Raum und Interieurs in Thomas Manns ErzÀhlwerk
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Raum und Interieurs in Thomas Manns ErzÀhlwerk

Materielle Kultur zwischen 'WelthÀusern' und 'Urdingen'

  1. 320 Seiten
  2. German
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Raum und Interieurs in Thomas Manns ErzÀhlwerk

Materielle Kultur zwischen 'WelthÀusern' und 'Urdingen'

Über dieses Buch

Das 19. Jahrhundert sei "wohnsĂŒchtig" gewesen, diagnostizierte Walter Benjamin einst. Das "RaumgefĂŒhl" (August Schmarsow) dieser Epoche prĂ€gt das literarische Werk Thomas Manns. Die Studie deutet Manns literarische RaumentwĂŒrfe nicht biographisch oder textimmanent, sondern begreift sie als Versuchsanordnungen zur materiellen Kultur, denen diskursanalytisch, wissensgeschichtlich und ideologiekritisch auf den Grund zu gehen ist. Dazu werden die in einschlĂ€gigen Werken Manns entworfenen Raumsemantiken in genauen TextlektĂŒren profiliert: Die Arbeit untersucht etwa die Buddenbrooks im Hinblick auf zeitgenössische Diskurse um Interieurs und bĂŒrgerlichen Lebensstil; sie geht dem spatialisierten "Feindbegriff" (Reinhart Koselleck) des Barbarischen im Zauberberg nach und analysiert Topographien der Exilerfahrung in Joseph und seine BrĂŒder. Ihr spezifisches Erkenntnisinteresse ermöglicht neue Einsichten auch zu vermeintlich "ausinterpretierten" (Helmut Koopmann) Texten.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783110586879
eBook-ISBN:
9783110588835

