ZWEITER TEIL
1
EMILIAS KOROLLAR
Mit einem großen Pappkoffer in der Hand tritt Emilia aus dem Haus und macht still und leise die Tür hinter sich zu, als wolle sie fliehen. Und wirklich geht sie heimlich fort. Sie sieht sich um. Überall tiefes Schweigen. Sie ist unschlüssig. Nun öffnet sie die Tür wieder einen Spaltbreit und wirft einen Blick hinein. Die Flucht von Dielen und Zimmern, bis hin zum großen, von traurigem Sonnenlicht durchfluteten Wohnraum, liegt verlassen da. Wieder macht sie die Tür hinter sich zu. Ein Ausdruck von Genugtuung, Härte, ja, von Besessenheit entstellt ihr Gesicht: Aber in diesem Ausdruck liegt auch etwas heilige Schläue.
Auf Zehenspitzen geht sie die Freitreppe hinunter und trägt dabei den Koffer in der Art, wie die Bäuerinnen den Eimer vom Brunnen schleppen: völlig auf die eine Seite gebeugt, mit ausgestrecktem Arm, die Hand rot und angeschwollen; und der andere, freie Arm rudert töricht und ungeniert durch die Luft.
Auf ihrem ganzen Weg durch den Garten zur Straße sieht sie sich immer wieder um, schlau und unsicher, und beschleunigt ihren Schritt, wobei sie mit dem freien Arm noch mehr rudern muß, um das unsichere Gleichgewicht zu wahren. Was enthält denn dieser riesige Pappkoffer? Blei? Arme Emilia, es sind alle ihre Reichtümer und Andenken. Sie schleppt sie mit sich, was ebenso heroisch wie nunmehr sinnlos ist.
Jetzt steht sie auf der Straße. Dieselbe Straße, auf der tags zuvor oder ein paar Tage zuvor oder eine unbestimmbare Zeit zuvor das Taxi mit dem Gast entschwunden ist.
Das nämliche Schweigen, das nämliche Licht. Die Anwohner dieser Gegend leben danach ihren Tagesrhythmus. Balkons und Pergolen im Jugendstil, Geländer in der Manier des achtzehnten Jahrhunderts sowie Eckquader aus Beton und fliesenverkleidete Wandflächen stehen gegen den Himmel über all den Gärtchen mit ihrem dunklen, schäbigen Grün kleiner anmaßender Kiefern oder gar einiger abenteuerlicher Palmen.
Sie durchläuft diese ganze gerade Flucht, langsam und sich abschindend mit ihrem Riesenkoffer – den sie einmal in die eine, einmal in die andere Hand nimmt –, und wird im Hintergrund immer kleiner, bis man sie gar nicht mehr sieht.
Sie kommt zu einem großen runden Platz mit einem grünen Beet in der Mitte, ringsum ein Strahlenkranz von Straßen, alle gleichartig, alle mit den gleichen Perspektiven. Große Häuser. Und unter dem Geäst der städtischen Kastanienbäume verschwimmt alles im Nebeldunst. Straßenbahnen und Autobusse kreisen pausenlos um den Platz, dazu Ströme von Personenwagen; ein ununterbrochenes Motorengeräusch, und jetzt fangen auch noch die Sirenen an: zum Mittag oder zum Abend oder zu irgendeinem andern Schichtwechsel in den Fabriken. Die Menschen um Emilia scheinen von all dem nichts zu sehen und zu hören; wie auch Emilia selbst. Brav, gedankenverloren und gefaßt warten sie alle an der überdachten Haltestelle auf ihr öffentliches Verkehrsmittel. Da kommt schon der Bus, ungastlich, vorschriftsmäßig, glänzend; und fährt wieder ab mit neuer Ladung, verliert sich in einer jener Straßen, die von dem großen, verkehrsreichen runden Platz ausstrahlen in einen Hintergrund schwebender Dunstschleier …
Emilia steht unter einer überdachten Haltestelle – einer größeren, mit einer langen Rückwand und Steinbänken. Zu Emilias Füßen ihr zerbeulter Koffer. Sie hält ihn zwischen die Waden geklemmt, gerade wie ein Hund, der keine Sekunde aus den Augen läßt, was man ihm anvertraut hat. Die wartenden Menschen um sie herum, ebenfalls mit Koffern, gleichen ihr mehr als die andern vorhin. Bauern sind es, wie Emilia, die hin- und herpendeln zwischen Mailand und ihren kleinen Dörfern in der Bassa. Folglich ist der Autobus, der jetzt kommt, ein großes, altes und fast schon ausrangiertes Vehikel. Nach endlosem Warten kommt er angefahren; und nach ebenso endlosem Warten – er ist schon lange voll besetzt mit all diesen regungslos-schweigend verharrenden Menschen – fährt er ab.
