Während die Fernsehkamera die nächtliche Hofburg und Teile des Wiener Heldenplatzes in den Blick nahm, eröffnete der ORF-Moderator Armin Wolf die ZIB2-History-Sondersendung „1938 – Der ‚Anschluss‘ – Hitler am Heldenplatz“ mit folgenden Worten:
| (1.1) | Guten Abend meine Damen und Herren vom wohl geschichtsträchtigsten Ort Österreichs. |
Nach dieser Ansage wechselte die Kamera und machte den Moderator, weite Teile des Heldenplatzes sowie die beleuchteten Gebäude des Parlaments und Rathauses sichtbar. Wolf schloss sogleich an die Einleitung an:
| (1.2) | Ich stehe hier auf der Terrasse der Neuen Hofburg in Wien über dem Heldenplatz an genau jener Stelle also, von der Adolf Hitler heute vor 80 Jahren die „größte Vollzugsmeldung“ [liest vom Blatt; Anm. CB] seines Lebens auf diesen Platz hinunter gebrüllt hat, „den Eintritt meiner Heimat“ [liest vom Blatt; Anm. CB] ins Deutsche Reich. |
Der ‚geschichtsträchtigste Ort Österreichs‘ war bzw. ist1– dieser Inszenierung zufolge – nun nicht mehr nur der Wiener Heldenplatz, wie es noch der Titel der Sendung vermuten lässt, sondern ein Raum, der aus einem Konglomerat verschiedener Orte besteht. Diese waren Zeugen eines weithin vernehmbaren, ‚gebrüllten‘ Aktes, der – im weiteren Sendungsverlauf – ein negativ bewertetes, historisches Ereignis bezeichnet.
Den Autor überraschte die zeittragende Wertzuschreibung nicht. Es ist sogar zu vermuten, dass viele weitere Personen ähnlich empfanden, denn die Modalpartikel „wohl“ ist ein „Ausdruck zur Markierung einer Vermutung“ (Brünjes 2014: 172), die in diesem Fall markiert, dass ‚wohl‘ geteilte Wissensbestände vorhanden sein werden, jedenfalls in Teilen des Publikums dieser abendlichen Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Dennoch stellt sich die Frage, wie es möglich sein kann, dass ein Ort ‚Geschichte‘ trägt, sogar ‚die meiste‘ Geschichte eines ganzen Landes. Woran erkennt man diese Geschichte? Wer hat sie geprägt und – kritisch gefragt – wer geschrieben? Darüber hinaus drängt sich auch – angesichts der frühen Erwähnung in der Anrede des Publikums – die Frage auf, welche diskursiven Funktionen diese Zuschreibung einnimmt. Ist es das Anzeigen einer ‚Fülle‘, die in der Steigerung salient ist, oder geht es um eine ‚Bürde‘, wie der Nachsatz vermuten lässt? Was macht den Heldenplatz also aus – jetzt, und ‚wohl‘ auch schon früher?
In Österreich ist der Wiener Heldenplatz tatsächlich – jedenfalls in der Wahrnehmung des Autors – ‚kein Unbekannter‘. Er rückt immer wieder ins Zentrum öffentlicher Diskurse, sei es bei staatlich-politischen Praktiken, wie der Angelobung von SoldatInnen des Österreichischen Bundesheeres, politischen Reden oder Gedenkveranstaltungen, oder bei zivilgesellschaftlichen Raumaneignungen wie Konzerten und Protesten. Das Gedicht wien : heldenplatz (1962) von Ernst Jandl (s. Jandl 1980 [1976]: 37) und das Stück Heldenplatz (1988) von Thomas Bernhard (Bernhard 2017 [1988]) bzw. dessen Uraufführung von Claus Peymann sind an Personen geknüpft, die ebenfalls eine gewisse Bekanntheit des Ortes vermuten lassen.
Vor Ort lässt sich – egal von welcher Richtung man sich diesem weitläufigen Platz in der Wiener Innenstadt nähert – eine historische Charakteristik des Ortes nicht verheimlichen. Auch die Historie des Platzes weist eine deutliche Salienz historischer Merkmale auf, wie folgende Zusammenschau in aller Kürze verdeutlichen soll (s. im Detail Stachel 2018):
Bevor von einem Heldenplatz gesprochen wurde, war an diesem Ort zunächst ein Teil der Wiener Stadtmauern und der Burgbastei, die bereits 1683 zu Zeit der Osmanenkriege militärisch relevant waren. 1809 wurden sie – durch Napoleons Truppen – gesprengt. Der nun sozusagen ‚offene‘ Platz wurde u.a. Promenadeplatz und Neuer Paradeplatz genannt. 1824 folgte die südliche Einrahmung des Ortes mit dem Äußeren Burgtor, das ein Denkmal für die Gefallenen dieses Krieges darstellte.
