Vertrauen nach Fehlgeburt
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Vertrauen nach Fehlgeburt

Selbstbestimmt und kraftvoll durch eine herausfordernde Zeit

  1. 314 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Vertrauen nach Fehlgeburt

Selbstbestimmt und kraftvoll durch eine herausfordernde Zeit

Über dieses Buch

Der Kraft spendende Ratgeber für die Zeit während und nach einer Fehlgeburt von Rosa Koppelmann Eine Fehlgeburt - der Tod eines ungeborenen Babys - trifft Frauen oft unerwartet. Plötzlich ist er da, dieser jäh zerplatzte Traum. Frauen und ihre Familien stehen nicht selten ganz allein da mit der eigenen Trauer, ihrer Ohnmacht und dem Schmerz.Dieses Buch zeigt dir, wie du in dieser herausfordernden Zeit selbstbestimmt deinen Weg gehen, wichtige Entscheidungen bewusst treffen und deine innere Heilung fördern kannst.Die Autorin Rosa Koppelmann gibt einfühlsam Einblick in ihre eigene Geschichte, die durch fünf Schwangerschaften geprägt ist - darunter auch zwei Kleine Geburten. Das Buch enthält außerdem zahlreiche Erfahrungsberichte betroffener Frauen, Interviews und ein großes Kapitel rund um hilfreiche Tools, die dich dabei unterstützen, während und nach einer Fehlgeburt im Vertrauen und deiner weiblichen Kraft zu bleiben.Denn auch mit einer Fehlgeburt bist und bleibst du: eine wunderbare und wertvolle Frau! Für die 2. Auflage hat Rosa Koppelmann das Buch vollständig überarbeitet und aktualisiert. Neben einem neuen Kapitel über Sternengroßeltern, einem ausführlichen Kapitel zum Thema Totgeburten und einer Checkliste für akut Betroffene hat die Autorin ihre umfangreichen Erfahrungen aus den letzten Jahren der 1: 1 Begleitung von Frauen nach Fehlgeburt und ihrer Arbeit mit Hebammen eingebracht.

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Information

Jahr
2022
ISBN drucken
9783949598005
eBook-ISBN:
9783949598012

TEIL 1

FEHLGEURT
ERLEBEN

Teil 1: Fehlgeburt erleben

Im nachfolgenden ersten Teil dieses Buches möchte ich darauf eingehen, was Fehlgeburten eigentlich sind, warum das Wort „Fehlgeburt“ für einige eine schwierige Wahl ist, warum Kinder so häufig so früh wieder sterben und wie unterschiedlich wir die Geburten dieser Sternenkinder erleben können. Neben einigen allgemeinen Fakten und meinen Gedanken dazu teile ich meine eigenen Erfahrungen und lasse andere Frauen und Männer zu Wort kommen. Außerdem erkläre ich in diesem Teil des Buches, warum ich es so wichtig finde, eine Hebamme als kompetente Stütze an der Seite zu haben – sowohl in der Schwangerschaft als auch während und nach der Geburt. Um diesen Punkt zu vertiefen, habe ich auch zwei Hebammen interviewt. Schließlich gibt es noch ein Kapitel zum Thema Partnerschaft und Fehlgeburt sowie ein Kapitel zum Thema Sternengroßeltern. Denn nicht nur die Mama verliert ihr Kind, sondern auch die Oma und der Opa verlieren ihr Enkelkind. Den Einfluss, den ein früher Kindsverlust auf die Partnerschaft und die Beziehung zu den eigenen Eltern, insbesondere der eigenen Mutter, haben kann, ist nicht unerheblich. Am Ende des ersten Teils dieses Buches habe ich zudem ein Kapitel über Abschiedsrituale gesetzt, welche allein oder zusammen mit Partner:in oder Familie vollzogen werden können. Nach dem Abschied geht es dann im zweiten Teil damit weiter, wie du, liebe Sternenmama, nach einer Fehlgeburt ganz konkret wieder ins Vertrauen finden kannst.

Was ist eine „Fehl“-Geburt?

