Die Kunst, nicht zu lernen
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Die Kunst, nicht zu lernen

Und andere Paradoxien in Psychotherapie, Management, Politik...

  1. 176 Seiten
  2. German
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  4. Über iOS und Android verfügbar
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Die Kunst, nicht zu lernen

Und andere Paradoxien in Psychotherapie, Management, Politik...

Über dieses Buch

In unserem Handeln erleben wir permanent den Unterschied zwischen Absicht und Wirkung, zwischen Wollen und Können. Diese Paradoxien in autonomen Systemen sorgen dafür, dass Erziehen, Kurieren und Regieren zu "unmöglichen" Berufen werden und zeigen dass unsere Vorstellungen von Macht und Ohnmacht revidiert werden müssen.Fritz B. Simon beschreibt diese Revision aus systemischer Sicht und entfaltet ungewöhnliche Ideen und Anregungen, die unseren Alltag und unser Handeln in einem neuen Licht erscheinen lassen.

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1. Warum Psychotherapie unmöglich ist und trotzdem funktioniert – Systemtheoretische Aspekte der psychotherapeutischen Praxis

UNMÖGLICHE BERUFE

In einem der vielen Momente, in denen er wieder einmal drohte, im Frust seines therapeutischen Alltags unterzugehen, formulierte Sigmund Freud die Einsicht, daß seine Profession neben Erziehen und Regieren zu den unmöglichen Berufen gehöre (Freud 1937). Jeder Therapeut kennt diesen Satz, zumindest hat er in seinem beruflichen Leben erfahren müssen, daß er stimmt. Und sicher dürfte auch jeder, der als Vater, Mutter, Lehrerin oder Kindergärtner versucht hat zu erziehen, oder als Politiker, Manager oder als Vorsitzender eines Kleintierzüchtervereins versucht hat zu regieren, die Unmöglichkeit seines Berufs schmerzlich erlebt haben. Wieder eine der vielen genialen Einsichten Sigmund Freuds. Warum er Recht hatte und warum es trotzdem sinnvoll sein könnte, seinen Beruf nicht aufzugeben, soll im folgenden aus einer system- und kommunikationstheoretischen Perspektive erklärt werden. Psychotherapie bietet sich dabei als Musterbeispiel solch unmöglicher Aufgaben an: Stets versuchen dabei Menschen, andere Menschen und/oder soziale Systeme zielgerichtet zu verändern. Was hier über Psychotherapie gesagt wird, kann also auch auf andere, in dieser Hinsicht ähnliche Bereiche übertragen werden.