Als äußerer Burgplatz hätte der Ort in den Plänen von Kaiser Franz Joseph I. erneutumgestaltetwerden sollen: In einem übergroßen – und nicht abgeschlossenen – Bauprojekt, dem Kaiserforum, wäre der Platz durch eine Verlängerung, die bis zu den heutigen Natur- und Kunsthistorischen Museen gereicht hätte, eingerahmt worden. Der Heldenplatz und der Volksgarten wurden aber nie entsprechend verbaut, wodurch man heute ‚freie Sicht‘ Richtung Nordosten auf das Parlament und das Rathaus hat. 1860 und 1865 erschienen die später namensgebenden ‚Helden‘ des Platzes: Erzherzog Karl und Prinz Eugen wurden als militärische Heeresführer in Form von zwei Reiterstatuen vor Ort verewigt.
Die frühe Zweckzuschreibung des Heldenplatzes als ‚Paradeort‘ blieb – trotz Umbenennungen – bis heute erhalten, indem sich immer wieder staatliche wie zivilgesellschaftliche Raumaneignungen mehr oder weniger temporär in den Raum einschreiben. Neben der Nutzung als Marktplatz, Tourismus- und Verkehrsort, sind es vor allem die weniger alltäglichen Raumaneignungen, auf die nachhaltig bei verschiedensten Anlässen referiert wird. Große Menschenmengen sind beispielsweise für den Wiener Katholikentag (1925), Aufmärsche des austrofaschistischen ‚Ständestaats‘ und bei Adolf Hitlers sogenannter ‚Anschluss-Rede‘ 1938 bezeugt. Auch militärische Paraden sind bis heute übliche und in gewisser Weise erwartete Praktiken.
1945 sollte der Heldenplatz noch einmal, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, zu einem Ort heftiger Kämpfe werden (s. bes. Reisner 2020: 396–401). Spuren davon werden heute nur noch bei Bauarbeiten sichtbar.
Bereits dieser kurze Überblick zeigt auf, dass Zuschreibungen gewisser zeitlicher Aspekte zum Heldenplatz so, wie sie eingangs zitiert wurden, nachvollziehbar getroffen werd en können. Die ebenfalls bereits erwähnten Fragen nach dem Zustandekommen dieser Zuschreibungen, ihrer Werte und Funktionen lassen sich aber nicht mit einer linearen chronologischen Auflistung von Ereignissen beschreiben. Auch ist unklar, ob die Kenntnis über die Ereignisse eine Zustimmung für einen Superlativ wie der geschichtsträchtigste Ort Österreichs bringen könnte. Vielleicht ist es aber auch die Selbstverständlichkeit, die in Armin Wolfs Äußerung anklingt, die einen genaueren Blick auf diese und ähnliche Aussagen anderer Akteure verlangt.
Worin könnte aber die Relevanz für eine Untersuchung von so etwas ‚Offensichtlichem‘ liegen? Was könnte die Unternehmung einer ‚Reise‘ durch die diskursiven Verflechtungen über die Zeiten hindurch bringen, wenn eine anscheinend wesentliche Antwort über die historische Wertigkeit des Heldenplatzes schon gegeben ist? Was könnte darüber hinaus die Anregung zur Untersuchung ähnlicher – oder vielleicht gänzlich anderer – Plätze sein, wenn Orte und ihre Entstehung im Großen und Ganzen schon beschrieben sind?
Die Relevanz für ein solches Unternehmen ist in der Verknüpfung von Diskurskonstituierungen, also von kommunikativen Prozessen der Wissensbildung, mit sozialen Handlungsbereichen zu sehen. Wissen ist kein statischer ‚Erfahrungsschatz‘ einer Gruppe von Akteuren oder einer Gesellschaft. Es wird dynamisch und über mehrere kommunikative Modi und Medien in potentiell allen Akteursebenen hindurch konstruiert, distribuiert und erhalten. Wissen ist sogar im Rezipieren, hier und in diesem Moment, in Bewegung, was letztendlich methodologische Folgen für die Positionierung der Forschenden – somit auch auf den Autor dieser Untersuchung – hat. Insgesamt werden über kommunikative Prozesse der Wissenskonstituierung soziale Ordnungen und Bewegungen analytisch erfahrbar, die immer Teil dieser Prozesse sind.
