Das vergessene Vietnam – Die Hölle im Indochinakrieg 1946-1954
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Das vergessene Vietnam – Die Hölle im Indochinakrieg 1946-1954

Kriegserinnerungen Südtiroler Söldner in der Fremdenlegion

  1. 304 Seiten
  2. German
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Das vergessene Vietnam – Die Hölle im Indochinakrieg 1946-1954

Kriegserinnerungen Südtiroler Söldner in der Fremdenlegion

Über dieses Buch

Drei Männer und ein Schicksal: Dien Bien Phu, die 56-tägige Schlacht, die am 7. Mai 1954 die Niederlage Frankreichs und den Triumph von Ho Chi Min im Indochinakrieg und den Zusammenbruch des europäischen Kolonialismus im Fernen Osten markierte. Wenn von Vietnam die Rede ist, denkt man automatisch an die amerikanische Intervention im Süden des Landes in den 1960er Jahren. Doch davor gab es einen ebenso verheerenden, unbarmherzigen und grausamen Krieg im Norden zwischen Frankreich und der Vietminh, der vietnamesischen Befreiungsarmee unter General Giap. In Indochina kämpften von 1946 bis 1954 mehr als 5.000 Italiener in der Fremdenlegion. Mehr als tausend starben im Kampf oder in den vietnamesischen Gefangenenlagern. Das Buch erzählt die Geschichte dreier Zwanzigjähriger aus Südtirol, die aus unterschiedlichen Gründen "freiwillig" ausgereist sind und die, ohne sich zu kennen, ihr Leben im Schlamm von Dien Bien Phu versinken sahen, zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt, in einem Krieg, der ihnen nicht gehörte, umgeben von feindlichem Dschungel. Um zu verstehen, was sie auf diese Reise in die Hölle getrieben hat, müssen wir auch ihr Leben "davor" kennen. Die Dramen und die Einsamkeit, die sie glauben ließen, sie hätten keine guten Karten mehr und könnten nirgendwo anders auf der Welt hingehen. Dies sind die Geschichten von Beniamino Leoni, der desertierte und im Vietminh gegen seine ehemaligen Kameraden kämpfte. Von Emil Stocker, der das Massaker nur durch Zufall überlebte, und seiner außergewöhnlichen Reportage mit 1.036 Fotos, die von seinen vier Jahren in Vietnam berichten. Und von Rudi Altadonna, der getötet und dann in der roten Erde von Dien Bien Phu begraben wurde.

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Information

Verlag
Athesia
Jahr
2022
ISBN drucken
9788868396176
eBook-ISBN:
9788868396183

Emil Stocker
Für immer
Legionär

Von Meran
zum Roten-Fluss-Delta

Um zu begreifen, in welchen Abgrund ein Mensch aus Verzweiflung fallen kann, muss man verstehen, was es bedeutet, Leichen zu hassen.
Curzio Malaparte
(La pelle/Die Haut)

Prolog

Ich erwache, schweißnass und voller Gewissensbisse. Doch was ich seit 70 Jahren jede Nacht anrufe, ist nicht meine Mutter. Er stand vorne, zwölf Schritte vor mir, ein Deutscher wie viele andere in der Legion, ein 30 Jahre alter preußischer Riese, kahl rasiert, eine rote, hakenförmige Narbe reicht vom rechten Ohrläppchen bis zum Mund, weitere tausend kleinere finden sich im Gesicht und auf den Armen, er hat sie als Geschenk aus dem Stalingrader Kessel mitgebracht, sagt er. Wie hieß er noch? Schmidt? Spiss? Kubacek? Ist nicht wichtig, die Namen klangen alle gleich. Drei Viertel waren ohnehin falsch. Wo befanden wir uns überhaupt? In Tonkin? Son La? Hoa Binh? Ein Dorf wie viele andere, ich weiß nicht mehr, wie es hieß, ich habe ganz Indochina durchstreift, von der Küste bis nach Dien Bien Phu. Der Dschungel ist überall gleich, auch die Reisfelder. Es war früh am Morgen, oder doch nicht, es war kurz vor Mittag, die Sonne stand schon senkrecht, der Kopf zerplatzte fast vor Hitze und Feuchtigkeit. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Es war das erste oder zweite Jahr in Vietnam, wir hatten uns irgendwo im Delta verirrt, zwischen stinkenden Sümpfen und regungslosen, unermesslichen Reisfeldern. Eine Säuberungsaktion, ich rieche Blut und Flammen, es stinkt nach Verbranntem. Die Pagode leuchtet wie eine Fackel in der Nacht, die Apokalypse verbreitet ringsherum Angst und Rauch.
Emil Stocker kurz nach der Ankunft in Indochina im Herbst 1951

