Illusionskunst handelt, die sich jederzeit ‚entzaubern‘, also rationalisieren ließe, sondern um ein kognitionsästhetisch erklärbares und für Setz’ Schreiben notwendiges Verfahren. Gleiches gilt für den zu Recht als ‚exzessiv‘ bezeichneten Gebrauch von Metaphern, die aufgrund ihrer Komplexität häufig im vieldeutigen ‚Uneigentlichen‘ verharren und sich daher entgegen kritischer Einwände nicht ohne Weiteres auf ein konkret zu bestimmendes ‚Eigentliches‘ zurückführen lassen, mithin schon deshalb mehr sind als bloßes Ornament.
Im Zuge analytischer Bemühungen zur Beantwortung dieser Frage ist die Vielzahl der innovativen Sprachbilder, figurativen Sentenzen und weitläufigen Referenzen erst einmal aufzunehmen und in erklärbare Zusammenhänge zu bringen – nicht selten geschieht auch dies in Form von Analogien. So wird beispielsweise Setz’ Fähigkeit zum Obertongesang von Norbert Otto Eke als poetologische Maxime ausgewertet: die Idee einer „‚welthaltige[n] Dichtung“, die durch Überlagerung verschiedener Schichten Mehrstimmigkeit erzeugt und damit „scheinbar disparate[ ] Elemente“ zusammenzwingt und zum Klingen bringt, führe in seinen fiktionalen Welten zu einer „Erweiterung des aisthetischen Wahrnehmungsraums“.14 Auch der vorliegende Band reklamiert eine solche kognitionsästhetisch funktionale Metapher, die auf den Autor selbst zurückgeht: Gemeinhin wird mit der eingangs zitierten „Energieübertragung“ der Austausch von Energie über eine Systemgrenze hinweg beschrieben; ein Vorgang, der ja in Physik wie Esoterik gleichermaßen als nachweislich gültig und wirksam beansprucht wird.15 Dass der studierte Mathematiker und „poeta nerd“16 Clemens J. Setz keinerlei Berührungsängste zu haben scheint, sich mit ganz verschiedenen Wissensbereichen, kontroversen Theorien und Weltanschauungen – bevorzugt abseits des Mainstreams und etablierter Diskurse – zu befassen und literarisch nutzbar zu machen, ist gleichermaßen Qualität wie Erschwernis: Die Identifizierung literarischer Strategien und ihrer semantischen Implikationen provoziert im Vorfeld zumeist weitläufige Klärungen der aufgerufenen Referenzen.17 In besonderem Maße gilt daher auch hier, dass das Ganze weit mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Rahmen dieser Studie wird also Energieübertragung als ästhetischer Ausdruck einer kognitiven Leistung mit erkenntnisfördernder Wirkung nachvollzogen werden, und zwar ausdrücklich in der Verpflichtung, sowohl jedweder Apologie von Arkanprinzipien als auch generellerer Missbilligung rationalistischer Provenienz gegenüber den schon historisch beziehungsweise notorisch strittigen Begriffsfeldern entgegenzutreten.18 Stattdessen steht hier die mögliche „Transgression bestehender Ordnungen“19 durch das Zusammenwirken der beiden Phänomene Magie und Metapher im Mittelpunkt, die als „übergreifende literarische Epistemologie“20 anhand der Romane von Clemens J. Setz diskutiert wird. Dabei werden diese zwei ausgiebig und dabei gleichermaßen leidenschaftlich wie kontrovers diskutierten Begriffe erstmals systematisch in Theorie und Analyse aufeinander bezogen, um einen geeigneten literaturwissenschaftlichen Ansatz zu entwickeln, mit dem sich magisch-metaphorische Erzählweisen gezielt untersuchen und interpretieren lassen.
Auf der Suche nach einer brauchbaren Begriffsbestimmung der Magie in literarisch-fiktionalen Texten drängt sich allerdings rasch der Verdacht auf, dass das Magische vor allem als Platzhalter für die vielfältigen Erscheinungsformen des Unwirklichen, Unmöglichen und infolgedessen auch Unvermittelbaren dient. Denn, um die große Ernüchterung gleich vorwegzunehmen: Eine universal gültige Definition liegt nicht vor und ist auch – abgesehen von ethnologischen Studien zu spezifischen Formen von Magie in bestimmten Kulturkreisen – schlichtweg nicht zu haben, was im starken Kontrast zur offenbar intuitiven, jedenfalls freimütigen Verwendung des Begriffs beispielsweise in Literaturkritik und Werbung oder auch in sogenannter Pop- und Alltagskultur steht (vgl. ausführlicher dazu Kap. 5.1.1). Diese Unentschiedenheit oder vielmehr: Unentscheidbarkeit wird mithilfe verschiedener interdisziplinärer Annäherungen im theoretischen Teil der Studie problematisiert, um so immerhin ein möglichst umfangreiches Bild dessen zu liefern, was unter Magie vorzustellen ist und was sie darüber hinaus im Rahmen einer größer angelegten „Familienähnlichkeit“ mit der Metapher verbindet. Zugleich ist die theoretische Ausarbeitung auch ein Plädoyer, trotz oder vielmehr wegen der definitorischen Aporien dennoch mit diesem „uneigentliche[n] ästhetische[n] Grundbegriff“21 zu arbeiten.
Überlegungen zum Zusammenspiel von Dichtung und Magie haben geistes- und literaturgeschichtlich eine lange Tradition.2...