Präteritumschwund im Deutschen
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Präteritumschwund im Deutschen

Dokumentation und Erklärung eines Verdrängungsprozesses

  1. 450 Seiten
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Präteritumschwund im Deutschen

Dokumentation und Erklärung eines Verdrängungsprozesses

Über dieses Buch

Seit 130 Jahren bemüht sich die sprachwissenschaftliche Forschung vergeblich um eine plausible Erklärung des sog. "Präteritumschwunds": dem Verlust der Präteritumformen im gesprochenen Deutsch. Die vorliegende Arbeit setzt an diesem Desiderat an und führt in innovativer Weise Theoriebildung, Erkenntnisse und Methoden aus unterschiedlichen linguistischen Disziplinen – Dialektologie, Sprachgeschichte, Grammatikforschung, Tempus & Aspekt-Forschung – ertragreich zusammen. Die Studie liefert zum einen eine umfassende Dokumentation des Präteritumschwunds in Raum und Zeit. Dazu werden in Form einer Metanalyse zahlreiche Dialektgrammatiken, Sprachkarten und Korpusstudien ausgewertet und zu einem Gesamtbild zusammengefügt. Die gestaffelte Verteilung von Präteritumformen im Raum sowie die historische Entwicklung lassen auf eine sukzesssive und prinzipiengeleitete Verdrängung der Präteritumformen durch die expandierende Perfektform schließen. Zum anderen wird auf Basis von modernen theoretischen Konzepten eine Erklärung erarbeitet, die neben der Ursache des Prozesses auch weitere Faktoren des Präteritumschwunds bestimmt und eine europäische Perspektive eröffnet.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783110560701
eBook-ISBN:
9783110560923

1Einleitung

„Es gab Obstsalat zum gemeinsamen Frühstück.
Wir haben Drachen gebastelt. Wir waren draußen.“
Auf einer Tafel in dem mittelhessischen Kindergarten Regenbogenland in Großseelheim werden die Eltern mit variierendem Tempusformengebrauch über die Aktivitäten des Tages informiert. Diese beobachtete Variation ist dem sogenannten oberdeutschen Präteritumschwund geschuldet, der offensichtlich über das oberdeutsche Sprachgebiet hinausgreift. Es handelt sich dabei um einen historischen Sprachwandelprozess, in dem seit mittelhochdeutscher Zeit Perfektformen (haben gebastelt) die Präteritumformen (bastelten) verdrängen. Diese Arbeit möchte zur Erforschung dieses Prozesses beitragen. Im Zentrum steht dabei die Dokumentation und Analyse des Schwundprozesses in den Regionalsprachen des Deutschen.

