Der letzte Chindit
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Der letzte Chindit

Der geheime Opiumkrieg der CIA im Goldenen Dreieck

  1. 380 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Der letzte Chindit

Der geheime Opiumkrieg der CIA im Goldenen Dreieck

Über dieses Buch

Antoine Steiner glaubt das Leben zu kennen. Es hat ihn von Abenteuer zu Abenteuer geführt. Vom Kriegsreporter in Vietnam und Biafra in die Glitzerwelt der Casinos von Las Vegas, von den Handelsräumen der Börsen an einen paradiesischen Ort am Indischen Ozean.Er ahnt nicht, dass ihm das größte Abenteuer seines Lebens noch bevorsteht: Als sein bester Freund im Goldenen Dreieck Burmas, dem größten Opium-Anbaugebiet der Welt, spurlos verschwindet, erhält er den Auftrag, Joachim zu suchen. Es ist eine "Mission Impossible". Sein Weg führt ihn über gefährliche Dschungelpfade in ein Gebiet, in dem brutale Banden, kriegerische Bergstämme und korrupte Drogenbarone um die Macht – und das Opium – kämpfen. Allen voran der grausame und mächtige chinesische Warlord Xu, gegen den Joachim kämpft und in dessen Visier bald auch Antoine gerät.Eine Veränderung bahnt sich an, als die französische Journalistin Claire Antoine im Dschungel aufspürt. Er ist inzwischen der "Chindit", der "Löwe", wie die Shan-Stämme ihren militärischen Anführer nennen. Doch Gefühle machen selbst einen Löwen verwundbar, und der Warlord Xu hat ihm ewige Rache geschworen …