Die Fragen nach der Konstituierung des Heldenplatzes, seiner zugeschriebenen Charakteristiken sowie nach den Mechanismen der Wissenskonstituierung reihen sich ein in einige philosophische, soziologische, sozialgeographische und nicht zuletzt linguistische Perspektiven auf Räume und Zeiten. Denen zufolge werden Räume – analog zur obigen Charakterisierung von Wissen – nicht als fest determinierte und statische Objekte beschrieben, sondern es stehen die sozialen und insbesondere kommunikativen Prozesse ihrer (laufenden) Entwicklung im Vordergrund. Ebenso ‚fluid‘ fallen auch die Konzepte zu Historizität aus. Zeitlichkeit ist Diskursen als inhärenter Bestandteil eigen und sie begleitet soziale Ordnungen in mehreren ‚Geschwindigkeiten‘ und ‚Phasen‘.
Diese beiden Diskursgrößen, Räumlichkeit und Historizität, sind also inhärent mit sozialen Prozessen und dadurch zugleich mit der Herausbildung von Wissen, Bewertungen und Positionierungen sozialer und gesellschaftlicher Selbst- und Fremddefinitionen verbunden. Die konzeptuelle Koinzidenz aus Diskurs-, Raum- und Zeitkonstituierungen ist damit grundlegend in der weiteren Untersuchung und markiert zugleich die fachliche und allgemeine Relevanz solcher Untersuchungen. In diesem Sinne ist die Frage nach der kommunikativen Konstituierung des Heldenplatzes damit auch umgekehrt zu stellen bzw. konzeptuell sogar geboten: Was macht der Heldenplatz mit ‚uns‘? Konkret bedeutet dies, zu erheben, welche seiner ‚Seiten‘ wann wie ‚spricht‘ und wer diese ‚Stimmen‘ reguliert.
Zusätzlich zur konzeptuellen Verbindung von Wissens- und Raumkonstituierungen zu sozialen Ebenen, zeugen schließlich auch über 1100 Online-Berichte von österreichischen Tageszeitungen, die in dem knappen Zeitrahmen von 2015–2017 gesammelt wurden und das Lemma Heldenplatz enthalten, von einer gewissen öffentlichen Wahrnehmung des Heldenplatzes in Österreich und damit von einer zu beachtenden Relevanz.
Aus der disziplinären Positionierung in der Diskurs- und Soziolinguistik muss ein besonderes Augenmerk auf linguistische Untersuchungen zu Räumen – beispielsweise aus der Geosemiotik, den Linguistic Landscape Studies, des Semiotic Landscaping und des Place Makings – gelegt werden. Sie zeigen deutlich auf, dass die soziale Dimension in und um Räume auf verschiedenen kommunikativen Ebenen konstruiert wird. Letztlich mag also analytisch gar nicht der Platz selbst das Interesse bilden – außer genau diese Wissensbestände werden sichtbar gemacht –, sondern die Verknüpfung zu sozialen Prozessen. Genauer geht es darum aufzuzeigen 1) wie ein Platz überhaupt diskursiv relevant wird und 2) welche diskursive Funktionen er bekommen kann, denn damit lassen sich auch soziale Bildungsprozesse konturieren. Der Wiener Heldenplatz, als Fokusort der Untersuchung, bietet sich für so eine Beschauung aus erwähnten historischen und alltäglichen Raumnutzungen in besonderer Weise an.
Die diskurslinguistische Interpretation von Aussagen, wie sie eingangs vorgestellt wurden, orientiert sich damit (u.a.) an folgenden Fragen: Wer spricht wo zu wem? Was ist dieser „Ort“ und wie kann er ‚trächtig‘ sein? Welche Funktion hat eine solche Zuschreibung überhaupt für wen, wann und wo? Was macht diese Zuschreibung mit ‚der‘ Geschichte? Und was mit ‚Österreich‘? Anhand dieser und ähnlicher Fragen wird das Ziel, die wechselseitigen Beziehungen von Diskursen, Räumen, Historizität und der Akteursebene in kommunikativen Praktiken zu beschreiben, diskurslinguistisch erreichbar.