GLEICHE WORTE, UNTERSCHIEDLICHE BEDEUTUNGEN

Zuvor jedoch eine Warnung: Wenn man einmal von systemischen Familientherapeuten absieht, so sind die wenigsten Menschen mit der Terminologie und den stillschweigenden und teilweise sehr abstrakten Vorannahmen der Systemtheorie vertraut. „Systeme kann man nicht küssen“, hat einmal ein berühmter Mensch gesagt, dessen Namen die Geschichte leider nicht überliefert hat. In einer nach oben offenen Nichtküßbarkeits-Skala, die den Abstraktionsgrad von Theorien mißt, sind systemische Therapietheorien ziemlich weit oben anzusiedeln. Mißverständnisse sind also vorprogrammiert.
Nehmen wir zum Beispiel den für ein systemtheoretisches Verständnis therapeutischer Prozesse zentralen Begriff der Störung. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Kapitel nicht lieber „Die Störungen der Psychotherapeuten“ nennen sollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte solch ein Titel gewisse voyeuristische Erwartungen geweckt – und das ist ja erfahrungsgemäß ganz nützlich, um Leser anzulocken. „Störung“ ist schließlich einer der Begriffe, die wie ein Staubsauger jede Menge mehr oder weniger freier Assoziationen auf sich ziehen. Wem würden nicht gleich tausend verschiedene Formen der Störung einfallen: als erstes natürlich die frühe, ganz sicher die narzißtische, vielleicht eine Grundstörung oder eine präödipale, manchem gar eine pränatale; alles in allem Störungen, die für sich beanspruchen können, Vorrang zu haben. Und sicher gibt es auch den einen oder anderen Psychotherapeuten, der solch eine Störung sei eigen nennen darf. Doch diese Art der Störung ist für das Thema, um das es hier gehen soll, vollkommen irrelevant (und deshalb habe ich auch schweren Herzens auf diesen wunderschönen Titel verzichtet).
Auf jeden Fall sollte klar sein, daß zwangsläufig ein sprachliches Problem entsteht, wenn man aus systemtheoretischer Sicht über Psychotherapie sprechen will. Die meisten psychotherapeutischen und systemtheoretischen Theoriegebäude beruhen auf sehr unterschiedlichen Prämissen, und ihre Begriffe haben teilweise antagonistische Implikationen. Daher muß jeder schlichte Übersetzungsversuch zwangsläufig scheitern. Im psychotherapeutischen Kontext wird zum Beispiel der Begriff Störung zur Beschreibung und Bewertung der Strukturen eines Systems verwendet; im Kontext der neueren Systemtheorien – speziell der Theorie autopoietischer Systeme – dient er zur Beschreibung einer bestimmten Form der Interaktion zwischen einem System und einer Umwelt. Störungen sind in dieser Konzeptualisierung etwas ganz Unvermeidliches und daher weder prinzipiell negativ noch positiv zu bewerten, weder erwünscht noch befürchtet. Sie werden als Voraussetzung für alle Strukturänderungen selbstorganisierender Systeme betrachtet, und durch sie lassen sich gleichermaßen die Entstehung von Symptomen wie die Effekte therapeutischer Interventionen erklären.
Die Schwierigkeit aus systemtheoretischer Sicht etwas über psychotherapeutische Konzepte oder aus psychotherapeutischer Sicht etwas über systemtheoretische Konzepte zu sagen, beginnt schon damit, sich auf eine gemeinsame Beobachterperspektive und einen zumindest annähernd ähnlichen Sprachgebrauch zu einigen. Dies ist eine Folge davon, daß wir in unserer Alltagskommunikation im allgemeinen Begriffe verwenden, die gleichzeitig eine beschreibende, eine erklärende und eine bewertende Funktionen haben. Wir liefern so gut wie nie interpretationsfreie Beschreibungen der Phänomene, mit denen wir konfrontiert sind, sondern wir transportieren meist schon durch die Wahl unserer Worte Erklärungen. Wir konstruieren Hypothesen, manchmal gar Theorien über die Mechanismen, welche die beobachteten Phänomene hervorbringen. Und je nachdem, wie wir die Entstehung dieser Phänomene erklären, bewerten wir sie unterschiedlich; und umgekehrt, je nachdem, wie wir sie bewerten, neigen wir zu unterschiedlichen Erklärungen.
Ein gutes Beispiel für diese Vermischung von Beschreibung, Erklärung und Bewertung ist der Begriff „Übertragung“. Er beschreibt nicht nur einen charakteristischen Typus von Phänomenen, sondern er erklärt ihn und er bewertet ihn. In der Regel ist solch ein mit Konnotationen aufgeladener Sprachgebrauch sehr nützlich und ökonomisch, weil nackte Daten „an sich“ im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungslos sind und daher keinen kommunikativen Wert gewinnen können. Doch für diese kommunikative Ökonomie ist ein Preis zu zahlen. Er läßt sich wiederum am Beispiel der „Übertragung“ illustrieren. Wenn zwei Personen sie diskutieren wollen, so kann ihre Kommunikation nur funktionieren, wenn sie dem Begriff eine zumindest ähnlich aus Beschreibung, Erklärung und Bewertung zusammengemischte Bedeutung zuschreiben. Andernfalls besteht die große Wahrscheinlichkeit, daß einer der Gesprächspartner beispielsweise die Erklärung der „Übertragung“ genannten Phänomene in Frage stellen will, sein Gegenüber seine Einwände jedoch als Leugnung der Phänomene selbst interpretiert.
Die Notwendigkeit eines Sprachgebrauchs, in dem in einem ähnlichen Sinne Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen zugeschrieben werden, führt nahezu zwangsläufig zur mehr oder weniger hermetischen Schließung der Grenzen subkultureller Sprachgemeinschaften. Psychotherapeutische Schulen sind ein gutes Beispiel dafür. Ihre Mitglieder können sich nur noch untereinander verständigen, und die Kommunikation mit den jeweiligen Umwelten bricht ab. Durch die tatsächlich vollzogene und gelingende Kommunikation entsteht eine Grenze gegenüber allen, die eine andere Sprache sprechen. Und nur wer ähnliche Prämissen teilt, ist innerhalb des jeweiligen Subsystems kommunikativ anschlußfähig. Auf diese Weise kommen keine neuen Ideen in das Kommunikationssystem hinein, während die, die schon drin sind, immer weiter bestätigt werden. Die ist ein gutes Beispiel dafür, wie geschlossene Systeme entstehen und sich gegenüber Störungen durch Umwelteinflüsse absichern.
An solchen Sprachgrenzen scheitert im allgemeinen auch die Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen und die Nutzung nichtpsychotherapeutischer Modelle und Theorien für die Psychotherapie. Daß diese Sprachgrenzen jemals überwunden werden könnten, erscheint unwahrscheinlich. Wozu sollten sie auch? Letztlich sind die meisten Psychotherapeuten ja mit ihren Modellen zufrieden, unabhängig davon, ob andere Leute sie verstehen oder nicht. Warum also sollten sie sich, falls sie nicht irgendwelche missionarischen Zwecke verfolgen, um Verständigung bemühen?
Der plausibelste Grund, sich solch interkultureller Mühen zu unterziehen, dürfte in der Ambivalenz dem jeweils eigenen Therapiemodell gegenüber liegen. Nur wenn die Unzufriedenheit damit groß genug ist, um die Zufriedenheit aufzuwiegen, lohnt es sich, über den Zaun zu blicken, ob es in Nachbars Garten nicht irgendwelche exotischen Früchte gibt, die sich als Ergänzung zu den hausgemachten Konserven aus eigener Ernte anbieten. Und nur wenn die Zufriedenheit groß genug ist, um die Unzufriedenheit aufzuwiegen, lohnt es sich, im eigenen Garten zu bleiben oder zumindest wieder über den Zaun zurückzusteigen, um nicht auf das liebgewonnene selbstgezogene Gemüse verzichten zu müssen.