Auf dem kleinen Platz am Rande eines Dorfes bleibt der Autobus stehen. Ganz weiß und trostlos ist dieser kleine Platz. An der einen Ecke ein Lebensmittelgeschäft, gleich daneben ein Schaufenster voller Särge, in der Mitte eine Kaffeebar mit Neonschrift und blanken Scheiben, aber drinnen nur die alte, abgestandene, kalte Dorfmisere. Eine Reihe von Leuten kommt langsam aus der Vordertür des Autobusses: alte, stiernackige Bauern, Frauen in dunkler Kleidung, ein paar Schüler, ein Soldat und am Ende Emilia mit ihrem unförmigen Koffer, der sie ganz krumm gehen läßt.
Die Mitreisenden zerstreuen sich im Schweigen des Dorfes, durch schmale, lange, aber sorgfältig geteerte Gassen, wo der Verputz an den Häusern, die alle aus dem vorigen Jahrhundert stammen, erst vor kurzem durchweg mit hellen und kalten Farben frisch getüncht wurde.
Auch Emilia verliert sich in einer dieser Gassen, wo man nur ein paar Kinder sieht – vermummt, aber wie im Märchen gar nicht ärmlich – und ein paar Hunde. Im Hintergrund das freie Land, eine zitternde, durchsichtige Szenerie von Pappeln, deren erstes Grün etwas ungewiß Erdfarbenes hat und deren Knospen ebenso zusammengerollt und spärlich sind wie die welken Blätter.
Ein herrlicher Nebelschleier macht aus diesen Pappelreihen in der Ferne eine Szenerie, die schon zu viel Raffinement besitzt für diese heilige, weil bäuerliche Einsamkeit.
Es ist die gleiche Landschaft, durch die vor einiger Zeit der Vater Paolo und der Gast im Wagen bis an den Po gefahren sind; oder, wenn ihr wollt, auch die gleiche, die Renzo, wie in Manzonis poetischsten Seiten berichtet wird, zu Fuß bis zur Adda durchwanderte.
Aber irgend etwas Unnatürliches hat diese Unmenge von Pappeln an sich, die Wiesen und Himmel vorn und hinten und rechts und links flankieren; Umrahmungen von Pappeln, so weit wie Exerzierplätze oder die Plätze im Fernen Osten oder auch schmal und genau abgemessen wie die Grundrisse von Kathedralen; und durchscheinend, die einen durch die andern, bis ins Unendliche: Eine schräg verlaufende Reihe scheint durch eine gerade hindurch; eine gerade durch eine andere, die parallel zu ihr verläuft; und diese wieder durch eine lotrechte; und weil das Terrain wellig ist, hat dieses Durchscheinen von Pappelreihen durch Pappelreihen kein Ende: ein immenses Amphitheater wie auf alten Schlachtengemälden. Und in diesem unnatürlichen, tiefen Frieden (dessen Unnatürlichkeit und Tiefe wahrlich nicht nur auf die Natur selbst zurückgeht – die dort so passiv und so mächtig arbeitet wie auf dem Boden des Meeres –, sondern ebenso auf die Zellulose-Industrie) erscheinen hier und dort, wie eine Handvoll Kostbarkeiten, ernste Kirchtürme mit ihrem Pasticcio von Kuppeln gleich daneben, die rotbraun, fast rostfarben und blutrot überlaufen sind (das Seicento und Settecento strenger Orte, die jetzt dahinsiechen in Erwartung ihres Endes).
Durch diese Gegend – auf einer langen, schmalen, sauber asphaltierten Straße – zieht jetzt Emilia mit der Last ihres Riesenkoffers. Eine lange Zeit geht sie so dahin, bleibt hie und da stehen, um die Last von der einen in die andere ihrer geduldigen Hände zu wechseln: mutterseelenallein in dieser Weite aus Pappeln, Feldern, Himmel und Reklameschildern. Schließlich kommt sie zu einer Weggabelung. Von der asphaltierten Straße zweigt ein dunkler Feldweg ab mit seinem langgezogenen Rückgrat aus Gras (zwischen den ehemaligen Fahrspuren der Karren); den schlägt sie jetzt ein und geht mit rascheren Schritten auf ein einsames Bauerngut zu, das sich, groß und von rötlicher Farbe wie eine Kaserne, am Ende der Pappelreihen über dem schwermütigen Grün erhebt.
Der Innenhof des Bauernguts ist menschenleer. Eine verschleierte Sonne erfüllt ihn überall, läßt kaum einen Hauch von Schatten in irgendeinem Winkel aufkommen.