1.1Präteritumschwund − Perfektexpansion

Was ist „Präteritumschwund“? Mit dem Terminus „Oberdeutscher Präteritumschwund“ wird im engeren Sinne der Verlust der Präteritumformen in den südlichen Dialekten des deutschen Sprachraums verstanden. In diesen Dialekten wird statt des Präteritums (sie spielte, sie ging, sie dachte) das Perfekt (sie hat gespielt, sie ist gegangen, sie hat gedacht) zum Ausdruck von Vergangenheit verwendet. In einem weiteren Sinne wird unter „Präteritumschwund“ allgemein der Abbau von Präteritumformen verstanden. Dieser lässt sich auch in der gesprochenen Standardsprache feststellen, in der das Präteritum seltener als in der Schriftsprache verwendet wird, aber als Form bestehen bleibt. In einem allgemeinen Sinn kann mit „Präteritumschwund“ generell auf Prozesse verwiesen werden, bei denen wie im Deutschen eine Form zum Ausdruck allgemeiner oder perfektiver Vergangenheit von einer expandierenden Perfektform verdrängt wird. Solche Prozesse − die einen ähnlichen Verlauf haben wie der Prozess im Deutschen − lassen sich auch in nicht-germanischen Sprachen feststellen (z. B. in der Romania). Da nur die germanischen Sprachen über eine Präteritumform verfügen − dessen Paradigma aus einem für das Germanische typischen Zusammenfall von indoeuropäischen Aorist- und Perfektformen entstanden ist − ist der Begriff nicht auf nicht-germanische Sprachen übertragbar. Es stellt sich die Frage, ob die Prozesse nicht allgemeiner mit dem Begriff der Perfektexpansion zu fassen sind. Wie in dieser Arbeit gezeigt wird, ist die Expansion einer Perfektform in Bedeutung und Gebrauch der treibende Motor in den Schwundprozessen, die sich genauer noch als Verdrängungsprozesse darstellen.
Die Bezeichnungen „Präteritumschwund“ und „Perfektexpansion“ betonen jeweils einen unterschiedlichen Blickwinkel auf den gleichen Prozess. Sie zeigen zwei Seiten einer Medaille. Während mit „Präteritumschwund“ der Fokus auf den Verlustprozess der Präteritumformen gelegt wird, hebt „Perfektexpansion“ die Verdrängung des Präteritums durch das expandierende Perfekt hervor. Wir werden sehen, dass die Grammatikalisierung und Expansion des Perfekts und der Abbau des Präteritums sich überlappende, zusammenhängende Prozesse darstellen. Da für den Präteritumschwund jedoch auch andere Gründe als die Perfektexpansion geltend gemacht wurden, konnotiert der Begriff „Perfektexpansion“ gleichzeitig die Zurückführung des Schwunds auf die Ausweitung des Perfekts in Bedeutung und Gebrauch.
In dieser Arbeit wird der Präteritumschwund als Folge der Perfektexpansion beschrieben, der im Kontext einer umfassenden Reorganisation des deutschen Tempus-Aspekt-Systems in der Geschichte des Deutschen erfolgte. Von Interesse sind beide Seiten des Prozesses: Die Arbeit fragt sowohl nach dem genauen Ablauf des Expansionsprozesses der Perfektform als auch nach dem Abbauprozess des Präteritums. Wir werden sehen, dass beide Prozesse regelhaft verlaufen und sich auf identifizierbare Faktoren zurückführen lassen.

1.2Dialekt − Regionalsprache − Regiolekt − Standardsprache

Der Präteritumschwund erfasst im Deutschen das gesamte Varietätengefüge. Sprachhistorisch setzten die relevanten Sprachwandelprozesse bereits ein, bevor sich die neuhochdeutsche Standardsprache − die die Präteritumform als festes Inventar aufgenommen hat − entwickelt hatte. Aus diesem Grund ist der Präteritumschwund in erster Linie ein Phänomen der Dialekte. Diese lassen sich nach Schmidt/Herrgen (2011, 59) definieren als „die standardfernsten, lokal oder kleinregional verbreiteten Vollvarietäten“.1 Die Entwicklung, Oralisierung und Verbreitung der Standardschriftsprache haben zu einer Vertikalisierung des regionalsprachlichen Sprechens und dadurch zur Ausbildung weiterer regionalsprachlicher Varietäten und Sprechlagen im Substandardbereich geführt. Das Gesamt des regionalen Sprechens wird mit dem Begriff der Regionalsprache spezifiziert:
Eine Regionalsprache ist ein durch Mesosynchronisierungen vernetztes Gesamt an Varietäten und Sprechlagen, das horizontal durch die Strukturgrenzen der Dialektverbände/-regionen und vertikal durch die Differenzen zu den nationalen Oralisierungsnormen der Standardvarietät begrenzt ist. (Schmidt/Herrgen 2011, 66)
Im Variationsbereich zwischen Dialekt und Standardsprache wird als „standardabweichende Vollvarietät mit großregionaler Verbreitung“ (Schmidt/Herrgen 2011, 66) der Regiolekt bestimmt. Je nach Dialektverband hat die Regionalsprache eine andere Struktur. Sie ist jeweils durch historische, soziale und auch sprachsystemische Eigenschaften geprägt. Traditionell lag das Forschungsinteresse auf den Dialekten, die in der klassischen Dialektologie umfangreich dokumentiert wurden. Die Regiolekte und die regionalsprachlichen Spektren wurden erst in neuerer Zeit zum zentralen Gegenstand einer modernen Regionalsprachenforschung.2 Da sich die Regiolekte auf Grundlage der Dialekte ausgebildet haben, ist der Präteritumschwund für die gesamte Regionalsprache von Bedeutung. Auch die Standardsprache weist Auswirkungen des Schwundprozesses auf.
Die Standardsprache überdacht die Regionalsprachen des Deutschen. Sie wird wie folgt definiert:
Standardsprache heißt diejenige Vollvarietät, auf deren Literalisierungsnorm die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft ihre Makrosynchronisierung ausrichten. Die − nationalen − Oralisierungsnormen dieser Vollvarietät sind durch Freiheit von (kommunikativ) salienten Regionalismen gekennzeichnet. (Schmidt/Herrgen 2011, 62)
Zahlreiche Entwicklungen in der Moderne haben die Dynamik in diesem Varietätengefüge beschleunigt. So können wir neben dialektalem Wandel3 vor allem standardkonvergente Entwicklungen innerhalb der regionalsprachlichen Systeme beobachten (vgl. Schmidt/Herrgen 2011).