In dieser Untersuchung wird oben erwähnte Konzeptualisierung dynamischer kommunikativer Prozesse in der Dreiheit Diskurs, Raum und Zeitlichkeit theoretisch ausgeführt und empirisch vertieft. Die Basis hierfür bilden interdisziplinäre Zugänge, die stets auf sozio- und diskurslinguistische Perspektiven fokussiert werden. Diese Diskussionen zielen auf zunächst allgemeine Räumlichkeiten und reflektieren dann immer wieder auf den Heldenplatz, so lange, bis eine Vorstellung von diesem Platz und ‚seinen‘ Zeiten gehoben werden kann.
Obige Fragestellungen deuten bereits das hier gewählte explorative Vorgehen an. Dem Heldenplatz werden an dieser Stelle also nicht von vornherein bestimmte Charakteristiken zugeschrieben; gleichzeitig sind dennoch Wissensbestände des Autors zum Raum vorhanden, weswegen sie genau als diese markiert in die Auseinandersetzung eingebracht werden.
Was der Heldenplatz letztlich ist, wie er dazu gemacht wird und welche Funktionen entsprechende kommunikative Praktiken und ihre räumlichen, geschichtlichen und akteursbezogenen Erzeugnisse überhaupt haben können, wird vor allem mit Blick auf potentiell weithin wahrnehmbare Diskurskonstituierungen in der materiellen Örtlichkeit, wie auch in großflächig distribuierten Texten diskutiert.
In den Analysen wird Zeitlichkeit nicht als linearer oder determinierter Faktor angesehen, der in eingegrenzten Aussagen zu ‚lesen‘ ist. Stattdessen werden zeitliche Phänomene als sich im Diskurs überlappend, partiell wiederholend, Brüche verursachend oder eine Einmaligkeit darstellend angenommen. Deswegen folgen auch die Analysen nicht einem chronologischen Muster, sondern sind herum um Diskurspraktiken und Wissenskonzepte, die sich quer über die Daten verstreut befinden mögen, aufgebaut. So ist es auch möglich, sich Zeitschichten, die sich außerhalb des Untersuchungszeitraumes befinden, aber in den Daten sichtbar werden, vertieft zu widmen. Welche Zeiten relevant sind und welche diskutiert werden, geben damit allein die Daten vor.
Konkret liegt der Forschungsfokus dieser Untersuchung – wie angedeutet – auf der Diskussion der semiotischen-diskursiven Verhältnisse vor Ort, der Semiotic Landscape, und auf Online-Texten österreichischer Tageszeitungen. Wie noch auszuführen sein wird, eignen sich diese zwei Korpora aus konzeptuellen Gründen zur Triangulierung. Die Eingrenzung des Untersuchungszeitraumes auf Raumkonstituierungen aus den Jahren 2015 bis 2017 ermöglichte dem Autor außerdem, parallel zur Erfassung der Diskurse in den Online-Zeitungsberichten, den Heldenplatz und seine Veränderungen vor Ort beobachten und dokumentieren zu können. Damit stellt er sich deutlich sichtbar in die Diskurskonstituierungsprozesse ein.
Die wissenskonstituierende Wirkung von Forschungsprozessen sei damit nochmals unterstrichen, denn jegliche kommunikative Handlung nimmt Teil an Wissensprozessen und konstruiert sie. Vielleicht ist diese Positionierung gerade an einem Ort, wie dem Heldenplatz notwendig, der zu so vielen unterschiedlichen Perspektivierungen einlädt und der dennoch nur selektiv beschrieben werden kann. Vielleicht ist sie aber auch generell dort wert zu betonen, wo ‚Faktizität‘ beispielsweise aufgrund des gemeinsamen Vorkommens einer verhältnismäßig stabilen baulichen Substanz, geschriebener Historien oder wiederholter, traditionalisierter Praktiken als geradezu wesenhaft oder unumstößlich erscheint.
Es mögen daher die vielfältigen Querverbindungen und thematischen Verzweigungen, die aufgezeigt werden müssen, verziehen werden. Besonders in diesem kleinteiligen Vorgehen können aber – dies ist jedenfalls Ansicht des Autors – ‚Zwischentöne‘, in Form von temporären Diskursbrüchen, aus der potentiellen Masse an gleichförmigen Diskursmustern hervortreten. Relevante Diskurselemente müssen nicht immer ‚laut‘ und in einer auffälligen Menge im Diskurs erscheinen, um diskursive Funktionen zu erfüllen. Es gilt sie dennoch bzw. gerade deswegen zu heben.