
- 180 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Pflege ist eines der relevantesten und dynamischsten Themen in Deutschland. Dieses Buch entstand in der COVID-19-
Pandemie, die die Relevanz der Branche für den Erhalt unseres Systems noch deutlicher gemacht hat. Bis auf Umwelt- und
Klimaschutz scheint es mittel- und langfristig nichts zu geben, was uns derart herausfordern wird. Wer das Buch liest, wird
erkennen, dass trotz all der bestehenden Missstände, die Pflegebranche auch viel Positives zu bieten und zahlreiche Vorteile hat, er wird sich aber auch deutlich bewusst werden, dass Lösungen zeitnah gefunden werden müssen. Alle
Interviewpartner haben gerne Zeit investiert, um durch offene, teils schonungslose Darstellungen ihre Erfahrungen und
Forderungen durch dieses Buchprojekt veröffentlichen zu lassen. Ein breites Spektrum der Pflegebranche wird dadurch
abgebildet und gibt jedem Interessierten Überblick über das, was den deutschen Pflegemarkt bewegt und wie sich die
Branche perspektivisch entwickeln wird. Das Buch adressiert alle, die mit der Branche in Berührung kommen und an ihr
interessiert sind. Pflegende/r Angehörige/r, zu Pflegende/r, Auszubildende, Studierende, Gründer, bereits in der Branche
arbeitende Menschen, politische Entscheidungsträger. Die Inhalte werden viele inspirieren, informieren und motivieren.
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Information
Thema
MedizinInterview mit Philipp Rinas
Multi Unternehmer in der Pflegebranche
Inhaber und Geschäftsführer
RR Pflegedienst Obere Kyll GmbH Jünkerath
RR Intensivpflege
RR Seniorendienste
www.rr-pflegedienst.de
PROMEDICA PLUS Bitburg-Gerolstein
www.promedicaplus.de/bitburg-gerolstein
CP: Herr Rinas, wie war Ihr Eintritt in die Pflegebranche und welche Unternehmungen leiten Sie zum jetzigen Zeitpunkt?
Philipp Rinas: Da will ich ein klein wenig ausholen. Ursprünglich bin ich direkt nach meinem Abitur zur Bundeswehr in die Fallschirmjäger Truppe gegangen. Damals habe ich bewusst auf ein Studium verzichtet, weil ich Action haben wollte. Das hat sich dahingehend ausgezahlt, dass ich bei den Fallschirmjägern mehrere Spezialausbildungen unter anderem die zum Einzelkämpfer genossen habe. Dann irgendwann bin ich in leitende Funktionen bei der Bundeswehr gekommen und habe dann, weil der Kompanie-Chef im Ausland war, eine Fallschirmjäger Kompanie mit 200 Soldaten geführt. Da lernte ich erstmals, Menschen zu führen. Aus familiären Gründen habe ich mich dann dazu entschieden, meine Dienstzeit bei der Bundeswehr zu verkürzen. Da ich seit meinem 15. Lebensjahr immer mal wieder beim Roten Kreuz ehrenamtlich aktiv war, hatte ich immer diesen sozialen Aspekt in mir. Sie haben gerade wegen der Einzelkämpfersache gelacht, wohl, weil man als Einzelkämpfer nicht unbedingt in der Pflegebranche gut aufgehoben ist. Aber ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen Herr Pyrlik, das hat mich geprägt und maßgeblich dazu beigetragen meine Unternehmen zu gründen.
CP: Das kann ich mir gut vorstellen, gelächelt habe ich deshalb, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass Attribute wie Durchsetzungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Zielorientierung die man mit der Einzelkämpferausbildung verbindet, zwingende Voraussetzungen für Unternehmertum sind.
PR: Richtig, denn ich habe dort einfach gelernt, in Situationen, die im ersten Moment ausweglos erscheinen, Entscheidungen zu treffen, willens zu sein, Entscheidungen zu treffen. Das war notwendig, um dann später bei wiederholten Abweisungen von Behörden, nicht aufzugeben und am Ende doch noch eine Zustimmung zu erwirken. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin ausgeschieden bei der Bundeswehr. Und dadurch, dass ich nicht bei der Bundeswehr studiert habe, habe ich den riesengroßen Vorteil gehabt, dass ich ein unfassbares Budget vom sogenannten Berufsförderungsdienst (BFD) der Bundeswehr zur Verfügung gestellt bekommen habe.
