1Einleitung
„Regionen“ eignen sich für die Diskussion des analytischen Konzepts des Raumformats – wie es im Zentrum des 2016 gegründeten Leipziger DFG-Sonderforschungsbereichs 1199 „Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen“1 steht – besonders, weil sie in den Souveränitätsstrategien konkreter Akteure seit dem frühen 19. Jahrhundert bereits vielfältigen Ausdruck gefunden haben und seit dem Ende des Kalten Krieges eine bevorzugte Reaktion auf aktuelle Globalisierungsprozesse darzustellen scheinen.2 „Regionen“ werden in fragmentierten Wissensbeständen insbesondere von Politikwissenschaft und Globalgeschichtsschreibung eingehend und kontrovers diskutiert. Der Blick des SFB 1199 auf Regionalisierungsprojekte, oder Regionalismen, und Regionalorganisationen stellt dabei die Raumsemantiken in den Mittelpunkt, derer sich verschiedene staatlichen und nicht-staatliche Akteure im Moment der diskursiven Herstellung und des Sichtbarmachens von Raumordnungen bedienen, die sich dann in Dynamiken niederschlagen, die wir beispielsweise als „europäische Integration“, „Pan-Afrikanismus“ oder die „neue Seidenstrasse“ benennen.
Der hier vorliegende Beitrag soll gleichzeitig einen Überblick zur Diskussion um Regionalorganisationen und Regionalismen geben, und eine Einordnung dieser Diskussion anbieten. Im folgenden Abschnitt soll die Begrifflichkeit des SFB 1199 zum Thema „Raumformat“ und „Raumordnung“ dargestellt werden. Dabei handelt es sich um meine eigene Interpretation und work-in-progress, keinesfalls um ein bereits endgültig ausgehandeltes Begriffsverständnis, über das zu diesem Zeitpunkt bereits ein breiter Konsens existieren würde. Im dritten Abschnitt dieses Textes soll eine kurze Begriffsgeschichte zum Thema „Regionalorganisation“ entwickelt werden. Im vierten Abschnitt soll ein – notgedrungen unvollständiger – Überblick zum empirischen Phänomen „Regionalorganisationen“ gegeben werden, wie er sich für die Politikwissenschaft für die Zeit nach 1945 darstellt. Im fünften Abschnitt werden die Debatten über Regionen und Regionalorganisationen in gegenwärtigen Globalisierungsprozessen nachgezeichnet. Im sechsten Abschnitt sollen zwei grundlegende politikwissenschaftliche Diskussionen zur Epistemologie und Periodisierung von Regionalismen rekapituliert werden, unter anderem mit Blick auf die in den 1990er Jahren eingeführte Unterscheidung zwischen den „alten“ Regionalismen in Europa und den „neuen“ Regionalismen im Globalen Süden. Diese Perspektiven werden dann mit dem Forschungsstand in der Globalgeschichtsschreibung konfrontiert.
Vor dem Hintergrund der verschiedenen Debatten wird im siebten Abschnitt des vorliegenden Textes das Wirken von Regionalorganisationen am Beispiel der Afrikanischen Union (AU) in drei zentralen Handlungsdimensionen vertieft: Der Herstellung einer regionalen Raumordnung, der Schaffung distinkter regionaler Politikarchitekturen (hier in den Feldern Frieden und Sicherheit sowie Demokratie und Regierungsführung) und schließlich der Etablierung inter-regionaler Praktiken (hier zwischen der AU auf der einen Seite sowie den Vereinten Nationen bzw. der Europäischen Union auf der anderen). Es folgt eine Zusammenfassung.
2Raumformate und Raumordnungen
Die raumtheoretische Wende in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat einen Konsens befördert, nach dem der Raum nicht einfach gegeben, sondern sozial konstruiert ist – mithin wird von sozialen Räumen gesprochen.3 Diese sozialen Räume bauen meist auf historische Ablagerungen, Sedimentierungen auf; sie können territorialisiert sein, müssen es aber nicht. Soziale Räume existieren in vielfältigen, verschränkten Skalen und werden entsprechend genutzt. Der SFB 1199 versucht, dieses Sprechen weiterzuentwickeln, indem er die Kategorie des Raumformats einführt und den in anderen Kontexten bereits gebräuchlichen Begriff der Raumordnung als eine daraufhin bezogene Praxis bestimmt. Im Zentrum steht dabei die Signifizierung von Raumimaginationen konkreter Akteure in intersubjektiven Prozessen.