1.3Forschungskontexte

Der „Präteritumschwund im Deutschen“ ist ein zentrales und für viele linguistische Disziplinen relevantes Thema. Nicht nur hat es auf der Beschreibungsebene zahlreiche linguistische Disziplinen bemüht, es reicht als Sprachwandelprozess tief in die verschiedenen Systemebenen der Sprache hinein. Der Schwund einer Tempusform, die sprachhistorisch einmal festes Inventar des Deutschen war, und die mit diesem Schwund im Zusammenhang stehenden Umbauprozesse betreffen das gesamte Sprachsystem in vielfacher Weise.
Aus Sicht der Variationslinguistik ist der Präteritumschwund in erster Linie ein Forschungsthema der traditionellen, germanistischen Dialektologie, die den Schwund in den Dialekten dokumentiert und verschiedene Erklärungen erarbeitet hat (u. a. Reis 1891; Jacki 1909; Kaiblinger 1929/30; Rowley 1983).
Als historischer Sprachwandelprozess ist der Schwund zudem Thema der historischen Sprachwissenschaft, die sich um eine Datierung, Lokalisierung und ebenfalls um Erklärungen bemüht (u. a. Lindgren 1957; Dentler 1997; Sapp 2009; Amft 2013). Gleichzeitig beschreibt die historische Linguistik morphologische und syntaktische Umbauprozesse, die auch in einem Zusammenhang mit dem Schwundprozess stehen (z. B. den frühneuhochdeutschen Präteritalausgleich, die Ausbildung periphrastischer Verbalformen; vgl. dazu u. a. Schmuck 2013).
Als Verschiebung der Form-Funktions-Relationen ist der Präteritumschwund jedoch auch ein Thema der Grammatikbeschreibung (u. a. Duden-Grammatik 2016; Rothstein 2006; 2007; Petrova 2008b) und darüber hinaus der Tempus-Aspekt-Forschung (u. a. Comrie 1976, 1985; Klein 1994; Musan 2002; Henriksson 2006; Binnick 2012) sowie der Sprachwandel- und Grammatikalisierungsforschung (u. a. Szczepaniak 2011; Eckardt 2012), die das nötige terminologische Inventar zur Beschreibung des Prozesses liefern und neben semantischen und pragmatischen auch diskurslinguistische Faktoren bemühen. Die sprachvergleichende, typologische Tempus-Aspekt-Forschung (u. a. Bybee/Dahl 1989; Bybee/Perkins/Pagliuca 1994) interessiert sich für den Präteritumschwund als eine Ausprägung einer allgemeinen Entwicklung und erweitert die rein germanistische Perspektive um kontrastive Erkenntnisse.
Als Sprachwandelphänomen, das für eine theoretisch und sachlich adäquate Beschreibung ein Zusammenführen verschiedener linguistischen Disziplinen erfordert, stellt der Präteritumschwund damit eine besondere Herausforderung dar. In Rahmen einer Dissertation muss daher ein klarer Fokus innerhalb des umfangreichen Forschungsfeldes gesetzt werden. Dieser liegt in dieser Arbeit auf der synchronen Beschreibung des Schwunds, dem historischtheoretischen Hintergrund des Prozesses und seiner Erklärung.

