1Einführung: Sprache, Agonalität und das Verhältnis von Mensch und Natur
There is a pleasure in the pathless woods,
there is a rapture in the lonely shore,
there is society, where none intrudes,
by the deep sea, and music in its roar,
I love not Man the less, but Nature more [...].
(Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage,
CLXXVIII, 1812‒1818, 137)
Das Verhältnis von Mensch und Natur wurde im Laufe der Menschheitsgeschichte von vielen, teils widersprüchlichen und einander agonal gegenüberstehenden Konzepten geprägt. Die Natur wird, wie im Zitat des romantischen Dichters Lord Byron, mal als erhaben perspektiviert, mal als zu kultivierende Wildheit, als Ort der Rohstoffgewinnung, als Gefahr, als Zierde, als Idylle, als ursprünglicher Rückzugsort, als Quelle der Heilkraft oder als unberechenbarer Risikofaktor. Philosophie, Dichtung, Theologie und viele andere Disziplinen haben sich des Themas der Beziehung von Mensch und Natur angenommen. Insbesondere in jüngster Zeit geschieht dies auch aus einem bewahrenden Blickwinkel, etwa in Forderungen von Akteuren wie Umweltschutzorganisationen und Tierschützern. Daraus ergeben sich auf sprachlicher Ebene Konflikte zwischen verschiedenen Perspektiven und Konzepten, die als Agonalität, d.h. als Wettstreit konfligierender Positionen oder Sachverhalte (vgl. Felder 2012), beschrieben werden können.
Die Analyse solcher konfligierender Perspektiven aus linguistischer Sicht ist ein zentrales Anliegen dieser Arbeit. Konflikte prägen die Alltagswelt ebenso wie gesamtgesellschaftliche Diskurse (vgl. Vogel/Luth/Ptashnyk 2016): In Bezug auf das Verhältnis von Mensch und Natur betrachtet reichen die Konflikte vom Streit um lokale Bauprojekte, die mit Umweltschutzinteressen zusammenstoßen, bis hin zu internationalen Debatten um die Begrenzung der Klimaerwärmung. Agonale Konfliktpunkte sollen hier in Diskursen um Mensch und Natur analysiert werden. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, Agonalität zweisprachig zu untersuchen. Es soll methodologisch herausgearbeitet werden, wie Agonalität konkret in deutsch- und englischsprachigen Texten etabliert und fassbar für eine diskurslinguistische Analyse wird. Dabei werden Dimensionen der Agonalität als semantische Facetten entwickelt, die es ermöglichen, das Phänomen der Agonalität genauer in den Blick zu nehmen.
Die zweisprachige Analyse erlaubt es, Agonalität im Sprachvergleich herauszuarbeiten und agonale Konzepte in Bezug auf Mensch und Natur linguistisch in Korpora des Deutschen und Englischen zu vergleichen. Dazu sollen in dieser Einleitung das Verhältnis von Mensch und Natur sowie der Zusammenhang mit Sprache überblicksartig skizziert werden.
Die verbreitete Vorstellung von einer beherrschbaren Natur entwickelte sich seit der Renaissance über die Zeit der Aufklärung hinweg und führte spätestens seit der Industrialisierung zu einer Natur, die erheblich vom Menschen geprägt ist (vgl. Wanning 2005). Der Nobelpreisträger Paul Crutzen sieht den Einfluss des Menschen als so stark an, dass er vom Zeitalter des „Anthropozän“ spricht (Crutzen 2002; vgl. weiter Ehlers 2008; Kersten 2014; Manemann 2014; Baumgartner 2015), einem ganzen Erdzeitalter, das vom Faktor „Mensch“ entscheidend geprägt wird, etwa mit irreparablen geologischen Veränderungen. Andererseits zeigen Erdbeben, Stürme, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche und andere Naturkatastrophen Situationen der menschlichen Ohnmacht im Angesicht der Natur. Auch im 21. Jahrhundert und in technologisch entwickelten Gesellschaften scheint der Mensch nicht immer (Be-)Herrscher der Natur zu sein. Aus verschiedenen Gründen ergeben sich angesichts dieser Widersprüchlichkeiten Konflikte im Umgang mit der Natur, die unter anderem sprachlich ausgetragen werden.1
Das vielseitige Verhältnis von Mensch und Natur äußert sich zum einen in Primärerfahrungen jedes Individuums. Zum anderen wird das Wissen über Zusammenhänge in der Natur aber auch sprachlich und bildlich vermittelt. Dies gilt für Naturphänomene, die wir aufgrund räumlicher Entfernung nicht selbst erleben, ebenso wie für naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die dem fachlichen Laien erst in einer Vermittlungssemantik (vgl. Steger 1988; Felder 2009a) nahegebracht werden. Viele dieser Informationen erfahren wir durch die Massenmedien ‒ oder zugespitzt formuliert: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 52017, 9)2. Auch wenn die Bedeutung der Primärerfahrungen nicht zu unterschätzen ist ‒ gerade in der persönlichen Begegnung des Individuums mit der Natur ‒ , verweist Luhmann zu Recht auf die besondere Bedeutung der Medien bei der Konstitution von Wissen. Die Medien vermitteln fachliche Sachverhalte und Perspektiven, die dem Individuum sonst unbekannt blieben, und leisten einen wichtigen Beitrag zum Wissensbestand in einer Gesellschaft.