Album

Meran, 21. Februar 2020, zwei Wochen vor Covid. Wir sind um zehn Uhr im Stadtcafé am Rennweg verabredet. Emil Stocker bewegt sich langsam, er hinkt und schwankt wie eine Boje im Sturm, achtet auf jedes Hindernis, über das er stolpern, das ihm ein Bein stellen könnte. Er verschwindet zwischen den Touristen und erscheint wieder, sackt ab und taucht auf. Er hustet und hält sich das Taschentuch vor Mund und Nase. Er trägt eine blaue Jacke, an die er die Ordensbänder seiner Feldzüge geheftet hat, die Ordensbänder sprechen Vietnamesisch und erzählen von verstorbenen Freunden. Auf dem Kopf sitzt die dunkelgrüne Baskenmütze der Legionäre, unter den Arm hat er zwei Fotoalben mit Pappeinband geklemmt, eins leuchtend grün, das andere glänzend rot: 1036 Schwarz-Weiß-Bilder, er hat sie mit seiner Foca 2 aufgenommen, einer der Leica ähnlichen Kamera, die in den 1950er Jahren sehr beliebt war. Unter jedem Foto steht auf Französisch ein Bildtext in schöner Handschrift, mit Datum, Ortsangabe und Kurzbeschreibung, vier Kriegsjahre in Indochina, 1951–1954.
Ich war Feldwebel bei der Fremdenlegion und durfte fotografieren, ohne mich um die Zensur kümmern zu müssen, außerdem arbeitete ich als Funker und Postbeamter. Ich, der ich da unten nicht einmal von meiner Mutter Briefe erhalten wollte, fuhr durch ganz Tonkin, um Unterlagen und Mitteilungen zu übergeben. Ich fuhr herum und fotografierte, auch von den Dakotas aus, den Militärflugzeugen, die Verbindung zu den von den Viet umzingelten Vorposten hielten. Zahlreiche Filmrollen gingen verloren, aber viele konnte ich retten. Ich ließ sie in Hanoi entwickeln und wusste, wem ich sie anvertrauen konnte, während ich im Einsatz war.
Wir trafen uns oft in diesen Monaten, jedes Mal fügte er seiner Geschichte ein Stückchen an. So gehen alte Menschen manchmal vor, bevor sie jemandem trauen. Er sprach mit eintöniger Stimme, wie ein müder Notar, und kam erst in Fahrt, wenn er sich den Albträumen stellte, die ihn verfolgten. Dann pflügte er mit der Hand durch sein schütteres Haar, schloss die Augen halb, senkte sie, der Blick wurde milder und die Tränen blieben am Rand der Lider hängen. Heute findet unser letztes Treffen statt, wie wir beide wissen. Er drückt mir die beiden Alben in die Hand, widerstrebend, unsicher, dann lässt er los. „Pass auf sie auf.“
Die Kamera Foca, die Emil Stocker in Vietnam benutzte
Die Erkennungsmarke der Fremdenlegion, die Emil Stocker 1951 in Marseille übergeben wurde
Rudolf Stocker mit dem Meraner Polizeikorps vor dem Ersten Weltkrieg, in Zivil, mit Hut, neben der geöffneten Wagentür sitzend

Das Soldatenhandwerk

Ich heiße Emil Stocker und bin im Jahr 1918 in Meran geboren. Mein Vater, Rudolf Stocker, war Wachtmeister bei den Tiroler Kaiserjägern und kämpfte im Ersten Weltkrieg in Galizien, Polen und der Ukraine gegen die Russen. Man hatte sie an die Front in den Westkarpaten geschickt, an die Feuerlinie bei Tarnów, Soldaten aus Nord-, Süd und Welschtirol, dem Trentino. Sie landeten zu Tausenden wie auf der Schlachtbank, die Streitkräfte des Zaren metzelten sie nieder. Er erzählte, dass man das Wasser aus dem Fluss nicht mehr trinken konnte, weil es vom Blut rot gefärbt war und nach Leichen roch. Und dass mindestens 20.000 Trentiner und Tiroler in den Gefangenenlagern zugrunde gingen. Mein Vater wurde umzingelt, während er auf Patrouille war, aber er konnte außergewöhnlich gut Karten lesen. Er erahnte den Fluchtweg und schaffte es, überlebte und kehrte zurück. Das Kriegsende erlebte er mit Feldmarschall Conrad (Franz Conrad von Hötzendorf, Anm. d. Ü.) bei der Strafexpedition an der italienischen Front.
Und unterlag wieder.
Vor dem Ersten Weltkrieg war er Polizist in Meran, 1925, nach der faschistischen Machtergreifung weigerte er sich, einem ausländischen Staat zu dienen, und kündigte. Mit von Groll über die Niederlage vergiftetem Gemüt eröffnete er einen kleinen Lebensmittelladen, er glaubte, das Schicksal schulde ihm etwas, fühlte sich als Opfer der Geschichte. Wir Stocker sind österreichfreundlich, erlebten den Anschluss an Italien als unannehmbare Gewalt, als tiefe Wunde, die mittlerweile weniger schmerzt, aber nach wie vor spürbar ist.
Mein Vater wurde am 16. Jänner 1883 in Glurns geboren, meine Mutter Elisabeth 1885 in Kobersdorf in Österreich, an der ungarischen Grenze, sie heirateten im Jahr 1921, für die damalige Zeit waren sie schon ein reifes Paar. Ich weiß nicht, wie sie sich kennengelernt haben, aber er schrieb ihr von der Front, schickte ihr Fotos von sich in Uniform. Dann übersiedelte sie nach Meran und arbeitete als Putzmacherin und Schneiderin. Als ich auf die Welt kam, war mein Vater 46, meine Mutter 44 Jahre alt. So etwas war damals ungewöhnlich, ein Segen, ein Wunder, auf das sie schon nicht mehr gehofft hatten. Ich war ihr einziger Sohn, im Guten wie im Bösen, und wuchs in einer zweigeteilten Welt auf. Am Vormittag besuchte ich die italienische Schule, am Nachmittag, zu Hause, sprach ich deutschen Dialekt.