DIE STÖRUNG AUTONOMER SYSTEME

Diese Ambivalenz einmal hypothetisch vorausgesetzt, läßt sich am ehesten ein Weg zur Überwindung dieser Sprach- und Theoriegrenzen eröffnen, wenn man die genannten drei Ebenen – Beschreibung, Erklärung und Bewertung – zu analytischen Zwecken unterscheidet und getrennt diskutiert. Zum einen ist ein Konsens über die zu beobachtenden Phänomene allemal leichter zu erreichen als über ihre Erklärung und ihre Bewertung. Und zum anderen erscheint es allemal günstig, zumindest einen Konsens darüber zu erzielen, in welchem dieser drei Bereiche der Dissens besteht.
Beginnen wir unseren Versuch, psychotherapeutische Praxis aus einer systemtheoretischen Perspektive zu betrachten, mit den Erklärungen.
Organismen, psychische Systeme und soziale Systeme können aus systemtheoretischer Sicht als autopoietische Systeme klassifiziert werden, die „autonom“, „strukturdeterminiert“ und „operationell geschlossen“ sind (Maturana 1982, Maturana u. Varela 1984, von Foerster 1985).
Mit diesen Begriffen soll gesagt sein, daß solche Systeme sich durch ihre internen und externen Operationen selbst als Einheiten erschaffen und gegenüber ihren Umwelten abgrenzen. Der Organismus kreiert die Grenze gegenüber seiner Umwelt durch biologische Prozesse, die Psyche wird durch psychische Operationen konstituiert, und soziale Systeme erschaffen sich und ihre Grenzen durch Kommunikationen. (Wie soziale Systeme sich als Einheiten gegenüber Umwelten abschließen, hat das gerade erläuterte Beispiel der Entstehung psychotherapeutischer Sprachgrenzen ein wenig illustriert.)
„Autonom“ soll heißen, daß keines dieser Systeme – weder die Psyche noch der Organismus und auch nicht das Kommunikationssystem – von Ereignissen in den jeweiligen Umwelten im Sinne einer geradlinigen Ursache-Wirkungs-Beziehung determiniert werden kann. Es kann lediglich „gestört“ werden (– da ist sie: die bereits angekündigte systemische Störung). Was immer in der Umwelt geschieht, es kann das autopoietische System nur aus dem Gleichgewicht bringen, eine Krise induzieren und im Extremfall für seine Desintegration sorgen. Die Reaktion des Systems auf derartige Störungen ist durch seine internen Strukturen determiniert, das heißt, sie folgt einer dem System eigenen inneren Logik. Das Verhalten autopoietischer Systeme wird daher niemals von ihren Umwelten oder anderen Systemen einem traditionellen geradlinigen Kausalitätsverständnis entsprechend verursacht oder bestimmt. Umwelt und Interaktionspartner begrenzen lediglich den Freiraum, innerhalb dessen solche Systeme störungsfrei funktionieren können.
Um es in einem Bild darzustellen: Die Beziehung zwischen System und Umwelt ist so ähnlich wie die zwischen einem Auto und der Landschaft, in der es herumfährt. Das Straßennetz bestimmt nicht, wohin das Auto fährt, es bestimmt aber, wo und wohin es nicht fahren kann. Vierradgetriebene Fahrzeuge oder Panzer sind dabei durch die Landschaft möglicherweise etwas weniger störbar als Rennwagen. Zwischen den Leitplanken einer Straße kann jedes Fahrzeug sich frei bewegen, wenn es aber an die Grenzen des so vorgegebenen Spielraums stößt, wird es gestört und im Extremfall löst es sich – wenn der Zusammenstoß traumatisch genug ist – in seine Bestandteile auf.
In der Interaktion zwischen mehreren Autos gilt dasselbe: Keines kann einseitig in einem kausalen Sinne bestimmen, wohin das andere fährt. Es kann aber sehr wohl bestimmen, wohin es nicht fährt – oder zumindest, wohin es nur um den Preis der Kollision, d. h. der Störung, fahren kann.
Bezogen auf unser Thema heißt dies: Kommunikative Prozesse wirken nicht ein-eindeutig determinierend auf die Psyche, und psychische Abläufe haben keine ein-eindeutig determinierende Wirkung auf die Kommunikation. Was immer auch in der Kommunikation zwischen mehreren Menschen – also zum Beispiel zwischen einem Psychotherapeuten und einem Patienten – geschehen mag, jeder der Beteiligten bestimmt selbst, was die Interaktion für ihn bedeutet. Das traditionelle Input-Output-Modell der Informationsaufnahme und -verarbeitung ist zu schlicht, um der Autonomie lebender Systeme gerecht zu werden. Menschen können sich gegenseitig keine Information geben und sie können keine Informationen austauschen.