Was ist das überhaupt, eine „Fehl“geburt? Ein Fehler? Nicht unbedingt! In diesem Kapitel möchte ich dir erklären, was eine Fehlgeburt ist, welche Formen es gibt und warum ich denke, dass eine Fehlgeburt gar kein Fehler ist. Außerdem möchte ich darauf eingehen, dass eine Fehlgeburt sehr viel mehr ist als der Verlust eines geliebten Kindes und warum dies in unserer Gesellschaft nicht immer von allen Menschen verstanden wird.
Allgemein spricht man von einer Fehlgeburt, wenn ein Baby in der Frühschwangerschaft verstirbt. Um nicht von vornherein davon auszugehen, dass jede Fehlgeburt ein Fehler ist, kann man auch die Formulierungen „Stille Geburt“ oder „Kleine Geburt“ verwenden – still, da das Kind in diesem Leben nicht dazu kam, einen Laut von sich zu geben, klein, weil es eben noch sehr klein war. Ich persönlich bevorzuge diese Formulierung, da ich meine Fehlgeburten nicht als Fehler ansehe. Alternativ oder zusätzlich kannst du anstatt das „Fehl“ von Fehlgeburt als „Fehler“ zu interpretieren daraus auch ein „Fehlen“ machen: So wird aus der Fehlgeburt eine Geburt, bei der etwas fehlt, nämlich das lebende Kind. Mit dieser Interpretation im Kopf kann ich mich sehr viel besser anfreunden. In der Frauenarztpraxis hört man dagegen häufig Fachbegriffe wie „Abort“ beziehungsweise „Spontanabort“ für die spontane Fehlgeburt oder „Missed Abortion“ für eine sogenannte „Verhaltene Fehlgeburt“. „Verhalten“ deswegen, weil die Schwangere selbst zunächst gar nicht merkt, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Diese Form der Fehlgeburt wird meist zufällig bei einer der Ultraschall-Routineuntersuchungen in der Arztpraxis festgestellt. Manchmal ist es ja so, dass eine Frau merkt, dass etwas mit ihrer Schwangerschaft nicht stimmt, weil sie zum Beispiel plötzlich Wehen bekommt und/oder anfängt, besonders stark zu bluten (Blutungen können in der Frühschwangerschaft normal sein, aber starke Blutungen zusammen mit Wehen deuten häufig auf eine Kleine Geburt hin). So eine spontan einsetzende Geburt nennt man dann in der Fachsprache einen „Spontanabort“. Sehr viele Frauen merken aber zunächst gar nicht, dass das winzige Baby im Bauch nicht mehr lebt. Bei einer verhaltenen Fehlgeburt bleibt der tote Embryo zunächst noch in der Gebärmutter und erst, wenn die Schwangere in der Frauenarztpraxis die Diagnose „Missed Abortion“ bekommt, erfährt sie davon, dass ihr Baby nicht mehr lebt.
Die Vorgehensweise ist bei einer Missed Abortion vielerorts immer noch die, dass die Schwangere von ihrer Frauenarztpraxis nach der Diagnose routinemäßig ins Krankenhaus überwiesen wird. Dort wird ihre Gebärmutter dann in der Regel ambulant ausgeschabt (die sogenannte „Curettage“). Über viele Jahre war dieser Vorgang der allgemein gängige, aber in immer mehr Krankenhäusern (und auch gynäkologischen Praxen) findet langsam, ganz langsam, ein sehr wichtiges Umdenken statt. Alternativ zur Ausschabung hat eine Schwangere nämlich noch zwei weitere Möglichkeiten: Sie kann ein Medikament einnehmen, welches das Abstoßen des Fötus’ veranlasst (dies ist zum Beispiel die gängige Vorgehensweise in Schweden, wo Ausschabungen fast gar nicht mehr vorgenommen werden). Die Schwangere kann aber genauso gut einfach erst einmal abwarten und gar nichts tun. Diese Option wird ihr allerdings leider nicht immer von ihrer Ärztin oder ihrem Arzt vorgeschlagen. Das hat auf der einen Seite damit zu tun, dass ein natürlicher Abgang nicht so leicht kontrolliert werden kann wie beispielsweise