Seit Beginn des 19. Jahrhunderts werden in den Literatur- und Geisteswissenschaften quantitative Verfahren angewandt, um Texte zu beschreiben, zu analysieren und zu interpretieren. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts waren solche Ansätze unterrepräsentiert, gewinnen im Zuge der Digital Humanities jedoch sehr stark an Bedeutung. Ziel des Bandes ist es, quantifizierende Verfahren einerseits theorie-, methoden- und fachgeschichtlich zu kontextualisieren, andererseits aber auch mit Blick auf die digitale Gegenwart zu prüfen, welchen Stellenwert ihre Ergebnisse haben. Angesichts der innovativen Verve der Digital Humanities darf nicht vergessen werden, dass die Idee, einem interpretativen close reading ein (vermeintlich?) deskriptiv-analytisches distant reading gegenüberzustellen, nicht sehr viel jünger ist als die Idee des close reading selbst. Denn Zählen ist keinesfalls erst durch die 'digitale Revolution' der Geisteswissenschaften denkbar geworden. Vielmehr wird schon seit ungefähr 200 Jahren das, was vom späten Dilthey als Gegenstand der verstehenden und qualitativ orientierten Geisteswissenschaften bestimmt wurde, auch zum 'messbaren' Objekt erklärt.

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Quantitative Ansätze in den Literatur- und Geisteswissenschaften
Systematische und historische Perspektiven
- 396 Seiten
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Quantitative Ansätze in den Literatur- und Geisteswissenschaften
Systematische und historische Perspektiven
Über dieses Buch
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Information
Thema
LiteraturThema
Literaturkritik
Teil 1: Applikationen
Jonas Kuhn
Computerlinguistische Textanalyse in der Literaturwissenschaft? Oder: »The Importance of Being Earnest« bei quantitativen Untersuchungen
Abstract: In its first part, this article gives some illustrative insights into the spectrum of methods and model types from Computational Linguistics that one could in principle apply in the analysis of literary texts. The idea is to indicate the considerable potential that lies in a targeted refinement and extension of the analysis procedures, as they have been typically developed for newspaper texts and other everyday texts. The second part is a personal assessment of some key challenges for the integration of working practices from Computational Linguistics and Literary Studies, which ultimately leads to a plea for an approach that derives the validity of model-based empirical text analysis from the annotation of reference corpus data. This approach should make it possible, in perspective, to refine modeling techniques from Computational Linguistics in such a way that even complex hypotheses from Literary Theory can be addressed with differential, data-based experiments, which one should ideally be able to integrate into a hermeneutic argumentation.
Einleitung
Die Computerlinguistik und die Sprachtechnologieforschung entwickeln ihre Modelle und Methoden überwiegend für Gebrauchstexte wie Zeitungsartikel, Produktbesprechungen auf Internetseiten, Forenbeiträge in den Sozialen Medien etc. Dennoch üben literarische Texte mit ihren vielfältigen Herausforderungen an die Textanalyse eine große Anziehungskraft auf Computerlinguistinnen und -linguisten aus und in den wichtigsten Publikationsorganen, den Tagungsbänden der großen Computerlinguistikkonferenzen, erscheinen seit vielen Jahren vereinzelt, aber immer wieder Beiträge zur Erweiterung von computerlinguistischen Analysemodellen, die auf Charakteristika literarischer Texte abzielen.13
Die wachsende Aufmerksamkeit für die Digital Humanities – nicht zuletzt dank der Förderinitiativen der letzten Jahre im deutschsprachigen Raum – hat das Interesse in der Computerlinguistik-Community für interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Literaturwissenschaft weiter verstärkt. Wer sich in einer technischen und vorwiegend methodenorientierten Disziplin auf einen Analysegegenstand aus einem anderen Fachkontext einlässt, tut dies in dem Bewusstsein bzw. in der sicheren Erwartung, dass die etablierten Analysemodelle stark angepasst und erweitert werden müssen (beispielsweise um der Vielschichtigkeit eines Erzähltextes gerecht zu werden) und dass in der interdisziplinären Kooperation die methodischen Grundannahmen aus den unterschiedlichen Fächerkulturen sorgfältig herausgearbeitet und die gemeinsame Agenda entsprechend differenziert aufgesetzt werden muss. Der vorliegende Beitrag skizziert einerseits, wie die zu erwartenden Anpassungen des methodischen Vorgehens aus Sicht der Computerlinguistik aussehen, und wirft andererseits die Frage auf, ob und wie diese tatsächlich einen fruchtbaren Beitrag zu literaturwissenschaftlichen Kernfragen leisten können – oder ob die Grundannahmen zur textanalytischen Praxis so stark divergieren, dass noch grundlegendere Anpassungen erforderlich wären.