CP: Bedeutet was?
PR: Das heißt, ich habe über fünf Jahre die Möglichkeit gehabt, mich in Anführungszeichen resozialisieren zu lassen und ein gefördertes Studium zu beginnen.
CP: Von wem wird das finanziert, von der Bundeswehr direkt?
PR: Genau. Dadurch, dass ich eben nicht intern bei der Bundeswehr studiert habe, habe ich das Budget noch einmal obendrauf gehabt, um dann extern verschiedene Sachen machen zu können. Unter anderem habe ich angefangen, Gesundheits- und Sozial Management zu studieren, quasi das BWL der sozialen Branche. Habe dann noch verschiedene andere Lehrgänge besucht. Zum Beispiel war ich bei einer Unternehmensberatung, einer sehr etablierten in Düsseldorf. Dort habe ich mich am Konzept Six Sigma zum Unternehmensberater ausbilden lassen. Habe mir unterschiedliche Bausteine geholt die mich in Summe befähigten ein Unternehmen zu gründen und zu führen.
CP: Six Sigma ist ein systematisches Vorgehen zur Prozessverbesserung. Dabei werden analytische und statistische Methoden angewandt. Die Besonderheit ist der mathematische Ansatz, da angenommen wird, dass jeder Geschäftsprozess als eine mathematische Funktion beschrieben werden kann. Ist das so richtig zusammengefasst?
PR: Six Sigma ist eine Methode, die ursprünglich aus Asien, aus Japan kommt, um Prozesse zu optimieren. Mit einer Fehlerfreiheit von 99,99 Prozent. Das klingt erstmal sehr ambitioniert, ist aber tatsächlich möglich. Wobei man dazu sagen muss, dass diese Prozessoptimierung eigentlich eher gedacht ist für produzierende Betriebe, wie zum Beispiel die Automobilindustrie oder Banken. Und tatsächlich, ich war der Erste, der zum Six Sigma College Düsseldorf gekommen ist, der ambitioniert war, in der Pflege tätig zu sein. Die Prozesse sind auch nicht in Gänze in der Pflege anwendbar. Aber man kann viele Tools nutzen, um sie dann im Alltag anzuwenden. Das hat mich tatsächlich häufig schon weitergebracht um Geld- und Zeitfresser, Emotion und emotionale Entscheidungen auf ein Minimum zu reduzieren und mit Zahlen, Daten, Fakten zu erarbeiten.
CP: Was kam dann, was war der nächste Step?
PR: Ich habe dann angefangen, in einem Altenheim zu arbeiten, 1 Jahr als Assistent der Geschäftsführung. Dort habe ich jemanden kennengelernt, der einen Intensivpflegedienst betreibt. Als ich mir angeschaut habe, wie die Mitarbeiter dort arbeiten, mit dem Bild im Kopf, wie bei uns im Altenheim gearbeitet wurde, ist für mich sofort die Entscheidung gefallen, dass ich mich selbstständig machen möchte. Patienten orientiert arbeiten zu können und Zeit für die Patienten zu haben. Das war mein Ziel. Die Menschlichkeit sollte nicht verloren gehen.
Ich habe meinen Ausstieg aus dem Altenheim vorbereitet, habe mich dazu entschieden, einen eigenen Pflegedienst zu gründen, um eine Alternative zu den bestehenden Strukturen zu bieten.
CP: was war Ihr Gründungsansatz?
PR: Weil man natürlich als Gründer Geld verdienen muss konzentrierte ich mich auf die Intensivpflege. Ich gründete also eine Intensivpflege WG.
Damit bin ich regelrecht durchgestartet, anders kann man es nicht formulieren. Als ich nur wenige Wochen auf dem Markt war, habe ich auf einmal gemerkt, dass eine unfassbare Welle der Interessierten auf mich zukam. Sowohl aus dem fachlichen Bereich, wodurch wir sehr schnell Kooperationen schließen konnten, als auch von Seiten der Kunden. Diese bemerkten da läuft irgendwas anders als bei anderen Pflegedienstleistern.
