2 Die homerische Frage
In der berühmten Antrittsvorlesung Homer und klassische Philologie (HkP, KGW II/1, S. 253) sowie in zwei Sektionen der Vorlesungen über die Geschichte der griechischen Literatur (GGL, KGW II/5, S. 41 – 42, 294 – 295) spricht Nietzsche direkt einige der theoretischen Hauptkerne der homerischen Frage an. Die homerische Frage stellt eine der wichtigsten Fallstudien für die Analyse der Zusammenhänge der mündlichen Überlieferung in der Antike dar. Seitdem Friedrich August Wolf hervorgehoben hatte, wie zentral die Mündlichkeit für die ersten Jahrhunderte der Überlieferung der Gedichte war, bis Milman Parry auf der Grundlage der Zusammensetzung, Aufführung und Übertragung der Gedichte herausarbeiten konnte, welche mnemonischen Strategien in der Frühzeit angewandt worden sein mussten, hat die klassische Philologie mit einem internen Paradox zu kämpfen. Die mündliche Kultur, die ursprünglich die homerischen Gedichte produzierte und übertrug, beruhte zunächst auf der Erinnerung: „Ces poèmes restent lontemps ecrits seulement dans la mémoire des hommes“ (Rousseau 1780 – 89, S. 355 – 356).
Wie diese Aussage von Rousseau eindrucksvoll veranschaulicht, ist das erste Paradox dasjenige eines nicht geschriebenen Textes, eines immateriellen Schreibens allein im Medium des Gedächtnisses. Mit dem Aufkommen der Schrift, die die mündliche Überlieferung allmählich ersetzte, wurde aus der Erinnerung geschriebener Text. Das Paradox, so Nietzsche, liegt in der Tatsache, dass die Philologie die nach Jahrhunderten längst nicht mehr lebendige Erinnerung ersetzen muss, und zwar nicht nur in Bezug auf die schriftliche Tradition, wo dies ganz legitim wäre, sondern auch und vor allem, wenn es um das Feld der mündlichen Überlieferung geht. Da der mündliche Ursprung der homerischen Gedichte nur durch Geschriebenes zugänglich ist, ist die Philologie gezwungen, das gesprochene Wort im schriftlichen Text zu suchen. Die Philologie muss also zu einer Philologie des Gedächtnisses werden und dazu dessen Techniken verstehen und sich aneignen. Für Nietzsche ist dieses Übergreifen des Philologen in das Reich der Erinnerung sicherlich äußerst produktiv, aber auch ein Vorbote gefährlicher Verfahrensverstöße und methodischer Inkonsistenzen.
Nun ist der Wandel, den dieses Paradox nicht nur in der Perspektive, sondern auch in den philologischen Verfahren provoziert, nie vollständig von der Disziplin der klassischen Philologie übernommen worden. Obwohl es viele Versuche gegeben hat,2 die mündliche Dimension der homerischen Gedichte zu erforschen, hat sich die tief verwurzelte Überzeugung gehalten, dass nur eine Kritik der textuellen Tradition, d. h. des geschriebenen Textes, tatsächlich in der Reichweite des klassischen Philologen liege und damit legitim sei. Bereits Wolfs Hauptwerk, die Prolegomena ad Homerum (1795), kündet von den Schwierigkeiten eines klassischen Philologen – der ja laut Nietzsche eine hochliterarische Kultur vertritt –, die innere Dynamik einer mündlichen Kultur zu verstehen. Wohl sei Wolf imstande gewesen, die Umrisse dieser Dynamik zu erkennen, nicht aber dazu, ihr als Folge hieraus eine interne Kohärenz und Gültigkeit zuzugestehen, die derjenigen der schriftlichen Kultur hätte gleichkommen können.
In diesem Beitrag werde ich mich auf Nietzsches Kritik an Friedrich August Wolf konzentrieren. Wolf ist zweifellos der klassische Philologe, mit dem sich Nietzsche im Laufe seines Lebens am meisten auseinandergesetzt hat. In den Notizen für die unveröffentlichte Unzeitgemäße Betrachtung „Wir Philologen“ setzt Nietzsche Wolf gegen die zeitgenössische philologische Tradition ein, indem er gegen ihren Niedergang die Karte der höchsten Ansprüche des brillanten Vaters der Disziplin ausspielt (vgl. Santini 2018). Auch in Bezug auf die homerische Frage stellt Nietzsche Wolf gegen Wolf selbst: Er folgt den Vorschriften von dessen Methode mit äußerster Konsequenz, um schließlich aufzuzeigen, wie der Philologe gegen die von ihm selbst erlassenen methodischen Gesetze verstößt. Nietzsche hebt die blinden Flecken in Wolfs Interpretation hervor und zeigt die Reibung zwischen einer durch die Schrift geprägten Vorstellung vom Werk der Komposition einerseits, der Anerkennung des wirklichen Potenzials einer mündlichen Kultur andererseits. Dazu gebraucht Nietzsche ein eher ungewöhnliches kritisches Werkzeug: Er bedient sich der Kritik an Wolf, die ein junger Philologe aus Kopenhagen, Frederick Nutzhorn, geübt hatte. Nutzhorns kritischer Kommentar (1869) zu Wolfs Prolegomena mag in mancher Hinsicht unreif sein, was die Anerkennung seine Brillanz jedoch nur unwesentlich schmälert. Dieser kurze Exkurs zur intellektuellen Mikrogeschichte eines kleinen Kapitels der Debatte über die homerische Frage wird, wie ich hoffe, zentrale Aspekte dieser Querelle hervorheben und uns helfen, das ‚Vorurteil‘ der klassischen Philologen gegenüber der Oralität klarer zu verstehen.
3 Die zwei Traditionen
Traditionell gelten Friedrich August Wolfs Prolegomena ad Homerum als Geburtsstunde der modernen homerischen Frage. Tatsächlich basierte Wolfs Arbeit inhaltlich auf früheren Studien und die homerische Frage selbst war keine neue Frage in der Geschichte der abendländischen Kultur zur Zeit Wolfs. Seine Originalität ist vielmehr eine Frage der Form und manifestiert sich in der Klarheit seines Urteils sowie in seiner Fähigkeit, die Ergebnisse der bisherigen Forschung und die verschiedenen Verfahren zu systematisieren, indem er eine einzigartige Methode der kritischen Untersuchung etabliert. Wie Immanuel Kant für die Philosophie, so hinterfragt Friedrich August Wolf für die Philologie erstmals systematisch die Bedingungen der Möglichkeit des kritischen Studiums der homerischen Gedichte: die Instrumente, Methoden und Grenzen der kritischen Praxis, die sich mit diesen Meisterwerken der Antike befasst. Diese Methode stützt sich auf die Überprüfung von Quellen als Voraussetzung für die Konstitution eines Textes, der dem Original so nahe wie möglich sein sollte:
Diese Methode bietet sicherlich Platz für das Talent und die Kunst der Konjektur, aber da die Glaubwürdigkeit eines jeden antiken Textes ganz auf der Reinheit seiner Quellen beruht, müssen wir vor allem – und dies können wir kaum ohne Talent tun – danach streben, die Eigenschaften und den individuellen Charakter der Quellen zu untersuchen, aus denen der Text eines jeden Schriftstellers stammt. (Wolf 1795, I, S. 5)3
Für diese Methode und ihre theoretischen Prämissen stellen die homerischen Gedichte einen höchst problematischen Fall dar. D...