Ringsum langgestreckte, niedrige Gebäude mit roten Dächern. Auf der einen Seite der große Trakt der (lautlosen) Ställe im Schatten zweier runder Silos, die baufällig und streng aussehen wie die Kirchtürme in der Ferne, hinter den ungezählten Pappelreihen. Auf der anderen Seite ein Wohngebäude, dessen Fensterläden alle geschlossen sind; nur die graue Glastür ist angelehnt, aber die Scheibe ist verdeckt von einer traurigen, fleckenlosen Gardine. Weiter vorn noch ein ärmliches Haus, vielleicht auch ein Stall, und dann ein Haufen roter Ziegel inmitten von allerlei Gerät, blutigrot und wie für alle Zeiten dort abgestellt, um zu verrosten; und zwischen dem einen und dem andern Gebäude (in ihrer Art ebenso phantastisch und pedantisch wie die fürstlichen Kasernen im Settecento) die zarten Erscheinungen der Pappeln inmitten der Nebelschleier, auf welliger Fläche, die – vielleicht, weil dort ein Fluß ist – von Böschungen und Dämmen durchkreuzt wird.
In der Mitte des Innenhofes, wo noch die Reste eines verbrauchten Zementbelags zu erkennen sind, spielen auf einem Sandhaufen zwei Kinder, eingemummt in ihre ärmlichen, aber sauberen Sachen, genau wie auf Märchenbildern. Sie haben die roten, ausdruckslosen, schon erwachsenen und verständigen Gesichter ihrer bäuerlichen Eltern. Mit einem Ausdruck der Neugierde ohne jede Verwunderung – vielleicht ist es Schüchternheit oder auch die gute Erziehung, die sie zu Hause oder in der nahegelegenen Volksschule bekommen haben – starren sie auf die ankommende Emilia, die stumm diesen großen Hof betritt.
Und stumm sieht Emilia sie an.
Den ganzen Weg hat sie ihren Koffer mitgeschleppt, vorwärtsgetrieben wie von der aberwitzigen Entschlossenheit einer Erpresserin oder Kindsmörderin. Nun steht sie da auf diesem Innenhof, und vor ihr das Haus, in dem sie früher gewohnt hat und das durch ihr Schweigen und ihre Angst nur noch heiliger wird. Ein Hund kommt angelaufen und beschnüffelt sie.
Sie geht noch ein paar Schritte in den Hof hinein – man sieht schon, wie hinter der Tür die weiße Spitzengardine gehoben wird und sich irgendein mißtrauisches, feindseliges Gesicht an die Scheibe preßt – und vergißt zum erstenmal, den Koffer wieder in die Hand zu nehmen, der da auf der gestampften Erde sich selbst überlassen bleibt, schwer, allein und nutzlos.
Ganz hinten, hinter dem Haufen roter Ziegel und Gerätschaften, steht – gewiß schon seit Emilias Kindheit – eine alte, von Sonne und Regen verwitterte Bank. Emilia erkennt diese Bank wieder, geht auf sie zu mit einem Schritt, der wieder so besessen und entschlossen ist wie vorher, setzt sich und bleibt steif und unbeweglich sitzen im Licht der beziehungslosen Sonne.
2
ODETTAS KOROLLAR
Das Haus liegt still und verlassen da. Eigentlich ist das immer so, denn es ist ja zu groß für die wenigen Menschen, die es bewohnen, und Lucia hat dem Personal eingeschärft, nicht zu reden und sich abseits zu halten. Aber es liegt etwas Besonderes über dem heutigen Schweigen und der heutigen Leere. Als sei das Haus tatsächlich unbewohnt.
Der Gast scheint nicht nur das Leben der Hausbewohner mit sich genommen zu haben, er scheint sie auch voneinander getrennt zu haben, indem er einen jeden allein ließ im Schmerz über den Verlust und mit einem nicht weniger schmerzlichen Gefühl von Erwartung.
Also ist es, als sei Odetta ganz allein. Sie durchläuft das Haus von oben bis unten, als suche sie irgend etwas in dieser Leere. Aber sowohl das Haus selbst als auch der Garten sind offenbar in einen Schlaf endgültigen und teilnahmslosen Schweigens gefallen.
Odettas Gesicht aber ist nicht zu enträtseln während dieser ihrer ergebnislosen Erkundungsgänge. Ja, doch: Etwas wie gute Laune (ein gewitztes und … humorvolles Lächeln, ganz tief in den Augen) verändert vieldeutig ihre Züge.
Sie geht ans Ende des Gartens, zu der Stelle, wo sie und die Ihren, über das niedrige, mit Schlingpflanzen bewachsene Eisengitter gebeugt, den Gast zum letzten Mal gesehen haben – wie er davonfuhr und entschwand –, und blickt hinein in die Flucht der leeren Straße.
Was sie ausgerechnet in der Leere sucht, ist nicht ers...