Christina von Braun
Fake it till you make it
Eine kleine Geschichte des Vertrauensverlusts
Vertrauen und Misstrauen
Im Sommer 2013 taucht die 22-jährige Anna Sorokin in New York auf. Sie gibt sich den Namen Anna Delvey und behauptet, eine reiche Erbin aus Deutschland zu sein. Für sie seien 60 Millionen Euro auf einem Trust Fund der Schweizer USB hinterlegt. Anna Delvey kleidet sich in den teuersten Boutiquen und Department Stores von New York ein, wohnt in renommierten Hotels und zeigt sich in den angesagten Restaurants von Manhattan. Um bei einem Kunstevent von Warren Buffett dabei zu sein, chartert sie einen Privatjet. Es gelingt ihr, Trusts und potenzielle Mäzene für die von ihr gegründete Anna Delvey Foundation zu interessieren – die Bilder, die sie von sich und Prominenten auf Instagram postet, genügen als Beleg ihrer Kreditwürdigkeit. Allerdings bringt eine Freundin, die sie auf einer Hotelrechnung hat sitzen lassen (es ging um läppische 62 000 Dollar), ihren Verlust zur Anzeige – und plötzlich machen sich auch anderswo Zweifel an der Existenz des reichen Vaters und der Schweizer Konten breit. (In Wirklichkeit ist der Vater ein russischer Immigrant, der in einem Transportunternehmen arbeitet.)
Als Anna Sorokin 2017 verhaftet wird, lautet die Anklage auf Täuschung von Banken und Vermögensverwaltern. Hinzu kommt eine ganze Latte unbezahlter Rechnungen. Hauptakteure der Gerichtsverhandlung sind einerseits eine nüchterne Staatsanwältin, andererseits eine Angeklagte, die sich für jeden der 18 Gerichtsauftritte von einer Topdesignerin neu einkleiden lässt, und drittens ein Anwalt, laut dessen Verteidigungsstrategie die junge Angeklagte vom vorgetäuschten Lebensstil der New Yorker Gesellschaft zu ihren Taten verleitet worden sei. »People were fake. People were phoney. And money was made on hype alone«, erklärt er den Geschworenen, ohne allerdings zu erwähnen, dass der gleiche Zeitgeist und dieselbe Ökonomie ein Jahr zuvor einen neuen Typus von Politiker ins Weiße Haus befördert hatte. Seiner Mandantin missfällt das Plädoyer: Sie würde lieber als raffinierte Betrügerin denn als verführte Provinzlerin dastehen.
Typisch an diesem Fall, wie auch an vielen ähnlich gelagerten Fällen, ist die zentrale Rolle der sozialen Medien. Mit den fake news, die Facebook oder Telegram auf ihren Kanälen verbreiten (und den Summen, die sie daran verdienen), beschäftigt sich inzwischen eine ganze Armee von Investigativjournalisten – doch das Misstrauen, das sie in der Öffentlichkeit zu säen versuchen, erreicht im Allgemeinen nur die, die ohnehin nicht dran glauben. Dagegen spült das System des »fake until you make it« immer neue Hochstapler und Schwindlerinnen an die Oberfläche. So etwa den Wertpapierhändler Bernie Madoff, der 2008 als Erfinder des größten Schneeballsystems aller Zeiten auffliegt. Und so auch die aus dem Silicon Valley kommende Elizabeth Holmes, die behauptet, eine revolutionäre neue Methode der Blutuntersuchung entwickelt zu haben. Ihr Start-up Theranos wird auf neun Milliarden Dollar geschätzt, bevor der Schwindel auffliegt. Große Gewinnversprechen lösen sich in Nichts auf.
Typisch an diesen Fällen ist aber auch, dass es neben dem blinden Wunschglauben immer wieder auch das Misstrauen gegenüber solchen Erfolgsgeschichten gibt. Oft muss dieses beharrlich sein, lange warten, bevor es sich durchsetzt – so etwa bei der Überführung von Madoff. Manchmal geht es auch schneller – bei Wirecard zum Beispiel. So stellen sich zwei Fragen. Erstens: Warum fallen immer wieder so viele, darunter routinierte Juristen, gewiefte Wirtschaftsfachleute und erfahrene Banker, auf diese Schwindler und Betrügerinnen herein? Und zweitens: Gibt es so etwas wie den Typus des Gläubigen (oder des Gläubigers) und den Typus des Skeptikers? Und wenn ja, was macht sie dazu?