1.4Ziele der Arbeit

Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Status quo des Präteritumschwunds im Deutschen zu dokumentieren, zu analysieren und zu erklären. Als Teilziele lassen sich daher die folgenden Aufgaben benennen:
  1. Dokumentation der dialektalen, präteritalen Formenbestände: Welche Raumgliederung des Präteritumschwunds lässt sich ermitteln? Welchen Regeln folgt diese Raumgliederung?
  2. Dokumentation der Distributionen: Welche Häufigkeitsverteilungen lassen sich für den dialektalen und standardsprachlichen Gebrauch von Präteritum- und Perfektformen feststellen? Wie lassen sich diese erklären?
  3. Dokumentation des historischen Präteritumschwunds und der Perfektexpansion: Wann, wo und nach welchen Regeln hat das Perfekt expandiert und ist das Präteritum geschwunden?
  4. Rekonstruktion der Prozesse, die zum Präteritumschwund geführt haben: Welche Veränderungen hat das deutsche Tempus-Aspekt-System erfahren, so dass das Präteritum schwinden konnte? Wie lassen sich diese Prozesse beschreiben und diachron sowie synchron untersuchen?
  5. Erklärung des Präteritumschwunds: Welche Ursache hat den Schwund ausgelöst? Welche Faktoren haben den Prozess beeinflusst? Nach welchen Prinzipien erfolgt der Abbau der Präteritumformen?
Um diese Fragen zu beantworten, wertet diese Arbeit systematisch die vorhandenen dialektologischen Quellen und die zum Präteritumschwund und zur Tempusdistribution erschienenen Forschungsarbeiten aus. Diese Arbeiten haben jeweils nur Einzelaspekte des Schwunds oder Teilräume betrachtet. Das bisherige Bild zum Präteritumschwund ist daher stark fragmentiert. In Form einer Metaanalyse werden die Erkenntnisse nun erstmals systematisch ausgewertet, überprüft und zu einem einheitlichen Bild zusammengeführt. In dieser Hinsicht nimmt diese Arbeit eine Erstvermessung des Präteritumschwunds entlang mehrerer Dimensionen – areal, vertikal, historisch − vor. Zur Erklärung des Schwunds werden die relevanten historischen Entwicklungen im deutschen Tempus-Aspekt-System4 ermittelt. Die Erkenntnisse zu diesen Prozessen werden aufeinander bezogen und mit den traditionellen Erklärungen des Präteritumschwunds zu einem multifaktoriellen Erklärungsrahmen zusammengeführt.
Damit liefert diese Arbeit eine empirisch fundierte Grundlage zur Beschreibung von Perfektexpansion und Präteritumschwund im Deutschen. Die germanistische Beschreibung des Präteritumschwunds wird zudem anschlussfähig für typologische und sprachvergleichende Forschungen gemacht. Sie soll als Ausgangspunkt für die künftige, empirisch fundierte, kontrastive Erforschung des europäischen Präteritumschwunds dienen.

1.5Aufbau der Arbeit

Kapitel 2 führt den Forschungsstand zur Dokumentation des Präteritumschwunds zusammen. Nach einer kontrastiven Verortung (Kap. 2.1) wird der Forschungsstand zum Präteritumschwund im Deutschen ausgewertet. Zunächst wird der Entwicklungsstand des Präteritumschwunds im 19. und 20. Jahrhundert erörtert. Dazu werden für den bundesdeutschen Sprachraum der Sprachatlas des Deutschen Reichs (Wenker 1888–1923), Dialektgrammatiken, weitere Sprachkarten und einschlägige Einzelstudien ausgewertet und die darin dokumentierten dialektalen Formenbestände und Gebrauchsregularitäten erfasst und kartiert (Kap. 2.2). Die Ergebnisse werden anschließend mit den standardsprachlichen Verhältnissen kontrastiert (Kap. 2.3). Anschließend wird die diachrone Entwicklung des Präteritumschwunds skizziert (Kap. 2.4). Es folgt eine Diskussion der aus der Auswertung des Forschungsstands resultierenden Forschungsfragen (Kap. 2.5).
In Kapitel 3 wird Präteritumschwund als Folge einer Reorganisation des deutschen Tempus-Aspekt-Systems erklärt. Dazu werden zunächst die Grundkonzepte zur Beschreibung des deutschen Tempus-Aspekt-Systems entwickelt und das neuhochdeutsche Tempus-Aspekt-...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. Inhalt
  6. 1 Einleitung
  7. 2 Die Dokumentation des Präteritumschwunds
  8. 3 Die Erklärung des Präteritumschwunds
  9. 4 Ergebnisse der Arbeit und Ausblick
  10. 5 Verzeichnisse
  11. Register

Häufig gestellte Fragen

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