Wenn ein Psychoanalytiker eine Deutung gibt, so bestimmt der Analysand deren Bedeutung. Und wie er die Deutung deutet, entspricht nicht immer den Intentionen des Analytikers. In jeder Konversation können die Beteiligten sich gegenseitig lediglich vieldeutige Signale präsentieren, die dann jeder der Beteiligten entsprechend der im Laufe seiner Geschichte entwickelten subjektiven Bedeutungsstrukturen interpretiert. Seine Interaktionspartner haben keinerlei Möglichkeit, die Bedeutung, die von ihm ihrem Verhalten oder ihren Worten zugeschrieben wird, positiv und eindeutig zu bestimmen.
Die Entwicklung und Umorganisation solch strukturdeterminierter Systeme wie der Psyche läßt sich schematisiert in etwa folgendermaßen darstellen: Sie verhalten sich solange entsprechend der Logik ihrer internen Organisation, bis sie gestört werden und sie ihr Gleichgewicht verlieren. Ihre internen Strukturen organisieren sich neu, bis die Störung kompensiert ist und sich erneut irgendeine Form des Gleichgewichts etabliert. Nach mehr oder weniger langer Zeit kommt es zur nächsten Störung, und der ganze Zyklus wird erneut durchlaufen. Gelingt es dem System nicht, ein neues Gleichgewicht zu finden, so verliert es seine Integrität und löst sich auf.
Dieses Verhältnis gegenseitigen Störens besteht aber nicht nur zwischen der Psyche und dem Kommunikationssystem, sondern auch zwischen Psyche und Organismus und zwischen Organismus und Kommunikationssystem. Sie stellen jeweils aneinander Anpassungsanforderungen und induzieren gegenseitig Krisen. Welches System sich in diesem Prozeß wechselseitigen Störens dem anderen mehr anpaßt, hängt davon ab, welches aktuell flexibler und eher in der Lage ist, sich umzuorganisieren (vgl. Simon 1995).
So stellt die körperliche Entwicklung während der Pubertät für die Psyche zum Beispiel eine Folge von Störungen durch Umweltveränderungen dar, die sie im allgemeinen durch einen eigenen Entwicklungsprozeß kompensiert. Manchmal jedoch ist die psychische Struktur stabiler und sorgt dafür, daß wie beim Ausbleiben der Menstruation bei anorektischen Mädchen der Organismus gestört wird und sich anpaßt.
Das Familien- und Arbeitsleben, die Kommunikation mit Eltern, Partnern, Kindern, Kollegen, Chefs und Angestellten sowie die sich im Laufe des Lebenszyklus ständig ändernden sozialen Erwartungen sind natürlich auch nichts anderes als mehr oder minder spezifische Störungen, die ebenso als Entwicklungsanreiz wie -blockade wirken können.
So in etwa läßt sich aus systemtheoretischer Sicht die Kopplung autonomer Systeme wie der Psyche, des Organismus und des Kommunikationssystems skizzieren. Schauen wir auf die Ebene der beschreibbaren Phänomene, so können wir sagen, daß sich ihre Stabilität in repetitiven Prozeßmustern zeigt. Alles bleibt, wie es ist, solange alles so gemacht wird, wie es immer gemacht wurde.
Da Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den Vorannahmen unterschiedlicher psychotherapeutischer Konzepte hier nicht im einzelnen diskutiert werden können, wollen wir lediglich einen (zugegebenermaßen) oberflächlichen Blick auf einige psychoanalytische Erklärungen für derartige Phänomene werfen.
Die Psychoanalyse interpretiert die Wiederholung psychischer Operationen als Folge des „Wiederholungszwangs“. Man braucht aber – systemisch gesehen – keinen Zwang zu unterstellen, um dieses Phänomen zu erklären. Es läßt sich auch durch die Abwesenheit von Störungen, oder anders gesagt: durch die Funktionalität solch eines Operationsmusters in der Interaktion mit den jeweiligen Umwelten, erklären – durch seine Anpassungsfunktion (vgl. Simon 1994).
Die Interaktionsgeschichte selbstorganisierender Systeme ist eine Geschichte bewältigter Störungen: Ohne Störung keine Veränderung, ohne Störung keine Entwicklung, ohne Störung aber auch keine Fehlentwicklung und ohne Störung auch keine Therapie. Man könnte also statt von Störungen auch von Anregungen oder gar Inspirationen sprechen, um eine positiv bewertete, entwicklungsfördernde Wirkung von Umweltereignissen auf solche selbstorganisierten, autopoietischen Systeme zu beschreiben. Ob das Resultat derart induzierten Wandels jeweils positiv oder negativ zu bewerten sein wird, läßt sich nicht vorhersagen. Veränderung ist nicht immer Fortschritt, Entwicklung nicht immer Wachstum oder Reifung.