eine Ausschabung (und alles, was nicht kontrolliert werden kann, macht uns Menschen ja häufig erst einmal Angst). Auf der anderen Seite verdient ein Krankenhaus mit einer Ausschabung mehr, als wenn es untätig bliebe. Hier sind nach meinem Wissensstand für eine Ausschabung schnell mehrere hundert Euro abrechenbar. Auch für einfühlsame Gespräche und eine kontinuierliche Begleitung, wie sie bei einem natürlichen Abgang nötig sein kann, ist einfach auch wenig Budget vorhanden. Wie du diese Informationen im Kopf hin und her bewegen möchtest, überlasse ich dir. Ich möchte keine Unterstellungen machen, aber dennoch gerne zum kritischen Denken anregen.
Was mir wichtig ist: Die allgemeine Vorgehensweise ist nicht immer die Beste. Viele Ärzt:innen haben keine Erfahrungen mit natürlichen Abgängen. Viele haben nicht einmal Erfahrung mit medikamentös eingeleiteten Abgängen. Da sie keine Erfahrung haben, machen sie, was sie immer gemacht haben: zur Ausschabung überweisen. Die Risiken, die damit verbunden sind, kennen sie zwar, aber weil dies vielerorts eben die allgemeine Vorgehensweise ist, wird so weitergemacht. So muss es aber nicht bleiben! Seit der ersten Auflage dieses Buches hat sich bereits viel bewegt und es wird sich auch in Zukunft noch mehr bewegen. Mit jeder Frau, die um ihre Rechte weiß, ein wenig mehr. Daher erfährst du im Kapitel „Fehlgeburt selbstbestimmt erleben“ mehr über deine Möglichkeiten und Rechte – damit du selbstbestimmt für dich und dein Baby einstehen kannst und genau die Geburt erleben kannst, die du dir wünschst.
Allgemein spricht man in Deutschland übrigens bei Babys, die ab einem Gewicht von 500 Gramm tot geboren werden, über eine „Totgeburt“. Und nur bei den frühen Abgängen, die unter 500 Gramm wiegen und tot zur Welt kommen, wird der Begriff „Fehlgeburt“ verwendet. Diese Grenze ist natürlich ziemlich willkürlich, aber dennoch ist ein Baby mit 490 Gramm nicht bestattungspflichtig, während ein Kind mit 10 Gramm mehr in den meisten Bundesländern durchaus bestattungspflichtig ist. Auch darüber später mehr.
Kinder, die tot auf die Welt kommen (oder kurz nach der Geburt sterben), werden auch „Sternenkinder“ genannt. So kann der Eindruck vermieden werden, dass es sich um einen Fehler handelt, und der Gedanke, dass die kleine Seele wieder bei den Sternen ist, ist ja irgendwie auch einfach sehr schön. Und so bist du, wundervolle Frau, eine Sternenmama!
Obwohl medizinisch nur die Geburten „fehlerfrei“ sind, bei denen am Ende ein gesundes, properes Baby auf die Welt kommt, sind Fehlgeburten meiner Meinung nach alles andere als Fehler – im Gegenteil! Die allermeisten Fehlgeburten passieren, wenn der weibliche Körper versteht, dass das kleine Körperchen im Bauch nicht lebensfähig wäre oder seine Zeit einfach noch nicht gekommen ist, und daher dafür sorgt, dass der winzige Organismus den Mutterkörper wieder verlässt. Ich finde, das ist alles andere als ein Fehler, sondern ein Wunder! Wie wunderbar, dass unser Körper so gut darauf achtet, nur die Babys auf die Welt zu bringen, die im Mutterleib gut versorgt werden können, die bereit sind und sich später den Herausforderungen des Lebens stellen können.
Und bevor du dich jetzt fragst, warum ausgerechnet dein Körper die kleine Seele wieder losgelassen hat, möchte ich dir gleich sagen: Du bist nicht allein! Ganz und gar nicht! Fehlgeburten sind sehr viel eher die Norm als die Ausnahme: Einige Expert:innen gehen davon aus, dass auf jede Geburt eine Stille Geburt kommt, andere gehen immerhin noch von einem Anteil von 25 Prozent aus. Egal, wer von den Expert:innen recht hat, feststeht: Mindestens ein Viertel aller Schwangerschaften endet in einer Stillen Geburt!