CP: Sie haben sich selbstständig gemacht und, um einen ambulanten Pflegedienst zu gründen, braucht man ja ein gewisses Investitionsvolumen. Konnten Sie das privat stemmen? Oder haben Sie sich andere Finanzierungsmöglichkeiten gesucht?
PR: Ich habe einen Großteil natürlich aus eigenen Mitteln stemmen müssen, habe dann der Bank ein schlüssiges Konzept vorgelegt, weswegen ich mir einen sehr komfortablen Rahmen geschaffen habe, sodass ich da genug Spielraum hatte. Zusätzlich habe ich durch den BFD 5 Jahre nach Ausscheiden aus der Bundeswehr so genannte Übergangsgebührnisse bezogen. Mein damaliges Gehalt wurde mir zu Anfang mit 90 Prozent und später noch zu 75 Prozent weitergezahlt.
CP: Hat die finanzierende Bank damals schon erkannt, dass die Branche, in der Sie investieren und wofür das Kapital zur Verfügung gestellt werden soll, eine Boom Branche ist?
PR: Nein! Nein, es war wirklich ein ganz harter Kampf mit der Bank. O-Ton war „wenn Sie hier der 20. selbständige Malermeister werden wollen, dann wäre das alles überhaupt kein Problem. Das, was Sie da machen, kenne ich nicht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sie damit Geld verdienen können. Deshalb können wir sie nicht unterstützen“.
Über meine Steuerberatung Kanzlei habe ich mir dann einen externen Berater mit ins Boot geholt, der durch einen Businessplan mir den notwendigen Support gegeben hat.
Ich habe zum Glück auf Insiderwissen aus der Branche zurückgreifen können, sodass ich der Bank dann anhand von Zahlen belegen konnte, dass es gar nicht so eine abwegige Idee ist, die ich hatte. Folgerichtig habe ich dann irgendwann das Gründungsdarlehen erhalten. Im Nachhinein hat mir ein Banker gesagt, dass deren Erwartungen bei weitem übertroffen wurden und die Bank die von meinem Unternehmen realisierte Entwicklung niemals für möglich gehalten hätte. Im Nachhinein war die Bank happy, dass sie mein Vorhaben finanzieren durfte.
CP: War dieser Finanzierungsdruck Grund, sich mit der Intensivpflege für ein bestimmtes Spektrum der Pflege zu entscheiden, das besonders lukrativ erschien? War Ihnen klar, dass Sie hier am besten oder am leichtesten Geld verdienen können und warum ist das so in der Intensivpflege?
PR: Ganz einfach aus dem Grund, weil ich, was die Preisfindung anbelangt, nicht an die gesetzlichen Regelungen gebunden bin. Das heißt, ich muss für jeden einzelnen Patienten eine eigene Kostenkalkulation erstellen. Diese Kostenkalkulation verhandele ich dann mit der jeweiligen Krankenkasse. Dabei kommt es, um gute Preise zu erzielen, einzig und allein auf mein persönliches Verhandlungsgeschick an. Das bedeutet, normalerweise hätte man in der Pflege Preise, an denen ich mich orientieren muss. In der ambulanten Pflege ist das bekanntlich nach den Leistungskomplexen festgelegt. In der Intensivpflege ist das zum Glück nicht der Fall. Dadurch ist es dann halt möglich andere, bessere Preise zu erzielen.
Mein Credo war und ist immer, wenn ihr eine gute Leistung verlangt und haben wollt dann zahlt aber auch bitte den Preis, denn dieser Preis ist aufgrund der Qualität gerechtfertigt. Wenn ihr keine gute Arbeit haben wollt, dann könnt ihr gerne den Dumpingpreis zahlen. Dann bin ich aber der falsche Ansprechpartner.
CP: Für diesen Qualitätsanspruch muss man aber auch erst einmal die Zielgruppe finden die das finanzieren kann. Spielen Sie mal bitte, einfach dargestellt, einen Case im Kontext der Intensivpflege durch. Welche Leistungen bieten Sie, wo liegt der Eigenanteil beim Kunden und welche Co-Finanzierungsmöglichkeiten hat er?