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Information

Teil I

Kapitel 1

Goa (Indien), März 1990
Der Brief, der sein Leben verändern sollte, lag inmitten von Prospekten in dem mit einer Buddhafigur verzierten Holzbriefkasten am Eingang der alten Kolonialvilla.
Ein Brief aus München. Von Beatrix, der Tochter Joachims, seines besten Freundes.
Antoine steckte den Brief in seine Tasche und ging durch das schmiedeeiserne Tor durch den Palmengarten auf die schattige Terrasse. Die Villa lag am Rand eines grossen Reisfelds, ein paar Kilometer von den exotischen Stränden des Hippie- und Aussteigerparadieses am Indischen Ozean entfernt.
Antoine blickte hinaus auf die abendliche Szenerie. Fischreiher schwebten majestätisch ein, stapften durch das knöcheltiefe Wasser. Die Reisbauern pflügten wie vor tausend Jahren: Wasserbüffel zogen träge einen hölzernen Pflug durch die von Deichen gesäumten Felder.
Die Deiche waren wie Verkehrswege. Hier spielte sich das Leben ab. Frauen mit Einkaufstaschen, Ochsen und streunende Hunde benutzten sie, hier schwatzte und flirtete man. So hatte es schon vor hundert Jahren da gelegen, das Reisfeld. Und nichts hatte sich seither verändert. Hier war alles eingebettet in den ewigen Kreislauf der Natur.
Dann las er den Brief.
Joachim sei seit Monaten im Norden Thailands oder in Burma verschollen, schrieb Beatrix. Er habe dort für die amerikanische Hilfsorganisation Global Help gearbeitet, die von der thailändischen Grenzstadt Chiang Rai aus operiere und die Shan-Bergstämme im nahen Burma mit Hilfslieferungen versorge. Angeblich sei Joachim entführt worden. Aber es gab keine Lösegeldforderung. Die Polizei habe die Ermittlungen eingestellt. Sie könne jedoch nicht an den Tod ihres Vaters glauben und bitte Antoine um Hilfe.
Beatrix hatte eine Kopie von Joachims letztem Brief beigefügt. Er war bereits vier Monate alt. Ihr Vater schrieb, dass er nicht mehr an seine humanitäre Mission glaube. Die Shan brauchten keine Konserven, sondern Gewehre und Patronen. Denn die burmesische Zentralregierung, Drogenbarone und chinesische Warlords unterdrückten die Bergstämme brutal. Er sei Zeuge von Massakern geworden. Er habe tote Kinder und vergewaltigte Frauen gesehen. Und nun könne er einfach nicht mehr zuschauen. Er sei selbst zum Täter geworden. „Ich habe mit meiner Vergangenheit gebrochen. Ich habe jetzt Blut an meinen Händen. Suche mich nicht.“ Und er hatte hinzugefügt: „Frag Antoine, er wird mich verstehen.“
Beatrix hatte ein Polaroidfoto beigelegt. Aufgenommen vor einem buddhistischen Tempel. Es zeigte einen lachenden Joachim, der den Arm um eine hübsche Asiatin gelegt hatte. Neben ihm ein junger Mann in der roten Robe eines buddhistischen Mönchs. „Nisha und Somchai – meine Freunde“ stand hingekritzelt unten auf dem breiten weissen Rand des Fotos.
Antoine goss sich einen Feni ein, einen einheimischen Schnaps aus Kokosmilch, und zündete ein Räucherstäbchen an.
Er schaute lange hinaus auf das Reisfeld, über dem es allmählich dunkel wurde. Es war nicht der spektakuläre Sonnenuntergang der Strände von Goa, mit seinem reichen Farbenspiel und der atemberaubenden Kulisse. Aber für Antoine hatte er seinen ganz eigenen Charme. Das Licht wurde allmählich weich, milderte die Konturen, die ersten Feuer flackerten auf. Und dann, als die Dämmerung einsetzte, hob im Reisfeld, als ob ein unsichtbarer Dirigent den Taktstock gehoben hätte, ein tausendstimmiges Konzert von Fröschen und Zikaden an. Und durch das Dunkel drang, wie eine Lightshow, der pulsierende Lichtschein von Hunderten von Glühwürmchen.
Er las den Brief noch einmal durch. Dann bestieg er sein Motorrad, eine rote Enfield, und fuhr in den nahen Küstenort Baga. Er hielt an einer der windschiefen Bretterbuden am Strassenrand, die internationale Telefon- und Faxverbindungen anboten, und rief Beatrix an. Es war kurz vor Mitternacht in München. Aber Beatrix nahm sofort ab.