DIE UNMÖGLICHKEIT, IN DIE PSYCHE EINES ANDEREN MENSCHEN DIREKT ZU INTERVENIEREN

Die prinzipielle Nichtsteuerbarkeit solch autonomer Systeme ist es, was Regieren, Kurieren und Erziehen zu unmöglichen Berufen macht. Womit wir bei den praktischen Konsequenzen wären …
Das Problem des Psychotherapeuten besteht darin, daß niemand direkt und zielgerichtet in die Psyche eines anderen Menschen intervenieren kann. Was immer ein Therapeut auch tun mag, sein Handeln ist nie eine psychische Operation des Patienten. Welche ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. Einleitung – „Kunst“ kommt von „können“
  6. 1. Warum Psychotherapie unmöglich ist und trotzdem funktioniert – Systemtheoretische Aspekte der psychotherapeutischen Praxis
  7. 2. Die Kunst, ein guter Analysand zu sein – Das Paradox der „Übertragung“
  8. 3. Emanzipation durch Anpassung – Soziale Perspektivenübernahme in der systemischen Therapie
  9. 4. Das verlorene Vertrauen und der Ruf nach Kontrolle – Komplexitätsreduktion durch Ausgrenzung
  10. 5. Die Kunst der Chronifizierung – Über die Anpassung von System und Umwelt
  11. 6. Linearität und Puritanismus – Über die Verwirrung des Kausalitätsbegriffs
  12. 7. Sich einmischen oder sich raushalten – Zur Verantwortung des Familientherapeuten
  13. 8. Wer entscheidet, wer entscheidet? – Macht und Ohnmacht in Zweierbeziehungen
  14. 9. Auf Gandhis Spuren? – Gewaltfreie Machtstrategien zwischen Widerstand und Herrschaftsanspruch
  15. 10. Die Organisation der Selbstorganisation – Thesen zum „systemischen Management“
  16. 11. Die Kunst, nicht zu lernen – Warum Ignoranz eine Tugend ist
  17. 12. Ohnmacht der Macht – Über den Unterschied von Absicht und Wirkung
  18. Literatur
  19. Quellennachweis
  20. Über den Autor