Die Computerlinguistik kann auf lange, fruchtbare Kooperationserfahrungen mit der theoretischen Linguistik zurückblicken, aus der u. a. Praktiken des quantitativ-korpuslinguistischen Arbeitens mit Werkzeugunterstützung (wie Part-of-Speech-Tagging, also automatische Auszeichnung von Wortarten) hervorgegangen sind. Hierfür waren und sind durchaus unterschiedliche Erkenntnisinteressen und Arbeitshypothesen abzustimmen – methodisch hat sich die Computerlinguistik in den letzten 20 bis 30 Jahren sehr weit von der Linguistik entfernt, es dominieren statistische Modelle der Sprachverarbeitung. Und so hat sich ein Bewusstsein für einen methodischen Anpassungsbedarf in Abhängigkeit von linguistischer Beschreibungsebene – Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik, Aspekte der Pragmatik – und theoretischem Ansatz herausgebildet. Aus computerlinguistischer Sicht erscheint es naheliegend, die Kooperation mit Linguistinnen und Linguisten als paradigmatisch für einen Dialog zwischen der geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sprache und Text und der komputationellen Modellierung von Textanalyseprozessen generell zu betrachten. Der Übergang zu literarischen Texten lässt aus dieser Sicht sicherlich besondere Herausforderungen an die Analysetiefe und die Abstimmung des deskriptiven Begriffsinventars erwarten, also einen intensiveren Anpassungsprozess, aber keinen grundsätzlich anders gearteten. In konkreten Überlegungen zu möglichen Kooperationen zwischen Literaturwissenschaft und Computerlinguistik erweist es sich jedoch nicht selten, dass die Herausforderungen weniger in einer schrittweisen Erweiterung der vorhandenen Analysemodelle liegen, sondern vielmehr das hermeneutisch geprägte Grundverständnis auf der einen und das stark experimentell-datenorientierte Vorgehen auf der anderen Seite selbst kooperationsfreudige Partner zunächst vor grundsätzlichere Fragen stellen. Diese Situation und ein möglicher Ansatz für die Praxis sollen in diesem Aufsatz aus dem Blickwinkel eines Computerlinguisten mit Interesse an einer fundierten Erweiterung des textanalytischen Methodeninventars diskutiert werden.
Teil 1 skizziert exemplarisch textanalytische Problemstellungen jenseits der etablierten linguistischen Analyseebenen, für die der Computerlinguistik ein Inventar an Modellierungsverfahren zur Verfügung steht, welches sich grundsätzlich um weitere Analyseebenen erweitern lässt. Das übliche Vorgehen besteht in einem Aufbrechen einer komplexeren Analyseaufgabe in Teilschritte, für die sich die jeweils beabsichtigte Kategorisierung von empirischen Texteigenschaften operationalisieren lassen, also auf Basis einer intersubjektiven Übereinstimmung festgelegt werden können. Konkret wird anhand eines Beispiels aus Mark Twains Adventures of Tom Sawyer illustriert, welche oberflächenorientierten Analyseschritte erforderlich sind, um in Erzähltexten wörtliche Rede den Figuren zuzuordnen.
Viele operationalisierte Analysemodelle lassen sich (i) für qualitative Fragestellungen bei der Textanalyse einsetzen (und sicherlich auch für den Abgleich von literaturtheoretischen Hypothesen gegen die Empirie, also einen einzelnen Text oder eine kleine Auswahl von Werken); mit der Möglichkeit einer Automatisierung bestimmter Teilanalysen erschließen sich jedoch – mit der nötigen methodenkritischen Reflexionsbereitschaft – vor allem auch Wege, (ii) ein größeres Korpus von Zieltexten hinsichtlich ausgewählter Eigenschaften systematisch zu untersuchen, beispielsweise explorativ im Sinne des Distant Reading oder für Vergleichsstudien. Im Rahmen des vorliegenden Bandes liegt der Fokus auf (ii), also automatisierten Analyseschritten in der Aufbereitung von größeren Korpora für mögliche quantitative Fragestellungen. Eine computergestützte Identifikation und Zuordnung von Figurenrede in Mark Twains Huckleberry Finn soll beispielhaft verdeutlichen, wie der Einsatz von computerlinguistischen Analysemodellen es ermöglicht, ein größeres Textkorpus in einer feineren Granularität zu erschließen – hier für stilistische Untersuchungen zur Figurenrede – als dies mit gängigen quantitativen Verfahren möglich ist.
Teil 2 soll etwas ausführlicher auf die eingangs angedeutete Problematik eingehen, die im weitesten Sinn wissenschaftstheoretisch bzw. -soziologisch ist: Trotz der großen Dynamik innerhalb der Fachcommunity der Digital Humanities, in der aus naheliegenden Gründen ein Ausloten von korpusorientierten Modellierungsmöglichkeiten mit computerlinguistischen Verfahren methodologisch relevant ist, erscheinen Vertreter aus den »Kernbereichen« der Literaturwissenschaften (sofern eine derartige Generalisierung überhaupt zulässig ist) vielfach reserviert, wenn es um die Frage geht, ob sie einer Argumentation folgen würden, die sich teils auf computerlinguistische Analysen stützt. Teil 2 spekuliert über Gründe für diese Reserviertheit (im Anschluss an einen Beitrag zur Methodendiskussion des interdisziplinären Autorenteams Hammond/Brooke/Hirst 2013) und schließt Überlegungen an, ob und, wenn ja, wie sie auf breiterer Basis zu überwinden wäre.
Diejenigen, die sich gegenüber computergestützten Verfahren in der Literaturwissenschaft offen zeigen (und sie werden immer mehr und sind in der deutschsprachigen Digital Humanities-Community recht gut vernetzt), sehen sich einer – oft unübersichtlichen – Fülle von technischen Möglichkeiten gegenüber; mangels etablierter Arbeitspraktiken zur Integration von klassisch hermeneutischen Arbeitsschritten und formalisierten Analysemodellen ist zunächst unklar, wie sich geeignete Kombinationen methodenkritisch etablieren lassen und wie vermieden werden kann, dass Werkzeuge entgegen ihren Anwendungsbedingungen eingesetzt und so eine irreführende Pseudo-Objektivität erzeugt wird. Zu diesem Punkt argumentiert dieser Beitrag abschließend für sehr hohe Standards bei der ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- Einleitung: Quantitative Ansätze in den Literatur- und Geisteswissenschaften
- Teil 1: Applikationen
- Teil 2: Reflexionen
- Beiträgerinnen und Beiträger
Häufig gestellte Fragen
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