Seit ihrem Brief, der eine Woche unterwegs gewesen war, hatte sich nichts Neues ergeben. Global Help schloss, wie Beatrix berichtete, nicht aus, dass Joachim, der grosse Sympathien für die Shan-Guerillas gezeigt habe, irgendwie in deren Kämpfe mit den Regierungstruppen verwickelt worden sei. Und nein, sie habe keine Ahnung, wer Nisha oder Somchai seien.
Am nächsten Morgen joggte Antoine noch vor Sonnenaufgang den um diese Zeit noch menschenleeren Strand entlang bis zum Hotel „Fort Aguada“ und zurückseine Morgenroutine. Die Luft war angenehm kühl. Die Strandbars waren noch geschlossen, ein paar Touristen schliefen unter den Palmen ihren Rausch aus, die Fischer machten ihre Holzboote zum Auslaufen bereit.
Zurück in seinem Haus nahm er eine Dusche, zog sich um und trank einen Espresso. Dann fuhr er mit seinem Motorrad nach Anjuna, einer rund zehn Kilometer entfernten Künstlerkolonie. Er nahm den Weg durch das fast menschenleere indische Hinterland, fuhr an den alten Bewässerungskanälen entlang, über uralte Brücken, durch Reisfelder, in denen sich die Sonne spiegelte, über die versandeten und schwer befahrbaren Wege durch die Bauerndörfer. Er wich Schweinen, spielenden Kindern und Bauern aus, die mit ihren von Wasserbüffeln gezogenen Karren von den Feldern kamen.
In Anjuna parkte er sein Motorrad am Rande des Flohmarkts, der jeden Mittwoch stattfand und scharenweise Touristen anzog, drückte dem Wächter ein paar Rupien in die Hand und bahnte sich einen Weg durch die Besuchermassen. Der Flohmarkt war eine bizarre Mischung aus indischem Markt und Karneval, Folkloreshow und Esoterik-Happening. Hunderte von Händlern hatten ihre Waren auf Tüchern auf dem Sandboden unter den Palmen ausgelegt. Dunkelhäutige, tätowierte Frauen aus Rajasthan in ihren roten Saris verkauften Decken, Kissen, Halsketten und mit Glasperlen bestickte Taschen. Dazwischen Flüchtlingsfamilien aus Tibet, die Silberschmuck und Buddhastatuen anboten, Händler aus Kaschmir mit ihrem billigen Tand, Kartenleser, Astrologen, Bettler, Wahrsager, Ayurveda-Heiler, Masseure und Feuerschlucker.
Überall wurde gehandelt, gefeilscht, geschrien, verwünscht, gedrängelt. Touristen aus den Luxushotels mischten sich mit glatzköpfigen Freaks im Guru-Look und struppigen Trampern. Es roch nach Safran und Räucherstäbchen, nach frittierten Bananen, Marihuana und Schweiss. Aus grossen Lautsprecherboxen vor dem Restaurant „Sea Breeze“ dröhnte Techno-Sound, der die Flötenmelodien der Schlangenbeschwörer wegfegte.
Antoine drängte sich zu dem kleinen vietnamesischen Imbissstand am Rande des Flohmarkts durch, der Pho-Suppen und echten italienischen Espresso anbot. Er war eingeklemmt zwischen den Ständen einer jungen Deutschen mit Dreadlocks, die Tarotlesungen und Rebalancing-Massagen offerierte, und einem Inder, der „magische Teemischungen“ verkaufte.
Ky, der Besitzer, sass entspannt an dem klapprigen Tisch und trank einen Espresso. „Antoine, mein Freund, ban có khe khôngwie geht es dir?“
Ky war Vietnamese, ehemaliger Offizier der vietnamesischen Armee. Um die fünfzig. Weisses T-Shirt. Grüne Uniformhose. Militärisch kurz geschnittenes Haar. Der Imbissstand und eine Bäckerei in Anjuna wurden von seiner Familie betrieben, die 1975 im Chaos des untergehenden Regimes aus Vietnam geflohen war.
„Ky, ich brauche deinen Rat“, sagte Antoine nach dem üblichen Small Talk und Austausch von Höflichkeiten.
Er nahm vorsichtig auf dem zweiten wackligen Stühlchen am Tisch Platz, liess sich von Ky einen Espresso zubereiten und schilderte ihm die Fakten. Sein Freund Joachim war offensichtlich in Burma verschwunden, hatte seinen Job als Koordinator der amerikanischen Hilfslieferungen für die Shan-Bergstämme geschmissen und kämpfte nun möglicherweise an der Seite der Guerillas. Schliesslich hatte er geschrieben, dass er jetzt Blut an den Händen habe. „Ausgerechnet Joachim, der Buddhist geworden und immer gegen den Krieg gewesen ist. Vermutlich ist er tot. Ermordet oder bei den Kämpfen gefallen. Seine Tochter will das aber nicht glauben und hat mich gebeten, Joachim zu suchen.“