Und wir Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die regelmäßig Fehlgeburten erleben: Katzen haben zum Beispiel in jeder Schwangerschaft auch Kätzchen, die im Bauch sterben. Da Katzen nur von vornherein mehrere Babys im Bauch haben, fällt das nicht so auf. Und dass bei Katzen nur einige der Kätzchen zur Welt kommen, liegt nicht daran, dass die Katzenmamas zu viel Stress haben, auch nicht daran, dass sich die Katze falsch ernährt hat und auch nicht daran, dass die Katze noch nicht bereit ist für ihre Mutterrolle. Es passiert einfach auf Grund von genetischen Ursachen, die niemand so genau erklären kann. Und das ist bei den meisten Frauen gar nicht anders. Fehlgeburten sind so gesehen also völlig normal – was sie aber natürlich nicht weniger traurig macht!
Kindsverlust in unserer Gesellschaft
Trotzdem werden Kleine Geburten in unserer Gesellschaft immer noch stark tabuisiert. Heute reden viele Frauen immerhin mit ihren Partner:innen und manchmal auch mit ihren engen Freund:innen über ihre Erfahrungen. Somit sind wir schon sehr viel weiter als vor 50 Jahren, als eine Frau die Stille Geburt meistens wortwörtlich still und heimlich durchgemacht und niemandem davon erzählt hat. Insofern sind wir schon auf einem guten Weg, aber dennoch bin ich der Meinung, dass wir noch viel offener über Stille Geburten sprechen sollten. Die „Regel“, dass man erst ab der zwölften Woche von der Schwangerschaft erzählen sollte, wurde ja auch eingeführt, damit man aus der „Risikozeit“ raus ist, bevor man über die Schwangerschaft spricht – denn die meisten Fehlgeburten (circa 80%) passieren in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft. Und na klar, wenn wir von vornherein niemandem erzählen, dass wir schwanger sind, so erzählen wir dann in der achten Schwangerschaftswoche auch nicht plötzlich, dass wir schwanger waren, aber es nun nicht mehr sind. Ein offenerer Umgang wäre hier für betroffene Familien sehr hilfreich.
Wenn wir die große Freude über die Frühschwangerschaft bereits mit unseren Nahestehenden teilen würden, so könnten wir uns in dieser sehr intensiven Phase der Schwangerschaft auch mehr Unterstützung holen. Denn gerade in den ersten zwölf Wochen leiden viele Frauen ganz besonders stark an Übelkeit und Müdigkeit. Wenn wir aber niemandem erzählen, dass wir schwanger sind, stehen wir ganz allein da: mit unserer Übelkeit, mit unserer Abgeschlagenheit und im Zweifelsfall dann auch mit unserer Stillen Geburt.
Für den Fall, dass man als Paar noch nicht über die Frühschwangerschaft sprechen möchte – denn manchmal gibt es dafür natürlich auch sehr gute Gründe, wie zum Beispiel ein familiäres Umfeld, das nicht besonders unterstützend ist oder ein Freundeskreis, der schnell Sorgen und Panik verbreitet – dann ist es umso wichtiger, sich direkt mit dem positiven Schwangerschaftstest um eine Hebamme zu bemühen.