1936

Zweite Klasse Grundschule: mein Schreibheft mit den Askaris auf dem Umschlag.
Schönschreibübungen.
Großes M, kleines m, M in Druckschrift, M in Kursiv, M, m, m
M wie Mussolini.
1936: Emil Stocker zeichnet sich als Balilla gekleidet unter einer überdimensional großen italienischen Flagge mit dem Wappen des Hauses Savoyen.
„Ich liebe meine Mutter, Mussolini ist mein Vater, Italien ist mein Vaterland.“
Mein neues Alphabet.
D, d, d, D wie Duce (Führer).
„Hoch lebe Vittorio Emanuele III., König von Italien, hoch lebe Mussolini, unser geliebter Duce, und hoch leben die Soldaten in Ostafrika.“
„Wir sind stolz darauf, Söhne des Duce zu sein, die Faschisten haben das Vaterland gerettet.“
B, b, b, B wie Bandiera (Fahne).
„Italiens Fahne ist die schönste.“
B, b, b, B wie Balilla (die Balilla – Opera Nazionale Balilla – war die Jugendorganisation der Faschistischen Partei und wurde in Deutschland zum Vorbild für die Hitlerjugend, Anm. d. Ü.).
„Ich bin ein Balilla.“
„Ein Ballila muss gut, brav und gehorsam sein.“
„Benito Mussolini liebt die Balilla und die Ballila lieben ihn.“
„Das Herz der Balilla gehört dem Duce.“
Am 9. Mai feiern wir die Reichsgründung, die Eroberung Abessiniens, wir feiern unsere Anführer De Bono, Badoglio und Graziani.
Diktat
„General Graziani siegt immer.“
„Die italienische Luftwaffe ist heldenmütig.“
„Mit unseren Truppen hat die Zivilisation Ostafrika erreicht.“
„Wir haben das abessinische Heer in nur sieben Monaten besiegt und vernichtet. Die Luftwaffe wurde zu einer unverzichtbaren Waffengattung auch dank der Angriffswaffen, über die sie verfügt: Torpedos, Bordkanonen, Maschinengewehre.“
Wir verfluchen die Strafmaßnahmen der Geldherrschaft.
„Italien erschrickt nicht, der Duce lässt Papier und Eisen sammeln. Die italienischen Frauen folgen dem Beispiel unserer Königin und spenden ihre Eheringe.“
25. Mai, Jahrestag der Kriegserklärung an Österreich. Meinem Vater kocht die Galle, sie weihen das Alpinidenkmal ein, in Uniform sehen wir den Prinzen Umberto, seine Gemahlin Prinzessin Maria José und den Duca di Pistoia (Filiberto von Savoyen, Anm. d. Ü.), wir schwenken Trikolore-Tücher. Im Aufsatz schreibe ich, Umberto wäre „ein hochgewachsener und dunkler Mann“. Die Lehrerin streicht das Wort „dunkel“, ersetzt es durch „brünett“ und verpasst mir die Benotung „schlecht“ mit Ausrufezeichen. Sie weist mich zurecht: Der Prinz wäre doch kein abessinischer „Neger“.
Selbst der Mathematikunterricht trieft vor Propaganda, Rechenaufgabe: Aus Meran haben sich fünf Freiwillige für Ostafrika gemeldet, ihrem Beispiel gemäß meldeten sich erst weitere sechs und später noch sieben. Wie viele waren es insgesamt?
Ich lerne den saluto al Duce (Gruß an den Führer) auswendig.
Benedetto dal Sole (von der Sonne gesegnet).
Dalla Terra (von der Erde).
Dal pane (von dem Brot).
Dalle mani materne (von den mütterlichen Händen).
Dal sorriso infantile (von dem kindlichen Lächeln).
Dalle zappe lucenti (von den leuchtenden Hacken).
Dalle navi lontane (von den fernen Schiffen).
Dio Ti manda all’Italia come manda la luce (Gott sendet dich unserem Italien, wi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Widmung
  2. Inhaltsverzeichnis
  3. Vorwort
  4. Beniamino Leoni: Die Flucht vor dem Hunger
  5. Emil Stocker: Für immer Legionär
  6. Rodolfo Altadonna: Der Junge mit dem geänderten Namen.
  7. Literatur
  8. Impressum

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