„Warst du schon mal in Burma?“, fragte Ky.
Antoine schüttelte den Kopf.
„Du weisst ja, dass ich nach dem Kriegsende dort war. Meine Geschichten kennst du. Drogenschmuggel zur Finanzierung der Fluchtrouten für untergetauchte vietnamesische Soldaten und Zivilisten. Alte Geschichten.“
„Alte Geschichten?“, fragte Antoine lächelnd. „Ich weiss doch, dass du immer noch Kontakte nach Saigon hast und dort Menschen hilfst, ins Ausland zu flüchten. Nach Laos oder Thailand. Oder auch nach Burma.“
Ky zuckte nur die Achseln.
„Burma versinkt im Chaos, jeder kämpft dort gegen jeden“, sagte er schliesslich. „Die Kämpfe sind grausam. Massaker sind an der Tagesordnung. Alles dreht sich um Opium. Vergiss nicht, Burma ist der grösste Opiumproduzent der Welt. Und jeder will davon profitieren. Ich war mehrmals im Shan-Gebiet. In einem Umkreis von hundert Kilometern hast du burmesische Polizei, die Thailändische Befreiungsarmee, Shan-Guerillas, kommunistische Pathet Lao, reguläre nordvietnamesische Einheiten, Banditen und chinesische Warlords, sogar noch Reste der Kuomintang-Armee, die Tschiang Kai-Shek nach der Flucht nach Formosa dort zurückgelassen hat. Und nicht zuletzt mischt auch die CIA mit. Wie gesagt: Jeder kämpft dort gegen jeden.“
Antoine schwieg eine Weile.
„Du hast kaum Chancen, da lebend herauszukommen. Vergiss es“, sagte Ky. „Ausserdem beginnt bald der Monsun. Da ist fast kein Durchkommen mehr im Dschungel.“
Ky erzählte weitere Einzelheiten über Burma. Über das Goldene Dreieck im Grenzgebiet von Laos, Thailand und Burma. Dort, wo in schwer zugänglichen Berggegenden der Schlafmohn angebaut und dann mit Maultieren meist nach Thailand transportiert wird. Über die vielen Bergstämme im Gebiet der Shan, die mit dem Opiumhandel den Kampf gegen die Zentralregierung finanzieren. Über die Geheimdienste, die chinesischen Händler und die Mafia, die mitmischen. Und die korrupten thailändischen, laotischen und burmesischen Generäle, die von dem Geschäft profitieren. „Ich glaube nicht, dass dein Freund noch lebt“, schloss er. „Ein Menschenleben gilt dort nichts. Dieses Land ist schlimmer als die Hölle.“
Antoine versank ins Grübeln. Wollte er wirklich sein entspanntes Leben als vermögender Privatier in Goa aufgeben? Wofür? Für eine gefährliche Reise in ein gesetzloses und barbarisches Land, in dem nur das Recht des Stärkeren galt? Im Dschungel und in den Reisfeldern Vietnams hatte er den Krieg – und den Tod aus nächster Nähe erlebt. Eine Erfahrung, die ihn geprägt und verändert hatte. Aber das lag fast zwanzig Jahre zurück. Und der Krieg, der damals eine gefährliche Faszination auf ihn ausgeübt hatte, der Exotik und Abenteuer versprach, war für ihn längst ein abgeschlossenes Kapitel. Ihm war klar, dass seine Chancen, Joachim zu finden, nicht gross waren und dass er in Burma Gefahr lief, von einem dieser Warlords umgebracht zu werden.
Andererseits … Joachim war sein bester und ältester Freund. Und höchstwahrscheinlich in grosser Gefahr. Nachforschungen konnte er doch wenigstens anstellen. Sich an Global Help wenden, deren Niederlassung sich ja im sicheren Thailand befand. Im persönlichen Gespräch mit deren Leiter würde er bestimmt mehr erfahren als Beatrix telefonisch von München aus. Und vielleicht konnte er auch in einer anderen Sache mehr in Erfahrung bringen …
„Sag mal, Ky, du hast mir doch neulich erzählt, dass sie dieses Umerziehungslager jetzt endlich aufgelöst habenhast du irgendwas rauskriegen können?“
„Über Thuy? Tut mir leid, mein Freund. Ich weiss immer noch nicht mehr, als dass sie, wie so viele Studenten nach dem Fall von Saigon, in dieses Umerziehungslager gesteckt wurde – irgend so ein Malariadreckloch im Mekongdelta. Die Gefangenen mussten auf den Reisfeldern arbeiten. Und als das Lager kürzlich aufgelöst wurde, war Thuy nicht unter den Überlebenden. Das weiss ich mit Sicherheit.“