Der amerikanische Psychologe Tim Levine, der über Vertrauen forscht, führte zu dieser Frage umfangreiche Untersuchungen durch, darunter ein Experiment mit Studierenden: In einem Spiel, bei dem es um Geldgewinne geht, wurden die Probanden von ihrem jeweiligen »Spielpartner« systematisch dazu angeregt, zu betrügen. Einige folgten der Versuchung, andere nicht. Nach Beendigung des Spiels wurden die Probanden (die nicht wussten, dass ihr Betrug beobachtet worden war) zu einem Gespräch gebeten, das gefilmt wurde. Fast alle bestritten, betrogen zu haben – einige zu Recht, andere zu Unrecht. Diese Filmsequenzen wurden neutralen Beobachtern vorgeführt. Sie sollten urteilen, ob die Probanden logen oder nicht. Es zeigte sich, dass einige von denen, die die Wahrheit sagten, für Lügner gehalten wurden, während vielen der Lügner ihre Story abgekauft wurde. Levines Schlussfolgerung: Der Mensch eignet sich nicht als Lügendetektor, denn die Aufrichtigkeit eines Menschen wird von seinem Verhalten abgeleitet: Selbstbewusstsein, ein freundlicher, offener Blick genügen, damit sich Vertrauen einstellt.
In einer anderen Untersuchung wurden die Entscheidungen von Untersuchungsrichtern zur Freilassung eines Angeklagten auf Kaution mit denen eines Computers verglichen. Der Computer wurde mit denselben Daten versehen (es ging um insgesamt 500 000 Fälle), über die auch die Richter verfügten: Umstände des Vergehens, Vorgeschichte des Angeklagten, Strafregister etc. Der einzige Unterschied: Die Richter sahen den Angeklagten (das sieht das Gesetz so vor), sie hörten ihn reden, hatten ihren eigenen Eindruck von diesem Menschen. Es zeigte sich, dass die Maschine die Angeklagten besser eingeschätzt hatte: »Die Angeklagten, die der Computer auf Kaution freigelassen hätte, begingen in der Zeit vor dem Prozess mit einer um 25 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit eine Straftat als die 400 000 Angeklagten, die von den Richtern gegen Kaution freigelassen wurden.«
Levine erklärt solche Phänomene wie auch die Unfähigkeit, »Lügner zu identifizieren« nicht etwa mit fehlender Menschenkenntnis, sondern damit, dass wir schon aus Selbstschutz davon ausgehen, dass uns die anderen die Wahrheit sagen. Der Grund: Die Tendenz, anderen zu vertrauen, sei »eine adaptive Folge der menschlichen Evolution; sie ermöglicht effiziente Kommunikation und soziale Koordination« und erlaubt »dem Menschen, sozial zu funktionieren«. Da die meisten Täuschungen »von wenigen produktiven Lügnern begangen werden, entspricht die sogenannte Wahrheitsvorliebe in Wirklichkeit gar keiner Voreingenommenheit. Meistens liegen wir mit dem passiven Vertrauen richtig. Allerdings macht es uns auch anfällig für gelegentliche Täuschungen.« Für das Überleben der Art stelle dies keine Gefahr dar.
Malcolm Gladwell, ein bekannter und preisgekrönter Autor des New Yorker, faszinierte diese Perspektive so sehr, dass er sich einige der großen Schwindler unserer Zeit und ihre Kontrahenten näher anschaute, darunter den schon erwähnten Bernie Madoff, der nicht weniger als 64,8 Milliarden Dollar verheizte, und Harry Markopolos, ein unabhängiger Ermittler, der für Hedgefonds tätig war und die Börsenaufsicht immer wieder vor Madoffs Geschäften gewarnt hatte. Was unterschied sie? Beide kamen aus wenig vermögenden Verhältnissen, beide waren Aufsteiger. Aber während es Madoff nach einem kurzen Studium vor allem darauf angelegt hatte, Kontakte zu reichen Leuten zu knüpfen, indem er in die richtigen Klubs ging, hatte Markopolos, Sohn eines griechischen Immigranten mit einer Kette von Imbissbuden, seine Zeit damit verbracht, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und sich Einblicke in verschiedene Prüfmethoden zu verschaffen. Der Erste eignete sich das an, was der Soziologe Pierre Bourdieu den Habitus nennt, eine Verhaltensform, die die Codes der sozialen Distinktion und damit gesicherte Verhältnisse signalisiert – er lernte Selbstdarstellung. Der andere hingegen hatte sich angewöhnt, dem Schein zu misstrauen und stattdessen an Zahlen zu glauben, Bilanzen nachzurechnen, Wirtschaftserfolge zu überprüfen. Öffentlich erklärte Madoff den Erfolg seiner Anlagestrategie damit, dass er ein »untrügliches Gespür« für Werte habe. Von diesem »untrüglichen Gefühl« hatte er nicht nur Kunden, sondern auch kritische Finanzjournalisten überzeugt. So etwa Michael Ocrant, der nach einem Treffen mit Madoff von seinem »guten Eindruck« sprach und sich nach dem Zusammenbruch erinnerte: »Man konnte unmöglich mit ihm zusammensitzen und zu dem Schluss kommen, dass es sich um einen Hochstapler handelt.«
In Harry Markopolos dagegen, der als Kind wiederholt erlebt hatte, dass sein Vater »hinter den Zechprellern hergerannt« war, keimte schon früh ein Gespür für Misstrauen. Durch die Erfahrungen des Vaters sei ihm das angeborene Vertrauen verloren gegangen. »Deswegen habe ich in den prägenden Jahren, als Jugendlicher und Anfang zwanzig, ein Bewusstsei...