PR: Ganz einfach, der Kunde kommt direkt mit seinem Intensivpflege Bedarf auf uns zu. Indirekt ist es dann das Krankenhaus das uns den Kunden sozusagen vermittelt.
CP: Das Case- oder Entlassmanagement dann?
PR: Ja genau. Dann fährt unsere Pflegedienstleitung oder der Fachbereichsleiter bzw. Case-Manager dorthin, zum Kunden nach Hause oder ins Krankenhaus. Er begutachtet den Patienten, gibt mir einen Überblick darüber, was für ein pflegerischer Bedarf daraus entsteht. Ich muss dann beurteilen, welche Mitarbeiter ich in dem Fall einsetzen kann. Wenn es ein Patient ist, der ganz besondere Anforderungen hat, kann ich da natürlich nur Mitarbeiter einsetzen, die extrem in diesem Bereich geschult sind. Wenn ich jetzt einen etwas einfacheren Fall habe, dann kann ich natürlich auch Mitarbeiter einsetzen, die nicht so geschult und dementsprechend günstiger sind. Danach ist es meine Aufgabe dann eine Kalkulation aufstellen. Das ist ganz einfach. Die Mitarbeiter, die dort 24 Stunden täglich eingesetzt sind, müssen dementsprechend refinanziert werden.
CP: Und dann kommen Sie auf eine monatliche Summe X, was macht der Kunde dann mit dieser Kostennote?
PR: Ich verhandele direkt mit der Krankenkasse, und die sagt ja oder nein. Bei Ablehnung hat der Kunde noch die Veto-Möglichkeit. Wenn die Krankenkasse zustimmt, rechne ich direkt mit der Krankenkasse ab.
CP: Auf den Kunden kommt da nichts an Eigenleistung zu? Wird das Ganze ärztlich verordnet?
PR: Doch, es wird ärztlich angeordnet. Das ist Grundvoraussetzung, dass die mir in einer Verordnung Auskunft darüber geben um was für ein Krankheitsbild es sich handelt. Und daraus, und aus meiner Kalkulation, ist dann für die Krankenkasse ersichtlich, ob tatsächlich der Bedarf da ist oder nicht. Vom Marketing her oder von der Generierung ist es dann relativ eindimensional. Ja.
CP: Sie müssen sich bei den Krankenhäusern bekannt machen. Die Krankenhäuser haben Intensivpflege Patienten die werden über den Case-Manager zu Ihnen vermittelt, weil man mittlerweile weiß, dass Sie zuve...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Hinweise
- Titel
- Über den Autor
- Impressum
- Inhalt
- Vorwort
- Eine Übersicht über die Pflegebranche
- Interview mit Philipp Rinas. Multi Unternehmer in der Pflegebranche
- Interview mit Uwe-Matthias Müller. Vorstand Bundesverband Initiative 50Plus e.V
- Interview mit Alexa Ahmad. pme Familienservice GmbH
- Interview mit Sonja Peichl. Leiterin Stiftung & Fundraising im Caritasverband für die Diözese Limburg und Geschäftsführerinder Caritas-Gemeinschaftsstiftung im Bistum Limburg
- Interview mit Bianca Krell. Alloheim Senioren-Residenzen SE ›Haus Staufenberg‹
- Interview mit Alexander Groß. Home Instead Seniorenbetreuung, Büro Frankfurt Mitte
- Interview mit Nicole Aue. Consultant & Berufsbetreuer (rechtliche Betreuungen)
- Interview mit Bastian Schott. Klinikum Westfalen GmbH
- Interview mit Holger Klötzner. 1ACare GmbH
- Interview mit Marc Oliver Erni. Pflegeagentur Erni
- Interview mit Peter Blassnigg. PROMEDICA PLUS Franchise GmbH
- Interview mit Jürgen Bender. Saarländischer Pflegebeauftragter
- Interview mit Lars Kilchert. pflege.de
- Gastbeitrag des Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“ DIHK Service GmbH, Berlin
- Ausblick – Zur Zukunft der Pflege in Deutschland
- Anmerkungen
Häufig gestellte Fragen
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