1.1 Von Personen und Figuren
Literarische Texte erlauben es uns, die Figuren der erzÀhlten Welt wie real existierende Personen wahrzunehmen. Glauben wir, sie zu kennen, haben wir jedoch lediglich die Textstrukturen verstanden, aus denen sie sich als Artefakte der individuellen Rezeption erheben, und wir haben Vorstellungsmuster nachvollzogen, die sich bei der Verschriftlichung im Text ausgeprÀgt haben.1
Adalbert Stifter, der Autor, um dessen Texte und Figuren es hier gehen soll,2 war sich des Unterschieds zwischen literarischen Figuren und realen Personen nur allzu bewusst. In einem Brief an seinen Verleger Gustav Heckenast, in dem es um die Entstehung des historischen Romans Witiko geht, Ă€uĂert er sich dazu wie folgt:
Das Entwerfen das Finden das ZusammenrĂŒken das Meinen, man werde nun das Vollendete aufbauen, hat sein EntzĂŒken, es ist, als erschĂŒfe man Menschen; aber wenn der Sak fertig ist, und die Wichte da stehen, erbarmen sie einem, und man muĂ das Menschenerschaffen doch dem lieben Gott ĂŒberlassen, dem ein Schuhknecht mehr gelingt als uns ein Held. Er kann gehen stehen liegen laufen saufen und fluchen, wĂ€hrend der unsere froh sein muĂ, wenn er in der irdischen Welt nur ein bischen Athem zu schöpfen vermag und nicht lediglich Papier ist.3
Es sei zunĂ€chst einmal dahingestellt, ob Stifter hier nun aufgesetzte Bescheidenheit an den Tag legt oder aufrichtige Selbstkritik ĂŒbt. GrundsĂ€tzlich lĂ€sst sich aber feststellen, dass die âIllusionsmĂ€chtigkeit literarischer Figurenâ4 den eingangs beschriebenen Effekt immer wieder zuverlĂ€ssig auslöst. Dies liegt zunĂ€chst einmal daran, dass âPersonenvorstellungen, die bei der Rezeption literarischer Werke zustande kommen, [...] psychische Gebilde [sind]â5, die sich nicht grundlegend von den Vorstellungen unterscheiden, die entstehen, wenn man Menschen in der RealitĂ€t kennenlernt oder durch die Medien wahrnimmt. Bildet man sich eine initiale Vorstellung von einer real existierenden Person â etwa beim ersten Kennenlernen â, so beruht dieser Vorgang auf dem Prinzip der SimultaneitĂ€t, denn die Wahrnehmung der Person beruht auf ihren ââgleichzeitigâ vorhandenen Eigenschaftenâ6 und speist sich somit zunĂ€chst aus SinneseindrĂŒcken, die parallel zueinander entstehen: Man schaut einem Menschen ins Gesicht, wĂ€hrend man seinen HĂ€ndedruck spĂŒrt, vielleicht einen Geruch wahrnimmt und seine Stimme hört. Diese SinneseindrĂŒcke werden dann zu einem ersten, vorlĂ€ufigen Urteil weiterverarbeitet. Auch wenn sich die Vorstellung, die in diesem Moment entsteht, im Laufe der Zeit weiter herausbilden und verĂ€ndern wird, kann sie doch auf Anhieb als vollstĂ€ndig gelten, denn sie lieĂe sich fĂŒr andere nachvollziehbar beschreiben.
Literarische Texte dagegen können aufgrund ihrer linearen Struktur nur sequentiell rezipiert werden. Deswegen lĂ€sst sich die Wahrnehmung literarischer Figuren als âTransformation von sukzessiven Textstrukturen in Personenvorstellungenâ7 beschreiben. Ihre Wahrnehmung folgt paradoxerweise aber trotzdem dem Prinzip der VollstĂ€ndigkeit und Gleichzeitigkeit.8 Schon nach der Bereitstellung von ersten Informationen konstruieren die Rezipienten eines literarischen Textes eine detaillierte Vorstellung der dargestellten Figur.9 Bei diesem Vorgang ergĂ€nzen sie die vom Text bereitgestellten, notwendigerweise zunĂ€chst lĂŒckenhaften Informationen vor dem Hintergrund von kulturellen, sozialen und literarischen WissensbestĂ€nden und persönlichen Ăberzeugungen.10 Diese Faktoren spielen aber auch schon bei der Textproduktion eine Rolle, denn die WissensbestĂ€nde und Personenkonzepte des Autors haben sich auf die Gestaltung der Figuren ausgewirkt und im Text ausgeprĂ€gt. Um den Prozess der Vorstellungsbildung in Bezug auf literarische Figuren angemessen zu beschreiben, mĂŒssen also nicht nur die Vorstellungsmuster berĂŒcksichtigt werden, ĂŒber die ein Leser zum Zeitpunkt der Textrezeption verfĂŒgt, sondern auch die âsozialen Stereotypenâ11, die fĂŒr die Entstehungszeit des Textes in Anschlag zu bringen sind.