Tatsächlich ist es mein großer Wunsch, dass es für jede Frau zur Norm wird, sich mit dem Beginn der Schwangerschaft schnellstmöglich eine Hebamme zu suchen. Eine Hebamme ist insbesondere in der Frühschwangerschaft unerlässlich und so wichtig, unter anderem um im Zweifelsfall bei einer Kleinen Geburt nicht allein dazustehen. Über deine Ansprüche auf Hebammenbetreuung erfährst du im Kapitel „Betreuung durch Hebamme und Doula“ noch mehr. Ich halte es für sehr wichtig, dass man in der Frühschwangerschaft jemanden an seiner Seite hat, dem man vertraut – eine Hebamme, eine Doula, eine beste Freundin, den Partner oder die Partnerin, die Mama … oder alle zusammen. Wenn man innerhalb der ersten zwölf Wochen eine Fehlgeburt erlebt oder vom Frauenarzt diagnostiziert bekommt, so ist es einfach so unendlich wertvoll, eine kompetente Person an der Seite zu wissen, die weiß, wie sie mit der Situation umzugehen hat und nicht kopflos ins nächste Krankenhaus rast, um die Verantwortung an die Männer und Frauen in den weißen Kitteln abzugeben. Nicht, dass Krankenhäuser immer schlecht sind. Absolut nicht! Aber bitte, lasst uns Frauen wieder selbst Verantwortung für unsere Körper übernehmen und mit kompetenten Menschen an unserer Seite die Entscheidungen treffen, die für uns in so einer traurigen Situation die richtigen sind! Lasst uns Frauen wieder für uns selbst, unsere Körper und vor allem unsere Babys einstehen. Niemand weiß so gut wie du, was für dein Baby und dich das Beste ist: Vielleicht ist die Fahrt ins Krankenhaus die richtige Entscheidung, vielleicht ist aber auch die Hausgeburt zusammen mit einer Hebamme oder mit deinem Partner oder deiner Partnerin das Richtige. Vielleicht (meistens) ist es auch das Richtige, einfach noch ein paar Tage abzuwarten und die Dinge sacken zu lassen und dabei erst einmal alles rauszuweinen, was es rauszuweinen gibt. In der Situation, in der man gerade erfahren hat, dass man das eigene Kind verloren hat, ist es meist nicht so leicht, die Ruhe für eine Entscheidung zu finden, die zu einem passt. Aus einer Schock- Situation heraus werden selten die besten Entscheidungen getroffen und daher ist eine kompetente Stütze an unserer Seite so wichtig, um uns zu Halt, Zeit und Ruhe zu verhelfen.
Nicht nur für das Körperliche, sondern auch für das Emotionale ist es wertvoll, ein Auffangnetz um sich zu haben (zum Beispiel durch die Hebamme). Denn eine Fehlgeburt ist immer unendlich traurig. Und das ist etwas, was nicht immer alle nachvollziehen können. Für uns als Mutter macht es erst einmal keinen großen Unterschied, ob wir unser Kind sechs Wochen oder 20 Wochen unter unserem Herzen getragen haben. Wir lieben unser Kind und haben es bereits seit dem positiven Schwangerschaftstest geliebt; und wir haben uns darauf gefreut. Wir haben angefangen zu träumen, uns Dinge vorzustellen, die wir mit unserem Kind machen werden, wir haben Visionen erschaffen. Die Dauer der Schwangerschaft ändert nicht unbedingt etwas an dem Verlustgefühl, das wir nach einem Kindsverlust spüren. Das ist Punkt eins, den Menschen, die selbst noch keinen Verlust dieser Art erlitten haben, häufig nicht nachvollziehen können. Punkt zwei ist, dass wir Frauen bei einer Fehlgeburt tatsächlich noch viel mehr verlieren, als nur einen Menschen, zu dem wir bereits eine innige Beziehung aufgebaut haben und der in uns die schönsten Visionen erweckt hat. Wir erleben auch, dass unser Körper etwas tut, was wir nicht von ihm wollen. Während wir im Alltag unseren Körper kontrollieren und mit gesunder Ernährung und Sport darauf achten, dass er sich so verhält, wie wir es gerne mögen (gesund bleibt, Ausdauer hat, …), so müssen wir bei einer Fehlgeburt erleben, dass unser Körper einfach komplett über uns hinweg eine Entscheidung getroffen hat. Eine Entscheidung, die uns unglaublich traurig macht. Die Entscheidung, uns etwas wegzunehmen, das wir lieben. Diese