In einer globalisierten Welt werden dabei auch Sachverhalte und Konflikte vermittelt, die in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen vorkommen. Das Wissen einer Gesellschaft über Zusammenhänge in der Welt wird über Kultur- und Sprachgrenzen hinaus vermittelt. Auch Naturereignisse und -phänomene, die in einem geographischen Gebiet unbekannt sind, werden auf diese Weise kommuniziert, ebenso wie die Reaktionen darauf.
Sprache ist dabei das entscheidende Medium, das Wissen in Massenmedien prägt.3 Sachverhalte, Ansichten und Zusammenhänge werden sprachlich konstituiert. In den verschiedenen Einzelsprachen stehen dafür unterschiedliche lexikalische und grammatische Mittel zur Verfügung. Humboldt (1836/1907) sieht die Einzelsprache, in der etwas ausgedrückt wird, als prägend für das Denken an, bzw. er betrachtet die Weltsicht eines Menschen als von seiner Muttersprache stark beeinflusst, „da jede Sprache das ganze Gewebe der Begriffe und die Vorstellungsweise eines Theils der Menschheit enthält“ (Humboldt 1836/1907, 60). Das Verhältnis von Mensch und Natur in unterschiedlichen Subthemen wird in einer Vielzahl von Sprachen mit dem zur Verfügung stehenden Vokabular und in unterschiedlichen grammatischen Perspektivierungen versprachlicht. Konfligierende Aspekte eines Sachverhalts werden dabei mit unterschiedlichen sprachlichen Mitteln auf der Sprachoberfläche ausgedrückt. Aus diesem Grund sind die Perspektiven auf Natur, die konstruiert werden, sowie die sprachlichen Formen der Perspektivierungen von Agonalität in den unterschiedlichen Sprachen und Diskursen verschieden.
Gleichzeitig werden in den unterschiedlichen Kulturen kulturabhängig verschiedene Aspekte von Natur hervorgehoben und perspektiviert, während andere eine weniger wichtige Rolle spielen können. Welche Konflikte dabei in der Darstellung des Verhältnisses von Mensch und Natur zutage treten, kann verschieden sein. Die einzelnen Diskursausprägungen können dabei von unterschiedlichen Konzepten und agonalen Zentren ‒ Konzepte, die einander dichotomisch im Diskurs gegenüber stehen (vgl. Felder 2012; 2013) ‒ geprägt werden.
Diese Arbeit setzt sich einen Vergleich zwischen der Perspektivierung von Agonalität in Zeitungsmediendiskursen im Deutschen und Englischen zum Ziel. Im Vordergrund stehen zwei Themen im Kontext des Verhältnisses Mensch und Natur. Zum einen betrachtet die Arbeit die Berichterstattung um den Hurrikan Sandy, der im Herbst 2012 vor allem die Ostküste der USA traf ‒ folglich ein Aspekt des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur, bei dem der Mensch von der Natur empfindlich getroffen wurde. Zum anderen wird der Pressediskurs um Fracking untersucht, eine Bohrtechnik, bei der schwer zugängliches Schiefergas mit einem horizontalen Bohrungsverfahren zutage gefördert wird. Dabei wird ein Gemisch aus Wasser und Chemikalien in die Erde gepresst. In diesem Diskurs wirkt folglich umgekehrt der Mensch aktiv prägend auf die Natur ein.
In der vorliegenden Arbeit wird dabei zum einen verglichen, wie sich Agonalität in diesen Diskursthemen im Sprach- und Kulturvergleich gestaltet. Zum anderen wird untersucht, wie in den beiden untersuchten Sprachen Deutsch und Englisch Agonalität, d.h. das Ringen um Geltungsansprüche in Diskursen wie den beiden vorliegenden, ausgedrückt wird. Dies geschieht sowohl induktiv mit Verfahren der Diskurs- und Textanalyse als auch deduktiv durch den agonalitätsbezogenen Vergleich von Grammatiken und thematischen Wörterbüchern der beiden Sprachen, in denen sich der Agonalität verwandte Konzepte finden lassen. Dadurch werden verschiedene Methoden kombiniert, um die Agonalität in beiden Sprachen zu untersuchen.
Insgesamt stehen in dieser Untersuchung damit die folgenden zentralen Fragestellungen im Vordergrund:
–Welche Möglichkeiten existieren in den Sprachen Deutsch und Englisch, Agonalität in Texten und Diskursen zu konstruieren (Kapitel 4)?
–Wie gestaltet sich die Agonalität in den Diskursen um Fracking und Hurrikan Sandy in den b...