1Einleitung und Problemstellung

Thomas Manns ‚wohnsĂŒchtiges‘ Zeitalter
„[A]uch mir sagte er voraus, daß ich ewig [
] an den Lift gebunden bleiben und nie den
Betrieb des Welthauses unter einem anderen Gesichtswinkel als diesem speziellen und
beschrĂ€nkten kennenlernen wĂŒrde.“
Aus: ‚Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull‘.
„‚Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rĂŒhren, junger Mann, mit Ihrem gewandten kleinen
Wort an heilige Gegebenheiten‘ [
].“
Aus: ‚Der Zauberberg‘.
Dass man das 20. Jahrhundert dereinst als „Zeitalter des Raumes begreifen“1 wĂŒrde, antizipierte vielleicht am prĂ€gnantesten und am hellsichtigsten Walter Benjamin. Diese Antizipationsleistung konstituiert sich nicht in einem abstrakten TheoriegebĂ€ude, einem in irgendeiner Weise ‚Benjamin’schen‘ Raumbegriff. Sie konstituiert sich in verstreuten Reflexionen und Gedankensplittern, im scharfen Blick auf den „Möbelstil“,2 die „Dinge“3 und generell die Raumkonzeptionen des schon aus Benjamins Sicht nĂ€chstĂ€lteren, des 19. Jahrhunderts. Das „Wohnen“, so Benjamins Beobachtung, mĂŒsse schlechterdings als „Daseinszustand des neunzehnten Jahrhunderts begriffen werden“:4 In jenem „wohnsĂŒchtig[en]“5 SĂ€kulum verliere der Raum, spezifisch der bewohnte und gestaltete Raum des bĂŒrgerlichen Interieurs und der modernen Großstadt, gleichsam seine Unschuld und werde zum Gegenstand kulturwissenschaftlichen Interesses. Das „wohnsĂŒchtig[e]“ 19. Jahrhundert
begriff die Wohnung als Futteral des Menschen und bettete ihn mit all seinem Zubehör so tief in sie ein, daß man ans Innere eines Zirkelkastens denken könnte, wo das Instrument [
] in tiefe, meistens violette Sammethöhlen gebettet, daliegt. [
] Wohnen als Transitivum – im Begriff des ‚gewohnten Lebens‘ [
] – gibt eine Vorstellung von der hastigen AktualitĂ€t, die in diesem Verhalten verborgen ist. Es besteht darin, ein GehĂ€use zu prĂ€gen.6
Erst in dieser Gemengelage „betritt der Privatmann den geschichtlichen Schauplatz“ und grenzt den „Lebensraum“ von der „ArbeitsstĂ€tte“ ab: „Der erste konstituiert sich im Interieur. Das Kontor ist sein Komplement.“7 Und in dieser Gemengelage, das zeigen Benjamins Überlegungen anschaulich, wird RĂ€umlichkeit ebenso bedeutungsschwer wie prekĂ€r.
FĂŒr Benjamin entwickelt sich also das „Wohnen“ im 19. Jahrhundert zum genuinen „Daseinszustand“, zum aufwendig konstruierten und inszenierten „Futteral“ des Privatmanns, das mit Prozessen der IdentitĂ€tsbildung verschrĂ€nkt ist (schließlich soll der Akt des Wohnens „ein GehĂ€use [
] prĂ€gen“). Diese Entwicklung erweist sich einerseits als intellektuell und Ă€sthetisch produktiv: Sie ermöglicht eine „spatialization of historical time“,8 die VerrĂ€umlichung der subjektiven (Zeit-)Erfahrung. Die „Projektion des zeitlichen Verlaufes in den Raum“9 eröffnet Deutungs- und BewĂ€ltigungspotenziale im Umgang mit der erschĂŒtternden Erfahrung der Moderne. Dementsprechend kann Benjamin in seiner ‚Berliner Kindheit um neunzehnhundert‘ gezielt „das autobiographische Subjekt [
] in den Hintergrund“ versetzen und „an seiner statt rĂ€umliche Gegebenheiten sprechen“10 lassen. Auf diese Weise werden RĂ€ume oder „Raumbilder“ zu Medien der Wissenskonstitution – eine Tendenz, die Benjamin schon fĂŒr die Raum- und „Geschichtsauffassung des XVII. Jahrhunderts“ ausmacht: „[D]er zeitliche Bewegungsvorgang [wird] in einem Raumbild eingefangen und analysiert. Das Bild des Schauplatzes [
] wird SchlĂŒssel des historischen Verstehns.“11
Andererseits birgt solche starke semantische und epistemologische Aufladung des Raumes Krisenpotenzial. Sie stellt hohe Anforderungen an den sich im Raum orientierenden Menschen, der sein „GehĂ€use zu prĂ€gen“ hat. Neben das Moment einer potenziell erkenntnis- und identitĂ€tsstiftenden VerrĂ€umlichung tritt folglich die Gefahr der Paralyse, insbesondere in Form des Interieurs und des „Möbelstil[s] der zweiten HĂ€lfte des neunzehnten Jahrhunderts“.12 Der als „Futteral“ eingerichtete Raum, der mit seinen schĂŒtzenden „Sammethöhlen“, „GehĂ€usen“, „Schoner[n]“, „LĂ€ufer[n]“, „Decken und ÜberzĂŒge[n]“13 die Kontingenz der entfesselten Moderne bannen soll, kann ebenso gut zum locus terribilis, zum Ort des „Schrecken[s]“ werden, zum paradigmatischen Schauplatz der nicht zufĂ€llig im 19. Jahrhundert aufkommenden literarischen Gattung des „Kriminalroman[s]“:14