Raumformate sind zuallererst Attribute (Dinge werden von Akteur Y unter Zuhilfenahme einer Raumsemantik als X benannt; wobei einige Akteure in der Begründung von Raumformaten erfolgreicher sind als andere) – Beispiele für Raumformate sind etwa „Imperium“, „Warenkette“ oder eben „Region“. Im SFB 1199 gehen wir, erstens, davon aus, dass die Nutzung von Raumsemantiken nach dem Ende des Kalten Krieges eher zugenommen hat (und fragen natürlich auch nach der Historizität dieser Beobachtung): Diese Zunahme, so lässt sich vermuten, liegt daran, dass die Akteure dieses Raumsprechens ihre eigenen vielfältigen Handlungen noch nicht stabil und eindeutig benennen können und die Benutzung der Raumsemantik wahrscheinlich erheblich dazu beiträgt, sie stabil erscheinen zu lassen. Diese Zunahme semantischer Referenzen auf den Raum bedeutet zweitens, dass auch die Handlungen vielfältiger werden, mehr scales, mehr Netzwerke usw. benannt werden (es kann natürlich auch sein, dass lediglich die Bedeutungszuschreibungen zugenommen haben und nicht die empirischen Beobachtungen). Raumformate selbst sind nicht materiell, sie sind keine „sozialen Räume“. Sie sind vielmehr die Muster, durch die Akteure aus der Vielfalt unserer oftmals unbewussten Verräumlichungsprozesse (alltägliches Reden, Handeln, usw.) jene zu erkennen und zu benennen im Stande sind, die zu einem gegebenen Moment von bestimmten Akteuren für gesellschaftlich relevant gehalten werden. In diesem Sinne sind Raumformate Schablonen, Modelle, Muster oder Vorbilder. Insofern können Raumformate auch Erinnerungen an realweltlich zuvor existierende Raumordnungen darstellen, also etwa die Kalte-Kriegs-Ordnung mit „der Mauer“ oder die „Rassenordnung“ der Apartheid, aber auch – positiver konnotiert – der „Wiederaufstieg“ Indiens oder China zu weltpolitischer Größe (siehe unten).
Der SFB präzisiert, zweitens, den Begriff der Raumordnung, indem die Praxis des Raumordnens als Prozess der Sichtbarmachung von „gültigen“ Raumformaten und der Herstellung von intersubjektiv geteilten Raumordnungen verstanden wird. Den Raum zu ordnen stellt einen Prozess der kognitiven Wahrnehmung, diskursiven Deutung und sozialen Herstellung/Aushandlung dessen dar, was in der Vergangenheit dann als „sozialer Raum“ gedeutet worden ist. Den Raum zu ordnen, oder: zu signifizieren, meint sowohl etwas sichtbar zu machen wie auch mit Bedeutung aufzuladen.4 Raumformate sind dabei die Linse, durch die ansonsten ja nur metaphorisch existierenden Räume intersubjektiv kommunizierbar werden. Dazu bedarf es verschiedener Entrepreneure der Signifizierung und eines Resonanzpublikums. Und es braucht ferner Instrumente, Medien und Strategien der Signifizierung: reden, symbolisieren, handeln (z. B. durch die Auslösung von Geldflüssen, die Ausübung von Gewalt, usw.). Erfolgreiches Raumordnen ist davon abhängig, dass etwas benannt und institutionalisiert werden kann. Dies wiederum ist daran gebunden, dass es einen Akteur Y gibt, einen Raum-Entrepreneur, der es für wichtig erachtet, zu benennen und zu institutionalisieren (und sich damit gegen konkurrierende Akteure durchsetzen kann). Beim Ordnen von Räumen sind Bedeutungsaufladungen zentral, also Vorstellungen von der „Adäquatheit“, „Relevanz“ und „Angemessenheit“ bestimmter Raumformate (nota bene produzieren erfolgreiche Raumordnungen wiederum Raumformate).
Ein aktuelles Beispiel für diesen Zusammenhang, auch wenn es keine konkrete Regionalorganisation betrifft, ist die „Ein Gürtel, eine Straße“-Vision eines open regionalism (die „neue Seidenstraße“), wie ihn die Regierung der VR China mit Nachdruck verfolgt.5 Hier wird seit 2013 mit erheblichem finanziellen, handelspolitischen und geostrategischen Einsatz eine globale Erinnerung an ein Raumformat (die „alte Seidenstraße“) evoziert, die eine Großregion zwischen China und Europa entstehen lassen und eine neue Phase einer von China kontrollierten Globalisierung einläuten soll.
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