Erfahrung ist für viele Frauen auch eine neue Art von Verlust: ein Vertrauensverlust in den eigenen Körper. Im Moment einer Fehlgeburt fühlen sich viele Frauen von ihrem Körper im Stich gelassen. Er hat schließlich nicht das gemacht, was er sollte! Er hat dieses Baby nicht wachsen, sondern sterben lassen! Ganz abgesehen davon, dass es durchaus etwas sehr Positives ist, dass unser Körper ein nicht lebensfähiges Kind schon in der Frühschwangerschaft wieder abstößt, sehen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass er in Eigenregie gehandelt hat und dass wir keine Kontrolle hatten. So haben wir nach einer Fehlgeburt nicht nur mit dem Verlust des Babys zu kämpfen, sondern auch mit dem Vertrauensverlust in unseren weiblichen Körper und mit dem Verlust der Kontrolle, an der wir uns im Alltag so gerne festhalten. All das zusammen ist eine große Herausforderung! Und das ist sehr viel mehr, als Außenstehende im ersten Moment sehen können. Wenn also die leider typischen Sprüche wie: „Ach, das Baby war doch noch so klein.“ oder „Besser so früh als später.“ oder „Passiert doch so vielen …“ nach einer Fehlgeburt auf dich niederprasseln, dann mache dir bewusst, dass deine Lieben, die so etwas sagen, es nicht böse meinen. Sie wissen nicht, wie viele Verluste du gerade gleichzeitig erlitten hast: dein Baby, dein Körpervertrauen, deine Kontrolle! Sie wissen nicht, dass du bereits eine Beziehung zu deinem Kind aufgebaut hast, sie können es einfach nicht nachvollziehen, weil sie selbst diese Erfahrung noch nicht gemacht haben. Oder aber sie haben sie gemacht und sie war so schmerzhaft für sie, dass sie sie als „unwichtig“ abgetan und verdrängt haben und sich nun selbst schützen möchten, indem sie emotionalen Abstand halten. Beides ist möglich und beides ist für uns als betroffene Frau sehr verletzend. Dass dadurch innerhalb einer Beziehung Konflikte entstehen können, ist nicht ausgeschlossen. Auch darauf werde ich später eingehen.
Nun möchte ich aber zunächst noch mehr über Kleine Geburten erzählen und auch Erfahrungsberichte von anderen betroffenen Frauen mit dir teilen. Denn für den Fall, dass du gerade selbst ein totes Baby im Bauch hast, dein Baby bereits tot geboren hast oder einmal eine Fehlgeburt erleben solltest, so ist es mir ein Anliegen, dass du selbstbewusst und selbstbestimmt in diese Erfahrung gehst und das Beste daraus mitnimmst! Denn wie immer im Leben liegen in jedem Schicksalsschlag auch Chancen: Chancen zur positiven Veränderung von Lebensbereichen, die vielleicht nicht ganz konform mit deinen Zielen sind, Chancen zur positiven Veränderung innerhalb der Beziehung zu deine:r Partner:in und Chancen zur positiven Veränderung in der Beziehung zu dir selbst!
Mein Wunsch ist es, dass du nach der Lektüre dieses Buches nicht nur das Gefühl hast, wertvoll zu sein, genau so wie du bist und egal, ob mit oder ohne Baby, sondern dass du auch so weit gestärkt bist, dass du das Leben mit allem, was kommt, wieder umarmen kannst.

Die Warum-Frage

Warum stirbt ein Baby? Warum passiert mir das? Warum? Diese Frage stellen sich die meisten von uns früher oder später. Und manche von uns treibt sie in den Wahnsinn....

Inhaltsverzeichnis

  1. Widmung
  2. Wichtiger Hinweis
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Einleitung zur Neuauflage
  5. Teil 1: Fehlgeburt erleben
  6. Teil 2: Zurück zum Vertrauen
  7. Nachwort
  8. Impressum

Häufig gestellte Fragen

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