Die Anordnung der Möbel ist zugleich der Lageplan der tödlichen Fallen und die Zimmerflucht schreibt dem Opfer die Fluchtbahn vor. [
] Das bĂŒrgerliche Interieur der sechziger bis neunziger Jahre mit seinen riesigen, von Schnitzereien ĂŒberquollenen BĂŒfetts, den sonnenlosen Ecken, wo die Palme steht, dem Erker, den die Balustrade verschanzt und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme wird adĂ€quat allein der Leiche zur Behausung. ‚Auf diesem Sofa kann die Tante nur ermordet werden.‘ Die seelenlose Üppigkeit des Mobiliars wird wahrhafter Komfort erst vor dem Leichnam. [
] Dieser Charakter der bĂŒrgerlichen Wohnung, die nach dem namenlosen Mörder zittert, wie eine geile Greisin nach dem Galan, ist von einigen Autoren durchdrungen worden, die als ‚Kriminalschriftsteller‘ [
] um ihre gerechten Ehren gekommen sind.15
Gerade die „Dinge“, die den Raum strukturieren, werden in diesem Zusammenhang bedrohlich:
Aus den Dingen schwindet die WĂ€rme. Die GegenstĂ€nde des tĂ€glichen Gebrauchs stoßen den Menschen sacht aber beharrlich von sich ab. In summa hat er tagtĂ€glich mit der Überwindung der geheimen WiderstĂ€nde [
], die sie ihm entgegensetzen, eine ungeheure Arbeit zu leisten. Ihre KĂ€lte muß er mit der eigenen WĂ€rme ausgleichen, um nicht an ihnen zu erstarren und ihre Stacheln mit unendlicher Geschicklichkeit anfassen, um nicht an ihnen zu verbluten. Von seinen Nebenmenschen erwarte er keine Hilfe. [
] [A]lle fĂŒhlen sich als Vertreter einer aufsĂ€ssigen Materie, deren GefĂ€hrlichkeit sie durch die eigene Roheit ins Licht zu setzen bestrebt sind.16
Benjamins Diagnosen sind also ambivalent. Er konstatiert einen Bedeutungsgewinn des Parameters ‚Raum‘ im 19. Jahrhundert, sowohl in seinen eng umrissenen Erscheinungsformen – als mit „Dingen“ vollgestopftes ‚bĂŒrgerliches‘ Interieur – wie auch mit Blick auf das PhĂ€nomen der modernen Großstadt. Benjamin erkennt mithin den Parameter ‚Raum‘ lange vor dem sogenannten spatial turn als wichtiges Objekt kulturwissenschaftlicher Analyse: Der intensivierte Raumbezug des „wohnsĂŒchtig[en]“ 19. Jahrhunderts impliziert eine zunehmende, von der SphĂ€re adlig-höfischer ReprĂ€sentation losgelöste und in den Bereich einer ‚bĂŒrgerlichen‘ Privatheit verlagerte Verstrickung spatialer Strukturen in Prozesse der Bedeutungsgenese, der Erzeugung von IdentitĂ€t und Wissen. Diese Prozesse können auch scheitern oder in die Irre fĂŒhren, wenn RĂ€ume in „seelenlose[r] Üppigkeit“ erstarren und die „aufsĂ€ssige[] Materie“ sich nicht in eine sinnvolle Ordnung bringen lĂ€sst.
Benjamins eingehendes Nachdenken ĂŒber RĂ€ume ist exemplarisch fĂŒr Herausforderungen und Fragen, die sich ab dem 19. Jahrhundert stellen und die man mit Walter Prigge unter den Überbegriff einer „Epistemologie des Raumes“ gruppieren könnte: „Die irreduzible symbolische QualitĂ€t von rĂ€umlichen ReprĂ€sentationen alltĂ€glicher sozialer RealitĂ€ten“, das „StĂ€dtische als die entscheidende Episteme der gegenwĂ€rtigen Gesellschaftsstruktur“, sowie der „Riß zwischen den RĂ€umen subjektiver Erfahrung und objektiver Erkenntnis“ – „[w]ie lĂ€ĂŸt sich dieses KnĂ€uel von Problemstellungen einer Epistemologie des Raumes entwirren?“17 Auch die vorliegende Arbeit wird dieses „KnĂ€uel“ nicht gĂ€nzlich „entwirren“ können. Sie wird aber die Frage nach dem Aufkommen einer neuartigen „Epistemologie des Raumes“ im 19. Jahrhundert aus anderer Perspektive stellen: aus der Perspektive einer diskurs- und wissensgeschichtlich interessierten Literaturwissenschaft, fĂŒr die in diesem Fall nicht wie bei Benjamin der „Kriminalroman“ das Ă€sthetische Paradigma eines verstörend neuen und potenziell problematischen Raumsensoriums bildet, sondern das ErzĂ€hlwerk des wohl bekanntesten und kanonischsten deutschsprachigen Autors, den das „wohnsĂŒchtig[e]“ Zeitalter hevorbrachte – das ErzĂ€hlwerk Thomas Manns.

