
- 267 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
eBook - ePub
2020/2021
Über dieses Buch
Das Benn Forum erscheint im Zweijahresrhythmus in Verbindung mit der Gottfried Benn-Gesellschaft. Es bietet wissenschaftliche Beiträge zu Leben und Werk Gottfried Benns und zum literarischen Kontext seiner Zeit. Jeder Band präsentiert Aufsätze zu einem speziellen Themenschwerpunkt sowie neue Forschungen zur Biographie Benns und zu Text-Neufunden, außerdem Rezensionen zu wichtigen Neuerscheinungen und eine fortgeschriebene, systematisch angelegte Personalbibliographie. Das Benn Forum stellt damit das zentrale Periodikum der internationalen Benn-Forschung dar.
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Beiträge zum Themenschwerpunkt: Gottfried Benn im literarischen Feld nach 1945 – Konstellationen und Akteure
Zum Schwerpunkt: Gottfried Benn im literarischen Feld nach 1945 – Konstellationen und Akteure
Jörg Robert (Tübingen)
Tübingen
Sarah Gaber (Tübingen)
Tübingen
In den letzten Jahren hat die historische Beschäftigung mit der Nachkriegszeit einen bedeutenden Aufschwung gewonnen – quantitativ wie qualitativ. Mit dem Verschwinden der letzten in den 1920ern geborenen Zeitzeugen („Flakhelfer“-Generation), scheint der Weg frei für eine Rückschau sine ira et studio, die nicht in der Aufarbeitung der „Wunde“ aufgeht.1 Während die Geschichte der jungen Bundesrepublik schon seit langem einen Schwerpunkt zeithistorischer Forschung bildet,2 hat eine systematische Erforschung der Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte der Ära Adenauer erst in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen. Die Germanistik hat intensiv an der wissenschaftlichen Erschließung der „Nachkriegsmoderne“3 partizipiert. Der Kosmos ‚Nachkriegsliteratur‘ wird – etwa in den Studien von Fabian Lampart, in der kurz gefassten Literaturgeschichte von Dirk von Petersdorff oder in der Lyrik-Einführung von Thomas Boyken und Nikolas Immer – mehr und mehr in seiner Heterogenität erkannt.4 Ausgehend von diesen aktuellen Pionierarbeiten bleibt es eine vordringliche Aufgabe der literaturwissenschaftlichen Forschung zur jungen Bundesrepublik, den Charakter der neuen Medienöffentlichkeit ebenso zu beachten wie die innere Pluralität der Literaturproduktion, die sich nicht nur auf eine Fortsetzung der „reflektierten Moderne“5 festlegen lässt. Was den Literaturbetrieb zwischen 1945 und 1968 besonders auszeichnet, ist einerseits das markante Nebeneinander von Gruppen und Generationen, andererseits ein in dieser Dimension neuartiger Austausch zwischen den Akteuren im literarischen Feld. Hinzu kommt eine Umwertung des Kanons: Eine große Zahl erfolgreicher Nachkriegsautoren (zumeist des konservativen Spektrums) wie Hans Carossa, Hans Erich Nossack oder Werner Bergengruen, sind heute zu Verschollenen der Literaturgeschichte geworden.
Gottfried Benn zählt gewiss nicht zu den unterschätzten oder vergessenen Autoren der Nachkriegszeit. Gerade in den letzten Jahren hat die Benn-Forschung durch Editionen – hier ist v. a. der Briefwechsel Benn-Oelze zu nennen6 – und durch das Erscheinen des Benn-Handbuchs noch einmal eine Vertiefung erfahren.7 Das neue Forschungsinteresse hat jedoch nicht alle Teile und Phasen des Werks gleichermaßen erfasst. Erst zuletzt fiel dank der Studien von Dirk von Petersdorff, Elena Agazzi und Amelia Valtolina sowie Thomas Wegmann ein helleres Licht auf die letzte Werkphase ab 1945.8 Die Sammlung der Ton-Dokumente durch den Verlag Zweitausendeins hat daneben jenen ‚Medienintellektuellen‘ Benn erahnen lassen,9 der mit seinen Vorträgen zum praeceptor Germaniae und zum Vermittler dessen wurde, was man ‚literarische Westintegration‘ nennen könnte. Auch Benns ambivalentes Verhältnis zur Öffentlichkeit – zwischen Paria und Medienstar – wurde erst in den letzten Jahren deutlicher erkannt. Benn wird, wie er etwa im Aufsatz über „Altern als Problem für Künstler“ (1954) selbst betont hat, zum Gegenstand von Kanonisierung und „Vivisektion“ zugleich.10