Literarische Figuren lassen sich also als Konstrukte beschreiben, an die sich kulturell determinierte Vorstellungsmuster anlagern. Diese Muster tragen dazu bei, eine bestimmte Personenvorstellung im Bewusstsein des Rezipienten entstehen zu lassen. Bei der Interpretation der Texte, die ich fĂŒr diese Untersuchung ausgewĂ€hlt habe, soll es stets darum gehen, die dargestellten Figuren als solche Konstrukte zu begreifen und danach zu fragen, welche Vorstellungsmuster sich bei ihrer Gestaltung ausgeprĂ€gt haben. Dabei werde ich der literarischen Darstellung jener Transformationsprozesse, die als BildungsgĂ€nge der Figuren bezeichnet werden können, besondere Aufmerksamkeit schenken. Gegen einen solchen Untersuchungsansatz könnte man allerdings mindestens zwei EinwĂ€nde ins Feld fĂŒhren.
1.2 Stifters Figuren
Der erste dieser beiden EinwĂ€nde besteht in der kritischen Frage, warum gerade die Texte Adalbert Stifters einen geeigneten Untersuchungsgegenstand fĂŒr ein Vorhaben darstellen, das eine eingehende Analyse literarischer Figuren zum Ziel hat. SchlieĂlich haben schon Stifters Zeitgenossen den Vorwurf erhoben, dass es dem Autor bei der Gestaltung seiner erzĂ€hlten Welt12 um ganz andere Dinge ging als um die Figuren, die diese Welt bevölkern.13 Stellvertretend fĂŒr eine solche Auffassung steht Friedrich Hebbel, der als einer der schĂ€rfsten Kritiker Stifters auftrat und in einem 1858 veröffentlichten Aufsatz postulierte, dass in der Nachfolge Karl Immermanns eine perspektivische Verengung der literarischen Darstellungsformen eingesetzt habe, die bei Stifter ihren Höhe- und Endpunkt erreiche:
Sie [Immermanns Nachfolger; H. A.] hielten aber doch wenigstens noch den Menschen fest, wenn auch nur auf höchst untergeordneter Stufe, und der hervorragendste von ihnen, Jeremias Gotthelf, knĂŒpfte immer, wenn auch nicht an Ideen, so doch an didaktische Gesichtspunkte an, um der Stagnation vorzubeugen. Erst dem Mann der ewigen Studien, dem behĂ€bigen Adalbert Stifter, war es vorbehalten, den Menschen ganz aus dem Auge zu verlieren [...].14
Eine Ă€hnliche Kritik hatte Hebbel bekanntlich auch schon neun Jahre frĂŒher formuliert, als er in einem an Stifter und andere âNaturdichterâ15 gerichteten Epigramm fragte: âWiĂt ihr, warum euch die KĂ€fer, die Butterblumen so glĂŒcken?â16 und im nĂ€chsten Vers die Antwort gab: âWeil ihr die Menschen nicht kennt, weil ihr die Sterne nicht seht!â17 Die oben zitierte These jedoch stellte er auf, nachdem er Stifters Nachsommer gelesen hatte, ein Werk, in dem sich, so Hebbel, âdie Selbstaufhebung der ganzen Richtung [vollzog]â18, nachdem sie in ihm âentschieden den letzten denkbaren Schritt getanâ19 hatte. Bei aller Polemik, die Hebbels Einlassungen zu Stifter immer wieder bestimmt, ist eines sicher nicht von der Hand zu weisen: Gerade der Nachsommer unterlĂ€uft konsequent den eingangs beschriebenen Effekt, der es uns erlaubt, literarische Figuren als real existierende Personen zu imaginieren.20 Der auf beinahe 800 Seiten ausgedehnte autobiografische Bericht des Ich-ErzĂ€hlers lĂ€sst â so viel kann wohl gefahrlos behauptet werden â keine Personenvorstellung von Heinrich Drendorf entstehen, die ihn im Hinblick auf den gerade erwĂ€hnten Effekt in eine Reihe mit so unterschiedlichen Figuren wie etwa Effi Briest aus dem gleichnamigen Roman von Theodor Fontane, Sherlock Holmes aus mehreren Romanen und ErzĂ€hlungen Arthur Conan Doyles, Elizabeth Bennet aus Jane Austens Pride and Prejudice oder Mynheer Peeperkorn aus Thomas Manns Der Zauberberg stellen wĂŒrde. Stifter hat sicher auch Figuren geschaffen, die Heinrich Drendorf in dieser Hinsicht ĂŒbertreffen. Um den Kontext dieser Arbeit nicht zu verlassen, seien stellvertretend Jodok von Scharnast aus Die Narrenburg, der Obrist Casimir Uhldohm21 aus Die Mappe meines UrgroĂvaters und das âwildeâ MĂ€dchen Juliana aus Der Waldbrunnen genannt. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Stifters Texte durch ihre prĂ€moderne, den Dingen zugewandte âDeskriptionspoetikâ22 immer wieder eine Distanz zwischen Figur und Leser errichten.23 Ein solcher Abstand kann dem Ansatz der vorliegenden Untersuchung aber nur dienlich sein, denn auch ein literaturwissenschaftlicher Leser ist nicht davor gefeit, sich von dem Effekt, der âaus SĂ€tzen Personen werdenâ24 lĂ€sst, vereinnahmen zu lassen. In anderen Worten: Die literarischen Figuren, die Adalbert Stifters erzĂ€hlte Welt bevölkern, geben sich besonders deutlich als Konstrukte zu erkennen, an die sich, wie eingangs beschrieben, kulturell determinierte Vorstellungsmuster angelagert haben. Deswegen sind seine Texte fĂŒr das oben beschriebene Vorhaben sogar in besonderer Weise geeignet.