Antoine nickte. Er hatte eigentlich nichts anderes erwartet, sonst hätte Ky ihn schon längst informiert. Er gab sich einen Ruck.
„Ich werde trotzdem nach Joachim forschen. Kannst du dich in den nächsten Wochen um mein Haus kümmern? Die Miete ist bis Ende des Jahres bezahlt.“
Er verabschiedete sich von seinem Freund, der ihm besorgt „Viel Glück!“ wünschte, und fuhr hinunter zum Strand. Zur wöchentlichen Pokerrunde im „21 Coconuts“, einer Strandbar mit dem angeblich besten Essen in Goa. Geführt von Sonja und Thomas, einem Schweizer Ehepaar.
Thomas war ein ehemaliger Pokerprofi, und so traf sich in seinem Lokal jeden Mittwoch ein harter Kern von Playern. Alle waren gut betucht, sogar ein indischer Milliardär war darunter, ein Bierbaron.
Wie immer spielten sie um hohe Summen, und wie fast immer hatte der Milliardär das Nachsehen. Wütend warf er die Karten auf den Tisch. „Verdammt, Antoine, warum verliere ich eigentlich ständig? In meinem Business habe ich Millionen gemacht. Und hier bin ich andauernd der Loser
„Ganz einfach, Vijay“, antwortete Antoine, der sich ein Lachen nicht verkneifen konnte, „es ist dein Ego. Du gibst deine Gewinne leichtfertig her, weil du uns etwas beweisen und uns beeindrucken willst. Und du erhöhst dann den Einsatz, weil du glaubst, dass sich das Blatt noch wendet. Aber du hast nicht die Disziplin, rechtzeitig aufzugeben.“
Normalerweise gab der Verlierer ein paar Flaschen indischen Champagner der Marke Marquise de Pompadour aus, den sich Antoine sonst nur ungern hätte entgehen lassen. Heute jedoch hatte er Wichtigeres zu tun. Er stand auf.
„Ich habe noch einen Termin“, erklärte er. „Und übrigens werde ich ab jetzt ein paar Wochen fehlen. Eine Auslandsreise. Geschäftlich. Aber keine Angst, ich komme zurück.“
Er verabschiedete sich ohne grosses Tamtam und fuhr mit seiner Enfield davon.
Ihm war klar, dass er seinen Mitspielern ein Rätsel war. Sie wussten kaum etwas über ihn, da er keine Lust hatte, vor diesen Menschen, mit denen ihn abgesehen vom Pokerspiel nichts verband, über sich zu reden. Für sie war er im Vorjahr am Ende des Monsuns plötzlich aufgetaucht und hatte die Villa gemietet. Ein Aussenseiter. Alleinstehend. Keine Freunde, keine Frauengeschichten. Bestimmt fragten sie sich, wovon er lebte. Aber es ging seine Pokerkumpel nichts an, dass er an der Börse hübsche Gewinne gemacht hatte, die ihm dieses angenehme, sorglose Leben unter der Sonne Goas ermöglichten.
Und jetzt wollte er also wieder in den Krieg ziehen? Sich hineinbegeben ins mörderische Goldene Dreieck? Warum? Wegen Joachim! Er war es seinem Freund schuldig, ihn nicht im Dschungel Burmas verrecken zu lassen. Oder war es doch wieder die Abenteuerlust? Wie damals, als er nach Vietnam gegangen war, weil er den Krieg hatte erleben wollen? Weil der Vietnamkrieg für seine Generation das war, was für Hemingway der Spanische Bürgerkrieg gewesen war? Weil er das Alltägliche im Grunde als fad und sinnlos empfand? Er wusste es nicht. Aber irgendetwas trieb ihn an.

Kapitel 2

Bangkok (Thailand), April 1990
Antoine war mit dem Jumbo der Air India von Bombay nach Bangkok geflogen und hatte im Hotel „Oriental“ eingecheckt. Er kannte das legendäre Hotel am Ufer des Chao-Phraya-Flusses, in dem so berühmte Schriftsteller wie Joseph Conrad, Graham Greene und Somerset Maugham abgestiegen waren, aus seiner Zeit in Vietnam.
Es war noch früh am Morgen, er setzte sich in das Café unten am Fluss. Die Hitze drückte bereits, aber vom Chao Phraya her wehte eine kühle Brise. Nach Bangkok zurückzukehren, das ist, wie wenn man seine erste Liebe wiedertrifft, dachte Antoine. Hier hatte er zum ersten Mal den Geruch der Tropen eingeatmet, jene schwüle und süssliche Luft, die nach Verwesung riecht, aber auch nach exotischen Blumen und frischen Früchten. Die Stadt mochte schmutzig und chaotisch, vulgär und laut sein. Aber sie hatte einen fiebrigen Rhythmus, sie stand ni...

Inhaltsverzeichnis

  1. Impressum
  2. Prolog
  3. Teil I
  4. Teil II: Claire
  5. Teil III: Der Chindit