In der Beschäftigung mit dem späten Benn zeichnet sich dennoch eine systematische Leerstelle ab. Gemeint ist Benns Austausch mit Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern, mit den „Kulturträgern“, die Benn in „Lebensweg eines Intellektualisten“ (1934) noch in scharfen Gegensatz zu den „Kunstträger[n]“ (SW IV, 182 – 183) gebracht hatte.11 Dies ändert sich nach 1945 grundlegend. Fachwissenschaft wie Literaturkritik, Germanisten wie Radio- und Fernsehschaffende entdecken Benn, „de[n] große[n] Überlebende[n]“.12 Aber auch der Autor gewinnt neue Impulse aus diesem Austausch. So ergibt sich in Anziehung und Abstoßung13 eine Wechselwirkung, die bislang vor allem von der Seite Benns beleuchtet wurde – zu Unrecht. 14 Denn die Geistesgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegszeit wird durch literaturvermittelnde Teilöffentlichkeiten und Intellektuellenfiguren entscheidend geprägt, wie die jüngst erschienene Studie über „Medien-Intellektuelle in der Bundesrepublik“ von Axel Schildt belegt.15 Die dort aufgestellte Forderung, stets das „Verhältnis der Akteure zu ihren eigenen – und zu anderen Texten und das Produktionsumfeld im weitesten Sinne“16 zu untersuchen, gilt nicht nur für Benn, sondern auch für diejenigen, die sich durch ihre Studien zum Autor selbst eine Position im literarischen Feld erarbeitet haben. Diese Wechselwirkungen an konkreten Fallbeispielen zu erschließen, ist Ziel der hier versammelten Beiträge. Sie zeigen vor allem eines: Benn ist seit dem Erscheinen der „Statischen Gedichte“ im Zürcher Arche Verlag ein prägender Akteur der Nachkriegsliteratur: als Gegenstand wissenschaftlicher Erschließung und als Agent seiner eigenen Kanonisierung und Autorisierung. Diese singuläre Stellung im Literaturbetrieb bringt überhaupt Benns späte Poetik der „Ausdruckswelt“ hervor. Seine ‚grammatische‘ Poetik (vgl. „Satzbau“, SW I, 238) konvergiert wiederum mit dem stilkritisch-werkimmanenten Hauptstrom der Literaturwissenschaft nach 1945.
Dass der späte Ruhm nicht nur ein Faktor der Literaturgeschichte, sondern auch der germanistischen Fachgeschichte ist, illustrieren die Aufsätze von Anna Axtner-Borsutzky und Jörg Robert. Die Studien Walter Müller-Seidels und Dieter Wellershoffs zu Benn zeigen, wie sehr die ‚Bennomanie‘ nach 1945 von der Literaturwissenschaft begleitet wurde. Die Wende zu Stilkritik und Werkimmanenz befördert die Beschäftigung mit dem späten Benn, der sich seinerseits auf den neuen akademischen Trend einstellt und Konvergenzen zu seiner eigenen Poetik erkennt. In beiden Beiträgen wird dabei neues Material erschlossen: die unveröffentlichte Münchener Antrittsvorlesung Müller-Seidels (1961) sowie Wellershoffs in der Benn-Forschung viel genannte, aber im Wortlaut kaum zur Kenntnis genommenen Bonner Dissertation „Untersuchungen über Weltanschauung und Sprachstil Gottfried Benns“ (1952). Flankierend konnte eine in der Benn-Forschung ebenfalls bekannte Vorstufe (hier ‚Marbacher Fragment‘ genannt), die Wellershoff brieflich mit Benn diskutierte, untersucht werden.
Welchen Einfluss u. a. die Literaturwissenschaft auf die Stellung eines Autors haben kann, verdeutlicht darüber hinaus der Beitrag von Thomas Boyken. Am Beispiel von Werner Bergengruen zeigt Boyken, welche Positionen nach 1945 durch Autoren der sogenannten Inneren Emigration überhaupt besetzbar sind. Benn und Bergengruen sind literarische Antipoden; biographisch und in ihrer Rezeption nach 1945 zeichnen sich jedoch Parallelen ab. Die Frage nach der Bedeutung von Benns Verleger(n), insbesondere von Max Niedermayer, wird im Beitrag von Thomas Wegmann gestellt, der hierbei die Wegmarken einer „erfolgreichen und für die Nachkriegsliteratur folgenreichen Zusammenarbeit“17 analysiert.
Der Stellenwert der konservativen Literaturkritik für Benns späten Ruhm ist in der Forschung gelegentlich beleuchtet worden.18 Hier setzen die Beiträge von Daria Engelmann und Sarah Gaber an, die sich mit Hans Egon Holthusen und Friedrich Sieburg zwei zentralen public intellectuals der jungen Bonner Republik widmen. Am Beispiel der Benn-Rezeption Hans Egon Holthusens wird dabei ein differenzierter Blick auf die Avantgarde-Rezeption nach 1945 geworfen, während Friedrich Sieburgs Rezension „Wer allein ist –“ Anlass gibt, über die Interaktionsformen Benns mit der Literaturkritik nachzudenken. Auch Sarah Gabers Beitrag berücksichtigt bislang unveröffentlichtes Archivmaterial (u. a. einen Briefentwurf Benns). Zudem analysieren beide Aufsätze, wie die Kritiker in der Beschäftigung mit...
Inhaltsverzeichnis
- Title Page
- Copyright
- Contents
- Beiträge zum Themenschwerpunkt: Gottfried Benn im literarischen Feld nach 1945 – Konstellationen und Akteure
- Weitere Beiträge
- Miszelle
- Rezensionen
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