1.1 Ausgangslage der Untersuchung
Als ob sie zum Mahl geladen wären, eilten sie auf den Scheiterhaufen und gaben kein Wort von sich, das als Zeichen der Verzweiflung gedeutet werden könnte. Sobald die Flammen loderten, sangen sie ein Loblied, das vom Geprassel des Feuers kaum übertönt werden konnte. Kein Philosoph soll den Tod so tapfer ertragen haben wie diese den Scheiterhaufen.1
Mit diesen Worten schildert der italienische Humanist und Kirchenmann Aeneas Silvius Piccolomini (1405–1464) in der 1458 fertiggestellten Historia Bohemica2 den Tod zweier Männer, deren Bekanntheit bereits unter Zeitgenossen weit über die Grenzen ihrer böhmischen Heimat hinausreichte. Die Rede ist vom Theologen und Prediger Johannes Hus (um 1370–1415) und seinem Freund und Mitstreiter, dem Universitätsgelehrten Hieronymus von Prag (um 1379–1416). Beide bezahlten ihren entschlossenen Einsatz für eine grundlegende Reform der aus ihrer Sicht vollständig degenerierten Kirche ihrer Zeit mit einem qualvollen – von Piccolomini pathetisch überhöhten – Tod auf dem Scheiterhaufen, den sie im Abstand von gut einem Jahr als verurteilte Ketzer auf dem Konstanzer Konzil (1414–1418)3 starben.4
In den beiden in Konstanz hingerichteten (und nach offizieller katholischer Lesart bis heute als Häretiker geltenden) Reformatoren Johannes Hus und Hieronymus von Prag hat das noch junge fünfzehnte Jahrhundert seine ersten prominenten kirchenpolitischen Märtyrerfiguren gefunden.5 Ihnen sollten im Lauf der folgenden Jahrzehnte weitere wirkmächtige Akteure folgen, deren entschiedene Bemühungen um eine Veränderung der bestehenden kirchlichen Verhältnisse ebenfalls Verfolgung, Haft und einen gewaltsamen Tod nach sich zogen.
Neben ebenso prominenten Figuren wie dem Florentiner Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452–1498), dessen Reformbemühungen in einer öffentlichkeitswirksamen Ketzerhinrichtung auf der Piazza della Signoria in Florenz endeten,6 lassen sich in der Gruppe der Opfer auch heute weitestgehend in Vergessenheit geratene Namen finden, wie das Beispiel des kroatischen Erzbischofs und Diplomaten Andreas Jamometić (um 1420–1484) zeigt. Mit zunächst bemerkenswertem Erfolg hatte dieser in den 1480er Jahren versucht, das lange beendete Basler Reformkonzil (1431–1449)7 mit dem Ziel der Absetzung des berüchtigten Rovere-Papstes Sixtus IV. (1414–1484) neu ins Leben zu rufen; ein Versuch, an dessen Ende der – vermeintlich durch Suizid verursachte – gewaltsame Tod des selbsternannten Konzilsinitiators in einer Basler Gefängniszelle steht.8
Durch ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen in der Kirche und ihren Reformeifer, den sie in Briefen, Predigten und Abhandlungen artikulierten, gerieten besagte Reformkräfte allesamt in schwere Konflikte mit den bestehenden kirchlichen Strukturen. Für das fünfzehnte Jahrhundert spezifisch erscheinen dabei nicht diese Konflikte per se, sondern vielmehr ihre radikale Austragung, im Rahmen derer vor allem auch seitens der Kirche auf gewaltsame Mittel zurückgegriffen wurde. Was diesen Punkt anbelangt, scheint sich das genannte Jahrhundert deutlich vom vorausgehenden zu unterscheiden, lässt sich in diesem doch kein vergleichbares Vorgehen gegen reformerische Kräfte beobachten. Zwar kennt auch die Kirchengeschichte des vierzehnten Jahrhunderts Opfer von Verfolgung und gewaltsamem Tod, wie die zahlreich überlieferten Fälle von Ketzerverbrennungen etwa im Umfeld franziskanischer Spiritualen9, religiöser Laienbewegungen wie den Apostolikern und Dolcinianern10, Beginen und Begarden11 sowie nicht zuletzt des Templerordens12 eindrücklich belegen, doch lassen sich auf der kirchenpolitischen Bühne keine vergleichbar wirkungsreichen Akteure ausmachen, die ihren Einsatz für die Durchsetzung selbst ausformulierter Reformanliegen mit dem Leben bezahlt hätten.
Der vorgenannte Umstand erscheint vor allem insofern bemerkenswert, als es auch dem vierzehnten Jahrhundert nicht an radikal reformorientierten Köpfen mangelte, die den zeitgenössischen Diskursen über die Gestalt der Kirche einen prägenden Stempel aufdrückten. Sei es der italienische Staatstheoretiker Marsilius von Padua (1275/90–1342/43) oder seien es die englischen Philosophen und Theologen Wilhelm von Ockham (um 1288–1347) und John Wyclif (um 1330–1384): Sie alle formulierten in ihren Schriften gefährliche theoretische Angriffe auf die Amtskirche, die sie letztlich ebenfalls in Konflikt mit deren Vertretern brachten, doch starben sie am Ende allesamt eines natürlichen Todes. Es ist die auffällige Diskrepanz im Hinblick auf das Schicksal radikaler Reformdenker innerhalb der lateinischen Christenheit des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts, die den Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung bildet.