1.1‚Soziale EffektivitĂ€t‘ und ‚seelenlose Üppigkeit‘

Die ‚Erfindung‘ eines neuen ‚RaumgefĂŒhls‘ im 19. Jahrhundert
Die aktuelle Forschung datiert die ‚emergence of the interior‘ Ă€hnlich wie Benjamin, der den „Privatmann“ mit seinem „Interieur“ im 19. Jahrhundert auftreten lĂ€sst. Erst seit dem „beginning of the nineteenth century“, so Charles Rice, werde der Begriff „interior“ ĂŒberhaupt in der Bedeutung „[t]he inside of a building or room, esp. in reference to the artistic effect“18 verwendet. Inneneinrichtungen gab es zuvor natĂŒrlich auch, aber das Interieur des 19. Jahrhunderts als „bourgeois manifestation“ zeugt von jenem janusköpfigen neuen RaumgefĂŒhl, das Benjamin mal als Mittel „historischen Verstehns“, mal als Trigger „seelenlose[r]“ Stasis begreift: Das Interieur des 19. Jahrhunderts
conceptualized a particular emerging and developing consciousness of and comportment to the material realities of domesticity, realities which were actively formed in this emergence, and which [
] could also become transformed and destabilized through it.19
Das bewohnte Interieur bildete sich, wie zuvor das gemalte im Zuge der „Entdeckung des Raumklimas“ durch die Interieurmalerei, als „eigener Geltungsbereich“ heraus, der die „Strukturen des Seins absicher[n]“20 sollte, diese „Strukturen“ aber auch – analog zu Benjamins Beobachtungen – gefĂ€hrden konnte. Oder, in Penny Sparkes prĂ€gnanter Zusammenfassung:
By the eighteenth century a model of bourgeois privacy and domesticity [
] had spread across Northern Europe. It was joined at that time by the idea of ‚comfort‘, which had originated in the aristocratic French interior. A century later the concepts of privacy, domesticity and comfort had converged to fulfil the needs of the new middle-class population which had arrived on the back of industrialization and urbanization [
]. The translation of those values into visual, material and spatial form resulted in the emergence of the nineteenth-century domestic interior.21
Das Wohnen, das also „gerade in der bĂŒrgerlichen Kultur“ des 19. Jahrhunderts „einen einschneidenden Bedeutungswandel“22 erfuhr, wurde in jener Zeit zur „kulturelle[n] Metapher“, sodass es „eine besondere PrĂ€senz“23 erlangte. Nicht nur die „physische Schutzfunktion der Wohnung“24 war fortan von Belang, sondern vor allem das Potenzial des Innenraums als Arena von IdentitĂ€tsstiftung und Selbstinszenierung.
Mit der ‚emergence of the interior‘ erhielt das ‚kulturelle Wissen‘ des 19. Jahrhunderts – die „Gesamtmenge dessen, was eine Kultur [
] ĂŒber die RealitĂ€t annimmt [
]; d. h. [
] die Menge aller von dieser Kultur fĂŒr wahr gehaltenen Propositionen“25 – eine Vielzahl neuer Abschattungen, was den Parameter ‚Raum‘ und dessen Semantik betrifft. In Anlehnung an Albrecht Koschorkes These von der „Schließung des Horizonts“26 in und ab der „nachromantischen Literatur“27 kann man mit Saskia Haag festhalten, dass dem „nun durch feste Elemente gegliedert[en], beschrĂ€nkt[en] und in die Immanenz zurĂŒckgefĂŒhrt[en]“ Raum „eine neuartige motivische und epistemische Relevanz“28 zukam: ebenjene epistemische Relevanz, die Benjamin frĂŒh erkannt und auch problematisiert hatte. In diesem Kontext, da sich um die Beschaffenheit des von Menschen gestalteten und bewohnten Raumes ein regelrechter „Diskurskomplex“29 entwickelte, wurde Thomas Mann geboren und sozialisiert – ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Dank
  6. Inhalt
  7. 1 Einleitung und Problemstellung
  8. 2 Funktion und Dysfunktion des bĂŒrgerlichen Interieurs in ‚Buddenbrooks‘
  9. 3 ‚Buddenbrooks‘ und die AnfĂ€nge der Wohnsoziologie
  10. 4 ‚Kult‘ und ‚show‘ im Großherzogtum
  11. 5 Barbaren im entzeitlichten Raum
  12. 6 WĂŒste, Garten, Zelt
  13. 7 Rudimente des ‚Unpolitischen‘ im SpĂ€twerk
  14. 8 Zusammenfassung und Ausblick
  15. Bibliographie
  16. Register

HĂ€ufig gestellte Fragen

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