1.2 Zielsetzung, Aufriss und Methode
Ziel dieser Arbeit ist es, Erklärungsansätze für das in Relation zum vierzehnten Jahrhundert auffällige Vorkommen gewaltsamer Todesfälle unter wirkungsreichen Reformakteuren im theologisch-gelehrten Umfeld des fünfzehnten Jahrhunderts zu liefern. Dem Vorhaben wird ein qualitativ-biographischer Forschungsansatz zugrunde gelegt, der von ausgewählten Protagonisten beider Jahrhunderte ausgeht, die im Rahmen personenbezogener Fallstudien behandelt werden.
Mit dem italienischen Reformdenker Marsilius von Padua und dem englischen Reformator John Wyclif nehmen diese Studien zunächst zwei der wohl bedeutendsten Vertreter der großkirchlich-oppositionellen Reformbewegung des vierzehnten Jahrhunderts in den Blick. Beide Protagonisten haben sich als Autoren kirchenpolitischer Schriften nicht nur intensiv mit praktischen Wegen einer grundlegenden Veränderung der bestehenden kirchlichen Verhältnisse befasst, sondern darüber hinaus auch die aus ihrer Sicht mit einem solchen Vorhaben verbundenen persönlichen Gefahren für Leib und Leben reflektiert. Ausgehend von einer Analyse ihrer kirchenpolitischen Texte unter dem Aspekt der Opfer- und Martyriumsbereitschaft fragt die Untersuchung nach Bezügen und Verbindungen zwischen der Opfer- und Reformthematik. In welchen Quellentexten werden diese greifbar und welche Aussagen lassen sich über ihre Intensität treffen?
Die sich anschließenden Fallstudien zum fünfzehnten Jahrhundert behandeln den böhmischen Reformator Johannes Hus sowie die beiden Dominikanermönche Girolamo Savonarola und Andreas Jamometić. Sie gehen der Frage nach, ob sich im Fall dieser gewaltsam zu Tode gekommenen Reformkräfte Hinweise auf einen möglichen Wandel im Hinblick auf die Relevanz der Martyriumsidee finden lassen. Welche Rolle spielt die Frage nach dem Einsatz des eigenen Lebens im Reformdenken Hussens, Savonarolas und Jamometićs und inwieweit bedingen sich Martyriumsidee und biographische Konsequenz im jeweiligen Fall? Damit gelangt man zur Kernfrage der Untersuchung: Liegen die gewaltsam herbeigeführten Todesfälle letztlich auch in einem Wandel des Reformdenkens selbst begründet?
Die aufgeworfenen Fragen zeigen, dass der biographische Zugang der Arbeit neben einem kirchenhistorischen vor allem auch in einen ideengeschichtlichen Kontext eingebettet ist. Das Herzstück der Studie besteht in der systematischen Analyse von Quellentexten aus dem Umfeld kirchlicher Reformdebatten des ausgehenden Mittelalters, die im Hinblick auf die Bedeutung der Martyriumsthematik für das Reformdenken ihrer Verfasser untersucht werden. Die dabei vorgenommene Konzentration auf einzelne herausragende Akteure aus dem spätmittelalterlichen Gelehrtenmilieu und das auf sie zurückgehende umfassende Quellenmaterial bildet die Voraussetzung einer tiefgehenden komparatistischen Analyse, die für ideologiegeschichtliche Analogiebildungen nutzbar gemacht werden soll.
Was den letztgenannten Punkt anbelangt, so sei an dieser Stelle unter Vorwegnahme späterer Resultate der Arbeit exemplarisch auf die herausgehobene Bedeutung hingewiesen, die dem neutestamentlichen Bild des „guten Hirten“ („bonus pastor“)13 als einem christlichen Sinnbild für die maximale Opferbereitschaft in den reformerischen Quellentexten des fünfzehnten Jahrhunderts zukommt. Zur Schar der kirchlichen Akteure, die sich dieser Metapher im genannten Kontext bedienten, gehört auch der eingangs erwähnte Chronist Piccolomini während der Zeit seines Pontifikats, den er noch im Jahr der Fertigstellung der Historia Bohemica unter dem Namen Pius II. antrat.14 Auch wenn er sich als Papst auf den ersten Blick einer Einbeziehung in die vorliegende Untersuchung entzieht, so fördert doch gerade der Blick auf seine Person interessante Erkenntnisse zutage, die mit den hier skizzierten Befunden zum kirchlichen Reformdenken im ausgehenden Mittelalter in gewinnbringender Weise in Beziehung gesetzt werden könn...